Lara Prasnikar von Turbine Potsdam (imago images/Jan Kuppert)
Audio: Inforadio | 28.12.2019 | Karsten Steinmetz | Bild: imago images/Jan Kuppert

Jahresrückblick | Turbine Potsdam - Real existierender Optimismus

Es sind keine einfachen Zeiten für einen reinen Frauen-Fußballverein wie Turbine Potsdam. Was 2019 trotzdem Freude und Hoffnung machte, was so gar nicht lief und was dringend besser werden muss beim einzigen Profifußball-Verein Brandenburgs.

Das Zugpferd Frauen-Nationalmannschaft schwächelte und in der Bundesliga verschoben sich auch 2019 weiter die Kräfteverhältnisse. Mittendrin: Turbine Potsdam, das so langsam aber sicher zu einem gallischen Dorf mutiert. Auf allen Ebenen.

Das emotionale Highlight 2019:

Vor dem Spiel waren sich alle wunderbar einig darüber, uneinig zu sein. Ja, es sei das letzte Duell gegen den 1. FFC Frankfurt, den ewigen Rivalen von einst. Das letzte Duell der Mannschaften, die die deutsche Meisterschaft zwischen 2001 und 2012 unter sich ausmachten. Aber eben auch schon lange nicht mehr DAS Topspiel der Frauen-Bundesliga. Und auch wenn mit Bernd Schröder und Siggi Dietrich die prägenden und stichelnden Gestalten der goldenen Zeit, nicht mehr in Amt und Würden waren, wurde es ein Spiel für die Geschichtsbücher.

Weil aus dem 1. FFC Frankfurt vor der kommenden Saison Eintracht Frankfurt wird. Und weil die 90 Minuten (plus Nachspielzeit) einer Achterbahnfahrt glichen, dass sie in Potsdam zwischendurch überlegt haben dürften, das Karl-Liebknecht-Stadion zum Vergnügungspark auszurufen. Am Ende standen ein Hattrick bei den Gästen, ein Siegtreffer in der Nachspielzeit und ein Resultat von 4:3 in den Statistiken.

Dass das Spiel damit von Vorgeplänkel bis Schlusspfiff prototypisch für das komplette Turbine-Jahr und die Gesamtsituation im Frauenfußball war, passte nur ins Bild.

Der Tiefpunkt des Jahres:

Die Saison 2019/20 begann mit fünf Niederlagen nach den ersten sieben Spieltagen ungewohnt holprig für Turbine Potsdam. Das gab es seit 1994, seitdem der Verein in der Bundesliga mitspielt, noch nie. Sechs Punkte standen zu diesem Zeitpunkt, Ende Oktober, zu Buche. Nur einmal, 1998/99 startete Turbine schlechter in eine Saison: Damals waren es fünf Punkte.

Mitten hinein in diesen Stotterstart fiel eine Begegnung, die eigentlich dazu angetan war, als großer Charaktertest zu taugen, und doch in einer Niederlage endete. 4:5 hieß es am Sonntag, den 13. Oktober gegen den SC Freiburg. Ein Ergebnis, das nach viel Dramatik klingt und in seiner Schlichtheit doch nur die halbe Wahrheit erzählt. Mit 0:3 lagen die Potsdamerinnen zur Halbzeit hinten. Angesichts der Überlegenheit, die die Gäste in den ersten 45 Minuten ausstrahlen, heißt es bei solchen Spielen im zweiten Durchgang oft nur noch: Schadensbegrenzung. Aber die junge und zudem dezimierte Mannschaft von Trainer Matthias Rudolph zeigte, wozu Turbinen in der Lage sind. Die Spielerinnen verkürzten zunächst auf 2:3, um schließlich, nach einem erneuten Gegentreffer, sogar auf 4:4 acht Minuten vor Schluss auszugleichen. Und doch war das nicht der Schlusspunkt. Denn den setzte Freiburgs Kapitänin Rebecca Knaak in der zweiten Minute der Nachspielzeit.

Es war ihr dritter Treffer an diesem Tag. Womit sie zum Ende des Jahres bei wievielen Saison-Treffern insgesamt steht? Genau, bei drei. Nur, falls sich jemand fragt, wie besonders er war, dieser Turbine-Tiefpunkt, auf den man fast stolz sein konnte.

Der Typ des Jahres:

In diesem Fall ist das natürlich eine Quatsch-Kategorie. Weil der Begriff "Typ" immer männlich meint. Und einzig und allein die Turbine zugeordneten Herren nach außergewöhnlichen Leistungen abzusuchen, wäre der Sache wenig dienlich. Aber ob Union, Hertha oder Turbine, bei den Jahresrückblicken des rbb heißen die Rubriken nunmal alle gleich und der "Typ" der Saison bei Turbine lautet demnach: Lara Prasnikar. Beruf: Topstürmerin.

Seit 2016 ist die 21-jährige Slowenin bereits in Potsdam und sportlich in dieser Saison endgültig so richtig angekommen. 13 Treffer nach 13 Spieltagen sprechen für sich und bedeuten zugleich Platz drei in der Torjägerinnen-Liste der Bundesliga. Einzig Pernille Harder (18 Tore) vom VfL Wolfsburg und Nicole Billa (14 Tore) von der TSG Hoffenheim stehen noch vor Prasnikar, wobei Harder fünf ihrer Treffer vom Elfmeterpunkt aus erzielte (Prasnikar keinen). Die nächstbeste Potsdamerin in diesem Ranking ist übrigens Anna Gasper mit lediglich vier Treffern.

Außerdem ist Lara Prasnikar die Tochter von Ex-Profi und Trainer Bojan Prasnikar. Wer sich an dessen Zeit bei Energie Cottbus erinnert, mag zustimmen: Grund genug für eine Ehrung.

Die Lehren des Jahres:

Halten wir uns kurz in diesem Punkt, denn Verknappungen prägen sich besser ein und es stimmt ja, was man sagt, oder wie Turbines Co-Trainer Dirk Heinrichs im Gespräch mit dem rbb sagte: "Die Tendenz im Frauenfußball ist so, dass es uns als reine Frauen-Fußballmannschaften irgendwann mal erwischt. Dass wir irgendwann mal den Anschluss verpassen an die Topmannschaften, die jetzt oben sind, die einen Männerverein über sich haben."

In den vergangenen sieben Saisons hieß der Meister der Frauen-Bundesliga entweder VfL Wolfsburg (fünf Mal) oder Bayern München (zwei Mal). In der aktuellen Tabelle liegen der VfL Wolfsburg, die TSG Hoffenheim und Bayern München auf den vordersten Plätzen. Der SC Freiburg, Bayer Leverkusen und der 1. FC Köln komplettieren das Bild.

Die Prognose für 2020:

Die Lehren des Jahres bestimmen demnach auch die Prognose. In den höchsten drei Profi-Ligen der Herren spielt kein Verein aus Brandenburg, ein Anschluss ist für Turbine also nicht möglich. Ein Umzug, etwa nach Berlin, ist vollkommen undenkbar. Also muss der Verein weiterhin den Weg beschreiten, den er unlängst eingeschlagen hat. Auf junge Spielerinnen setzen und aus ihnen Stück für Stück eine Mannschaft bilden, die alle paar Jahre um Titel mitspielen kann. Ehe das mehr an Geld, das den an Herren-Bundesligisten assoziierten Klubs zur Verfügung steht, das Konstrukt wieder zerbrechen lässt.

Das Gute ist: Turbine scheint diesen Weg mit Leben füllen zu können. Chef-Coach Matthias Rudolph ist nicht nur im Berufsleben nebem den Fußball Lehrer, sondern auch auf dem Rasen vor allem ein Ausbilder. Mit Erfolg.

Nach dem Stolperstart folgten fünf Siege in sechs Partien, wenn auch gegen nominell leichtere Gegner. Wird Turbine vom gröbsten Verletzungspech verschont, landet die Mannschaft am Ende auf Platz vier. Als bestes Team ohne Anbindung an einen Bundesligisten der Herren. Das mag einem gefallen oder nicht: Ein Erfolg wäre das allemal.

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1 Kommentar

  1. 1.

    Ich wünsche den 'Turbinchen' alles Gute für die Zukunft!

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