Beim Derby zwischen Union Berlin und Hertha BSC waren in beiden Fanblöcken Pyros gezündet worden © imago images/Nordphoto
Beim Derby zwischen Union Berlin und Hertha BSC waren in beiden Fanblöcken Pyros gezündet worden | Bild: imago images/Nordphoto

Gewalt beim Hauptstadt-Derby - Hinweise auf fremde Hools im Hertha-Block verdichten sich

Nach Ausschreitungen beim Bundesliga-Spiel Union gegen Hertha läuft die Suche nach Hintergründen. Es gibt Hinweise darauf, dass sich nicht nur Hertha-Fans im Gästeblock aufgehalten haben - sondern auch Hooligans aus anderen Szenen.

Leuchtraketen auf dem Spielfeld und in den Zuschauertribünen, Pyroaktionen in beiden Fanblöcken und ein versuchter Platzsturm. Dazu viele Transparente mit beleidigenden Botschaften: Dass das erste Bundesliga-Hauptstadtderby zwischen Union und Hertha emotional werden würde, war klar. Was sich am Samstagabend im Stadion An der Alten Försterei dann aber auf den Rängen abspielte, erschreckte auch viele regelmäßige Stadiongänger.

Auf der Suche nach Erklärungsansätzen rücken Themen in den Vordergrund, die weit entfernt sind vom sportlichen Wettkampf zweier Fußball-Bundesligisten.

Vereinsfremde Hooligans im Hertha-Block

Nach rbb-Informationen haben sich auch rund 20-25 Anhänger des BFC Dynamo und aus anderen Vereinen unter die Gästefans gemischt, darunter ein bundesweit szenebekannter Hooligan aus Dortmund.

Vieles deutet darauf hin, dass es in der jüngeren Vergangenheit zwischen den Hooligans von Hertha BSC und denen des BFC Dynamo immer wieder zu Verbrüderungen gekommen ist. Zur Erinnerung: Der BFC ist der Erzfeind aller Unioner. Thomas Jelinski vom Fanprojekt Berlin, das die Fan-Szenen von Hertha BSC und dem BFC Dynamo betreut, bestätigt der rbb-Sportredaktion, Personen gesehen zu haben, die er sonst nicht im Hertha-Block sieht. Die Zuordnung zum BFC möchte der Sozialpädagoge nicht bestätigen, räumt aber ein: "Es gibt Dinge, die da zwischen Hertha und dem BFC Dynamo ablaufen."

Jörg Hans, Vize-Präsident des "Hertha BSC Fanclub e.V.", berichtet im rbb-Interview, dass seinem, dem ältesten und mitgliederstärksten Hertha-Fanclub, von 130 bestellten Karten nur 40 Tickets zugesprochen wurden. "Das hat uns dann schon traurig gestimmt." Mit Blick auf die Krawalle sagt Hans, dass bei Zuteilung eines größeren Kartenkontingents für seinen Fanclub auch dementsprechend weniger Hooligans den Weg in den Gästeblock gefunden hätten.

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Machtverschiebung in der Hertha-Fanszene?

Die Anzeichen verdichten sich, dass es eine Machtverschiebung innerhalb der Hertha-Fanszene gibt. Dazu gehört zum Beispiel die Tatsache, dass die Selbstregulierungskräfte der Kurve beim Derby versagt haben.

Gemäßigte Ultragruppen sind immer laut, häufig bunt und regelmäßig kreativ. Sie versuchen, für ihre Anliegen zu werben und lassen sich immer wieder auch auf ernsthaft geführte Diskussionen zu den Themen ein, die ihnen wichtig sind. Klar ist: Wer seit Jahren für die Legalisierung von Pyrotechnik kämpft, beschießt damit keine schutzlosen Menschen im Stadion, sondern versucht solches Verhalten zu regulieren.

Dass das Abschießen der Leuchtraketen beim Derby ungehindert fortgesetzt wurde, zeigt, dass andere, rohe Kräfte im Hertha-Block sinnlos und gefährlich walten durften. Unabhängig davon, ob es nun vereinseigene oder -fremde Anhänger waren, die die gefährlichen Pyroaktionen durchgeführt haben, wurde der Eskalation kein Einhalt geboten.

Die in den Augen der meisten Ultras grenzüberschreitenden Aktionen wurden zumindest toleriert und nichts dagegen unternommen. Jörg Hans berichtet von vereinzelten Rufen im Hertha-Block wie "Hört auf damit!". Aber niemand habe den Mut gehabt, die schießwütigen Pyromanen zu stellen.

Dass im Block - wodurch auch immer - Platz für auswärtige Problemfans war, frustriert den Fanclubvertreter. "Das macht mich einfach sauer. Die haben überhaupt nichts mit Hertha BSC zu tun und das macht ganz deutlich, dass sie nur in diesen Block rein sind, um Krawall zu schieben."

Hooligans und "Ackermatches"

Echte Hooligans oder auch "erlebnisorientierte Fans", wie das Problemklientel szeneintern oft verniedlicht wird, legen ihren Schwerpunkt weniger auf das, worauf viele Ultras große Energie verwenden: aufwendige Choreografien mit Feuerwerkseinlagen. Sie basteln und malen keine Riesenbanner, sondern treffen sich zu verabredeten Schlägereien, abseits der Öffentlichkeit.

Für solche "Ackermatches" gibt es klare Regeln: Keine Waffen, das Wann, Wo und die Teilnehmerzahl stimmt man vorher ab. Diese Gruppen legen bei der Wahl der Allianzen eher Wert auf Kampfkraft und starke Oberarme als auf eine enge Bindung zum eigenen Verein. Der Verdacht liegt nahe, dass die herthafremden Fans für den Fall einer Schlägerei im Umfeld der Partie fest eingeplant waren. So wäre der erwähnte Hooligan aus Dortmund als ehemaliger Mixed-Martial-Arts-Profikämpfer mit Sicherheit eine veritable Verstärkung.

Beleidigende und homophobe Banner

Im Stadion an der Alten Försterei fanden sich auf Transparenten der Union- und Herthafans mehrere Hinweise darauf, dass beim Derby Hooligan-Auseinandersetzungen im Vorfeld der Partie eine Rolle gespielt haben. Der Herthablock provozierte vor Anpfiff mehrdeutig: "Würde Eure Mannschaft so kämpfen wie ihr, wäre sie heute nicht hier." Eine offenkundige Anspielung auf einen Hooligan-Kampf mit Berliner Beteiligung, bei dem die Köpenicker verloren hatten oder gar nicht erst angetreten waren.

Aber auch aus dem Union-Block wurden Anschuldigungen auf Transparenten erhoben, Hertha hole sich bei Bedarf Unterstützung von BFC-Hooligans. Ein homophobes und seit dem Spiel viel diskutiertes Banner hatte die Aufschrift "16 Autos - 12 Herthaner. Der Schwanz im Arsch wird nie zu Rückgrat!". Der Buchstabe D im Wort "der" hob sich durch seine andere Schriftart deutlich vom Rest ab und erinnerte stark an das Dynamo D vom alten BFC-Logo. Eine klare Anspielung auf einen geheimen Kampf zwischen Hertha- und Union-Hooligans.

Union Fans mit einem Banner im Stadion (Quelle: Imago/Matthias Koch)

Die skandalösen Bilder des Derbys am Samstagabend haben Probleme in den aktiven Fanszenen der Berliner Fußball-Bundesligisten aufgezeigt: Veränderte Machtverhältnisse haben Krawalltouristen von anderen Vereinen den Weg in den Hertha-Block geebnet, während tausende echte Fans ohne Tickets blieben. Auch die vermummten Union-Anhänger konnten nach Abpfiff nur mit bemerkenswertem persönlichen Einsatz der eigenen Mannschaft von einem möglichen Platzsturm abgehalten werden.

Im März kommt es zum Rückspiel im Olympiastadion. Ob es im zweiten Versuch gelingt, ein friedliches Fußballfest zwischen Hertha und Union zu feiern, ist im Moment fraglicher denn je.

Die Ermittlungen der Berliner Polizei zu den Ausschreitungen beim ersten Bundesliga-Hauptstadtderby laufen unterdessen weiter.

Sendung: rbbum6, 06.11.2019, 18 Uhr  

Kommentar

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24 Kommentare

  1. 24.

    So soll es sein ! Korrekt !
    Mein BlauWeißesFußballerHerz, drückt auch den Köpenickern 32 mal in der Saison die Daumen, damit wir Berliner 2x mal im Jahr Fußball feiern können !

  2. 22.

    Das liegt eher an der Größe des Stadion. Ich könnte auch sagen „wir sind immer ausverkauft „. Die Sache ist doch aber die, weder normale Unioner noch Herthaner wollen solche Spiele. Ich möchte nach einem Spiel mit den anderen eher ein Bier trinken.

  3. 21.

    Die Karten werden erst an alle Hertha Mitglieder verkauft. Somit wird das ausverkaufte Stadion mehrheitlich blau weiß sein.
    Hertha hat übrigens im Durchschnitt doppelt so viele Zuschauer wie Union.

  4. 20.

    wovon träumst Du nachts? das Olympiastadion wird NIEMALS mehrheitlich rot-weiß sein - NIEMALS
    Nur weil man mal zufällig eine Saison in der ersten Spielt braucht man nicht gleich so einen Höhenflug.......

  5. 18.

    Das Versagen liegt im Ticketvergabeverfahren. Es sagt ja niemand was dagegen, dass alle mit Auswärtsabo auch eine Karte für Union bekommen. Die fahren überall hin und benehmen sich nicht daneben. Danach sollten aber Leute mit Dauerkarte bedacht werden, die am besten gleichzeitig Mitglied sind. Damit würde man denjenigen Tickets zugestehen, die immer bzw. fast immer dabei sind. Stattdessen wird ein Großteil der Karten an Fanclubs vergeben, die nichts besseres zu tun haben, als sie an irgendwelche Krawalltouristen weiterzugeben, denen Hertha scheißegal ist. Mit dieser Vergabepraxis schadet Hertha sich selbst, wenn die Weitergabe nicht hinterfragt wird.

  6. 17.

    Nach dem "Feuerwerk" jeglicher Art sofort den Block zwecks Brandschutz räumen lassen. Mal sehen wieviel Spiele sich das die normalen Fans antun, bis auf die Zündler gezeigt wird/namentlich genannt werden.

  7. 16.

    Hallo,

    der angebliche homophobe Spruch bezieht sich auf das Treffen am Vortag auf einer grünen Wiese, wo sich Union Hools und Hertha Hools zum Kräftemessen trafen. Die Hertha-Hools kamen nur mit 12 Herthanern, in den restlichen 4 Autos saßen BFC-,Magdeburghools und der eine Hools aus Dortmund.
    Deswegen die jeweiliegen Spruchbänder von Hertha und Union. Mit Homophobie hat das überhaupt nix zu tun, da sollte die Presse besser recherchieren!

  8. 15.

    Ich würde mich wie die Herta Fans auch nicht trauen 50 Hooligans am abschießen von Feuerwerkskörpern zu hindern

  9. 14.

    Worin begründen Sie das Versagen seitens Hertha BSC, wenn der Verein die Karten an den OFC weiter gibt und von dort Personen mit den TIckets bedacht werden?
    im Text wird ja ein Fanclub aufgeführt - musste dieser die Namen preis geben? Nein, weil es keine personalisierten Tickets waren...

  10. 13.

    Wenn solche Kriminellen weiterhin Fußballspiele nur für ihre irren und primitiven Auseinandersetzungen kaputt machen wollen verkneifen es sich wohl demnächst etliche Interessierte ins Stadion zu gehen. Ich muss mir das nicht antun.
    Und die DFL sollte für den Einsatz der Polizei ab sofort zahlen müssen. Hier muss der Senat endlich mal Rückgrat zeigen, so wie es die Stadt Bremen gemacht hat.

  11. 11.

    Ein großes Problem ist auch das einige ihre Karte im Internet verkauft haben. Man hätte die Karten Personalisieren sollen.

  12. 10.

    Leider sieht man das es immernoch Idioten gibt die uns solche Spiele kaputt machen.
    Personalisierte Karten sowie knallhart auf das vermumungsverbot bestehen und auch durchgreifen.

    Ich hoffe die bekommen die Verantwortlichen.

  13. 9.

    "Die Anzeichen verdichten sich, dass es eine Machtverschiebung innerhalb der Hertha-Fanszene gibt. "

    Ich hoffe und wünsche mir, dass es keine Verschiebung ins Negative wird. Das brauche ich und andere bei der Hertha nicht... Krawallmacher hast du leider überall, ich möchte aber nicht, dass es die Haupt-Akteure werden....

  14. 8.

    Stimme Tina da absolut zu, Fanszenen die von Polizei und Verbänden in ihrer Bewegungs- und Handlungsfreiheit immer mehr eingeschränkt werden, können sich nicht effektiv gegen aufkommende (evtl. gewaltbereite) Strömungen wehren. Ich muss der Szene der Unionfans aber ein riesen Kompliment machen, weil dort die Selbstregulierungsmechanismen noch intakt schienen. Nicht nur die Spieler, sondern auch Fans haben AKTIV gegen den Platzsturm gearbeitet. Ich finde es traurig, dass dazu auf Seiten der Herthafans niemand zu imstande war. Würde mich nicht wundern, wenn das alles ein richtiges Eigentor für die Herthaszene war. Die Sympathien liegen (größtenteils) nun sicher eher bei Union.

  15. 7.

    Ein Rückspiel ohne Zuschauer wäre allerdings eher ein Nachteil für Union, denn man kann davon ausgehen, dass auch das größere Stadion mehrheitlich rot-weiß wäre. Zehntausende die sonst nie Tickets für Unions Heimspiele bekommen würden die Gelegenheit nutzen ihren Verein zu unterstützen.

  16. 6.

    Da sieht man einfach ganz deutlich, was passiert wenn die gemäßigten Kräfte der Kurve (Ultras) seit Jahren von Polizei und Vereinen herumgeschubst und schikaniert werden.
    Andere Kräfte gewinnen an Macht, setzen andere Fans unter Druck und beanspruchen ganz klar das Gewaltmonopol für sich. Diese Leute nehmen dann zu so einem wichtigen Spiel alles an Unterstützung mit, was sie bekommen können.

  17. 5.

    Absolute Zustimmung. Man hätte schon zu einem frühen Zeitpunkt verhindern oder größtmöglich minimieren können, dass Krawallmacher an Tickets kommen. Man kann deutlich sagen, dass das Losverfahren in dieser Form gescheitert ist. Das muss sich verbessern, sonst sind irgendwann mehr gewaltbereite Leute (Fans darf man sie eigentlich nicht nennen), als richtige Anhänger. Macht was, Hertha.

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