Kollage: Spieler von 1. Fc Union; Union-Fans im Siegestaumel, im Stadion. (Quelle: imago images). (
Audio: Inforadio | 24.12.2019 | Stephanie Baczyk | Bild: imago images

Jahresrückblick | 1. FC Union - Schlussendlich Party

Denken die Fans des 1. FC Union an den Aufstieg in die Bundesliga, werden die Augen feucht. Die Highlight-Liste der Eisernen ist aber längst länger: Union punktet auch in der höchsten Spielklasse konsequent - und hat gute Chancen, die Liga zu halten. Von Stephanie Baczyk

Das emotionale Highlight

Natürlich war er grau und nieselig, der 27. Mai 2019. Eine andere Wetter-Kulisse hätte das Gefühl im und um das Stadion An der Alten Försterei auch nicht passend gespiegelt. Das überbordende Kribbeln, die Aufregung. Köpenick war Rot und nervös an jenem Montag, als der 1. FC Union das  alles entscheidende Relegationsrückspiel um den Aufstieg in die Bundesliga gegen den VfB Stuttgart bestritt. Den Fans tanzten noch die Bilder vom vier Tage zuvor sensationell erkämpften 2:2 im Hinspiel bei den Schwaben durch den Kopf. Einige säumten die letzten Meter des Weges, den die Union-Profis per Bus bis vor das Stadion zurücklegten, mit Pyro-Fackeln und tauchten den Vorplatz in ein orange-rotes Licht.

Im Stadion selbst war die Luft wie elektrisiert. Kurz vor Anpfiff zeigten die Unioner auf der Waldseite eine Choreo - ein Herz, umklammert von beiden Händen. Eine unmissverständliche Message an die Spieler. Die taten sich nach Anpfiff schwer gegen den VfB - in der Anfangsphase erzielten die Gäste ein Freistoßtor, das nach Sichtung durch den Videoassistenten in Köln von Schiedsrichter Christian Dingert zurückgenommen wurde.

Urs Fischer bei der Aufstiegsfeier (Quelle: imago images / Kremser/Simon))
Bierdusche für Urs Fischer bei den Aufstiegsfeierlichkeiten. | Bild: imago images / Kremser/Simon

Es war eine Partie wie ein Krampf, erst in der zweiten Hälfte hatten die Eisernen dicke Chancen. Suleiman Abdullahi traf zwei Mal den Pfosten, das letzte Mal spitzelte er den Ball an Stuttgarts Keeper Ron-Robert Zieler vorbei ans Aluminium. In der Schlussphase hielten die Fans den Atem an, beteten leise bei jedem hohen Ball des VfB Richtung Köpenicker Sechzehner. Und dann war Schluss. Einfach so. Und 1. FC Union dank Nullnummer erstklassig.

Trainer Urs Fischer sprang nach vorne, zur Seite und durch die Gegend. Dabei ballte der Schweizer die Fäuste und schaffte es doch zunächst, seine Käppi aufzubehalten. Irgendwie. Er hätte gezittert "bis zum Schluss, bis der Schiedsrichter abgepfiffen hat", schrie er glücklich ins Mikrofon des ARD-Kollegen und wusste dann auch nicht so genau, wohin mit all den Emotionen. Unions Präsident Dirk Ziegler umarmte stolz und sichtlich berührt Flügelspieler Akaki Gogia - und Stürmer Sebastian Polter, mit rot-weißem Schal um den Kopf und Bierglas in der Hand, grölte ein "Hertha BSC, wir freuen uns auf's Derby" ins Mikro.

Und die Fans? Die stürmten den Platz und verwandelten ihn in ein rotes Jubelmeer. Sie schnitten Stücke aus dem Rasen und dem Tornetz, sicherten sich so Souvenirs für die Ewigkeit. Und dann war da Heinz Böhnke, Unioner durch und durch, der das Gefühl an diesem Abend auf dem Parkplatz vor dem Stadion auf den Punkt brachte. "Es ist, als ob ich nachhause schwebe", sagte der Mann mit den grauen Haaren, glücklich und lächelnd und wohl wissend, dass sein 1. FC Union gerade zum ersten Mal in der Geschichte des Klubs in die Fußball-Bundesliga aufgestiegen war.

Der Tiefpunkt des Jahres

So emotional der Aufstieg für den 1. FC Union am Ende war, so enttäuschend war der Trip nach Bochum acht Tage zuvor. Die Köpenicker hatten am letzten und 34. Spieltag noch die Chance, direkt aufzusteigen. Voraussetzung: ein Sieg beim VfL. Gleichzeitig durfte der SC Paderborn, Unions Konkurrent um Platz zwei, nicht in Dresden gewinnen.

Tausende Fans reisten in den Ruhrpott, trugen rote Fischerhüte, die sie nach ihrem Coach liebevoll "Urs-Fischer-Hüte" tauften. Im Regen von Bochum verwandelten sie die Gästekurve und die Wand daneben, hinter dem Tor, in ein rotes Gemälde. Unions Trainer Fischer begann mit zwei Stürmern, knackige Offensivszenen zeigte aber nur der VfL: Nach 24 Minuten schoss Losilla die Bochumer in Führung. Kurz nach der Pause hatte Unions Grischa Prömel einen Blackout, ließ sich die Kugel von VfL-Stürmer Hinterseer abluchsen und riss diesen zu Boden. Der fälligen Strafstoß für die Gastgeber verwandelte Ganvoula.

Dirk Zingler, der Präsident der Eisernen, guckte sich auf der Tribüne sitzend immer wieder hilflos um. Das Schlimmste: Dresden führte gegen Paderborn, die Eisernen brauchten nur zu gewinnen - aber sie lagen hinten. Coach Fischer wechselte offensiv, brachte erst Joshua Mees, dann Akaki Gogia und Suleiman Abdullahi. Die Köpenicker hatten in der Schlussphase einen Mann mehr auf dem Platz, Elfmeterschütze Ganvoula sah Gelb-Rot. In der 83. Minute hatte Strafstoß-Verursacher Prömel Platz, zog zentral aus der Distanz ab - das 2:1. Union drängte und drückte - und traf nur drei Minuten später durch Mees zum 2:2.

Ein Jahr für die Geschichtsbücher

Paderborn hatte längst das Spiel in Dresden verloren, da kickten sie noch im Ruhrstadion. Es war herrlich dramatisch - der Fußball kann das gut - und Präsident Zingler wusste auf seinem Platz mittlerweile nicht mehr, wohin mit sich. In der sechsten Minute der Nachspielzeit kam Abdullahi nach einer Kopfballverlängerung an den Ball, schoss aus kurzer Distanz - und Bochums Keeper Riemann hielt die Kugel fest. Dann war Schluss.

Die Union-Profis sanken auf den Rasen, kauerten sich hin, Tränen in den Augen. Torwart Rafal Gikiewicz suchte Halt bei Frau und Sohn in der Kurve hinterm Tor, Stürmer Sebastian Polter starrte ins Leere. Kapitän Christopher Trimmel musste unten in den Katakomben des Stadions Interviews geben und erzählte etwas von Stuttgart und der Relegation und einer schweren Aufgabe und "dass wir uns jetzt nicht in die Hosen machen werden". Der Österreicher quälte sich ein Lächeln ins Gesicht.

Der 19. Mai 2019 tat dem 1. FC Union weh. Er schmerzte so richtig.

Der Typ des Jahres

Dass die Eisernen Stunden später mental stark und entschlossen die Aufgabe gegen Stuttgart angingen, war zu großen Teilen sein Ding: Unions Trainer Urs Fischer ist nicht der große Zampano, er brilliert durch Schweizer Ruhe und Bestimmtheit. Fischer führte die Mannschaft schon während der Zweitligasaison konzentriert durch schwächere Phasen - und behielt seine Art immer bei.

Union-Trainer Urs Fischer tippt auf seine Armbanduhr (Quelle: dpa/Soeren Stache)
Schlussendlich der beste Trainer des Jahres: Urs Fischer. | Bild: dpa/Soeren Stache

Das Team feiert ihn dafür, seine Gelassenheit kommt an - auch in der Bundesliga. Der 53-Jährige sorgt dafür, dass im 32-Mann-Kader des 1. FC Union keiner zu kurz kommt. Spricht viel mit den Ersatzspielern, rotiert regelmäßig, was seine Startelf betrifft. Privat ist Fischer ein passionierter Angler, entspannt am liebsten am Wasser. Sein Schwizerdütsch ist langsam aber sicher Kult in Köpenick, das Wörtchen "schlussendlich" hat sich bis in den Wortschatz von Spielern und Fans geschlichen.

Schlussendlich ist Urs Fischer dann auch noch ausgezeichnet worden - als Berlins Trainer des Jahres 2019.

Die Lehre des Jahres

Der 1. FC Union kann Bundesliga, becirct durch harte Arbeit, Disziplin, Leidenschaft und Effizienz vor dem gegnerischen Tor. Das 0:4 zum Auftakt gegen RB Leipzig? War schnell abgehakt. Die Eisernen sind seitdem gerade zuhause stark, haben in der Festung Alte Försterei Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach geschlagen. Und sich mit einem 1:0 über Hertha BSC den Hinrunden-Stadtmeistertitel in Berlin gesichert. Die wird regelmäßig besungen.

Apropos singen: wo die Fans der Köpenicker auftauchen, staunt der Rest. Auch in der Bundesliga wird gefeiert, egal, ob die eigene Mannschaft gewinnt oder verliert. Und die eigene Mannschaft hat in der Hinrunde stark gehamstert: 20 Punkte nach 17 Spielen sind eine gute Ausbeute für einen Aufsteiger.

Die Prognose

Gegen den 1. FC Union zu spielen, macht keinen Spaß. Die Köpenicker laufen und kämpfen - und davon recht viel. Machen sie so weiter, bleibt die Bundesliga keine einmalige Party. Dann darf die nächste im Oberhaus geplant werden. Die Chancen stehen schlussendlich gut.

Beitrag von Stephanie Baczyk

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2 Kommentare

  1. 2.

    Ich war beim Relispiel gegen den VfB im Stadion und habe so etwas, in meiner nun immerhin auch schon zwanzigjährigen Anhängerschaft, bis dato nicht erlebt. Das und der Sieg gegen HBSC waren meine Highlights im abgelaufenen Fussballjahr. Wobei der Sieg gegen den BVB natürlich auch ein Knaller war!

    Alles Gute dem FCU fürs neue Jahr!

  2. 1.

    Das beeindruckendste Jahr in meinen 45 Jahren UNION-Dasein. Toll zusammengefasst! Danke.

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