Hertha-Trainer Ante Covic gibt ein Interview. Bild: imago/Metodi Popow
Bild: imago/Metodi Popow

Zwischenfazit zum Saisonstart - Warum es bei Hertha BSC noch nicht rund läuft

Ein Drittel der Bundesliga-Saison ist gespielt und Hertha BSC lässt Fans und Beobachter ratlos zurück. Spätestens nach der Heimniederlage gegen Leipzig (2:4) muss man sich um die Alte Dame Sorgen machen. Eine Zwischenbilanz von Philipp Büchner

Hertha BSC ist nach elf von 34 Bundesligaspielen noch weit entfernt von den selbstgesteckten Zielen. Weder stimmt die Punkteausbeute, noch ist die angekündigte offensive und attraktive Spielweise zu erkennen. Die Stimmung ist angespannt, die Situation wird kritisch.

Warum Fußballfachmann Ante Covic und sein starker Kader gemeinsam nicht bessere Ergebnisse liefern, ist ein Rätsel.

Die aktuelle Lage

Mit elf Punkten aus elf Spielen steht Hertha aktuell nur zwei Zähler vor dem Relegationsrang 16. Den geneigten blau-weißen Fan dürfte der aktuelle Blick auf die Tabelle besonders schmerzen, findet er dort doch den Lokalrivalen 1. FC Union Berlin direkt vor seinem Herzensverein. In die Bewertung der Tabellensituation muss auch einfließen, dass Ante Covic und sein Team bereits gegen alle Mannschaften gespielt haben, die aktuell noch schlechter stehen – mit einer Ausnahme: dem kommenden Gegner Augsburg.

Statistisch lässt sich Herthas Misere erklären: In der Bundesliga schießt kein Team seltener auf das gegnerische Tor als Hertha (110 Mal - im Vergleich dazu schoss die Angriffsmaschine Bayern München 190 Mal aufs Tor). Bei den gewonnen Zweikämpfen liegt Hertha gerade noch auf Platz 13 aller Bundesligisten, in Sachen Laufleistung nur auf 15.

Hertha-Trainer Ante Covic als Schattenriss. Bild: Imago/Camera 4.
Bild: imago/Camera4

Der Trainer

Der ehemalige Hertha-Profi und vormalige Chef der U23 stand zu Saisonbeginn für Kontinuität auf dem Trainerposten: Auf den Ex-Herthaner Pal Dardai folgte wieder ein Coach "mit blau-weißer DNA" - so nannte ihn damals der Geschäftsführer Sport Michael Preetz. Dazu ist Covic ein erwiesener Fußballfachmann und positiver Typ.

Angesichts der ausbleibenden Erfolge sucht auch ARD-Sportschau-Reporter und Hertha-Experte Andreas Witte nach Erklärungen: "So ein Umstellungsprozess mit einem neuen Trainer nimmt eben Zeit in Anspruch, aber man fragt sich schon, ob Ante Covic genügend Gehör bei den Spielern findet."

Verheizt Hertha BSC hier einen jungen, ambitionierten Cheftrainer? Nach seinem erfolgreichen Einsatz bei Herthas Regionalliga-Mannschaft wäre ein sanfter Einstieg ins Profigeschäft bei einem Dritt- oder Zweitligisten möglich gewesen, um Covic auf die große Aufgabe vorzubereiten.

Die Mannschaft

Herthas Kader ist fraglos stärker einzuschätzen als das Personal der vergangenen Jahre. Die Millionen des Investors Lars Windhorst ermöglichten unter anderem eine verlängerte Ausleihe des hochveranlagten Marko Gruijic aus Liverpool. Hinzu kamen sinnvolle Verstärkungen wie Dedryck Boyata (Celtic Glasgow) und Marius Wolf (aus Dortmund ausgeliehen). Spätestens der Rekordtransfer von Dodi Lukebakio (FC Watford) für früher undenkbare 20 Millionen Euro ließ auf gestiegene Ansprüche schließen.

Dennoch bemängelt Hertha-Experte Andreas Witte, dass die Abkehr von der erlernten Defensivstrategie noch längst nicht erfolgt sei. Warum diese Mannschaft nicht mehr Qualität auf den Platz bringt, ist für die meisten Beobachter ein Rätsel. Die meisten Spieler bleiben deutlich unter ihren Möglichkeiten.

Das Umfeld

Die Frage nach einem Stadionneubau, Fanausschreitungen rund um das Derby beim 1. FC Union Berlin, das Engagement des Investors und ein neuer Aufsichtsrat Jürgen Klinsmann – es gibt (zu) viele Themen abseits des Platzes, die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Aufgabe abziehen. Und die heißt stets: erfolgreichen Fußball spielen.

Dazu lässt sich im Umfeld der Mitgliederversammlung und in den sozialen Medien unter den Fans mittlerweile eine deutlich kritische Haltung gegenüber Ante Covic und Michael Preetz ausmachen. Hier droht die Stimmung zu kippen.

Die Prognose

Gelingt Hertha BSC in den anstehenden Partien in Augsburg und zu Hause gegen Borussia Dortmund die sportliche Wende und somit auch ein Stimmungsumschwung, könnte diese schwierige Phase in der Nachbetrachtung zum überstandenen Stahlbad uminterpretiert werden. Bleiben die Erfolge aus, dürfte der Trainer wie  so oft zum schwächsten Glied der Kette werden.

Es ist richtig, dass der Verein dem noch unerfahrenen Covic Zeit gibt. Aber die Mannschaft muss zeitnah Punkte sammeln, sonst droht Hertha BSC ein ungemütlicher Herbst. "Gegen Augsburg darfst Du eigentlich nicht verlieren," spitzt Andreas Witte die Bedeutung der anstehende Aufgabe zu, "sonst ist Hertha im Abstiegskampf angekommen, und dann muss man auch nicht mehr über eine Spielphilosophie diskutieren."

Der neue Aufsichtsrat Jürgen Klinsmann hat Hertha BSC als das aktuell "spannendste Fußballprojekt Europas" bezeichnet. Etwas zeitnahe Entspannung täte diesem Projekt sicher gut.

Sendung: Inforadio, 11.11.2019, 14:15 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

5 Kommentare

  1. 5.

    Marco: Bei solch hochtrabener Analyse sollte man auch Ahnung von Spielsysteme haben und diese hat Hertha nicht. Bälle blind nach vorne hauen und glauben mit einzelnen Aktionen der Spieler wird es schon reichen. Hertha hat die wenigsten Torschüsse der Liga und eine löchrige Abwehr das soll das neue System sein? Danke Nein so schlecht habe ich Hertha seit dem letzten Aufstieg nicht mehr gesehen und ich bin bei jedem Heimspiel im Oly. Aber was sollst 11 Punkte sagen alles!

  2. 4.

    Du erzählst ja komplett stuss, wir spielen ganz anders als letztes jahr guckst du diese Spiele auch? XD

    Letztes Jahr wurde viel viel öfter nach hinten gespielt, es wurde versuchst durch Druck über die Mitte Gefahr und freie Flügel aufzumachen, oft wurde ein defensiver Mittelfeldspieler genutzt um als Sense zu agieren (Schelle meistens) dazu hatte grujic extrem viel Freiraum deswegen auch einige Tore.

    Dieses Jahr spielen wir meist über die Flügel, versuchen die Mitte zu überspielen und mit den schnellsten Spielern vor das Tor zu kommen, die Sense Schelle war in den ersten Spielen nicht eingeplant musste aber wegen Misserfolg dann doch wieder her, grujic hat viel weniger Freiheiten und kann nicht so spielen wie letztes Jahr. Es wird versucht mehr dribblings einzugehen und auch mal mutiger nach vorne gespielt generell dürfen sich die Spieler mehr Freiheiten auf dem Flügel erlauben was ich gut finde.
    Wir verfallen zur Zeit in alte Muster und spielen auch mal öfter nach hinten.

  3. 3.

    Wenn ein Bundesligaverein den Trainer austauscht, sollte sich etwas zum Guten wenden. Das erkenne ich aber bei diesem Trainerwechsel nicht. Covic setzt nicht mehr auf junge Spieler als Dardai; der Kader ist nahezu unverändert. Er holt auch nicht mehr Punkte und die Spielweise ist keinesfalls attraktiver als unter Dardai, zumal sie sich kaum von der Ausrichtung der letzten Saison unterscheidet. Insofern verstehe ich nicht, warum man einen Trainer mehr Zeit einräumen sollte.

  4. 2.

    Ich bin auch stark dafür, sonst war die Rückrunde immer unsere schlechte Hälfte...warum nicht diese Saison mal anders herum???

    Blau-Weiß für immer!!

    HA HO HE

  5. 1.

    Typisch die ungeduldigen Herthaner. Es wird der eine oder andere Punkt noch eingefahren. Die Rückrunde wird dann entscheidend sein. HAHOHE

Das könnte Sie auch interessieren

Boxer Jack Culcay (imago images)
imago images

Berliner Boxer Jack Culcay - Freundliche Weltklasse

Als Junge will Jack Culcay immer Fußball spielen - und wird am Ende Box-Weltmeister. Inzwischen, so sagt er, wird der Sport härter. Erfolgreich sein wie zu Zeiten von Henry Maske sei auch schwer geworden. Trotzdem bleibt er am Boxsack. Von Ilja Behnisch

Union-Trainer Urs Fischer (imago images/Matthias Koch)
imago images/Matthias Koch

Union vor dem Spiel in Paderborn - Bloß nicht ausruhen

Fünf der letzten sieben Spiele gewonnen und sieben Punkte Vorsprung auf die Abstiegsplätze: Der 1. FC Union Berlin könnte sich eigentlich entspannt zurücklehnen. Doch Trainer Urs Fischer will genau das verhindern. Von Jakob Rüger