Jürgen Klinsmann filmt mit seinem Handy bei seiner Premiere als Hertha-Trainer (Quelle: imago images/Nordphoto)
Audio: Inforadio | 15.01.2020 | Dennis Wiese | Bild: imago images/Nordphoto

Teamcheck vor dem Rückrundenstart - Hertha und der Klinsmann-Spagat

Hertha BSC will in den kommenden Jahren groß rauskommen, muss aktuell aber gegen den Abstieg kämpfen. Dieser spannende Spagat soll mit Jürgen Klinsmann gelingen. Der Trainer setzt auf sehr spezielle Methoden. Von Dennis Wiese

So lief die Hinrunde

Enttäuschend bis katastrophal. Nach viereinhalb Jahren unter Trainer Pal Dardai wurde Fußball mit den Attributen "sicher" und "kompakt" der Geschäftsführung zu bieder. Herthas Chefetage wollte stattdessen"ansehnlich" und "offensiv". Ante Covic, wie Dardai ein früherer Hertha-Profi und -Jugendtrainer, sollte den Neustart vorantreiben. Daraus wurde nichts.

Nach einem Auftakt der Marke "alle Achtung", einem 2:2 beim FC Bayern, setzte es drei Niederlagen am Stück. Die Mannschaft: verunsichert, planlos, Tabellenletzter. Auch eine Siegesserie gegen formschwache Paderborner, Kölner und Düsseldorfer brachte keine Stabilität.

Hertha-Coach Ante Covic
Musste nach nur wenigen Monaten als Hertha-Coach gehen: Ante Covic. | Bild: imago images / Nordphoto

Die Kompaktheit der Dardai-Jahre war dahin, die erhoffte Belebung der Offensive fand nie statt. Hertha verlor auch das erste Berliner Bundesliga-Derby seit 42 Jahren: Beim 1. FC Union gab es eine 0:1-Niederlage. Nach einem 0:4-Debakel in Augsburg wurde Ante Covic Ende November erlöst.

Der Trainer-Nobody wurde durch einen Coach mit weltweiter Strahlkraft ersetzt: Jürgen Klinsmann. Der brachte Leidenschaft und Kompaktheit zurück in die Mannschaft. Hertha holte unter dem früheren Bundestrainer acht Punkte aus fünf Spielen, blieb dreimal ohne Gegentor.

Wer kommt, wer geht?

Geld ist ausreichend da. Dank der 224 Millionen Euro, die Investor Lars Windhorst in den Verein gesteckt hat. Mehr als 100 Millionen Euro davon sind in den kommenden Jahren für neue Spieler eingeplant.

Hertha hat die Hoffnung, mit viel Geld und einem Jürgen Klinsmann auf der Trainerbank (oder Hinterhand) große Namen nach Berlin locken zu können: Mario Götze, Julian Draxler oder Emre Can wurden in diesem Winter bereits gehandelt. Nationalspieler und Kicker, die regelmäßig in der Champions League auflaufen, sollen es künftig sein. Besonders heftig war der Flirt mit dem früheren Gladbacher Granit Xhaka vom FC Arsenal.

Die Realität bei den Neuzugängen sieht bislang anders aus: Kein Granit, eher ein Kieselstein wurde geholt: Santiago Ascacíbar kam vom VfB Stuttgart aus der 2. Bundesliga. Für den kleinen, bissigen Argentinier hat Hertha rund 12 Millionen Euro gezahlt. Ascacíbar hat in zweieinhalb Stuttgarter Jahren stolze 22 Gelbe Karten gesehen. Dazu kam einmal Gelb-Rot und eine Rote Karte inklusive sechswöchiger Sperre, weil er Leverkusens Kai Havertz angespuckt hat. Um es positiv zu sehen: Diese Galligkeit fehlte Herthas Mittelfeld bislang.

Der Verein fahndet weiter nach namhaftem Personal in allen Mannschaftsteilen. Priorität hat ein zentraler Mittelfeldspieler. Weil Xhaka nun wohl doch lieber in London bleiben möchte, geht die Suche weiter. Lucas Tousart von Olympique Lyon gilt als Kandidat.

Bei den Abgängen zeigt Jürgen Klinsmann, dass er wenig von Verdiensten vergangener Tage hält: Salomon Kalou, einer der erfolgreichsten Torjäger der letzten Hertha-Jahre und als lustiger Vogel und Team-Player eigentlich kaum wegzudenken, kann sich einen neuen Verein suchen. Dafür wurde er vom Training frei gestellt.

Ondrej Duda, Top-Scorer der letzten Saison, wurde an Norwich City in die englische Premier League verliehen. Eduard Löwen, erst im Sommer als großes Mittelfeldtalent für sieben Millionen Euro aus Nürnberg gekommen, wurde, ebenfalls auf Leihbasis, nach Augsburg abgeschoben. Auch Nachwuchsmann Sidney Friede wurde aussortiert.

Der Trainer

Hertha setzte lange auf interne Lösungen. Pal Dardai hatte als Rekordspieler und langjähriger Jugendtrainer die "Hertha-DNA". Ebenso sein Nachfolger Ante Covic, der im Sommer übernahm. Beide trugen einst gemeinsam mit Michael Preetz das blau-weiße Trikot. Der wiederum ist seit zehn Jahren Manager des Vereins. Die "Cliquenwirtschaft" hat ihre Vorteile, lähmte zuletzt aber jegliche Weiterentwicklung.

Und dann kam Jürgen Klinsmann. Wie einst beim Deutschen Fußball-Bund und dann beim FC Bayern München hat dieser Mann alles verändert. Dabei ist er noch nicht einmal zwei Monate im Amt. Schon bei der Vorstellung seines Trainerteams wurde eher groß aufgefahren: Der frühere Werder-Coach Alexander Nouri wurde sein Assistent und brachte seinen Co-Trainer Markus Feldhoff mit.

Teammanager Arne Friedrich und Hertha-Coach Jürgen Klinsmann
Hertha-Trainer Klinsmann und Performance-Manager Friedrich im Austausch. | Bild: imago images / Matthias Koch

Für die ersten Wochen coachte Andreas Köpke Herthas Torhüter, das ehemalige Hertha-Urgestein Arne Friedrich wurde als neuer "Performance Manager" installiert, das Schleifen der müden Profis übernimmt nun Werner Leuthard, Oberleutnant a.D., der einst unter Felix Magath die Profis in Stuttgart, München, Wolfsburg und Schalke fit machte.   

Im Wintertrainingslager in Florida bekam man eine Idee vom "Klinsi way of life": Täglich gab es nur eine Trainingseinheit (üblicherweise sind es zwei), diese dauerte dann gut zwei Stunden (üblicherweise sind sie deutlich kürzer). Stammspieler und Reservisten übten größtenteils getrennt voneinander. Statt gemeinsamer Rafting-Touren oder ähnlicher Ausflüge, die in Trainingscamps gern gemacht werden - Stichwort: "Teambuilding" - konnten die Profis ihre Freizeit frei einteilen. Auch die Ernährung, bislang bei Hertha akribisch gesteuert, blieb jedem Spieler selbst überlassen. Nur die bei Spielern so beliebte Jogginghose hat Klinsmann auf Reisen zu Auswärtsspielen verboten.

Ansonsten setzt Klinsmann auf die lange Leine und nebenbei auf neue Medien. Der Chef selbst oder ein Kicker sitzt regelmäßig vor dem Computer, um sich im Video-Live-Chat mit den Fans auszutauschen.  

Erwartungen an die Rückrunde

Die letzten Spiele vor der Winterpause haben Klinsmanns Notfallplan-Fußball verdeutlicht: Kompakt stehen und dann über die schnellen Außenbahnspieler auf Angriff umschalten. Mit diesem wiederentdeckten Dardai-Fußball will Hertha zunächst die Klasse halten. Nur vier Punkte trennen die Berliner aktuell vom Relegationsplatz. Das anspruchsvolle Auftaktprogramm hält Bayern München (H), den VfL Wolfsburg (A) und Schalke 04 (H) bereit. Sicherheit kann da nicht schaden.

Hertha hat als erste Bundesliga-Mannschaft das Training wieder aufgenommen (bereits am 29. Dezember). In dieser Zeit wurde erstaunlich wenig am Spielerischen gearbeitet. Stattdessen setzt Klinsmann auf Fitness. Am Ende der langen, kräftezehrenden Einheiten hat Schleifer Leuthard stets die besonders fiesen Übungen ausgepackt. Hertha wird vorerst weiter auf kompaktes Verteidigen und schnelles Umschalten setzen. Und auf konditionelle Vorteile hoffen.

Schritt für Schritt will Klinsmann dann mehr Offensive und Dominanz. Ob und wann das gelingt, wird auch davon abhängen, wer bis zum 31. Januar noch nach Berlin wechselt.
Hertha muss den spannenden Spagat zwischen Abstiegskampf und "Big City Club" (Investor Lars Windhorst) und "größenwahnsinnigen Zielen" (Performance-Manager Arne Friedrich) schaffen. Möglichst schnell will der Verein international spielen. Der  "Klinsi way of life" soll den Weg ebnen.

Sendung: Inforadio, 15.01.2020, 10:15 Uhr

Beitrag von Dennis Wiese

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8 Kommentare

  1. 8.

    Vielleicht sollte man Klinsi erstmal eine chance geben bevor man ihn schon gleich am anfang tot redet,wenn er es nicht schaffen sollte kann man ja berhuigt nachtretten wie immer! Ich bin erstmal foh das wir jemanden bei der Hertha haben ,der versucht den BSC ein neues gesicht zu geben !!!!! Mit meine 56 Jahren hab ich genug mittelmass der Hertha erlebt!!! Und das als weltstadt club !!! Jeder andere Verein in der ersten liga hatt in der zeit mehr titel eingefahren als die alte dame !!!! Grausam aber wahr!!! Von Kosdedde bis Arne Meier ist ne menge Zeit vergangen und bis jetzt war Hertha unterirrdisch mittelmass.Traurig aber wahr........................wird zeit das was neues grosses passiert ,wenn nicht jetzt wann dann!?! Also "pro Hertha " ..........................Ha Ho He.............;)O............und morgen machen wir die Bayern platt.........lol

  2. 7.

    @plumpe, noch so eine qualifizierte und fachmännische Beurteilung. Da spricht doch nicht etwa der pure Neid. Wer leistet sollte auch dafür etwas bekommen.

  3. 6.

    Schlimm..absteigen werden sie nicht!! Aber der 3.o.4.Tabellenplatz ist auch nicht drin in dieser Saison!!Und diese Namen die gehandelt werden das hört sich nach 244 Millionen verballern an..So ein Team muss wachsen und nicht zusammen gekauft werden!! Aber ich drücke der Hertha die Daumen das es alles so klappt wie man sich das vorstellt..Und freu mich auf die Rückrunde und auf Schaaaalkeeeee!!!!

  4. 5.

    Bertha,wusstest Du nicht das der schwäbische Bäckersohn wo es geht die Hand aufhält und einen Lebensvertrag mit Adidas hat. Mit 20 beim Vfb fuhr er mit Käfer zum Training und im Keller stand der Ferrari.
    Das passt 100% zum bw Chaosclub.

  5. 4.

    Klinsmann ist mitnichten Trainer. Er ist vielmehr "Head of staff", so wie er es aus den USA gewohnt ist. Die eigentliche Arbeit machen andere, nämlich Nouri, Steinborn und Friedrich. Das Konzept hat er schon während seiner Zeit bei der Nationalmannschaft angewandt und ist bisher gut damit gefahren. Solange das keiner entlarvt bzw. ihm das von niemandem vorgehalten wird, wird er auch weiter Geld für seine schauspielerischen Leistungen kassieren.

  6. 2.

    @Steffen, wirklich eine qualifizierte Äußerung da sieht man den wahren Fachmann.

  7. 1.

    Das Foto zeigt den Vertreter der Adidas-Werbung, der im Nebenberuf Trainer ist.

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