Der neue Füchse-Sportvorstand Stefan Kretzschmar. / imago images/foto2press
Video: Abendschau | 06.02.2020 | Birgit Hofmann | Bild: imago images/foto2press

Interview | Füchse-Vorstand Stefan Kretzschmar - "Ziel ist es, konstant Nummer eins oder zwei zu sein"

Seit Anfang 2020 ist Handball-Legende Stefan Kretzschmar offiziell Vorstand Sport bei den Füchsen Berlin und nun nach der EM-Pause erstmals richtig in den Fokus. Mit rbb|24 sprach er über seine Heimatstadt Berlin, sein Verhältnis zu Bob Hanning - und große Ziele.

Es war der 1. September 2019 - der Tag einer ganz besonderen Pressekonferenz bei den Füchsen Berlin. Der Handball-Bundesligist verkündete nicht ohne Stolz, dass Stefan Kretzschmar ab dem 1. Januar 2020 als Vorstand Sport einsteigt. Der frühere Weltklasse-Linksaußen, die Legende seines Sports. "Ich bin heute einer der glücklichsten Handballer der Welt, dass ich das hier an dieser Stelle so verkünden darf", sagte Manager Bob Hanning damals. Nun - Monate später - hat der Ligabetrieb nach der EM-Pause wieder richtig begonnen. Und Kretzschmar steht erstmals richtig im Vordergrund. rbb|24 sprach mit ihm über ...

... den ersten Kontakt zu Füchse-Manager Bob Hanning.

Anfangs war es schon eher ein Scherz. Ich habe im Mai in Leipzig aufgehört (Anm. d. Red.: Kretzschmar saß im Aufsichtsrat des DHfK Leipzig) - und habe gedacht, dass ich nur Sky (Anm. d. Red.: als Experte beim TV-Sender) und meine sonstigen Aufgaben mache. Der Umzug hatte erstmal ausschließlich private Gründe. Ich wollte mit meiner Frau zusammenziehen. Sie wohnt in Wandlitz. Mit Bob Hanning habe ich dann eigentlich telefoniert, weil ich ein anderes Angebot hatte und ich seine Meinung wissen wollte. Er hat gesagt: 'Kretzsche, wenn du eh nach Berlin kommst, kannst du doch auch für die Füchse arbeiten.' Im ersten Moment haben wir uns kaputtgelacht, aber sehr schnell wurde Ernst daraus.

... seine enge Beziehung zur Stadt und dem Verein.

Je mehr man darüber nachdenkt - und so ging es auch mir -, desto mehr Sinn ergibt das und desto reizvoller wurde es auch. Es ist der Verein, in dem ich groß geworden bin. Er hieß damals nur anders. Aber es ist dieselbe Location. Hier bin ich auch zur Schule gegangen. Es fühlt sich schon so ein bisschen an, wie in die Vergangenheit zurückzureisen, nach Hause zu kommen. Es ist gar nicht fremd. Wenn ich nach Hamburg oder zu den Rhein-Neckar Löwen gegangen wäre, wäre das eine völlig andere Assoziation ohne Emotion gewesen. Hier ist es so, dass ich alles kenne. Teilweise auch die Spieler. Und Berlin ist auch die Stadt, in der ich groß geworden bin.

Die Ziele sind so ehrgeizig - und sie sind meiner Meinung nach auch realisierbar. Es gibt eine große Chance, hier wirklich etwas zu erreichen. Was Großes.

Stefan Kretzschmar

... große Ambitionen.

Die Ziele sind so ehrgeizig - und sie sind meiner Meinung nach auch realisierbar. Es gibt eine große Chance, hier wirklich etwas zu erreichen. Was Großes. Natürlich ist es jetzt kein ruhiges Arbeiten wie teilweise in Leipzig, wo der der Erwartungsdruck eigentlich nicht da war. Hier ist es ambitioniert. Man erwartet nicht weniger als die Champions-League-Teilnahme.

... die Besonderheiten des Sport-Standorts Berlin.

Du kämpfst gegen viel mehr Bundesligisten in den verschiedensten Sportarten. Und trotzdem gibt es den maximalen Fokus, den man in unserer Sportart haben kann. Eine ganz andere mediale Aufmerksamkeit. Berlin ist die Hauptstadt und eine Metropole. Das Ziel ist es, konstant die Nummer eins, Nummer zwei in Deutschland zu sein. Das ist ein ehrgeiziges Ziel, wenn man sieht, was für einen Weg die Flensburger, die Rhein-Neckar Löwen oder auch die Magdeburger und Melsunger gehen oder gegangen sind. Aber das sind alles Mannschaften, die auf Augenhöhe sind und die man verdrängen möchte oder muss, wenn man die eins oder zwei werden will. Und der Klassenprimus ist natürlich der THW Kiel. Nach wie vor - auch bei Blick auf das Budget. Das zu egalisieren und dem THW wirklich konstant ein ebenbürtiger Gegner zu werden, ist die ambitionierte Aufgabe.

Die Rückkehr des Handball-Punks

... sein Verhältnis zu Füchse-Manager Bob Hanning.

Viele vergessen die Errungenschaft von Bobs beruflichem Leben und respektieren das viel zu wenig. Ich will nicht von einem Vermächtnis sprechen. Er ist ja noch aktiv und an allen Fronten arbeitet. Die Leute hängen sich immer an dieser Person auf, weil er als Mensch vielleicht hin und wieder strittig ist - auch mit seinem Auftreten, das teilweise etwas schrill ist. Eigentlich kennen sie ihn gar nicht, aber behaupten vermeintlich, es zu tun und sprechen dann von Narzissmus oder Napoleon-Syndrom. Ich weiß aus meiner eigenen Erfahrung, dass man einen Verein, eine Firma oder ein erfolgreiches Unternehmen nicht demokratisch führen kann. Da muss es einen geben, der den Hut aufhat und die Entscheidungen trifft. Dafür war er sich nie zu schade.

Was Bob nicht nur für die Füchse, sondern den deutschen Handball allgemein geleistet hat, ist sehr hoch einzuschätzen. Das hat man zu respektieren.

Stefan Kretzschmar

... Hannings wichtige Rolle im deutschen Handball.

Die eine Seite ist, wie du Bob als Mensch einschätzt, was er da für dich bedeutet und woran du dich - auch durch viele provokante Äußerungen und Inszenierungen - vielleicht stößt. Die andere Seite ist das berufliche. Was er nicht nur für die Füchse, sondern den deutschen Handball allgemein geleistet hat, ist sehr hoch einzuschätzen. Das hat man zu respektieren. Wir alle wissen, wo der Handball vor zehn Jahren war. Damals wurden die Nationalmannschaftsspiele teilweise nur per Livestream übertragen - und heute sind wir meiner Meinung nach die Nummer zwei unter den Ballsportarten. Das haben wir auch ihm zu verdanken. Bisher kenne ich noch keinen, der es besser kann als Bob. Klar kann man kritisieren - und da ist man in Deutschland auch immer vorne mit dabei. Aber besser machen kann es auch keiner. Deswegen respektiere ich das sehr. Aber wir haben uns natürlich auch schon auf persönlicher Ebene ein bisschen gekabbelt, weil die Inszenierung mich ab und an auch störte. (lacht)

... seine Rolle als jemand, der polarisiert hat - und eine mögliche Entwicklung seiner Person.

Es ist schwer, sich selbst einzuschätzen. Aber ich glaube, dass zwei Sachen in der Entwicklung der vergangenen zehn Jahre wichtig sind. Es geht darum, Kritik zu äußern, ohne andere zu verletzen. Das ist ein unheimlich zentraler Prozess. Außerdem sieht man die Dinge anders, wenn man nicht nur der Chefkritiker von außen ist, ohne selbst was bewegen zu können oder wollen, sondern in verantwortlicher Position. Wenn man selbst Entscheidungen trifft, bei denen man für etwas Verantwortung übernimmt, kann man viel besser einschätzen, was Menschen leisten, die ebenfalls Verantwortung übernehmen. Am Ende des Tages lieben sie den Sport so, wie ich selbst es auch tue - und versuchen, ihn voranzubringen. Klar hat man manchmal das Gefühl, dass persönliche Eitelkeiten über allem stehen. Aber wenn man hinter die Kulissen schaut, ist das oftmals nicht so. Das Verständnis dafür hat mich zu einem etwas bedachteren Menschen gemacht.

Mit Füchse-Sportvorstand Stefan Kretzschmar sprach Birgit Hofmann, rbb Sport. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

Sendung: Abendschau, 05.02.2020, 19:30 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    Dann kann man nachträglich nur noch sagen: Willkommen zurück!

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