Michael Preetz gestikuliert gefrustet am Spielfeldrand. Bild: imago/Osnapix
Audio: Inforadio | 24.12.2019 | Dennis Wiese | Bild: imago/Osnapix

Jahresrückblick | Hertha BSC - Herthas Jahr der vergebenen Chancen

Eine schwache sportliche Bilanz, keine Entwicklung in der Stadionfrage, schockierende Bilder beim Stadtderby. Hertha hat 2019 selten ein gutes Bild abgegeben. Aber Investor Windhorst und Trainer Klinsmann lassen von einer großen Zukunft träumen. Von Dennis Wiese

Was mag Michael Preetz sich vor gut einem Jahr gedacht haben? Am 31.12.2018 stand Hertha nach einer ordentlichen Hinrunde auf Tabellenplatz acht, war nah dran am internationalen Geschäft. Was könnten damals die Vorsätze des Managers für 2019 gewesen sein? Eine gute Rückrunde spielen und nach Europa stürmen. Die hochtalentierten Spieler zum nächsten Leistungssprung treiben. Und natürlich ein Durchbruch in Sachen eigenes Hertha-Stadion.   

Rückblickend muss man sagen: Nichts davon ist eingetreten. Im Gegenteil. Hertha enttäuschte 2019 sportlich, zwei Trainer mussten gehen. In Sachen Stadion gibt es keinen neuen Stand. Und im ersten Bundesliga-Derby mit dem 1. FC Union verlor Hertha die Stadtmeisterschaft und sorgte durch Leuchtraketen aus dem eigenen Fanblock für skandalöse Bilder. Hertha hatte 2019 viele Chancen, sich gut zu präsentieren. Die meisten wurden vergeben. Weltmeister Jürgen Klinsmann weckt nun Hoffnungen auf die Wende.

Herthas Finanz-Geschäftsführer Ingo Schiller (links) und Investor Lars Windhorst (rechts) auf der Tribüne im Olympiastadion. Bild: imago/Matthias Koch
Zukunftsweisend: Finanz-Gecshäftsführer Ingo Schiller (links) mit Investor Lars Windhorst (rechts). | Bild: imago/Matthias Koch

Das emotionale Highlight 2019:

Das emotionale Highlight war der Einstieg von Investor Lars Windhorst, irgendwie zumindest. Ein Highlight nur für einige, aber emotional definitiv. Denn natürlich schrillen beim Einstieg eines Geldgebers in einen Fußballverein die Alarmglocken vieler Fans: Kommerz! Verlust der eigenen Identität! Die Geschicke des Vereins gesteuert von einem millionenschweren Spekulanten. Das sind die Schlagworte und Ängste, die bei vielen Hertha-Anhängern aufkamen, als der Einstieg der Tennor Holding Ende Juni bekannt wurde. 100 Millionen Euro im ersten Schritt, 124 Millionen Euro im zweiten - das größte Investment der Bundesligageschichte. Herthas Finanzgeschäftsführer, Ingo Schiller, sprach zu Recht von "neuen Dimensionen" für die bis dahin chronisch klamme Hertha.

Investor Windhorst hatte mit 16 Jahren bereits mehrere Start-Ups gegründet, galt als Wunderkind der deutschen Wirtschaft. Windhorst scheiterte, stand aber wieder auf. Mit seiner Tennor Holding stellt er nun, mit Anfang 40, Unternehmen viel Geld zur Verfügung und hofft auf deren Wertsteigerung. So auch bei Hertha BSC. "Das ist ein Engagement für die nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahre. Wir freuen uns auf die Herausforderungen, die vor uns stehen", sagte Windhorst dem rbb. Der Investor hält nun 49,9 Prozent der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA.

Mit dem neuen Geld konnte Hertha die bisherigen Anteile des Wirtschaftsunternehmens KKR zurückkaufen. Ein Großteil soll in den kommenden Jahren nun in neue Spieler investiert werden. Die 20 Millionen Euro für Dodi Lukebakio im Sommer bedeuteten einen neuen Rekord-Transfer für Hertha. Gut möglich, dass schon im Winter weitere Millionen in neue Spieler investiert werden.

Eine Pyrofackel schlägt auf dem Bode vor Unions Co-Trainer ein. Bild: imago/Matthias Koch
Bild des Schreckens: Eine Pyrofackel schlägt vor Unions Co-Trainer ein. | Bild: imago/Matthias Koch

Der Tiefpunkt des Jahres:

Am 2. November 2019 hatte Berlin endlich wieder sein Bundesliga-Derby. 42 Jahre nachdem sich Hertha BSC und Tennis Borussia im Fußball-Oberhaus gegenüber gestanden hatten, empfing der 1. FC Union Hertha im kleinen Stadion an der Alten Försterei. 22.012 Zuschauer waren in Köpenick dabei, die begehrten Tickets für den Gästeblock wurden per Losverfahren vergeben.

Und dann das: Aus den Reihen der Hertha-Anhänger flogen immer wieder Leuchtraketen. Auf das Spielfeld und auf die Zuschauerränge. Nach dem Spiel ergaben rbb-Recherchen, dass auch bundesweit bekannte Hooligans aus anderen Lagern im Hertha-Block gewesen sein sollen. Der Fußballerische Teil dieses Berliner Derbys geriet in den Hintergrund. Hertha verlor nach schwacher Leistung 0:1, Sebastian Polter schoss Union vom Elfmeterpunkt zum Stadtmeister.

Trainer Ante Covic sprach später davon, dass seine Mannschaft dem Druck eines Derbys nicht habe standhalten können. Hertha-Eigengewächs Maximilian Mittelstädt, der in der Jugend nie ein Duell gegen Union verloren habe, sagte nach der Pleite: "Es tut sehr weh. Wir haben es nicht geschafft, den Fußball der letzten Spiele zu zeigen." Eine Woche später, nach dem 11. Spieltag, zog Union auch in der Tabelle an Hertha vorbei, einen Spieltag danach wurde Trainer Ante Covic entlassen. 

Jürgen Klinsmann lächelt vor einem Spiel von Hertha BSC. Bild: imago/Andreas Gora
Verbreitet Optimismus: Jürgen Klinsmann | Bild: imago/Andreas Gora

Der Typ des Jahres:

"Klinsmann zu Hertha", diese Schlagzeile sorgte schon im Sommer 2017 für Aufsehen. Allerdings handelte es sich um den damals 20-jährigen Jonathan Klinsmann. Nachwuchs-Torwart von einem kalifornischen College, seinem berühmten Vater Jürgen wie aus dem Gesicht geschnitten. Zwei Jahre lang, bis zum Sommer, blieb Klinsi-Junior in Berlin. Vater Jürgen war in dieser Zeit immer wieder zu Gast, beobachtete in Herthas Amateurstadion Jonathans Spiele für das Regionalliga-Team. Der Durchbruch wollte dem jungen Klinsmann nicht gelingen, im Sommer wechselte er in die Schweiz.

Wenige Monate später hieß es dann aber wieder "Klinsmann zu Hertha". Und diesmal war Jürgen Klinsmann gemeint, Welt-, Europameister und früherer Bundestrainer, dieses Fußball-Schwergewicht übernahm tatsächlich bei Hertha. Anfang November zunächst als Mitglied des Aufsichtsrats: Investor Lars Windhorst hatte Klinsmann als Fußball-Kompetenz etablieren wollen und übertrug ihm einen Aufsichtsratsplatz seiner Tennor Holding. Da glaubte Klinsmann noch an einen Teilzeitjob, den er von seinem Wohnort in Kalifornien aus leisten kann. Doch weitere drei Wochen später wurde Klinsmann Herthas Cheftrainer. Das Aufsichtsratsmandat ruht, für Klinsmann scheint das wiederum nicht zu gelten.

Mit seinem Trainerteam (Co-Trainer Alexander Nouri und Markus Feldhoff, Torwarttrainer Andreas Köpke, Performance Manager Arne Friedrich und Fitness-Coach Werner Leuthard) und viel Optimismus will er die kriselnde Hertha umkrempeln. Bei seiner Vorstellung sagte Klinsmann, der als Bayern-Trainer zuletzt vor zehn Jahren in der Bundesliga coachte: "Es ist ein schönes Gefühl, da zu sein. Berlin ganz anders zu erleben. Wir arbeiten mit einer Mannschaft, die sehr viel Potenzial und sehr viel Willen hat, das Ding in die richtige Richtung zu bringen." Planmäßig bleibt Klinsmann bis zum Ende der Saison, dann soll ein neues Trainergespann übernehmen.

Die Lehre des Jahres:

Die Lehre des Jahres 2019 lautet: Ein Umbruch braucht Zeit. Pal Dardai war ein solider Arbeiter, als Herthas Rekordfußballer im defensiven Mittelfeld und in viereinhalb Jahren als Trainer der Profis. "Fleißig sein und stabil stehen" - das waren Dardais Überzeugungen. Er brachte Hertha Sicherheit. In der Tabelle wurde es unter dem Ungarn nie gefährlich, auf dem Platz ließ seine Hertha wenig zu. Schnelle Konter sorgten immer wieder für Überraschungen vor dem gegnerischen Tor.

Doch in den letzten Jahren war Hertha nur Mittelmaß, die Entwicklung großer Talente geriet ins Stocken. Plattenhardt, Stark, Torunarigha, Mittelstädt, Selke - Herthas Modell der vergangenen Jahre war klar: Junge, hungrige Spieler verpflichten und diese dann weiterentwickeln, um irgendwann die Mannschaft zu stärken oder auf dem Transfermarkt gutes Geld einzunehmen. Dabei ging es aber nicht schnell genug voran. Im Frühjahr verkündete die Geschäftsführung deshalb: Pal Dardai Zeit als Profitrainer läuft zum Saisonende aus.

Das Drei-Trainer-Jahr, Lars W. und ein Eisbär

Mehr Offensive, mehr Begeisterung, schnellere Entwicklung - das versprach sich Hertha-Manager Michael Preetz von einem Nachfolger für Pal Dardai. Gesucht wurde ein junger, aber erfahrener Trainer. Einer der begeistern kann. Eine Art Jürgen Klopp aus den ersten Jahren. Hertha präsentierte dann die kleine, die interne Lösung: Ante Covic sollte es machen. Wie schon Dardai war er ein ehemaliger Hertha-Profi und Jugendtrainer, einer mit Hertha-DNA. Der Gedanke damals: Die dardaische Stabilität hat die Mannschaft drauf, jetzt arbeiten wir an Details. Covic korrigierte im Sommertrainingslager kleinlich auch mal die Stellung seiner Spieler bei der Ballannahme - weiter nach vorne gerichtet sollte da zum Beispiel mal der Linksverteidiger sein. 

Covic gab dazu den dauerhaft gut gelaunten Motivator. Wichtig für einen neuen Weg aber sind frühe Erfolge. Doch nach einem 2:2 beim FC Bayern zum Saisonauftakt folgten drei Niederlagen in Serie. Plötzlich war es auch mit der Stabilität dahin. Hertha kassierte viele Tore, und im Angriff - der eigentlichen Baustelle - lief nichts zusammen. Schnell verabschiedete man sich vom erhofften Offensivspektakel, nach 13 Spielen schließlich auch von Ante Covic. Der Umbruch brauchte zu viel Zeit, denn ein Fußballteam braucht Punkte. In Herthas Fall: Ganz dringend.

Die Prognose für 2020:

Betrachtet man die Jahrestabelle der Bundesliga 2019, also die Ergebnisse aus der vergangenen Rückrunde und dieser Hinrunde, dann ist Hertha Tabellenletzter. Kein anderes Team, das in beiden Spielzeiten Bundesligist war, holte weniger Punkte. Gerade einmal 38 Zähler waren es. Mit Jürgen Klinsmann geht es langsam nach oben: Immerhin acht Punkte aus fünf Spielen sorgten für etwas Entspannung in der Tabelle.

Hertha überwintert, und das war in Teilen dieser Saison nicht selbstverständlich, vier Punkte vor dem Relegationsplatz. Doch es gibt noch viel zu tun. Klinsmann hat den Trainingsstart vom 2. Januar auf den 29. Dezember vorverlegt und hofft, "dass es ab Ende Februar, März deutlich besser aussieht" wie er nach dem letzten Spiel des Jahres gegen Mönchengladbach sagte. Eine Entwicklung ist unter ihm aber deutlich zu erkennen: Hertha steht in der Abwehr stabiler, das Umschaltspiel funktioniert zumindest in Ansätzen.

In der Vorbereitung kann Klinsmann an Grundsätzlichem arbeiten. Dazu sind hochkarätige Neuzugänge geplant. Granit Xhaka etwa könnte vom FC Arsenal kommen. Läuft alles nach Plan, dann klettert Hertha in der Tabelle nach oben. Und hat mit dem Abstiegskampf in der Rückrunde nichts mehr zu tun.

Beitrag von Dennis Wiese

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11 Kommentare

  1. 11.

    Lassen Sie ihn doch. Ich bin immer sehr amüsiert. Und ob Union einen Fanboy nötig hat? Ich glaube nicht; wäre eher eine Beleidigung... ;) Vermute mal eher einen akuten Anflug von Trollerei...
    Und an den Joker (9.): Die Wahrheit muss sicher jeder ertragen, so hart sie auch ist. Ich bin froh, dass Union und Hertha in der 1. Liga sind. Wie schrieb hier mal einer: Eisern Berlin!

  2. 10.

    @RBB: Ich finde es nicht in Ordnung, dass bzgl. der Stadionbaupläne im Olympiapark die Mieter der Wohnungen, die dem Bau sozusagen im Wege stehen, ständig als Erklärung und damit auch unterschwellig als Ursache für das Scheitern des Baus genannt werden. Die Wohnungen gehören der 1892 Wohnungsbaugenossenschaft und Genossenschaften sind die letzte Bastion menschenwürdiger Wohnstrukturen in dieser Stadt. Dass die Häuser dort stehen, war immer bekannt, ebenso, dass die Genossenschaft plant, weitere Wohnungen in dem Areal zu bauen. Die Hertha-Verantwortlichen haben das in ihrem Dilettantismus nicht überprüft und nach Bekanntwerden nicht mal Wohnalternativen zur Diskussion gestellt. Somit geht der gescheiterte Bauplan ganz allein auf die Kappe von Hertha BSC. Außerdem steht m.E. das Recht zu wohnen über dem Recht eines mittelmäßigen Fußballclubs, seine Mittelmäßigkeit mit dem nicht wirklich notwendigen Bau eines neuen Stadions zu kaschieren.

  3. 9.

    Was genau finden Sie an dem Kommentar falsch? Mein Eindruck ist eher, dass Sie Schwierigkeiten die Wahrheit zu ertragen. Ist ja in der Tat auch nicht so einfach wenn man dem Charlottenburger Verein im abgelaufenen Jahr nahe stand.

  4. 8.

    Ernsthaft RBB, diese völlig falschen und Lügen behafteten Kommentare von Neumann werden hier ja ständig durchgelassen, dann solch eine deprimierende Schlagzeile, man könnte fast meinen da sitzt ein Union Fan auf dem chefposten.
    Nun ja auch diesen möchte ich gerne sagen dass die Schlagzeile eher lauten sollte die verpassten Chancen von Berlin und nicht von Hertha gerade zum Thema Stadionneubau !

  5. 7.

    Sag ich ja. Ich korrigiere mich aber, bei der Zustimmung zu Erwin. Ich bezog mich auf die Aussage zu Hertha. Union ist mir in diesem Zusammenhang unwichtig. Diese Vergleiche der beiden Berliner Vereine sind sinnlos. Ich rede über Hertha, nicht über Union. Und ja, Herthas Management muss dieses provinziellen Touch ablegen. Think big

  6. 6.

    Das Problem war doch eher, dass bei HBSC das überhöhte Anspruchsdenken und die Realität häufig auseinanderklafften - was zu nicht geringem Teil auch am Management lag.

    Mit der nahezu unerschöpflichen Geldquelle des Investors hat Hertha natürlich vollkommen andere Möglichkeiten als Union, daher ist Erwins Prognose nicht gerade sehr "gewagt".

  7. 5.

    Sehe ich auch so, Tendenz und Ziele passen. Die Verstärkung ist auch beabsichtigt. Hertha wird mittelfristig sich im internationalen Bereich etablieren. Bislang wurden Fehler gemacht, die eher dem geringen Anspruchsdenken geschuldet waren. Ein Trainer. Ist Namen und starke Spieler mit internationalen Klang gehören nunmal dazu, wenn man mitspielen will.

  8. 4.

    Die Tabelle der Buli-Box schließt die Auf- und Absteiger mit ein, die entweder in der Rück- oder Hinrunde ja keine Punkte sammeln konnten. ;-)

  9. 3.

    Meine Prognose, Hertha wird Boden gutmachen-Union wird Schwierigkeiten bekommen

  10. 2.

    Gesteuert von einem Millionenschweren Spekulanten, sportlich auf dem absteigenden Ast, in Berlin nur noch Rang zwei, ständige Trainerwechsel beim Charlottenburger Verein, Ausschreitungen einiger „Fans“ etc., etc..
    Allzu viele Sympathien dürfte Hertha Windhorst BSC dieses Jahr nicht gewonnen haben.

  11. 1.

    Das mit der jahrestabelle ist mir unklar. Habt Ihr da eine Quelle? Ich habe Dank Tante Google das hier gefunden

    http://www.bulibox.de/bundesliga/jahrestabelle-2019-1.liga.html#

    Sagt was anderes aus. Gibt es die Tabelle von einer offiziellen Seite? Mal abgesehen davon, dass sie nicht wirklich was aussagt bin ich neugierig, was denn nun stimmt. Bayern vorne ist ja eh klar, aber dann... Her mit eurer Quelle bitte. Danke

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