Ein Schiedsrichter zeigt die Gelbe Karte (Quelle: imago/Claus Bergmann)
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Audio: Inforadio | 14.01.2020 | Johannes Mohren | Bild: imago/Claus Bergmann

Interview | Chef der Berliner Schiedsrichter - "Der Schiedsrichter ist keine Fußmatte zum Abtreten"

192 Fälle von Gewalt und Diskriminierung gab es diese Saison bereits auf Berlins Amateurplätzen - oft gegen Schiedsrichter. Deren Chef Jörg Wehling spricht im Interview über ein neues Bewusstsein und einen Ausbildungs-Boom.

Es sind alarmierende Zahlen, die der Berliner Schiedsrichter-Chef Jörg Wehling rbb|24 vorlegt: In der Hinserie gab es in jedem 74. Spiel, das im Berliner Fußball-Verband (BFV) ausgetragen wurde, mindestens eine Störung durch Gewalt oder Diskriminierung. Im Herren-Bereich war es sogar in jeder 31. Partie der Fall. Das bedeutet - rein statistisch betrachtet - vier Vorfälle in den rund 140 Spielen bei den Männern. An jedem Wochenende.

Ende Oktober gingen die Schiedsrichter als Reaktion für einen Spieltag in den Ausstand. Der BFV setzte daraufhin alle Amateurspiele ab. Beim Arbeitsverbandstag wurden einige Wochen danach erste Schritte beschlossen, um die Referees zukünftig besser zu schützen.

rbb|24: Herr Wehling, wie ist Ihre Gefühlslage, wenn Sie in der fußballfreien Zeit auf das vergangene Halbjahr zurückschauen?

Jörg Wehling: Die Gewalt hat uns wahnsinnig verfolgt in den vergangenen Wochen und Monaten. Auch nach unserem Ausstand. Ich glaube, dass bis Ende Januar alle Vorgänge, die im November und Dezember auf den Sportplätzen Berlins passiert sind, noch im Sportgericht aufgearbeitet werden müssen. Die haben einen dermaßen vollen Terminkalender, dass es gar nicht möglich ist, alle Fälle auf einmal so schnell abzuarbeiten. Aber ich sitze jetzt nicht griesgrämig rum. Ich bin eher positiv gestimmt, weil ich glaube, dass wir es mit unserem Ausstand geschafft haben, nicht nur ein Zeichen zu setzen, sondern das Thema offen auf die Tagesordnung zu setzen. Aus den vielen Reaktionen auch außerhalb des Berliner Fußball-Verbandes nehme ich wahr, dass dieses Thema keine Eintagsfliege gewesen ist.

Eigentlich muss so bis April etwas Beschlussfähiges auf dem Papier stehen. Das macht mich doch schon ganz optimistisch.

Jörg Wehling

Was meinen Sie damit konkret?

Dass jeder dazu etwas sagen kann und dass das Thema Gewalt auf den Amateurplätzen auch in den nächsten Wochen und Monaten ganz stark die Debatte bestimmen wird. Es ist ja nicht nur eine Frage von Gewalt gegen Schiedsrichter. Es geht auch darum, dass Gewalt überhaupt auf den Plätzen immer vorkommt - untereinander, in und zwischen den Teams, zwischen den Zuschauern oder wo auch immer. Das Thema ist sehr vielfältig und deshalb immer auf der Tagesordnung. Und da es öffentlich ist und wir versuchen, Gegenmaßnahmen zu entwickeln, sehe ich den nächsten zwölf Monaten etwas positiver entgegen. Die Stimmung bei mir und bei uns im Schiedsrichterwesen ist nicht so schlecht, wie vielleicht noch im September oder Oktober.

Zeigen die Maßnahmen, die auf dem Arbeitsverbandstag getroffen wurden, bereits Wirkung?

Das ist noch schwierig zu sagen. Den Ansprechpartner für die Schiedsrichter im 1. Männerbereich gibt es erst zur Rückrunde. Gleiches gilt für die Maßnahme, dass bei der Gewalt gegen Schiedsrichter eine Mindeststrafe von zwei Jahren angewandt wird. Aber allein, dass das Präsidium im Berliner Fußball-Verband sich jetzt mehrfach zusammensetzt und im Februar auch noch eine Klausurtagung zu diesem Thema macht, ist ein Zeichen. Es wird auf vielfältigem Wege aufgearbeitet. Es werden eigene Arbeitsgruppen mit vielen Beteiligten gegründet, Themen gesetzt - und das auch in einem schnellen Zeitrhythmus für den nächsten Beirat im Juni. Eigentlich muss so bis April etwas Beschlussfähiges auf dem Papier stehen. Das macht mich doch schon ganz optimistisch.

Wie ist die Stimmung unter den Schiedsrichtern?

Wir sehen, dass fast alle unsere Plätze für die vier Schiedsrichter-Ausbildungslehrgänge ausgebucht sind, die wir immer im ersten Jahresquartal anbieten. Das ist überdurchschnittlich - trotz der negativen Presse. Die waren bisher nie am 1. Januar belegt, das hat es noch nie gegeben. Mehrere Vereine haben sich in den vergangenen Wochen auch über die Feiertage bei uns gemeldet, dass sie gern eine Regelkundeschulung von und mit uns haben möchten. Dann gab es ein Treffen von dem Schiedsrichter, der bei Al Dersimspor geschlagen worden ist, mit der ersten Mannschaft dieses Vereins. Er hat dort eine solche Schulung gemacht und auch nochmal das Spiel aufgearbeitet. Das war wohl ein sehr positives Treffen. Es gibt also ein paar Anzeichen, dass das Thema jetzt stärker bearbeitet wird in den Vereinen und durchgesickert ist, dass in den Klubs etwas passieren muss. Das ist total wichtig.

Die neuen Maßnahmen bedeuten für die Vereine Mehraufwand - auch finanziell. Werden sie trotzdem positiv aufgenommen?

Natürlich sind da auch finanzielle Geschichten dabei. Zum 1. Januar hat ja auch die Spesenerhöhung gegriffen, die auf dem Arbeitsverbandstag fast einstimmig beschlossen wurde. Da wird der Verband sicherlich auch einiges tun, um Unterstützungsleistungen zu bringen. Aber: Was wäre die Alternative? Ich will meinen Verein auch nicht mit Negativschlagzeilen belastet sehen, wenn ich Vorsitzender bin. Das ist auf lange Sicht ja ein Problem. Es geht um das Ansehen der Klubs und das des Fußballs in Berlin. Es gibt viele, die sagen: 'In Berlin würde ich ungern Schiedsrichter sein oder Fußball spielen.' Das kann ja auf Dauer nicht unser Anspruch sein.

Wir mussten leider in den vergangenen Wochen immer wieder feststellen, dass das Sportgericht zu sehr milden Strafen bei Tätlichkeiten gegen Schiedsrichter oder Gewalt auf dem Platz überhaupt gegriffen hat. Da muss ein deutliches Umdenken stattfinden.

Jörg Wehling

Es gibt also ein verändertes Bewusstsein, was die Wertschätzung und Leistungen der Schiedsrichter im Amateurbereich betrifft?

Ich glaube, dass viele Vereine begriffen haben, dass wir Schiedsrichter benötigen, denn ohne sie bekommen wir Fußball gar nicht organisiert. Es hat den ein oder anderen Verein gegeben, der in den vergangenen Wochen gesagt hat: 'Macht gerne Lehrgänge bei uns.' Hertha BSC hat uns sehr unterstützt. Der BAK ist nach vorne gegangen, aber auch Vereine wie Berolina Stralau. Da ist schon ein Prozess im Gange, darüber nachzudenken, welche Rolle der Schiedsrichter auf dem Platz spielt. Er dient nicht nur als Fußmatte zum Abtreten des eigenen Ärgers.

Erste Schritte in die richtige Richtung sind gemacht. Was für weitergehende Maßnahmen erhoffen Sie sich im neuen Jahr?

Zum einen geht es um den Aspekt der Abschreckung. Wir mussten leider in den vergangenen Wochen immer wieder feststellen, dass das Sportgericht zu sehr milden Strafen bei Tätlichkeiten gegen Schiedsrichter oder Gewalt auf dem Platz überhaupt gegriffen hat. Da muss ein deutliches Umdenken stattfinden. Das wird hoffentlich flankiert mit einem festangestellten Mitarbeiter beim BFV, der dem Sportgericht zugeordnet ist und für mehr Professionalität sorgt. Außerdem wollen wir, dass zur nächsten Saison standardmäßig zwei Ordner auf dem Platz sind, um den Offiziellen zu schützen. Der eine Ansprechpartner ist ja nur eine Übergangslösung. Dazu holen wir uns externe Hilfe, um unsere Schiris langfristig besser auf Konfliktsituationen vorzubereiten.

Können diese neuen Regeln und Maßnahmen in Zukunft gewalttätige Auseinandersetzungen auf den Berliner Fußballplätzen im Amateurbereich komplett verhindern - oder ist das gar nicht möglich?

Klar, es wird weiterhin gewaltsame Übergriffe geben. Egal, was wir für Präventions- und Abschreckungsmaßnahmen treffen. Es ist einfach eine Frage des Ausmaßes und: Was passiert danach? Man darf das nicht einfach zur Kenntnis nehmen, sportgerichtlich abhandeln - und dann ist es in Ordnung. Man muss stärker eingreifen und immer wieder individuell mit den Vereinen reden. In der Öffentlichkeit muss klar sein: Die negativen Fälle werden auch geächtet. Das darf nicht unter der Decke bleiben. Wenn jetzt außerdem der eine oder andere Spieler für zwei Jahre gesperrt ist, weil er gewalttätig gegenüber eines Schiedsrichters wurde, überlegt er sich bestimmt, ob er das ein zweites Mal macht. Und der Verein wird auch darüber nachdenken, ob er solche Vorfälle akzeptiert, weil er den Spieler ja im Prinzip verliert. Da wird einiges passieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Johannes Mohren, rbb Sport.

Sendung: Inforadio, 15.01.2019, 10:15 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    Aber das ist doch unser Nationalsport! Er spiegelt ganz wunderbar den Zustand des Landes. Schwindender Respekt, mangelnde Unterstützung und die „ da oben“ machen betroffene Gesichter, sonst immer schön abwarten.
    Da wird sich nichts ändern. Oder glaubt ihr auch das Ding mit dem Zitronenfalter, der Zitronen faltet.

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