Christian Dingert zeigt Davie Selke die gelbe Karte
Bild: Imago/Thomas Frey

Hertha rettet Remis in Frankfurt - Klinsmanns Baustellen werden deutlich

Die alte Dame wankt, fällt aber nicht. Der erste Punkt unter Jürgen Klinsmann beendet die Niederlagenserie. Auf den neuen Hertha-Trainer wartet trotzdem noch jede Menge Arbeit. Gerade die Gegentore nach Ecken sorgen für Redebedarf. Von Till Oppermann

Als in der 78. Minute der Gelb-Rot gefährdete Kapitän Niklas Stark durch Maximilian Mittelstädt ersetzt wird, betritt der das Feld wild gestikulierend. Genau wie sein Trainer Klinsmann reckt er den Kollegen vier Finger entgegen. Hertha stellt um. Die knappe Führung soll mit einer Viererkette verteidigt werden. Am Spiel der Berliner ändert das nichts. In der gesamten zweiten Hälfte gleicht Thomas Krafts Strafraum einem Flipper. Frankfurt spielt den Ball rein, die Verteidiger um Dedryck Boyata und Stark prügeln das Spielgerät zurück. Spielerische Entlastung? Fehlanzeige. Den Herthanern ist anzumerken, dass sie nur versuchen die glückliche Führung zu verteidigen. "Wir wollten eklig sein", sagt Stark dann nach dem Spiel in der Mixed Zone, denn "jeder soll denken: 'Oh Gott jetzt kommt Hertha, das wird eklig'."

Der Kampf stimmt

Eine typische Fußballervokabel, na klar, vielleicht aber dennoch der Input von Jürgen Klinsmann? Früh wird klar: Hertha meint es an diesem Freitagabend ernst. Marko Grujic rutscht auf dem regennassen Boden schon nach zweieinhalb gespielten Minuten Frankfurts Martin Hinteregger von der Seite in die Beine. Referee Christian Dingert belässt es bei einer Ermahnung. Die Szene ist ein Vorgeschmack auf ein intensives Spiel. In der ersten Halbzeit läuft Hertha hoch an und erzwingt Ballverluste. Körperlichkeit und Wucht, diese Attribute sind gefragt, wenn man nicht in den Abstiegskampf rutschen will. Vom gepflegten Ballbesitzfußball, den Ante Covic im Sommer versprach, ist endgültig nichts mehr zu sehen. "So versuchen wir, unsere Punkte zu bekommen", bestätigt Stark, "und wenn das klappt, dann können wir spielerisch weitermachen."

Spätestens seit die Öffentlichkeit in Sönke Wortmanns WM-Film "Deutschland, ein Sommermärchen" gesehen hat, wie Klinsmann seinen Spielern "haut sie durch die Wand" entgegenbrüllt, gilt der Wahlkalifornier als Motivationsguru. Dass seine Ansprache auch 13 Jahre danach noch Wirkung zeigt, legt Niklas Stark nahe. Eigentlich sei der Plan gewesen, von Anfang an tief zu verteidigen, aber "irgendwie hat uns die Motivation gepackt und wir sind auch vorne raufgegangen."

Gute Ansätze - Fehlende Balance

Für Hertha hat das eine positive und eine negative Folge. In der 30. Minute gewinnt Darida mit einer sauberen Grätsche den Ball. Das leitet einen Konter der grau gekleideten Gäste ein. Nach einer guten Kombination vollendet Dodi Lukebakio. Kurz lässt die Mannschaft ihr spielerisches Potential aufblitzen. Besonders der Torschütze profitiert mit seiner Dynamik von schnellen Angriffen nach gegnerischen Ballverlusten im Spielaufbau. Bekommt der Belgier Raum und kann so Tempo aufnehmen, ist er schwer zu halten. Tempogegenstöße könnten Klinsmanns Offensivrezept werden.

Aber: Noch geht die dafür vorausgesetzte aggressive Art zu verteidigen zulasten der eigenen Stabilität. Haarsträubende Fehlpässe im Spielaufbau oder verlorene Zweikämpfe laden die Frankfurter zu Chancen ein. Mit einfachen Steil-Klatsch-Kombinationen hebeln sie zu leicht die aufgerückte Abwehr aus. So auch beim vermeintlichen Ausgleich, der nachträglich vom VAR aberkannt wird.

Sebastian Rode erzielt den späten 2:2-Ausgleich für Eintracht Frankfurt. Quelle: imago images/Thomas Frey
Hertha am Boden: Frankfurt feiert den 2:2-Ausgleich. | Bild: imago images/Thomas Frey

Herthas große Schwäche sind die Standards

Ein Schreck, nach dem sich die Klinsmann-Elf auf die geplante Marschroute zurückbesinnt. Hertha zieht sich zurück, Hertha hofft das Beste. Und hat lange Glück, dass es der Gegner keinesfalls besonders gut macht. Ein Freistoß aus dem Halbfeld beschert Berlin über Umwege sogar das 2:0. Die Führung zu diesem Zeitpunkt verdankt man aber nicht etwa der eigenen Stärke, sondern insbesondere der Schwäche der Frankfurter. Das wollen die nicht auf sich sitzen lassen. Und so darf man Martin Hinteregger durchaus zustimmen, wenn er sagt: "Die haben überhaupt nicht stattgefunden. Wir müssen insgesamt einfach mehr draus machen."

In der letzten halben Stunde hat die Eintracht seinen Gast im Würgegriff. Bei den Toren profitieren sie von Herthas größter Schwäche: Die Standardgegentreffer elf und zwölf bedeuten einen traurigen Ligahöchstwert für Hertha. Die Zuordnung stimmt nicht, beim Rausrücken wird gepennt. Ein Eckenverhältnis von 16:1 für den Gegner, kann diese Mannschaft sich beileibe nicht erlauben. Am Freitag kostet das Punkte. Zur Abwehrleistung sagt Stark: "Außer den Ecken war alles gut." Das spricht Bände über Herthas Selbstvertrauen bei Standards. Umso unverständlicher, dass der Ball mehrmals ohne Not ins Toraus geprügelt wurde. Hier sollte Klinsmann ansetzen. Nur Punkte können den verunsicherten Spielern dieses Selbstvertrauen zurückgeben. Das weiß auch der erfahrene Trainer. Und so ist er trotz der verspielten Führung nicht unzufrieden: "Nach einer 2:0-Führung hätten wir natürlich gerne drei Punkte mitgenommen, aber das Remis geht in Ordnung."

Selke muss liefern

Ähnlich äußert sich auch Davie Selke: "Mit etwas mehr Glück nehmen wir drei Punkte mit, so ist es einer, und der ist im Moment enorm wichtig für uns." Dabei verschweigt er, dass nicht nur Glück gefehlt hat. In der 68. Minute wird er von Marvin Plattenhardt eingesetzt, zentral vor dem Tor vergibt er freistehend. Hertha braucht dringend einen Knipser, so einer ist Selke derzeit nicht. Zwar war er – wie immer – laufbereit und bemüht. Vor dem Tor fehlt ihm aber die Kaltschnäuzigkeit. Nicht ausgeschlossen, dass sich die Ex-Nationalstürmer Michael Preetz und Klinsmann im Winter gemeinsam nach einer Alternative umsehen. Bis dahin hat Selke noch Zeit von sich zu überzeugen – und die Mannschaft, um stabiler zu werden. Zwei Ecken und fünf Minuten mehr und Hertha hätte wohl keinen Punkt geholt.

Korrektur: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Hertha stünde noch mindestens eine Woche lang auf dem Relegationsplatz. Vor dem Samstagsspieltag standen die Berliner aber auf dem 15. Rang.

Sendung: rbb24, 07.12.2019, 18 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

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4 Kommentare

  1. 4.

    Was ist bloß aus der Hertha geworden ? Ehrlich gesagt, es fällt mir schwer zu glauben, dass die Stabilität, die man sich unter Pal Dardai über Jahre schwer erarbeitet hatte, jetzt wohl wieder verloren ist. Wir fangen quasi wieder bei Null an. Es wurden keine schlechten Einkäufe getätigt, das kann man nicht sagen. Danke ! Aber ... der Entschluss sich für Trainer Ante Covic zu entscheiden, entpuppt sich jetzt als Voll-Katastrophe. Was haben Sie sich nur dabei gedacht Herr Preetz ? Dass das auch nach hinten losgehen könnte war nicht so ganz abwegig - und Trainer gab es genug auf den Markt. Jetzt ist Klinsmann da und es freut wirklich sehr. Der Mann muss jetzt alles wieder in die richtige Bahn lenken, das braucht natürlich Zeit. Bis zur Winterpause mache ich mir wenig Hoffnungen, dass wir noch Spiele gewinnen werden. Vielleicht wenigstens eins. Diese Fehlpässe im Spielaufbau muss man minimieren, das geht schon sehr lange so, war leider auch schon unter Dardai zu beobachten.

  2. 2.

    Die Analyse ist absolut genau auf den Punkt gebracht.

  3. 1.

    Sollte Düsseldorf heute gegen Dortmund verlieren, wäre Hertha schon jetzt 15.
    Der Spieltag ist erst morgen beendet.

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