Jordan Torunarigha läuft vom Platz, im Hintergrund ist Schiedsrichter Hagen Osmers zu sehen. Bild: imago/Team2
Bild: imago/Team2

Vorfälle beim Hertha-Pokalspiel auf Schalke - So muss der Schiedsrichter bei rassistischen Beleidigungen handeln

Affenlaute und Beleidigungen: Die rassistischen Vorfälle gegen Hertha-Spieler Jordan Torunarigha lösen Entsetzen aus. Doch wie hätte der Schiedsrichter der Partie handeln müssen? Das ist seit Jahren im DFB-Regelwerk geklärt.

Die rassistischen Vorfälle bei Herthas Pokalaus auf Schalke beschäftigen auch am Tag danach Fußballdeutschland. Die Aussagen der Spieler und Verantwortlichen von Hertha BSC werfen die Frage auf, welche Möglichkeiten der Schiedsrichter der Partie, Harm Osmers, gehabt hätte und wieso er sie nicht genutzt hat. Denn der Fußballweltverband FIFA schreibt bereits seit 2017 ein konkretes Protokoll für Fälle dieser Art vor.

Spielunterbrechung laut Regelwerk möglich

Seit dem Confederations-Cup in Russland sollen Schiedsrichter, wenn es zu rassistischen Beleidigungen oder Gesängen von den Tribünen kommt, das Spiel zunächst anhalten und im äußersten Fall sogar abbrechen können. Alle Mitgliedsverbände wurden damals aufgerufen, das Maßnahmen-Protokoll in ihrem Land einzuführen und anzuwenden. Die Schritte lauten wie folgt:

DAS "THREE-STEP PROCEDURE" DER FIFA

Stufe 1: Wenn der Schiedsrichter rassistische oder andere diskriminierende Beleidigungen wahrnimmt oder von seinen Assistenten darauf aufmerksam gemacht wird, soll er das Spiel unterbrechen und eine entsprechende Stadiondurchsage verlangen.
 
Stufe 2: Ändert sich das Verhalten der damit angesprochenen Menschen nicht, soll der Schiedsrichter das Spiel für mehrere Minuten unterbrechen, die Mannschaften in die Kabinen schicken und eine weitere Durchsage verlangen.
 
Stufe 3: Sollte es nach einer Wiederaufnahme des Spiels weiter zu entsprechenden Beleidigungen kommen, soll der Schiedsrichter im letzten Schritt das Spiel abbrechen.

Schiedsrichter will zu spät von Schmähungen erfahren haben

Affenlaute und rassistische Beleidigungen habe sich Herthas Verteidiger Jordan Torunarigha beim Pokalspiel am Dienstagabend während der zweiten Halbzeit anhören müssen. Das gaben unter anderem Herthas Kapitän Niklas Stark, Schalkes Benito Raman und Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann nach dem Spiel zu Protokoll.

Inzwischen hat sich auch der Berliner Manager Michael Preetz in einer Stellungnahme auf der Vereins-Homepage geäußert und erklärt, dass der den Schiedsrichter und den 4. Offiziellen vor der Verlängerung über die Vorfälle informiert habe. Osmers wusste also Bescheid und entschied sich dennoch dagegen, etwas zu unternehmen. Der DFB begründete dies in Person von Peter Sippel, Leiter für Training und Qualifizierung beim DFB, gegenüber sportschau.de damit, dass der Schiedsrichter zu spät davon erfuhr und die Schmähungen in der anschließenden Verlängerung selbst nicht mehr wahrgenommen habe.

Osmers hätte für eine Premiere in Deutschland sorgen können

Der DFB leitete erst jetzt, im Nachgang des Spiels, Ermittlungen im Kontrollausschuss ein. Jordan Torunarigha wurde aufgefordert, schriftlich Stellung zu den Vorfällen zu nehmen. Im deutschen Profifußball kam das Drei-Schritte-Protokoll der FIFA bisher noch nicht zum Einsatz. Die Vorfälle auf Schalke werfen deshalb die Frage auf, wie praktisch die Regel angewandt wird. Muss tatsächlich ein Mitglied des Schiedsrichtergespanns selbst die Schmähungen wahrnehmen, oder hätte Osmers quasi auf Zuruf reagieren sollen?

Angewandt wurde das Verfahren schon auf internationaler Ebene. Aufmerksamkeit erregten vor allem die Vorfälle beim Länderspiel zwischen Bulgarien und England im vergangenen Oktober. Die Partie in Sofia wurde nach rassistischen Rufen der bulgarischen Zuschauer zwei Mal vom Schiedsrichter unterbrochen und stand kurz vor dem Abbruch. Englands Kapitän Harry Kane und Trainer Gareth Southgate hatten die Unparteiischen damals auf die Rufe hingewiesen.

Auch in der italienischen Serie A, wo es in der Vergangenheit bereits häufiger zu derartigen Rassismus-Vorfällen gekommen war, kam die Regel bereits zur Anwendung. Im September 2019 beispielsweise unterbrach der Schiedsrichter Daniele Orsato die Partie zwischen Atalanta Bergamo und dem AC Florenz für mehrere Minuten, nachdem Florenz-Profi Dalbert Henrique sich über rassistische Gesänge beklagt hatte. Beispiele gibt es also.

 

Sendung: rbb UM6, 05.02.2020

Beitrag von

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

7 Kommentare

  1. 7.

    Bei rassistischen Äusserungen gibt es für mich keine "Abstufungen" - und ich wüsste auch nicht, inwieweit so etwas aus meinem Beitrag herausgelesen werden kann, Frank.

    Ich plädierte dafür, dass das "Three-Step Procedure" der FIFA konsequent angewendet wird. Das bedeutet, dass bei ersten deratigen Äusserungen von "Fans" die Umstehenden auf diese einwirken, um das zu unterbinden. Wenn das nicht gelingt, müssen weiteren Stufen folgen.

    Es wäre jedoch nicht praktikabel und auch sehr ungerecht der absoluten Mehrheit der Fans gegenüber, ein Spiel in einem vollbesetzten Stadion nach bspw. fünf Minuten abzupfeifen, weil ein paar Asoziale rassistische Sprüche von sich geben. Sie verstehen, Frank?

  2. 6.

    @Glaudino : Ihr Kommentar ist nicht nachzuvollziehen. Gibt es Ihrer Meinung nach bei rassistischen Äußerungen Abstufungen? Sollen wir uns mal alle nicht so haben? Ich hoffe für Sie Sie kommen nicht in eine ähnliche Situation und alle sagen um Sie herum nun haben Sie sich mal nicht so.

  3. 5.

    @ ein Exberliner und Dieter

    Na ja, man muss auch die Verhältnismäßigkeit wahren. Wenn zwei, drei Assholes rassistische Beleidigungen von sich geben, kann man nicht sofort das Spiel abbrechen und es für den Verein werten, dessen Spieler beleidigt wurde.

    Das "Three-Step Procedure" der FIFA ist schon sinnvoll, wenn es denn konsequent angewendet wird, da es auch auf darauf setzt, dass die Fans ihre eigenen Reihen 'sauber halten'.

  4. 3.

    Sehe ich genauso - was ich total daneben empfinde ist, dass Jordan aufgefoert wurde eine Stellungsnahme abzugeben. Es mag ein rechtstaatliches Prozedere sein, aber die Aussagen von Spielern, Trainer und Management hierzu sollte doch ausreichen.
    Was mich aber am Meisten immer wieder staunen lässt: die Rassistenarschlöcher, die Spieler so behandeln, aber ausländische Spieler der eigenen Mannschaft feiern wie Helden und danach beim Dönermann sich ne Fleischwaffel reinziehen und dann noch vielleicht AfD wählen.

  5. 2.

    Der DFB sollte sich schämen. Das Spiel sollte man jetzt am Runden Tisch für Hertha werten. Damit würde der DFB mal ein Zeichen setzen. Aber die Herren sind sich ja zu feige.

  6. 1.

    In solchen Fällen das Spiel sofort unterbrechen und eventuell sofort nicht mehr fortsetzen.
    Dies hat mit Sport oder Fansgehabe absolut nichts zu tun.
    In meinen Augen eine absolute Sauerei.
    Egal welcher Hautfarbe oder Nationalität der Spieler ist , er ist in erster Linie "Mensch".

Das könnte Sie auch interessieren

Cheftrainer Sebastian Abt von Energie Cottbus (imago images/Steffen Beyer)
imago images/Steffen Beyer

Cottbus empfängt Rathenow - Sieg oder Krise

Drei Spiele, zwei Punkte: Cottbus-Trainer Sebastian Abt hat sich einen besseren Einstand gewünscht. Jetzt aber steht seine Mannschaft vor dem Heimspiel gegen Optik Rathenow unter Druck. Und dann fällt auch noch ein Leistungsträger aus. Von Andreas Friebel