Der Trainer des FC Energie Cottbus, Claus-Dieter Wollitz regt sich auf. (Quelle: imago/Matthias Koch)
Audio: Inforadio | 28.12.2019 | Andreas Friebel | Bild: imago/Matthias Koch

Jahresrückblick | Energie Cottbus - Gemeinsam ohne Wollitz

Beim Blick auf die Regionalliga-Tabelle klingt das zwar sehr drastisch, doch 2019 könnte sich für Energie Cottbus rückblickend als Schicksalsjahr erweisen. Warum es in der Lausitz bald schon kriseln könnte und was dennoch gut lief im vergangenen Jahr. Von Andreas Friebel

Die emotionalen Highlights

Das Beste kommt bekanntermaßen immer zum Schluss. So war es für Cottbus auch 2019. Am letzten Spieltag gewannen die Lausitzer gegen die Youngsters von Hertha BSC, stehen auf Tabellenplatz 1 der Regionalliga Nordost und haben zwei Punkte Vorsprung auf Verfolger Lok Leipzig.

Besonders die Art und Weise, wie Energie die mit zahlreichen Bundesliga-Profis (Torunarigha, Esswein, Duda, Leckie) verstärkte Hertha nach 0:1-Rückstand bezwang, beeindruckte. "Meine Mannschaft hat deutlich mehr Talent als die Aufstiegsmannschaft 2018", lobte der damalige Trainer Claus-Dieter Wollitz in den vergangenen Wochen immer wieder. "Es fehlt uns aber die Zeit, diese junge Mannschaft zu entwickeln. Um um den Aufstieg mitspielen zu können, brauchst du auch erfahrene Spieler, an deren Seite die Jungen wachsen können." Deshalb verhandelte Wollitz bis kurz vor Weihnachten mit neuen Spielern. Doch dann warf er plötzlich hin. Inzwischen hat Nachwuchsleiter Sebastian König übergangsweise die Aufgaben von Wollitz übernommen, der wiederum beim 1. FC Magdeburg anheuerte.

Das zweite Highlight war die erste Runde im DFB-Pokal gegen Bayern München. Anfang August durfte die Lausitz noch einmal für 90 Minuten Bundesliga-Luft schnuppern. Die Stadt und eine ganze Region wähnten sich für kurze Zeit zurückversetzt in die goldene Ära des FC Energie. Über 20.000 Zuschauer feierten Cottbus, obwohl sich die Bayern mit 3:1 durchsetzen. Berkan Taz sorgte vom Elfmeterpunkt für den Ehrentreffer: "Dieser Abend war unglaublich. Wie die Fans uns nach jedem Ballgewinn nach vorn gepeitscht haben, habe ich noch nie erlebt."

Der Tiefpunkt des Jahres

Der 18. Mai 2019 ist der Tag, an dem das Kapitel 3. Liga für Energie Cottbus schnell wieder zu Ende geht. Nach nur einem Jahr mussten die Lausitzer absteigen. Am 38. Spieltag fehlte dem Team von Claus-Dieter Wollitz lediglich ein Tor zum Klassenerhalt. "So ist Sport", lautete die knappe Feststellung des Trainers nach dem bitteren 1:1 in Braunschweig. "Wir haben in den letzten Spielen alles reingeballert, was wir hatten."

Cottbus holte auf der Zielgeraden der Liga aus fünf Spielen zehn Punkte. Damit kämpfte man sich wieder über den Strich, nachdem man zwischenzeitlich fünf Punkte Rückstand auf Rang 16 hatte. "Und trotzdem sind wir abgestiegen. Egal ob ein Tor gefehlt hat oder zehn", so Lasse Schlüter damals. Dieser Abstieg war der Anfang vom Ende für Trainer Wollitz.

In den letzten Tagen seiner Amtszeit machte er deutlich, dass ihn große Teile der Klubspitze allein für den Absturz verantwortlich machten. Wie groß das Zerwürfnis zuletzt gewesen sein muss, zeigt auch die kurze Pressemitteilung zu seinem Abschied. Nach dreieinhalb Jahren in Cottbus, widmete man ihm nüchterne sechs (!) Zeilen - ohne Zitat eines Klubverantwortlichen. Immerhin hielt Präsident Werner Fahle bis zum Schluss zu ihm. Drei Tage nach de Rücktritt von Wollitz ging aber auch er.

Der Typ des Jahres

Auch wenn Claus-Dieter Wollitz nicht zu der Kategorie "pflegeleichter Trainer" gehört, war er doch DIE Sportkompetenz im Klub. Dass er nach dem ersten Abstieg in die Regionalliga (2016) Cottbus zurück in die dritte Liga führte, war sein Verdienst. Und dass er nach dem zweiten Abstieg erneut eine Mannschaft zusammenstellte, die im Dezember erstmals die Tabellenführung übernahm, spricht für seine Arbeit.

Noch deutlicher wird das beim Blick auf die Vereine, mit denen Energie einst abstieg. 2016 mussten neben den Lausitzern auch die Stuttgarter Kickers und die zweite Mannschaft des VfB Stuttgart absteigen. Beide Klubs spielen heute nur noch in der fünftklassigen Oberliga. 2019 traten auch noch Lotte, Fortuna Köln und Aalen den Gang in die Viertklassigkeit an. Keiner der drei Vereine hat gegenwärtig auch nur eine kleine Aufstiegschance.

Und trotzdem brodelt es in Cottbus schon seit Monaten. "Ich stelle mich immer vor die Mannschaft. Aber wer stellt sich vor mich?", fragte Wollitz Anfang Dezember, als es um seine Vertragsverlängerung ging. "Ich muss meinen Kopf immer hinhalten und werde von einigen Personen für den Abstieg verantwortlich gemacht. Dabei hat dieser Abstieg viele Gründe."

Schon 2018 tobte im Hintergrund ein Machtkampf im Verein. Leidtragender damals: Ex-Präsident Michael Wahlich. Erst nach seinem Abschied wurde der Vertrag mit dem wichtigsten Sponsor verlängert. Danach wurde auch Geld freigegeben, um in der Winterpause noch Spieler zu verpflichten. Im Sommer 2018 war das Geld nicht da. "Was wäre möglich gewesen, wenn wir Leute wie Jürgen Gjasula schon zum Saisonstart in Cottbus gehabt hätten", fragte Wollitz in einer seiner letzten Pressekonferenzen. Eine mögliche Antwort: Energie wäre wohl nicht abgestiegen und Wollitz noch immer Trainer bei den Lausitzern.

Die Lehre des Jahres

Es geht nur gemeinsam! Wirklich neu ist diese Erkenntnis für den Standort Cottbus nicht. Denn schon 2018 hat sich rund um den Abschied von Michael Wahlich gezeigt, dass Klubgremien, Sponsoren und Trainerstab gut beraten sind, dem sportlichen Erfolg alles unterzuordnen. Dass Energie wegen eines Tores wieder in die vierte Liga musste, ist auch darauf zurückzuführen, dass Einigkeit fehlte. Dass nun ein Jahr später Wollitz und der neue Präsident Fahle in den Brennpunkt klubinterner Querelen rückten, zeigt, dass aus der Vergangenheit nichts gelernt wurde.

Die Prognose

Viel wird vom neuen Trainer abhängen. Prognosen sind deshalb schwierig. Die Chance, die Saison auf Rang eins zu beenden, ist aber durchaus da. Das Team ist inzwischen eingespielt. 14 Ligaspiele ohne Niederlage sprechen eine deutliche Sprache. In der Winterpause sollen drei neue Spieler kommen. Das passiert auch mit Blick auf mögliche Aufstiegsspiele im Mai 2020 gegen den Meister der Regionalliga West.

Doch über dem sportlichen Erfolg schwebt die schwierige wirtschaftliche Lage. Der Klub hat etwa sechs Millionen Euro langfristige Verbindlichkeiten. Dazu kommen weitere, große Baustellen. Der Unterhalt des vereinseigenen Stadions kostet jährlich weit über eine Million Euro. Gespräche mit der Stadt, Energie dabei zu unterstützen, laufen.

Ob wirklich Hilfe kommt, ist aber fraglich. Dass der Vertrag mit dem Hauptsponsor, der Sparkasse Spree-Neiße, am Saisonende ausläuft, ist inzwischen bekannt. Ob und zu welchen Konditionen er verlängert wird, ist offen. Im schlimmsten Fall droht Energie der Ausfall von über einer Million Euro. Dazu kommt, dass Cottbus 2020 nicht im lukrativen DFB-Pokal spielt. Die Lausitzer stehen vor einer ungewissen finanziellen Zukunft, die schon bald Auswirkungen auf den sportlichen Erfolg haben könnte.

Beitrag von Andreas Friebel

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6 Kommentare

  1. 6.

    Ja, ja... alle sind ja sooooo neidisch auf Cottbus.
    Alle Vereine haben immer nur in CB verloren und erfreuen sich deswegen am Niedergang.
    Der Verein und die Fans haben nie etwas falsch gemacht.

  2. 5.

    Mein Verein hat mal gegen Energie verloren und das ärgert mich sehr!

  3. 4.

    Völlig richtig.
    Man sollte das Stadion der (kaum vorhandenen) Freundschaft endlich rückbauen um Kosten zu sparen.

  4. 3.

    Wieso verraten?

    So ist das Geschäft. In Cottbus werden in Zukunft kleinere Brötchen gebacken. Ob die Sparkasse, der Sponsoring Vertrag läuft aus, ab der neuen Saison in gleichen Maße Geld gibt, ist mehr wie zweifelhaft. Die Leag geht im Zuge des Braunkohle-AUS aus der Lausitz raus. Wer soll denn Energie sponsern? Bleibt eigentlich nur der Mittelstand, daher wird Energie in Zukunft keine Rolle mehr im Profifußball spielen. Zumal das Stadion im Jahr 1Mio.€ kostet und man ca. 6Mio.€ langfristige Verbindlichkeiten hat.

    Wacker Nordhausen lässt grüßen!

    Bleibt eigentlich nur die Einsicht, mehr wie 4. Liga ist in der Lausitz nicht mehr möglich! Das wusste Wollitz und zog daraufhin seine Konsequenzen.

  5. 2.

    Gute Einschätzung von Herrn Friebel. Wollitz hat.Cottbus verraten.Der Deal mit Magdeburg war schon im November klar, da fing er nämlich an zu stänkern! Vielleicht holt er ja zur Winterpause noch einige Energiespieler nach Magdeburg…

  6. 1.

    Bitte mal bei You Tube anschauen: "FC Energie Wintertalk 2019" vom 15.12.2019. Dann darf sich dazu jeder seine Meinung bilden. Da wurden noch Pläne mit seinen Schützlingen geschmiedet. Zu diesem Zeitpunkt war sicherlich der Deal mit Kallnick/1.FCM längst eingefädelt.

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