Sebastian Andersson jubelt (Quelle: imago images/Contrast)
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Andersson beschert Union Heimsieg - Die schwedische Lebensversicherung

Zu Hause punktet Union weiter. Gegen Köln können sich die Köpenicker einmal mehr auf Sebastian Andersson verlassen. Spielerische Mängel fordern allerdings den nächsten Entwicklungsschritt. Von Till Oppermann

"Union braucht keinen Karneval, Unioner feiern überall", singen die Fans nach dem 2:0-Sieg gegen den 1. FC Köln. Doch am liebsten feiern sie im Stadion An der Alten Försterei. Der vierte Heimsieg in Folge bedeutet, dass die Köpenicker schon am 14. Spieltag sieben Punkte Vorsprung auf einen Abstiegsplatz haben.

Dem Helden des Tages, Doppelpacker Sebastian Andersson, sieht man derweil nicht an, dass es seine Tore sind, die für die ausgelassene Stimmung sorgen. Langsam schleicht er über das Feld. Anstatt sich feiern zu lassen, verabschiedet er sich zuerst vom Schiedsrichtergespann. Danach geht er nicht etwa direkt zur Mannschaft, sondern sucht Kölns Torwart Timo Horn und Abwehrchef Lasse Sobiech. Als er sich fair von ihnen verabschiedet, wirkt es fast, als würde sich der skandinavische Blondschopf entschuldigen.

Andersson düpiert die Kölner

In der 50. Minute sieht das noch ganz anders aus. Eingesetzt von Gentner, nimmt Andersson den Ball gut mit und legt ihn geschmeidig am herausstürmenden Horn vorbei. Clever schiebt der schwedische Nationalspieler das Spielgerät danach entgegen der Laufrichtung des ins Leere grätschenden Sobiech. Die Kugel kullert auf die Torlinie zu und wird im letzten Moment von einem weiteren Verteidiger aus der Domstadt weggeschlagen. So scheint es zumindest. Während das Stadion bangend auf die Entscheidung der Torlinientechnik wartet, hebt Andersson schon wissend die Arme. Der war drin, das weiß er sofort. Schließlich zeigt Schiedsrichter Patrick Ittrich zur Mittellinie. Nach Anderssons achtem Saisontor steht es 2:0.

Für Union unverzichtbar

Bei Sky sagt Manager Oliver Ruhnert: "Sebastian belohnt sich einfach für seinen Einsatz." Das stimmt, denn nicht nur bei der Torausbeute gehört er zu den besten Stürmern der Bundesliga. Andersson entscheidet mehr Zweikämpfe für sich als jeder andere. Derzeit verzeichnet er 235 gewonnene Duelle. Dahinter folgt Schalkes Daniel Caligiuri, allerdings stehen bei ihm knapp 50 weniger zu Buche. Gleiches gilt für Kopfballduelle: Hier führt der Schwede mit 122 zu 74. Eindrucksvolle Zahlen, die Unions Spiel auf verschiedenen Ebenen erklären.

Einerseits ist Andersson nach Standards enorm gefährlich. Wie schon bei seinen zwei Kopfballtreffern gegen Mainz, war "Seb" auch heute wieder nach einer Trimmel-Ecke erfolgreich. Der Vorlagengeber und Kapitän sagt dazu: "Wenn eine Ecke sehr gut getreten und das Einlaufverhalten des Offensivspielers sehr gut ist, ist das ganz schwierig zu verteidigen." Für die spielerisch limitierten Unioner ist das ein Geschäftsmodell: Ihre neun Tore nach ruhenden Bällen sind ebenfalls Ligaspitze. Trimmel weiß: "Wir haben eine riesen Stärke." Und mit Andersson (vierter Kopfballtreffer) einen der beiden gefährlichsten Liga-Stürmer in der Luft. Nur Robert Lewandowski kann derzeit Schritt halten.

Kölns Trainer Markus Gisdol gratuliert Union-Coach Urs Fischer zum Sieg (Quelle: imago images/Matthias Koch)
Kölns Trainer Markus Gisdol gratuliert Union-Coach Urs Fischer zum Sieg. | Bild: imago images/Matthias Koch

Gegen Union tut's weh

Auch für die zahlreichen langen Bälle im Spielaufbau ist Andersson der optimale Abnehmer. Annehmen und fest machen, weiterleiten, selbst gehen oder ein Foul ziehen? Meistens trifft Unions Nummer zehn die richtige Entscheidung - und ist damit der stille Anführer einer sehr unangenehmen Mannschaft. Gäste-Trainer Marcus Gisdol lobt die Eisernen: "Wir können uns beim Gegner eine Scheibe abschneiden, in totaler Konsequenz Fußball zu spielen. Nicht schön, aber konsequent." In Unions Fall bedeutet das: lange Bälle, Lauf- und Zweikampfstärke gepaart mit vielen Fouls, um das Spiel des Gegners im Keim zu ersticken. In jeder dieser Kategorien befinden sich die Köpenicker statistisch mindestens in der Top-Drei der Liga.

Immer noch ein Außenseiter

So wird Fußball gearbeitet. Auch am Sonntag: "Wir waren den Tick aggressiver, haben viele kleine Fouls gemacht", freut sich Christopher Trimmel. Dabei stellt der "Effzeh" die Berliner in der Anfangsphase vor Probleme. "Köln hat das clever gemacht", sagt Startelfdebütant Florian Hübner. "Die haben sich tief aufgestellt, haben uns den Ball überlassen und uns sind wenig Lösungen eingefallen", bringt er die Schwierigkeiten auf den Punkt. Die Hausherren haben zwar den Ball, schieben ihn aber ohne eine zündende Idee hin und her. Während der ersten zwei Ballbesitzphasen wird es dann Marvin Friedrich nach einer Minute jeweils zu bunt und er schlägt doch wieder den sprichwörtlichen langen Hafer.

Nicht die beste Idee gegen einen tiefstehenden Gegner, der ebenfalls kopfballstarke Innenverteidiger aufbietet. Urs Fischer konstatiert: "Ich glaube, man hat in den ersten 30 Minuten schon gesehen, dass wir uns sehr schwer taten gegen eine tiefstehende Mannschaft." Viele Pässe ins Leere und andere Ungenauigkeiten tun ihr Übriges. Coach Fischer kritisiert: "Wir haben keine Lösungen gefunden."

Der nächste Entwicklungsschritt

Man wird den Eindruck nicht los, dass das dem ruhigen Schweizer entgegenkommt, führt er damit doch den Beweis an, dass Union noch lange nicht in der Favoritenrolle angekommen sei. Damit sich dieses "noch" bald ändert, gibt es nun zumindest genügend Videomaterial zur Analyse. Zum Beispiel den miserabel ausgespielten Konter kurz vor der Pause: Union marschiert ab der Mittellinie mit vier Mann auf einen Verteidiger und den Torwart zu. Es kommt nicht mal zu einem Torabschluss. Der letzte Pass geht ins Leere, obendrein entscheidet Ittrichs Gespann auf Abseits. Weil Köln derzeit aber nicht in der Lage ist, das zu bestrafen und Union einen der besten Stürmer der Liga hat, reicht es trotzdem für einen Sieg.

So freut sich Trimmel nach dem Spiel über einen 10. Platz mit 19 Punkten: "Ich glaube, dass wir absolut im Soll sind", sagt der Kapitän und fügt an: "Wir schauen auf die Entwicklung." Diese kann seine Mannschaft bald beweisen. Vor der Winterpause geht es noch gegen zwei weitere Abstiegskandidaten: Auch Paderborn und Düsseldorf verlangen Union spielerische Lösungen ab. Man ist nicht weit entfernt. Gegen Köln gibt es im Ansatz viele gute Aktionen, zu oft schleicht sich aber Ungenauigkeit ein. Stellt man diese ab, wird man noch deutlich komfortabler überwintern – und die Fans dürfen weiterfeiern.

Sendung: Inforadio, 09.12.2019, 6.15 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

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