Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann. / imago images/Contrast
Audio: Inforadio | 20.01.2020 | Jakob Rüger | Bild: imago images/Contrast

0:4-Pleite gegen Bayern - Herthas Realität heißt Abstiegskampf

Verbal spielte Hertha im Wintertrainingslager schon mit den Großen. Auf dem Platz gab es gegen Bayern aber eine heftige Niederlage. Eine zahnlose Offensivleistung bereitet Sorgen, während die Kommentare des Trainers aufhorchen lassen. Von Till Oppermann

Kurz nach Abpfiff des Bundesligaspiels gegen den Münchener Rekordmeister herrscht eine seltsame Stimmung unter den Herthanern im Berliner Olympiastadion. Viele hatten schon vor dem Ende des Spiels den Heimweg angetreten, die Verbliebenen reagieren still auf die deftige Niederlage zum Rückrundenauftakt.

Zwar werden die Spieler beim obligatorischen Gang Richtung Kurve nicht ausgepfiffen, auf eine aufmunternde Reaktion der Fans warten sie allerdings ebenso vergeblich. Selbst in die Hymne will keiner so richtig einstimmen. Das stoische Schweigen wirkt ebenso ratlos wie Herthas Auftritt in der zweiten Hälfte.

Die Abwehr soll's richten

Seit Jürgen Klinsmanns Amtsantritt steht fußballerisch vor allem eines im Fokus: eine stabile Defensive. Mit Erfolg, denn seit der Niederlage beim Debüt gegen den BVB war Hertha ungeschlagen. Vor dem Bayern-Spiel war die Vorgabe des Trainers klar: "Unser Augenmerk liegt darauf, dass wir sehr kompakt agieren, die Räume zuschieben und denen wenig Platz geben." Es winkte ein Vereinsrekord. Zum ersten Mal in Herthas Bundesligageschichte hätte man vier Mal in Folge zu Null gespielt.

Ohne Frage eine starke Serie, als Plan gegen eine der besten Offensiven der Liga aber zu wenig. In dieser Saison erzielt der FCB bisher in jedem Spiel mindestens ein Tor. Wer da etwas Zählbares holen möchte, muss also mindestens einmal selbst treffen. Auch Klinsmann schien das bewusst zu sein: "Heute ging es gegen einen Gegner, der aus dem Nichts ein Tor machen kann."

"Uns fehlt der enorme Wille"

Trotzdem gelingt es Hertha vor ausverkauftem Haus nie, die Bayern ernsthaft in Gefahr zu bringen. Auch in der besten Phase der Gastgeber ab der 15. Spielminute entstehen die wenigen Torchancen eher zufällig. Auf ein geordnetes Aufbauspiel, beispielsweise über den Neuzugang Santiago Ascasibar, warten die knapp 75.000 Zuschauer vergeblich. Laut Klinsmann nicht in erster Linie ein taktisches Problem: "Da fehlt uns der enorme Druck und der enorme Wille." Das wolle man nun im Training noch intensiver angehen.

Vielleicht sollte da auch der Trainer genau aufpassen. Zumindest am Sonntag fehlt ihm der Glaube: "Wir haben vor dem Spiel klar gesagt: Wenn wir einen Punkt holen, ist das klasse. Ein Dreier wäre Wahnsinn." Eine mutlose Floskel, die nicht zu Herthas letzten sechs Liga-Duellen mit dem Rekordmeister passen will. Vier Unentschieden, ein Heimsieg, eine knappe Niederlage in München beweisen: Bayern ist angreifbar.

Jordan Torunarigha und Marvin Plattenhardt enttäuscht nach Herthas klarer Niederlage gegen Bayern. / imago images/Contrast
Enttäuschung bei Jordan Torunarigha und Marvin Plattenhardt. | Bild: imago images/Contrast

Hertha lässt die Aggressivität vermissen

Dabei erwartet niemand, dass Hertha feldüberlegen das Spiel diktiert. Auch Ex-Coach Pal Dardai legte stets Wert auf eine stabile Defensive. Gleichzeitig lebten seine Mannschaften von eben jenem "enormen Willen". Auch gegen den Ball lässt Hertha diesen am Sonntag vermissen. Kompakt gestaffelt ziehen sich die Blau-Weißen zurück. Pressing ist quasi nicht existent. Den Bayern sollen die Flügel überlassen werden, Hertha macht die Mitte eng und versucht im ersten Durchgang die teilweise inspirationslosen Flanken der Gäste zu klären.

Sobald die Münchener nach dem Seitenwechsel das Tempo anziehen, schwimmt Hertha. Nach Chancen im Minutentakt trifft schließlich Thomas Müller. "Nach dem ersten Tor wurde es dann sehr schwer", konstatiert der wiedermal glücklose Davie Selke. Kurz darauf fällt nach einem Elfmeter das 0:2. Klinsmann zufolge habe das seiner Mannschaft "das Genick gebrochen." Die Hertha ergibt sich jetzt ihrem Schicksal. Am Ende haben die Münchener 63 Prozent Ballbesitz und sind trotzdem vier Kilometer mehr gelaufen.

Klünter legt den Finger in die Wunde

"Wir haben zu viel Kraft in der Defensive gelassen", entschuldigt sich Lukas Klünter für das fehlende Aufbäumen. Klar, jeder Fußballer weiß: Verteidigen ist anstrengend. Die 113,1 Kilometer, die Hertha am Sonntag insgesamt zurücklegt, bedeuten allerdings im Bundesliga-Durchschnitt nur Platz 16. Und das, nachdem Hertha als erste Mannschaft in die Rückrundenvorbereitung startete und im Trainingslager die Fitness in den Fokus rückte. Nicht unbedingt die Navy-Seal-Attitüde, von der Performance Manager Arne Friedrich träumt.

Sowieso sollte man bei Klünters Aussagen genau hinhören. Der sagt, anders als sein Trainer, was sich Hertha im Spiel nach vorne wünscht: "Wir haben uns vorgenommen, über die Außen zu kommen, das hat bedingt geklappt." Und ist trotzdem der richtige Ansatz. Die größte individuelle Klasse der Offensivakteure besitzen Javairo Dilrosun und Dodi Lukebakio. Besonders im Eins gegen Eins können sie jeden Verteidiger in der Bundesliga vor Probleme stellen. Um diese Klasse auszuspielen, brauchen sie allerdings häufiger den Ball im gegnerischen Drittel.

Ein Transfer könnte helfen

Davon würde auch Davie Selke profitieren. Bisher hat Herthas Sturmspitze erst ein Tor erzielt. Er hängt sich rein, braucht allerdings zu viele Chancen für einen Treffer. Auch am Sonntag stimmt sein Einsatz. Seine vier Abschlüsse stellen für Manuel Neuer im Bayern-Tor jedoch zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr dar.

Die zahlreichen Transfergerüchte der vergangenen Wochen drehen sich vor allem um Mittelfeldspieler. Vielleicht sollte Manager Michael Preetz die letzten Tage des Transferfensters lieber für die Suche nach einem effizienteren Stürmer nutzen. Selke selbst kündigt an: "Wir wollen unseren Weg fortfahren." Statistisch gesehen würde das bedeuten, dass sich Hertha weiter wenige Torabschlüsse erspielt. Mit 175 Versuchen sind die Berliner abgeschlagenes Liga-Schlusslicht. Keine guten Voraussetzungen, bedenkt man, dass der Vorsprung auf den Relegationsplatz nur zwei Punkte beträgt.

Sendung: Inforadio, 20.01.2010, 06:15 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

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14 Kommentare

  1. 14.

    Danke für diesen Kommentar. Ich hatte schon befürchtet, hier schreiben nur Leute, die negativ eingestellt sind und sich vor Schadenfreude die Hände reiben.

  2. 13.

    Abend ich finde einige hier sehn nicht ganz die Fakten!
    1.Es hat nie einer jetzt von einen europäischen Wettbewerb gesprochen,sondern das es das Ziel ist un den kommenden Jahren! Das die im Abstiegskampf sind wissen die seid spätestens Klinnsmann trainer geworden ist.
    2.Ich weiss nicht warum sich jetzt beschwert wird zur Halbzeit konnte man in den sozialen Medien lesen wie gut se defensiv gegengehalten haben,das gegen Bayern kein offensiv fussball gespielt werden kann sollte jeden der Abstiegskampf kennt und gegen so eine Qualitätiv starke Mannschaft spielt verständlich sein. Das es nicht gereicht hat war Unvermögen der Spieler.
    3.Solltet ihr vllt auch mal die fantalks bei Facebook und in den fanlagern verfolgen...
    Ja die brauchen einen offensiven Stürmer aber woher nehmen und genauso braucht man die zentralen Mittelfeldspieler die da für Stabilität sorgen und Angriffe aufbauen das ist das woran es nunmal hakt.

  3. 12.

    Es ist aber ein entscheidender Unterschied, ob man den Abstiegskampf annimmt oder nicht.

  4. 10.

    Ich bin seit meiner Kindheit Hertha BSC Fan, kein Ultra, kein Eingefleischter, kein Fanatiker. Gehe ab und an ins Stadion, jedoch verfolge ich jede „Hertha Aktivität“. Hertha soll doch bitte die Träumereien von einem Champions League Platz lassen, dass hilft jetzt im Abstiegskampf keinem! Ein völlig falscher Zeitpunkt! Es sollte eher heißen, Jungs wir sind da unten drin, wir kommen da nur gemeinsam raus, sichern uns die 1. Liga! Das ist erste Priorität! Alles was danach kommt, muss analysiert werden. Auch was Manager Preetz angeht. Wieviele Fehleinkäufe kann man sich denn noch erlauben? Gibt es bei Hertha keine professionellen Scouts mehr? Haben die Leute kein Gefühl, welcher Spieler in das Spielsystem passt? Zusammenhalt ist Professionalität und kann mit Geld nicht erkauft werden. Bei Dardai hätte auf Dauer etwas zusammenwachsen können. Step by Step! Wie Streich in Freiburg! Aber Hertha hat eben noch nie Geduld gehabt und dann immer wieder die falschen Entscheidungen getroffen!

  5. 9.

    Einsatz, Wille, Kampf, Schmerzgrenze. Emotion alles hat gestern bei Hertha gefehlt.
    Zu 90% verliert die Mannschaft, die weniger läuft als die andere...
    Wer gegen Bayern gewinnen will muß da umso mehr investieren...wesentlich mehr...
    Jeder Fan verzeiht ein verlorenes Spiel wenn die Mannschaft alles gegeben hat...
    Und von der Bank kam garnix... keine neuen Anweisungen nach dem 0:1...
    Kein Anweisungen nach dem 0:2...auch nicht nach dem 0:3...da ist noch nicht mal jemand aufgestanden...
    Wirkte wie weggeschenkt.
    Schade.

  6. 8.

    Eigentlich ist es doch egal, ob hier von Hertha oder Union gesprochen wird. Beide Mannschaften sind auf Dauer nicht Erstligatauglich und daran wird sich auch nichts ändern. Berliner Mannschaften können es eben nicht, das hat die Vergangenheit der letzten Jahrzehnte doch gezeigt. Union gibt sich Mühe, da fehlt das Geld, Hertha hat seit Jahren eine Führungsriege, die sofort ausgetauscht werden muss. Da hilft auch ein Herr Klinsmann nicht weiter, der auch schon bedenkliche Sprüche von sich gibt.

  7. 7.

    Der Bayern-Sieg hätte durchaus zweistellig sein können.
    In einem Punkt liegt der Charlottenburger Verein aber auf jeden Fall landesweit auf Platz eins: Große Sprüche klopfen.
    In der Realität sollte Hertha Windhorst BSC vielleicht mal bei RB Leipzig nachfragen wie hunderte Millionen Euro sinnvoll einsetzt werden können um wenigstens den Klassenerhalt zu schaffen :-)

  8. 6.

    Es macht am Ende keinen Unterschied, ob man gekämpft und deutlich verloren hat, oder ob man (zumindest in HZ zwei)nichts mehr zuzusetzen hat. 0 Punkte sind 0 Punkte. Auch Paderborn nutzt sein Wille herzlich wenig, wenn man nichts Zählbares mitnimmt. Aber manche sprechen Union ja gerne heilig. :D

  9. 5.

    "...des altgedienten Bundesligaclubs Hertha. "
    was bedeutet "altgedient" für Sie, kann mich an Zeiten erinnern da spielte die Hertha ganz lustig in der 2. Liga.
    Ich denke dass es bei den Spielern noch nicht im Kopf angekommen ist, dass derzeit der Klassenerhalt die Hauptaufgabe ist. Der Name Klinsmann allein wird nicht weiter helfen.

  10. 4.

    Wer schlecht spielt, spielt eben schlecht, wenn man sich mal die Interviews der Hertha-Verantwortlichen zu Gemüte zieht - war es gemessen daran - schlecht.
    Wenn man Bescheidenheit in Aussagen und die Reaktionen darauf als Speichelleckerei bezeichnet, muss man schon ziemlich eingefleischter Fan ohne Weitsicht sein.
    Schauen Sie sich doch mal die Reden der Clubverantwortlichen beider Vereine an und legen sie aneinander - da merken auch Sie, dass eine Seite mit bescheideneren Vorstellungen in die Rückrunde geht, als die andere Seite - die jetzt im Abstiegskampf schon an die CL denkt.
    Bei allem Respekt: aber das ist schon ein wenig arrogant und traumtänzerisch - oder nicht?

  11. 3.

    Es ist richtig, dass Union verloren hat. Allerdings nicht "heftigst". Im Vergleich zum Hinrundenspiel hat sich Union deutlich weiterentwickelt. Diese Entwicklung ist bei Hertha nicht zu sehen. Und der entscheidende Unterschied ist, dass Union bis zum Abpfiff gekämpft hat. Hertha hat sich den Bayern ab der 65min fast kampflos ergeben.

  12. 1.

    Hertha wird das zusammen mit Klinsmann schon schaffen!

    Das, was nervt, ist das permanente Union - Hochgejubele und die damit verbundene Speichelleckerei des nun endlich mal aufgestiegenen Zweitligaclubs und das permanente Schlechtgerede des altgedienten Bundesligaclubs Hertha.

    Also bitte mehr Ausgewogenheit. Schließlich hat Union am Wochenende auch heftigst verloren.

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