Union-Spieler Christian Gentner (Quelle: imago images/Thomas Frey)
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Interview | Unions Christian Gentner - "Ich schaue auch mal Kreisligafußball"

Christian Gentner kam als einer der wenigen Profis mit Bundesliga-Erfahrung im Sommer zu Union. Im Interview erklärt er, warum er seinem Team den Klassenerhalt zutraut und verrät, warum er sich sonntags auch mal auf Kreisligaplätzen rumtreibt.

rbb|24: Christian Gentner, sind Sie eigentlich auch privat ein Mensch, der gerne Fußball schaut?

Christian Gentner: Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Prinzipiell ja, zum Teil auch mal Kreisligafußball, wenn ich zu Hause bin bei meinen alten Freunden. Wenn es die Zeit zulässt, bin ich am Sonntagnachmittag auch mal bei mir im Heimatdorf auf dem Fußballplatz. Dann freue ich mich, wenn man die Freunde ein bisschen anfeuern kann und danach isst man noch was zusammen. Aber ich schaue es nicht mehr tagtäglich im Fernsehen.

Von der Kreisliga zur EM-Qualifikation: Da waren diese Woche zwei Teamkollegen von Ihnen. Christopher Trimmel und Sebastian Andersson waren bei ihren Nationalmannschaften und haben das EM-Ticket gelöst. Haben Sie das verfolgt?

Ja, natürlich. Ich hatte auch Kontakt zu den Jungs. Das ist eine tolle Sache, weil die Länderspielpause für die Daheimgebliebenen immer dazu da ist, ein bisschen zu regenerieren und an dem einen oder anderen zu arbeiten. Für die Nationalspieler ist es enorm wichtig, gesund zurückzukommen und zum anderen mit Selbstvertrauen zurückzukommen. Dadurch, dass beide jetzt das Ticket gebucht haben, Trimmel zum Einsatz kam und Seb (Sebastian Andersson, Anm. d. Red.) gestern sogar ein Tor gemacht hat, sind das total positive Sachen, die sie jetzt mit nach Berlin bringen. Da hoffen wir natürlich, dass sie und wir gemeinsam davon profitieren.

Union hat einen großen Kader. Zu Beginn der Saison haben Sie gesagt, dass es schwierig werden könnte, wenn hinter dem Rücken geredet wird. Ich habe das Gefühl, dass sich beim 1. FC Union gar keine Grüppchen bilden. Wie bekommt man das hin, dass der Flow einfach da ist?

Ja, das kann ich genau so bestätigen. Es ist so, dass wir das vor der Saison zum Thema gemacht haben. Momentan haben wir natürlich eine Phase, in der es ergebnistechnisch sehr gut gelaufen ist. Zeitgleich ist es glaube ich auch etwas, was sich das Trainerteam hoch anrechnen kann, dass die Auffassung vom Fußball im Training als auch drumherum die ist, dass jeder den anderen mit vollem Engagement unterstützt, ohne unfair zu agieren. Das ist etwas enorm Wichtiges.

Sie haben schon angesprochen, dass es zuletzt sehr gut lief. Aus den letzten fünf Pflichtspielen haben Sie vier gewonnen, nur gegen die Bayern verloren. Wie behält man da am besten die Konzentration, wenn man weiß, dass es auf einmal gut funktioniert und die Ergebnisse da sind?

Zum einen ist es enorm wichtig, dass wir nicht den Kopf verlieren und alles um 180 Grad drehen. Wir hatten zwar vorher schlechte Ergebnisse, aber nicht nur schlechte Leistungen. Es hat ein Stück weit was gefehlt, um das in Ergebnisse umzumünzen. Das ist uns zwischen der letzten und der jetzigen Länderspielpause einfach hervorragend gelungen. Die Mannschaft hat sich weiterentwickelt und belohnt sich. Es muss auch jetzt noch in den Köpfen sein, dass wir keinen Gegner dominiert haben und nicht mit 80 Prozent gewonnen haben, sondern wir jedes Mal ans Limit kommen müssen. Ich habe nicht die Befürchtung, dass irgendjemand nachher den entscheidenden Schritt zu wenig macht.

Beim 1. FC Union dominiert Ruhe irgendwie alles: in der Mannschaft, im Spiel, am Ball. Sehen Sie das auch so?

Ja, weil es ein ganz entscheidender Faktor für uns ist. Das ist ein großer Pluspunkt, dass die Erwartungshaltung dem angepasst ist, was der Verein und die Mannschaft zu leisten im Stande ist. Wir wissen, dass es vermutlich bis zum letzten Tag um den Klassenerhalt gehen wird. Aber wir haben in den letzten Wochen und Monaten gemerkt, dass wir nicht chancenlos sind, sondern mit den Mannschaften mithalten können und schlussendlich die Möglichkeit haben, über dem Strich zu stehen, wenn wir an unser Limit gehen.

Bei anderen Konkurrenten um den Klassenerhalt wurden gerade die Trainer entlassen. Wie dankbar ist man da, dass beim 1. FC Union der Vertrag mit Urs Fischer verlängert wurde.

Ich glaube, das ist der Lohn der Arbeit, den Urs Fischer mit der Mannschaft in der letzten Saison geleistet hat – und dass er auch den Übergang in die Bundesliga so fließend gemeistert hat. Ich kann in der kurzen Zeit, in der ich hier bin, nur sagen, dass das Verhältnis zur Mannschaft sehr sehr gut ist. Er ist menschlich jemand, der ein sehr feines Gefühl hat für die Jungs, für die Situation. Das passt sehr gut. Ich würde dem Verein und uns als Mannschaft wünschen, dass die Konstellation noch längstmöglich so bleiben kann.

Ihr Vertrag läuft noch bis nächstes Jahr im Sommer. Wie ist denn aktuell Ihre Tendenz: Passt es mit Union und Christian Gentner? Könnten Sie sich das auch darüber hinaus vorstellen?

Ja, das ist sicher nicht ausgeschlossen. Das Zeichen, was mir mein Körper jetzt gibt, ist, dass im Sommer noch nicht Schluss sein muss. Ich fühle mich nach wie vor gut. Bislang passt es sehr gut, was darüber hinaus ist, darüber werden wir uns vielleicht im neuen Jahr mal unterhalten.

Ihr nächster Gegner ist am Samstag Borussia Mönchengladbach, der Tabellenführer. Wie schön ist es auch mal zu sehen, dass nicht die üblichen Verdächtigen ganz oben sind?

Es spricht auf jeden Fall für die Liga, dass es in diesem Jahr hoffentlich noch lange spannend bleibt. Die Tabelle ist sehr eng, das ist schön zu sehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Stephanie Baczyk, rbb Sport. Der Text ist eine gekürzte und redigierte Version des Interviews.

Sendung: rbb24, 19.11.2019, 21:45 Uhr

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3 Kommentare

  1. 3.

    Auch ein öffentlich rechtlicher Sender muss darüber berichten, was die Menschen in dieser Stadt tatsächlich interessiert.
    Finde das absolut nachvollziehbar.

  2. 2.

    Ui, fühlt sich da ein Hertha-Fan nicht genug beachtet? Aber was soll man auch zu/über Hertha groß berichten; außer, dass da Anspruch und Realität doch ziemlich voneinander entfernt sind...

  3. 1.

    und fast täglich grüsst das Murmeltier. Lieber rbb, mir kommt der Sportteil leider immer unionslastiger vor. Eure Vorliebe für diesen Verein hin oder her, vom öffentlich-rechtlichen Sender erwarte ich Objektivität. Partner von Union zu sein (Radio eins) verpflichtet nicht, dass nun der ganze rbb "Hofberichterstatter" von Union wird.

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