Abbas Al Shafaey beim Training. (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Geflüchtete als Amateurtrainer in Berlin - "Meine Familie im Irak ist stolz auf mich"

"Sportbunt" heißt ein Projekt des Landesportbundes Berlin, bei dem Geflüchtete zu Amateurtrainern ausgebildet werden. Abbas Al Shafeay aus dem Irak konnte auch durch den Sport ein neues Leben in seiner neuen Heimat beginnen. Von Uri Zahavi

Abbas Al Shafeays wichtigstes Motivationswerkzeug ist sein Lachen. "Es sendet ein gutes Signal - damit baut man sofort Vertrauen auf", erzählt der 36-Jährige auf Deutsch mit starkem Akzent. Während er spricht, wuseln fröhliche Kinder um ihn herum. Die Stimmung in der eher tristen Schulsporthalle in Lichterfelde ist auffallend ausgelassen.

Einmal in der Woche gibt der Iraker Leichtathletik-Training beim TuS Lichterfelde. Seine Schützlinge sind zwischen sechs und acht Jahren alt. "Für mich ist der Sport wichtig, um neue Leute kennenzulernen. Ich bin neu in Berlin und lerne noch viel über Menschen und Kultur. Ich unterhalte mich mit den Eltern, lerne von den Jungs und Mädchen aber auch immer etwas Neues."

Vor vier Jahren musste Abbas aus seiner Heimatstadt Bagdad fliehen. Dabei ließ er seine Familie und das bekannte Leben zurück.

Abbas an seinem Schreibtisch beim Zeichnen. (Quelle: rbb)
Seine Werke verkauft Abbas beispielsweise auf Weihnachtsmärkten. Bild: rbb

36 Geflüchtete 2019 zu Amateurtrainern ausgebildet

In Berlin herrscht Trainermangel. Viele Sportvereine suchen händeringend nach Ehrenamtlern, die sich in der Jugendarbeit engagieren. Seit 2016 bildet der Landessportbund Berlin mit dem vom Senat geförderten Projekt "Sportbunt" Geflüchtete zu Amateurtrainern mit einer C-Lizenz aus. Quasi eine Win-Win-Situation. Die Auszubildenden kommen beispielsweise aus Afghanistan, dem Libanon oder aus Guinea.

"Die Integration beginnt mit der Sprache", erzählt Mohammed El Ouahhabi vom Landessportbund Berlin. "Wenn man in Deutschland leben möchte, muss man erstmal die Sprache lernen und mit Deutschen in Kontakt treten. Sportvereine bieten genau diese Möglichkeit."

Der Landessportbund fungiert also nicht nur als Ausbilder, sondern vor allem als Vermittler zwischen Vereinen und Geflüchteten. Allein im Jahr 2019 wurden 36 neue Trainer ausgebildet - Tendenz steigend. "Wir wollen die Arbeit der Sportvereine erleichtern", berichtet El Ouahhabi weiter. "Beim Sport fragt keiner, woher du kommst, welche Sprache du sprichst, welcher Religion du angehörst. Der Sport verbindet. Und wir wollen eben diese Brücke für Geflüchtete in das Vereinsleben bauen." In diesem Jahr waren auch zehn Frauen unter den neuen Übungsleitern - ein großer Erfolg für den LSB, den es in der Zukunft auszubauen gilt.

Abbas beim Sport in Baghdad. (Quelle: rbb)
Abbas schaut sich immer wieder Fotos aus der alten Heimat an. | Bild: rbb

"Meine Familie ist stolz auf mich"

Wenn Abbas Al Shafeay gerade keine Kinder trainiert, macht er eine Ausbildung zum Metalltechniker. Er wohnt in einer kleinen WG in Kreuzberg. In seiner Freizeit zeichnet er leidenschaftlich gerne.

In seinem Zimmer liegen Fotos aus seiner Vergangenheit in Bagdad. Auf den Fotos ist er mit seinen Freunden auf dem Fußballplatz zu sehen - natürlich mit einem großen Lachen auf den Lippen. Wenn er in Erinnerungen an seine alte Heimat schwelgt, verschwindet das Lächeln kurz.

Seine erste Zeit in Berlin war hart - er fühlte sich oft einsam. Auf die Frage, ob er noch Kontakt zu seiner Familie habe, schweigt er kurz. "Die Kommunikation ist durch die politische Situation im Irak momentan fast unmöglich", erzählt er mit etwas gedämpfter Stimme. "Die Regierung hat das Internet abgeschaltet."

Wenn er aber Kontakt zu seiner Schwester im Irak hat, dann erzählt er ihr von seinem neuen Leben in der deutschen Hauptstadt. Von der Sicherheit hier, von seinen neuen Freunden - und natürlich von seinem Job als Leichtathletik-Trainer. "Meine Familie ist sehr stolz auf mich", berichtet er und sein Lächeln kehrt umgehend zurück. "Aber auch ich bin stolz auf mich. In Berlin als Trainer zu arbeiten, war ein Traum für mich."

Als die Trainingsstunde in Lichterfelde zu Ende ist, kniet sich Abbas vor die Kids und schlägt mit jedem einzelnen ab. Die Kinder sind so begeistert, dass aus einer Verabschiedungsrunde gleich fünf werden. Abbas will auch in Zukunft Kinder trainieren - und ein Teil der Gesellschaft sein. Der Sport hat ihm den Einstieg erleichtert.  

Sendung: rbb um6, 26.11.2019, 18 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

4 Kommentare

  1. 4.

    Find ich gut. Ein Typ der arbeiten will und was Vernünftiges in der Freizeit macht. Solange die Kinder mit Ihm tranieren wollen, kann er das auch 7 Tage in der Woche machen. :-)

  2. 3.

    Schön, auch mal eine Erfolgsgeschichte zu lesen...

  3. 2.

    Wunderbar. viel erfolg weiterhin. und ja, bitte geht auf einander zu - lernt euch kennen und interessiert euch für einander!

  4. 1.

    Viel Erfolg

Das könnte Sie auch interessieren

Füchse-Torhüter Martin Ziemer in Aktion (Quelle: imago images/Joachim Sielski)
imago images/Joachim Sielski

Füchse ohne Stammtorhüter gegen Kiel - Von der Tribüne ins Tor

Am Donnerstag wollen die Füchse das schaffen, was bislang nur ein einziges Mal in der Vereinsgeschichte gelang: Ein Sieg gegen den THW Kiel. Da allerdings beide Stammtorhüter der Berliner verletzungsbedingt ausfallen, rückt ein Anderer in den Fokus. Von Ebru Özdemir

Die Spielerinnen des SC Potsdam jubeln (Quelle: imago images/foto2press)
imago images/foto2press

Volleyballerinnen des SC Potsdam - Im europäischen Glanz

Der SC Potsdam erlebt aufregende Wochen. Erstmals in der Vereinsgeschichte sind die Volleyballerinnen auf europäischer Ebene dabei. Es ist das Ergebnis einer beeindruckenden Entwicklung - und die soll noch nicht zu Ende sein. Von Johannes Mohren