Union-Stürmer Anthony Ujah beim Torjubel. / imago images/Bernd König
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Audio: Inforadio | 04.12.2019 | Interview mit Anthony Ujah | Bild: imago images/Bernd König

Interview | Union-Stürmer Anthony Ujah - "Manchmal hast du das Gefühl, dass 100.000 Leute da sind"

Anthony Ujah kam im Sommer zu Union Berlin. Nun wartet auf den Stürmer ein besonderes Duell. Es geht gegen Köln - den Klub, für den er einst spielte und dem er seitdem sehr verbunden ist. Ein Gespräch über Teamgeist, Urs Fischer - und eine unvergessene Torhymne.

Anthony Ujah grinst. Immer breiter. Als wir ihm vor dem Interview den Kölner Karnevals-Klassiker "Denn Wenn Et Trömmelche Jeht" - gleichzeitig Torhymne beim FC - vorspielen, ist der 29-Jährige Stürmer von Union Berlin zunächst sicht- und dann auch hörbar begeistert. Nach ein paar Takten fängt er vorsichtig an mitzusingen. Es ist ein Moment, der bereits erahnen lässt, dass es für ihn am Sonntag (15:30 Uhr) gegen Köln kein Spiel wird wie jedes andere.

rbb24: Herr Ujah, die Kölner Torhymne haben Sie offenbar noch gut abgespeichert  - das scheint ganz tief in Ihnen drin...

Anthony Ujah: Ja, ich habe viele Tore im Rheinenergie-Stadion (Anm. d. Red.: Heimstätte des FC) geschossen - und meine Mitspieler natürlich auch. Diese Hymne zu hören, ist immer besonders. Das gilt auch für die, die vor dem Anpfiff gespielt wird. Jeder steht da mit seinem Schal oben. Das werde ich nie vergessen. Als Spieler bekommst du Kraft von solchen Aktionen.

Sie haben drei Jahre in Köln gespielt - und es ist spürbar, dass es für Sie im Rückblick noch immer emotional ist. Woran liegt das?

(denkt kurz nach) Es ist wie bei einem Mann und einer Frau. Du weißt nicht genau, warum du jemanden liebst. Aber sowas kommt von Herzen - langsam mit der Zeit. Deswegen ist das für mich auch heute noch ein spezieller Moment.

Sie sind auch häufiger noch in Köln, haben dort ein Haus. Wie oft sind Sie tatsächlich noch zu Besuch in der Stadt?

Wenn wir zwei, drei Tage frei bekommen, bin ich immer dort. Das ist nicht so oft. Aber im Sommerurlaub auch mal eine Woche. Im Winter bin ich in Nigeria. Aber ich versuche, immer wenn ich Zeit habe, nach Köln zu fliegen oder zu fahren.

Anthony Ujah packt beim Torjubel FC-Maskottchen Hennes an den Hörnern. / imago images/Thilo Schmülgen
Ujah packt 2015 beim Torjubel FC-Maskottchen Hennes an den Hörnern. | Bild: imago images/Thilo Schmülgen

Jeder kennt auch Ihren legendären Jubel damals mit dem Kölner Maskottchen - dem Geißbock Hennes. Die Bilder sind um die Welt gegangen. Sie haben ihn zuletzt besucht ...

Ja, ich war vor zwei Wochen mit meiner Familie im Zoo, als wir Länderspielpause hatten - und da wohnt auch Hennes. Es war schön, ihn zu sehen. (lacht)

Jetzt sind Sie seit Anfang der Saison bei Union, kennen das Umfeld mit seinen positiv verrückten Fans. Es ist - wie der FC - auch ein sehr emotionaler Verein. Was würden Sie sagen, wenn Sie die beiden Vereine vergleichen sollen?

Puh, das ist schwer. Es ist fast das Gleiche. Es gibt nicht viele Unterschiede. Beim FC ist das Stadion größer. Aber hier bei Union sind die Zuschauer sehr laut. Manchmal hast du das Gefühl, dass 100.000 Leute da sind - obwohl es eigentlich nur 22.000 sind. Sie sind sehr nah am Platz. Es wirkt manchmal fast so, als würden sie mitspielen. Beim FC sind sie ein bisschen weiter weg. Aber die Atmosphäre ist auch toll.

Einige Ihrer Teamkollegen haben uns in Interviews bereits gesagt: Was Union auszeichnet, sei die Ruhe. Egal, ob der Verein im Abstiegskampf steckt oder nicht. Ist das vielleicht etwas, das Union von Köln unterscheidet?

Ja. Das ist ein großer Unterschied. Auch wenn es nicht gut läuft, feiern die Fans uns immer. Wir haben das erste Spiel 0:4 verloren. Aber wenn jemand die beiden Vereine nicht kennt, denkt er, dass wir gewonnen haben. Das ist eine besondere Qualität der Fans. Und auch innerhalb der Kabine ist es immer ruhig. Wir unterstützen einander ohne Ende. Hier in Ruhe arbeiten zu können, auch wenn du schwere Zeiten hast, ist ein großer Faktor, warum wir bis jetzt sehr gut spielen und viele Punkte holen.

Welche Rolle spielt beim Thema Ruhe auch Ihr Trainer Urs Fischer?

Er ist ganz entscheidend dafür, dass wir immer am Boden geblieben sind - auch wenn wir in den Medien und überall wegen unserer 16 Punkte gefeiert werden. Wir haben das beim letzten Spiel auf Schalke sehr gut gemacht und gezeigt, dass wir mehr wollen und nicht zufrieden sind. Er (Anm. d. Red.: Urs Fischer) versucht uns immer daran zu erinnern, was wir gut gemacht haben. Er redet viel mit uns Spielern - auch mit denen, die nicht spielen oder nicht im Kader sind. Das ist gut für uns. Denn wir denken viel darüber nach: Warum spiele ich nicht? Warum bin ich nicht im Kader? Bei ihm bekommst du diese Informationen. Dadurch kannst du dich verbessern. Das finde ich sehr, sehr gut.

Ein anderer Erfolgsfaktor neben dem Trainer ist die Mannschaft selbst. Sie haben beim 2:0 gegen Gladbach getroffen und sind gleich danach zu Ihrem Teamkollegen Sebastian Polter gelaufen und haben ihn in den Arm genommen. Wie groß ist der Teamgeist bei Union - und wie wichtig ist er?

Wir machen viel zusammen und wir unterstützen einander. Die Spieler, die nicht spielen oder im Kader sind, sind immer bei uns in der Kabine. Vor und nach dem Spiel. Der Zusammenhalt ist ein wichtiger Faktor. Auch auf meiner Position. Wenn Sebastian (Anm. d. Red.: Polter)  spielt und ich nicht, schaue ich immer, was er besser machen kann. Und nach dem Spiel oder auch in der Pause reden wir darüber, wie wir uns verbessern können. So etwas findest du nicht in vielen Vereinen. Deshalb bin ich einfach froh, dass ich bei Union bin.

Wie sehr wünschen Sie sich aber, dass Sie - gerade jetzt am Sonntag gegen Köln - in der Startelf stehen?

Ich will natürlich von Anfang an spielen. Aber der Trainer entscheidet und er weiß, dass ich - egal, wie er entscheidet - immer bereit bin. Ob von Beginn an oder von der Bank. Ich möchte der Mannschaft helfen, wieder einen Dreier zu holen. Wir haben das letzte Spiel verloren und wollen nun direkt eine Reaktion zeigen.

Inwiefern wird es gegen Köln ein anderes Spiel als zuletzt gegen Gladbach oder auf Schalke?

Sie werden ohne Ende kämpfen. Da bin ich sicher. Sie brauchen nämlich Punkte - aber wir eben auch. Es ist schwer, zu Hause gegen uns zu spielen. Und wir wollen wieder zeigen, wie schwer es ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Stephanie Baczyk, rbb Sport.

 

Sendung: rbb UM6, 05.12.2019, 18 Uhr

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