Wasserball-Bundestrainer Hagen Stamm (Quelle: imago/photoarena/Eisenhuth)
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Interview | Wasserball-Bundestrainer Hagen Stamm - "Wir sind eine Mannschaft nach dem alten Musketier-Prinzip"

Für die deutschen Wasserballer beginnt am Dienstag die Europameisterschaft in Ungarn. Ziel ist ein Platz für das Olympia-Qualifikationsturnier. Trainer Hagen Stamm spricht im rbb|24-Interview über die Chancen, die vielen Spandauer im Team und seinen Traum.

rbb|24: Herr Stamm, ist der Wasserball-Reisetross gut in Budapest angekommen?

Hagen Stamm: Ja, es war ein kurzer Flug von Berlin. Wir haben gerade die erste Trainingseinheit gemacht und den Pool gesehen. Es ist ein Traum - mit Platz für 6.000 Zuschauer. Das wird sicherlich eine tolle Veranstaltung.

Wie ist die Stimmungslage im Team vor dem Auftakt?

Das erste Training war sehr gut. Die Mannschaft ist sehr motiviert und ich glaube, es ist für alle gut, dass es jetzt losgeht. Wir sind gut gewappnet, haben aber auch noch einige Wehwehchen. Einige haben noch ein paar Probleme, aber die hoffen wir bis zum Auftakt in den Griff zu bekommen.

Das große Ziel lautet, bei der EM einen Platz für das Qualifikations-Turnier für Olympia zu sichern. Wie optimistisch sind Sie, dass das gelingt?

Die direkte Qualifikation wird nur über Platz acht gehen. Vier Teams sind bereits qualifiziert und vier weitere können sich qualifizieren. Es wird aber mindestens zwei Nachrücker-Plätze geben, weil andere Kontinente ihre Kontingente nicht ausschöpfen. Dementsprechend wird meiner Auffassung nach Platz zehn reichen, vielleicht auch Platz elf.

Mit Kroatien und Montenegro sind zwei echte Brocken in Ihrer Gruppe. Wie groß ist deshalb der Fokus auf das Slowakei-Spiel und damit den vermeintlich machbarsten Gegner?

Montenegro und Kroatien sind ganz klar die Favoriten in unserer Gruppe. Das Spiel gegen die Slowakei wird unser Endspiel am zweiten Spieltag, weil sich da entscheidet, wer in der Gruppe mindestens Dritter wird und somit im Geschäft bleibt. Der Verlierer ist raus und spielt nur noch um die goldene Zitrone. Wir wissen, dass das das Endspiel ist, aber wir sind stärker als die Slowakei und ich bin mir sicher, dass wir das Spiel für uns entscheiden, wenn wir unsere Leistung abrufen.  

Die Generalprobe beim Testturnier in Montenegro lief alles andere als rund. Überhaupt lief die Vorbereitung nicht ohne Probleme. Viele Spieler hatten mit Verletzungen zu kämpfen. Wie schwer wiegt das?

Wir waren in Montenegro teilweise gar nicht schlecht. Man darf das nicht überbewerten. Die Trainingsdefizite, die die Spieler durch die Verletzungen hatten, lösen sich natürlich nicht in Luft auf. Wir haben erst am 17. Dezember angefangen, uns auf die Vorbereitung zu konzentrieren. Weil noch Spiele in der Champions League stattfanden, habe ich die Mannschaft nicht vorher zusammenbekommen. Das ist die kürzeste Vorbereitung, die wir je hatten. Wir haben versucht, sehr viel zu arbeiten und ich glaube, dass wir das Maximale rausgeholt haben.

Hagen Stamm 1984 als Wasserball-Nationalspieler (Quelle: imago/Sven Simon)Hagen Stamm gewann als Spieler mit Deutschland 1984 die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Los Angeles.

Was sind die Stärken der Mannschaft?

Ganz klar der Teamgeist. Wir sind eine gute Mannschaft, in der alle für einander arbeiten. Nach dem alten Musketier-Prinzip: Einer für alle, alle für einen. Wir sind untereinander eine sehr homogene Gruppe, auch aus verschiedenen Vereinen. Trotzdem ist es so, dass die Jungs wie eine Wand im Wasser stehen können. Wenn wir auf diese Rutsche kommen im Turnier, dann kann man es vielleicht auch gegen Übermannschaften mal erreichen, dass Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen.

Sieben der 13 Spieler kommen von den Wasserfreunden Spandau. Die kennen sich bestens. Und Sie kennen sie auch richtig gut. Ist das ein Vorteil?

Das ist auf jeden Fall ein Vorteil. Das war eines der Erfolgsgeheimnisse in den 1980er Jahren. Da war es immer so, dass Spandau den Großteil der Spieler gestellt hat. Jetzt ist es eine Kombination aus Spandau und Hannover und noch einzelnen Spielern aus anderen Vereinen. Es ist natürlich ein Vorteil, wenn die Spieler wissen, wie sich jeder bewegt und wie man den Ball bekommen möchte.

Sie sind 2016 zurück ans Ruder gekommen, als nicht mehr viel zusammenlief und haben die Mannschaft wieder aufgebaut. Inwiefern wäre die Qualifikation für die Olympischen Spiele auch die Krönung  Ihrer persönlichen Geschichte?

Für mich wäre es natürlich der Traum. Ich habe drei Olympische Spiele als Spieler machen dürfen. Auch drei als Trainer zu machen wäre eine wunderschöne Abrundung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Lisa Surkamp, rbb Sport

Sendung: Inforadio, 14.01.2020, 16:15 Uhr

Olympia-Qualifikations-Modus

Für die Olympischen Spiele sind bereits drei europäische Nationen qualifiziert: Serbien als Gewinner der World League, Weltmeister Italien sowie Spanien als Zweiter der WM 2019. Zudem wird sich der Europameister für die Olympischen Spiele qualifizieren (oder ein Nachrücker, falls Serbien, Italien oder Spanien Europameister werden). Auch Gastgeber Japan, die USA als Sieger der Panamerikanischen Spiele und Australien als Ozeanien-Vertreter sind sicher in Tokio dabei. Ein Platz wird an einen asiatischen Vertreter vergeben.

Beim Olympischen Qualifikationsturnier vom 29. März bis 5. April 2020 in Rotterdam werden dann die letzten vier Plätze vergeben. Die Startplätze sollen ursprünglich wie folgt vergeben werden:

  • Europa: 5 Startplätze
  • Amerika: 3 Startplätze
  • Asien: 2 Startplätze
  • Afrika: 1 Startplatz
  • Ozeanien: 1 Startplatz

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