Hartha-Coach Jürgen Klinsmann mit seinen Co-Trainern Alexnader Nouri und Markus Feldhoff. / imago images/Matthias Koch
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Hertha in Wolfsburg - Wege aus der Torflaute am Ort der größten Schmach

Sie haben ehrgeizige Ziele, doch aktuell kämpft Jürgen Klinsmann mit Hertha BSC um den Klassenerhalt. Die 0:4-Pleite gegen die Bayern hat die Sorgen vermehrt. In Wolfsburg hofft der Trainer auf eine Entladung der Wut - durch die "richtigen Kanäle". Von Astrid Kretschmer

Abstiegskampf sei nervenaufreibend, sagte Jürgen Klinsmann nach dem mutlosen Auftritt seiner Mannschaft gegen den FC Bayern. Und nicht wenige hatten den spontanen Entschluss des Hertha-Trainers, die einzige öffentliche Trainingseinheit am vergangenen Mittwoch nach kurzer Zeit in eine geschlossene umzumünzen, als ein Zeichen dünner werdender Nerven gedeutet. Nach zehn Minuten Aufwärmen wurden Fans und Medien weggeschickt. Es war keine Ausnahme, sondern ist - wie sich zwei Tage herausstellte - künftig die Regel.

Zum Pflichttermin Spieltags-Pressekonferenz vor der Partie beim VfL Wolfsburg (Samstag, 15:30 Uhr) erschien dann auch ein etwas blasser und für seine Verhältnisse zunächst eher gestresst wirkender Jürgen Klinsmann. So wollte er sich zu konkreten Besetzungsfragen oder taktischen Veränderungen nichts entlocken lassen.

"Du bist stinkig auf dich selbst!"

Die gewohnte klinsmannsche Verve bekamen seine Ausführungen erst, als es um die Gefühlswelt eines Stürmers ging. Wie sollte sich ein früherer Weltklasse-Angreifer wie Klinsmann auch nicht in die Gemütslage der schwächelnden Hertha-Angreifer um Davie Selke & Co. hineinversetzen können. "Wir Stürmer haben das vor 20 Jahren aktiv gelebt", sagte er - und meinte mit dem "Wir" den Ex-Nationalstürmer und heutigen Manager Michael Preetz, der neben ihm saß.  

"Da bist du stinkig auf dich selbst, gehst vom Platz und bist erstmal nicht ansprechbar. Weil ich das Ding einfach hätte machen müssen", sagte er zum Thema versemmelte Torchancen. "Manchmal gelangt dann diese Wut, die in dir hochkommt, in die richtigen Kanäle und: 'Boom!' -auf einmal klappt es, der Ball ist drin und ein Knoten geplatzt. Dann kann es sein, dass du einen Lauf bekommst", beschrieb es der ehemalige Angreifer. Das sei die Gefühlswelt eines Stürmers, "die ist nicht einfach, aber faszinierend".

Noch eine Bewährungschance für Selke?

Auf den Lauf wartet der Tabellen-14. vor der Bundesliga-Partie beim VfL Wolfsburg bislang vergeblich. Mit dem neuen Coach Klinsmann hatte Hertha vor der Bayern-Pleite zwar die defensive Stabilität zurückgewonnen, im Angriff fehlte es jedoch gewaltig an Durchschlagskraft. In den sechs Partien mit Klinsmann kam Hertha auf fünf Treffer.

Stoßstürmer Davie Selke kommt in dieser Saison bei 18 Einsätzen nur auf einen einzigen Treffer. Der 24-Jährige agierte - vorsichtig ausgedrückt - unglücklich. Allerdings auch mit wenig Unterstützung durch seine Kollegen. "Wenn du dich in Davies Situation reinversetzt, bist du unzufrieden und angefressen. Du willst Tore zeigen", sagte Klinsmann. Ob er Selke die Möglichkeit zur Aufbesserung der Bilanz gibt, ließ der Hertha-Coach offen. Eine Alternative wäre, dass Dodi Lukebakio von der rechten Außenbahn in die Zentrale rückt. Mit mageren vier Liga-Treffern ist der Neuzugang diese Saison bislang der beste Hertha-Schütze.

Stark vor Rückkehr in die Startelf

In Wolfsburg wird nicht nur die Offensive im Blickpunkt stehen, sondern auch die zentrale Verteidigung. Vor einer Rückkehr in die Startelf steht Nationalspieler Niklas Stark, der bei Klinsmann bislang nicht zur ersten Wahl gehörte. Nun ist Abwehrchef Dedryck Boyata aber gesperrt, da darf Innenverteidiger Stark hoffen. "Es ist die logische Schlussfolgerung, es schaut gut aus", sagte Klinsmann. Stark war zum Ende der Hinrunde drei Mal nicht eingesetzt worden, zuletzt fehlte der 24-Jährige wegen einer fiebrigen Erkältung.

"Er ist voll hergestellt", sagte Klinsmann. Karim Rekik, der gegen Bayern mit Muskelproblemen fehlte, meldete sich ebenfalls zurück. Manager Michael Preetz bestätigte in Sachen Stark derweil einen Medienbericht nicht, dass dessen Berater sich, in Sorge um die EM-Teilnahme seines Schützlings, über die Möglichkeit eines Wechsels im Winter erkundigt habe. "Ich bin im regelmäßigen Austausch mit Beratern aller Spielern", sagte der Manager. Wenn Stark bei Hertha gute Leistungen zeige, sei die Tür zur Nationalmannschaft aus seiner Sicht wieder offen. "Es gibt im Fußball immer den Tag, an dem es die Chance gibt - und dann muss man da sein und sie nutzen", betonte Preetz.

Klinsmann und die Schmach von Wolfsburg

Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann kehrt am Sonnabend an den Ort seiner größten Schmach zurück. Die 1:5-Niederlage vor gut zehn Jahren beim VfL Wolfsburg beschleunigte sein Aus als Bayern-Coach. Vor der Rückkehr spielte Klinsmann die Bedeutung der damaligen Pleite runter. "Ich war schon ein paar Mal in Wolfsburg seit dem 5:1", so Klinsmann kurz angebunden, "also habe ich auch gute Erinnerungen an Wolfsburg. Nee, gar kein Problem." Weiter wollte Klinsmann nicht auf das damalige Debakel eingehen - das ging ihm offensichtlich auf die Nerven.

Sendung: rbb24, 24.01.2020, 21:45 Uhr

Beitrag von Astrid Kretschmer

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3 Kommentare

  1. 3.

    Mal so am Rande: Beim Lesen der Überschrift habe ich die „Torflaute“ für ein ökologisch hergestelltes Saiteninstrument gehalten...

  2. 2.

    Sehr sinnreiche Überschrift zu einem anstehenden Hertha-Spiel. Das war vor 10 Jahren und hatte nichts mit Hertha zu tun. Und im Bericht muss man dann bis zum Ende warten, um eine Erklärung für die Schlagzeile zu finden. Die Autorin sollte nochmal Sportjournalisten fragen, wie man einen Artikel verfasst, der sich auf ein kommendes Spiel bezieht.

  3. 1.

    Also Jungs, könnt ihr euren Fans endlich mal wieder zeigen, was ihr wirklich drauf habt?

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