Herthas Performance Manager Arne Friedrich im Interview im Trainingslager. / Jakob Rüger
Audio: Inforadio | 09.01.2019 | 06:15 Uhr | Jakob Rüger | Bild: Jakob Rüger

Interview | Arne Friedrich - Der gewollte Größenwahn

Sein Job-Titel ist wohl der interessanteste im Stab Jürgen Klinsmanns: Ex-Hertha- und Nationalspieler Arne Friedrich kam als sogenannter "Performance Manager". Im Trainingslager erklärte er, was dahinter steckt, sprach über seine Motivation und die Ziele des Klubs.

Arne Friedrich ist einer, der über den eigenen Tellerrand hinausschaut. Der immer lernen - und sein Wissen weitergeben will. Das wird in der Gesprächsrunde im Trainingslager von Hertha BSC mehr als deutlich. Das kann bis zu Einfällen gehen, die - beim ersten Hören - zunächst einmal ziemlich verrückt klingen. Dann zum Beispiel, wenn der 40-Jährige darüber spricht, die US-Spezialeinheiten Navy Seals und Marine Raiders könnten durchaus spannende Trainings-Impulse liefern. Mit den mitgereisten deutschen Journalisten sprach der Mann, der im Hertha-Stab den Titel "Performance Manager" trägt, zudem ausführlich über...

Ich bin immer offen dafür zu schauen, was andere Länder, andere Mannschaften oder andere Sportarten machen, um die maximale Leistung rauszuholen.

Arne Friedrich

... die Kontaktaufnahme durch Jürgen Klinsmann.

Er hat mich angerufen. Wir haben im Laufe der vergangenen Jahre durch meinen zweiten Wohnsitz in Amerika sehr viel Kontakt gehalten und haben uns oft ausgetauscht über Fußball - aber vor allem auch über andere Dinge, ja über verschiedenste Inspirationen. Es ging oft um das Thema Benchmarking - und dieser Begriff, Vergleichspunkte zu schaffen, hat uns sehr interessiert. Ich bin immer offen dafür zu schauen, was andere Länder, andere Mannschaften oder andere Sportarten machen, um die maximale Leistung rauszuholen. Darüber haben wir längere Zeit gesprochen und ich habe Jürgen auch gefragt, wie er das gemacht hat. Er arbeitet jetzt schon seit vielen Jahren mit unterschiedlichsten Leuten zusammen, hat 2006 unser schönes Sommermärchen kreiert und dabei auch viele Dinge auf den Kopf gestellt.

... das Jobprofil eines "Performance Managers".

Ich habe unterschiedliche Aufgaben. Dazu zählt es, ein gewisses Benchmarksystem aufzubauen. Das habe ich in den vergangenen Wochen gemacht. In erster Linie geht es dabei um die Spieler - im athletischen, medizinischen, aber auch im fußballerischen Bereich. Wie ist gerade der Status Quo bei jedem Einzelnen - auch in der Gruppe. Aber es steht auch die gesamte Organisation im Fokus: Wo gibt es Anhaltspunkte, Dinge zu verbessern?

Zudem zählt es zu meiner Aufgabe, den Spieler zu durchleuchten und zu gucken, wo Leistungspotenziale sind. Wie kann man ihn fordern und fördern? Jeder Spieler ist unterschiedlich. Das gesamte Feld ist sehr komplex. Ich führe hier im Trainingslager viele Spielergespräche, um ihnen dabei zu helfen, ihre persönlichen Ziele anzugehen und auch ein bisschen zu reflektieren. Und ich bin Bindeglied zwischen Management und Trainer. Ich stehe den Trainern in allen Fragen zur Seite. Teilweise habe ich auch schon mal auf dem Platz mitgearbeitet. Wenn das gefordert ist, bin ich jederzeit da. Auf der anderen Seite stehe ich natürlich auch im Austausch mit dem Management.

... die Zusammenarbeit im Dreier-Team Klinsmann, Preetz und Friedrich bei Gesprächen über Transfers.

Ich war auch schon dabei. Aber in erster Linie sind die Entscheider natürlich die Geschäftsführer - Michael Preetz und Ingo Schiller - und Jürgen Klinsmann als Trainer. Das sind die drei Wichtigsten. Ich stehe mit Rat und Tat zur Verfügung. Am Ende bin nicht ich der, der entscheidet - das ist auch ganz klar. Aber ich glaube, dass es für alle Beteiligten sehr wichtig ist, meine Expertise reinzubekommen. Das macht mir auch unglaublich viel Spaß.

... das Gefühl, wieder auf dem Platz zu stehen.

Wenn ich manchmal diese Plätze hier sehe, würde ich auch gerne mal dazwischen tackeln, das ist schon klar. Und es hat mir auch sehr viel Spaß gemacht, in Berlin mit den Innenverteidigern zu arbeiten.

Ich bin jemand, der gerne netzwerkt, lernt und Erfahrungen weitergibt. In Los Angeles ist es so, dass da jeder sehr offen ist und Informationen austauscht, sich freut, wenn man debattiert.

Arne Friedrich

... seinen Weg nach der Karriere als Profi-Fußballer.

Zunächst einmal wollte ich schauen, wie sich Trainer fühlen. Ich habe bis zur A-Lizenz meine Scheine gemacht und ein Jahr als Assistenztrainer in der U18-Nationalmannschaft gearbeitet. Ich habe damals auch Jordan (Anm. d. Red. Torunarigha) und Maxi (Anm. d. Red. Mittelstädt) für die Nationalmannschaft empfohlen. Ich habe meine eigene Stiftung gegründet, um die ich mich sehr intensiv kümmere - auch operativ. Ich habe für ein Jahr einen Ausflug in den Marketingbereich gemacht und zuletzt als TV-Experte in Amerika für Fox Sports und auch langfristig mit den chinesischen Medienvertretern gearbeitet. Dann habe ich einen Podcast auf den Weg gebracht - allerdings auf Englisch, weil meine Gäste nun mal Amerikaner sind. Ich freue mich jetzt natürlich auch über dieses Netzwerk, was ich mir im Laufe der vergangenen sechs Jahre aufbauen konnte.

... seinen Wohnsitz in Los Angeles.

Ich fühle mich sehr wohl in Amerika und habe viele Kontakte. Ich habe ja auch in Chicago gespielt. Im Bereich der MLS (Anm. d. Red.: Major League Soccer), aber auch in Los Angeles habe ich mir einen großen Freundeskreis aufgebaut. Dazu gehören ehemalige und aktive Weltklasse-Sportler, aber auch Leute aus anderen Bereichen. Mich interessiert auch alles, was die Navy Seals oder Marine Raiders angeht - gerade was ihren Fokus betrifft. Ich bin jemand, der gerne netzwerkt, lernt und Erfahrungen weitergibt. In Los Angeles ist es so, dass da jeder sehr offen ist und Informationen austauscht, sich freut, wenn man debattiert.

... die öffentliche Wahrnehmung der neuen Ziele bei Hertha BSC, die teilweise auch als Größenwahn wahrgenommen werden.

Das finde ich eigentlich schön. Größenwahnsinnige Ziele sind das, was wir uns stecken wollen. Wir wollen hoch hinaus und das kann man nur, wenn man sich hohe Ziele setzt. Ich persönlich schaue nicht in den sozialen Medien nach, was da passiert. Wir konzentrieren uns komplett auf uns.

... ein mögliches Weiter-Engagement über das Saisonende hinaus.

Die kann ich jetzt noch nicht beantworten. Ich habe gesagt, ich mache das bis Sommer. Wir sind immer noch in einer Tabellenregion, in der wir uns eigentlich nicht wohlfühlen. Da war es für mich erstmal klar, helfen zu wollen. Ich glaube, wir haben jetzt einen sehr guten Schritt gemacht in den ersten Wochen, um uns erstmal zu stabilisieren, Punkte zu holen - und so ein bisschen aus diesen ganz unruhigen Fahrwassern rauszukommen. Ich muss auch schauen, wie meine persönliche Situation weitergeht, ob ich irgendwann überlege, meinen Lebensmittelpunkt in Amerika zu haben oder nicht. Aber im Moment macht es sehr viel Spaß, die Jungs sind alle super, das Trainerteam, das Management, die Zusammenarbeit ist toll.

... einen möglichen Austausch mit anderen Ex-Profis wie Thomas Hitzlsperger oder Sebastian Kehl, die in Vereine eingebunden wurden.

Nein, den gab es nicht. Das sind ja alles keine Performance Manager. (lacht) Ich habe eine andere Aufgabe und ich muss mich da nicht unbedingt austauschen. Ich habe in den vergangenen Jahren sehr viele Erfahrungen gesammelt. Ich bin immer offen für Neues und versuche jetzt erstmal, die PS bei uns auf die Straße zu bekommen, in Absprache mit meinem Chef Jürgen Klinsmann.

Ich bringe Inspirationen mit ein und am Ende müssen die Trainer entscheiden, inwieweit man das mit einfügt oder nicht.

Arne Friedrich

... eine Umstellungen bei der Ernährung der Spieler.

Es ist insgesamt schon alles professionell gewesen bei Hertha. Auch im Vergleich zu meiner Zeit damals. Wir wollen jetzt in erster Linie eine Supplementierung einführen und - gerade auch über das Blutbild - schauen, welche Mineralien an welcher Stelle vielleicht noch ein bisschen zu wenig im Körper sind. Wir haben jemanden, der sich explizit darum kümmert. Jürgen Klinsmann hat einen sehr, sehr guten Kontakt mit reingebracht. Wir werden sehen, ob wir das auch auf der Seite der Akademie noch ein bisschen breiter machen.

... die Erfahrungen von den Navy Seals und Marine Raiders als Vorbild für Input für das Hertha-Training.

Ein sehr guter Freund von mir ist Marine Raider. Das ist eigentlich so was wie ein Navy Seal, nur bei den Marines. Die Jungs sind knallhart. Es ist unfassbar, wie dieser Fokus da ist - und ich glaube, da können wir eine Menge von lernen. Ich habe da ein paar Übungen mitgemacht, aber das ist für Leute wie mich nichts. Navy Seals ist eine andere Nummer. Aber das sind natürlich alles Themen, die wir angehen. Ich habe auch schon mit Werner Leuthard (Anm. d. Red.: Fitness-Coach bei Hertha) besprochen, ob das vielleicht auch eine Geschichte ist, die man mit reinbringen kann. Das sind ja verschiedene Dinge, die Spaß machen - aber auch etwas bringen und den Teamgeist fördern. Ich bringe Inspirationen mit ein und am Ende müssen die Trainer entscheiden, inwieweit man das mit einfügt oder nicht.

Sendung: Inforadio, 09.01.2019, 06:15 Uhr

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