Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann (imago images/Popow)
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Hertha vor Spiel in Frankfurt - Diebische Freude und Nachholbedarf

Vor dem Spiel bei Eintracht Frankfurt hat Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann das Arbeitsethos seiner Mannschaft beschworen - ehe er für einen Lacher sorgte und zeigte, dass er selbst noch einiges aufzuholen hat. Von Astrid Kretschmer

An Jürgen Klinsmanns offene, spontane Art muss sich Michael Preetz erstmal gewöhnen. Der Hertha-Manager schaut erstaunt bis belustigt, als Klinsmann nach der Pressekonferenz am Donnerstag die Medienvertreter fragt, ob sie mit nach Frankfurt reisen würden. "Kommt ihr mit?", fragt Klinsmann. "Könnt ihr ja auch mit dem ICE kurz rüberfahren." Das lerne er gerade, wie das alles funktioniert, erklärt er weiter - so einen schnellen Zug gebe es in Kalifornien nicht. Lachend verabschiedet sich der ehemalige Bundestrainer danach mit einem "Bis später".

Noch ist Klinsmann nicht in jeder Hinsicht in der neuen Umgebung angekommen. Er will alle mitnehmen - auf die schwierige Reise heraus aus dem Tabellenkeller. Schnell soll sich auch seine Arbeit auszahlen. Ein Sieg bei seinem ersten Auswärtsspiel mit Hertha bei Eintracht Frankfurt (Freitag, 20.30 Uhr) wäre dabei immens wichtig. Auch wenn sich Klinsmann mit seinem Trainerstab nach nur einer Woche im Kennenlern-und Findungsprozess befindet.

Der frühere Welt-und Europameister präsentiert sich gut gelaunt und zuversichtlich, wie es sich für einen Motivations-Messias und Lust-auf-Mehr-Macher gehört. Man reise mit "breiter Brust" nach Frankfurt. "Das wird ein Fight", verspricht Klinsmann. "Wir kennen die Spielweise der Eintracht - voller Energie und Physis. Da wird es auch zur Sache gehen, da wird es ein bisschen krachen. Aber dafür sind wir gewappnet. Wir freuen uns auch drauf."

Aus Klinsmanns Sicht "hat Frankfurt eine gute Truppe und verdient jeden Respekt, aber das wird eine ganz spannende Kiste".

Einfach ist anders

Doch um die Euphorie nach seiner Ankunft am Köcheln zu halten, braucht es mehr als motivierende Worte. Der Tabellen-Sechszehnte benötigt nach der knappen 1:2-Niederlage am vergangenen Sonnabend gegen Borussia Dortmund dringend Punkte. Hoffnung mache die Verbesserung in Sachen Einsatz und Spielfreude bei der Klinsmann-Premiere. "Wir hätten gegen den BVB mindestens einen Punkt verdient gehabt. Und wenn das aberkannte Tor von Davie Selke gezählt hätte, hätten wir das Spiel gewonnen", meint Klinsmann." Haben wir aber nicht bekommen - und zack, jetzt kommt die nächste Gelegenheit, um so viele Punkte wie möglich bis Weihnachten zu sammeln", sagte der neue Hertha-Chefcoach.

Was die Taktik und das Personal betrifft, will sich der 55-Jährige am Donnerstag nicht in die Karten schauen lassen. Nur soviel: Allzu große Veränderungen will der neue Coach bei seiner zweiten Bewährungsprobe am Freitagabend unter Flutlicht nicht vornehmen. "Die Mannschaft muss zur Ruhe kommen und sich finden", so Klinsmann.

Er und sein neuer Trainerstab mit den Assistenten Alexander Nouri und Markus Feldhoff seien gerade dabei, die Hertha-Profis mit all ihren Stärken und Schwächen kennenzulernen. "Wichtig ist, nicht gleich zu viele Veränderungen vorzunehmen und dass die Jungs ihren Rhythmus bis Weihnachten aufnehmen können", sagt der einstige Bundestrainer ausweichend. Klinsmann setzt auf Kontinuität.

Es gehe nur über Arbeit, betonte der Trainer. "Einfach arbeiten, der Mannschaft Selbstvertrauen geben, die Fehler machen, soweit man sie sieht, korrigieren." Bis Weihnachten heißen die Gegner nach Frankfurt - Freiburg, Leverkusen und Mönchengladbach. Einfach ist anders.

An Selke einen Narren gefressen

Die Frankfurter Mannschaft von Adi Hütter verlor in der Liga zuletzt dreimal nacheinander, ist aber immer noch Tabellenzehnter. "Wir müssen auch gegen Hertha versuchen, mit Power, Überzeugung und Mut zu agieren. Wir müssen den Bock umstoßen, dass das Ergebnis auf uns steht", sagte der Österreicher zur Situation der Hessen. Klinsmann kenne er nur zufällig von einem Treffen in einem Restaurant in diesem Jahr. "Ich freue mich, wenn ich ihn sehe", sagte Hütter, der bei dem neuen Hertha-Coach erkannt hat, dass dieser sehr viel wert auf "Disziplin und taktische Ruhe" lege.

Wer glaubt, der Klinsmann-Effekt sei durch den verlorenen Einstand gegen den BVB verpufft, sieht sich getäuscht. Es herrsche Aufbruchstimmung - Klinsmanns Arbeit beim Training kommt in der Mannschaft gut an. "Jeder im neuen Trainerteam ist unter Strom, das überträgt sich auf uns Spieler", sagte Davie Selke in einem Interview mit dem "Kicker".

An Selke scheint Klinsmann ein bisschen einen Narren gefressen zu haben. Kein Wunder - der schlaksige Stürmer erinnert ein wenig an den jungen Klinsmann. "Ziele setzen, ganz, ganz wichtig", habe der 55-jährige als Rat für eine mögliche Nationalmannschafts-Karriere zum Hertha-Angreifer gesagt.

"Bei uns Stürmern geht es immer um Tore", so Klinsmann. Selke, der gegen Dortmund den Vorzug vor Kapitän Vedad Ibisevic bekommen hatte, müsse seine Torausbeute so stark ausbauen, "dass das irgendwann der Bundestrainer sieht". Mit einem Saisontreffer ist Selkes Quote allerdings ausbaufähig. 

Diebische Freude

Und auch das ist Klinsmann: der Mann für die spontanen, sympathischen Momente. Stichwort: noch nicht in jeder Hinsicht in der neuen Umgebung und bei Hertha angekommen. So grätscht er rein, als Michael Preetz am Donnerstag die starken Frankfurter lobt.

Der Manager nennt den Pokalsieg 2018 als Ausgangspunkt für die positive Entwicklung der Hessen. "Für die Eintracht war es ein wichtiger Entwicklungsschritt, hier in Berlin den DFB-Pokal zu gewinnen, so Preetz. "Das hat dort für eine unfassbare Euphorie gesorgt, das hat sie enorm beflügelt." Der Pokal als Erfolgsgarant - da merkt Jürgen Klinsmann sofort auf und fragt: "Wir sind doch noch drin im Pokal, ne?" Preetz und Pressesprecher Max Jung antworten grinsend: "Ja!" "Na also", freut sich Klinsmann diebisch und mit geballten Fäusten.

Wie gesagt - Klinsmann ist seit gut einer Woche Hertha-Trainer.

Sendung: rbb24, 05.12.2019, 21:45 Uhr 

Beitrag von Astrid Kretschmer

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2 Kommentare

  1. 2.

    Bitte Hertha nun einfach mal auch umsetzen und nicht nur immer drüber reden wie toll und super alles im training läuft.
    Und keine Angst auch wenn ein Spiel mal verloren geht hauptsache es werden genügend Chancen erarbeitet und auch wirklich vollzogen, das wäre für mich immer noch das wichtigste!

  2. 1.

    Na ich hoffe mal auf die Adler...... Bei der Stimmung im Stadion wird es nicht leicht für Herth.

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