Blick in die Commerzbankarena mit dem leeren Eintracht-Fanblock beim Gastspiel von Union Berlin (Quelle: imago/Jan Huebner).
Audio: Inforadio | 25.02.2020 | Tabea Kunze | Bild: imago/Jan Huebner

Frankfurter Stimmungsboykott bei Union-Sieg - 90 Minuten Geisterstunde

Der 2:1-Auswärtssieg des 1. FC Union in Frankfurt war aus sportlicher Sicht bemerkenswert. Noch beeindruckender war allerdings der Stimmungsboykott der Eintracht-Fans. Es war der bislang eindringlichste Protest gegen fanunfreundliche Anstoßzeiten. Von Philipp Büchner

Bereits vor dem Anpfiff war die Atmosphäre im sonst so stimmungsgeladenen Frankfurter Stadion deutlich hörbar und spürbar anders als sonst. Keine organisierten Gesänge der Heimfans, keine Pfiffe gegen die Gastmannschaft, nur vereinzelt Rufe und Klatschen von der Haupt- und Gegengeraden. Die Eintracht-Ultras hatten ihren Block leer gelassen. Ganz leer? Nein, ein riesiges schwarzes Banner mit dem durchgestrichenen Wort "Montag" sagte alles, was es aus Sicht der Fans zu sagen gab. "Es war megabeeindruckend, auf diesen leeren Block zu schauen," berichtet Daniel Roßbach vom Union-Blog und Podcast Textilvergehen. Der Union-Fan sitzt leicht übernächtigt im Zug zurück nach Berlin, als rbb|24 mit ihm telefoniert. Er steht immer noch hörbar unter dem Eindruck des Protests gegen die Zerstückelung des Spieltags. "Es war ein surreales Erlebnis, aber uns war allen klar, dass das ein vollkommen legitimes Mittel des Protests ist."

Stimmungshoheit in Unterzahl

Die 2.700 Union-Fans entschieden sich gegen den stillen Protest und nutzten so ihre Stimmungshoheit und Stimmenhoheit in Unterzahl. Konkurrenzlos schallte ein Best-of des eisernen Liedguts durch die Commerzbank-Arena. Von "Wir singen rot, wir singen weiß" über "F-C-U, Fußballklub Union Berlin" bis hin zu "Wir sind Unioner, wir sind die Kranken" waren die Gesänge glockenklar zu hören, obwohl die Heimfans trotz leerer Nordwestkurve mit etwa 44.000 in der Überzahl waren. Auch von den Mitgereisten gab es Kritik an der Spielansetzung. Vor dem Gästefanblock hing über die gesamte Spieldauer ein großes Banner "Anstoßzeiten fair gestalten".

Fans des 1. FC Union fordern in Frankfurt faire Anstoßzeiten (Quelle: imago/Jan Huebner).
| Bild: imago/Jan Huebner

Die Transparente der Eintracht-Fans waren da deutlicher. Da gab es die Variante Humor: "Ihr streckt den Spieltag wir das Koka" - in Anspielung an den Ruf Frankfurts als Drogenmetropole. Mit einem weiteren Schriftzug wurde der Montag derbe beleidigt, genauer gesagt, die Mutter des Montags, der unverblümt eine Tätigkeit im horizontalen Gewerbe angedichtet wurde.

In den Medien und sozialen Netzwerken gab es teilweise deutliche Kritik am Boykott der Frankfurter Ultraszene. Den Protest hielten einige Beobachter angesichts des bereits gefassten Beschlusses, die Montagsspiele in der Bundesliga zur Saison 2021/22 abzuschaffen, für unnötig und schädlich für die eigene Mannschaft. Unter dem offiziellen Hashtag #sgefcu überzogen manche Nutzer die Eintracht-Fans mit Kritik und Spott.

Viele Fußballfans zeigten jedoch Verständnis und verwiesen darauf, dass das Montagsspiel ein geeigneter Anlass sei, um gegen die generelle Zerstückelung des Spieltags zu protestieren.

Mit viel Humor stichelte die Satireseite FUMS an diesem Rosenmontag gegen die Wolfsburger Fanszene.

Während die Berliner Fans ihre Gesänge durchzogen, gab es von der Haupt- und Gegentribüne vereinzelte Versuche, die eigene Mannschaft anzufeuern, die das spätestens nach dem 0:1 durch Sebastian Andersson (49.) bitter nötig hatte. Union-Blogger Roßbach nahm dabei wahr, dass die Frankfurter auf die Unioner Melodien mit ihren eigenen Texten eingestiegen seien, "das ist halt wahnsinnig schwer ohne organisierten Support. Wir haben das neulich in Dortmund selbst erlebt." Beim Auswärtsspiel im Westfalenstadion hatten es zahlreiche Union-Fans, darunter die Vorsänger, aufgrund einer Polizeikontrolle nicht in die Gästekurve geschafft.

Boykott "schuld" am Auswärtssieg?

Aber auch der Torjubel nach dem späten Anschlusstreffer geriet den Frankfurtern sehr kurz. 20 Sekunden Ekstase, dann wurde es wieder ruhig, während die Ouvertüre aus Franz von Suppés "Leichte Kavallerie" als Torhymne bereits in die akustische Leer galoppierte.

"Ich glaube nicht, dass es am fehlenden Support lag, dass Christopher Lenz vor dem 0:1 diesen Ball erlief oder dass Rafal Gikiewicz in zwei Szenen so stark gehalten hat," ordnet Daniel Roßbach die Bedeutung des Stimmungsboykotts für den Spielausgang aus seiner Sicht ein. Für die Union-Fans war es zwar einerseits schade, auf die sonst so beeindruckende Stimmung im Frankfurter Stadion verzichten zu müssen, andererseits war das spätestens dann egal, als sie nach dem Abpfiff mit ihrer Mannschaft ausgiebig diesen überraschenden Auswärtssieg feiern konnten.

Sendung: Inforadio, 25.02.2020, 7:15 Uhr

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11 Kommentare

  1. 11.

    Zum Glück ist Ihre Meinung unwichtig. Jeder darf sich eine Karte für ein Spiel kaufen und es live sehen. Das ist keine Angelegenheit, die der Staat regeln muss. Und was den Polizeieinsatz angeht; die hat die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten. Und Fußball ist Sportart Nr. 1 in Deutschland. Zugang, Abgang zu den Spielen tangiert nicht nur die Zuschauer, sondern auch Anwohner usw.... Innerhalb des Stadions und für die Zugangskontrolle sind auch private Sicherheitsleute. Angesichts der Massen kann man diese aber nicht alleinverantwortlich handeln lassen. Die Polizei schafft das schon. Auch wenn diese Aufgabe für Sie unwichtig erscheinen mag.

  2. 10.

    Ihren von Unkenntnis geprägten Aussagen würden die ca. 20.000.000 Zuschauer, die in der letzten Saison nur in den ersten beiden Ligen Fussballspiele in den Stadien verfolgt haben sicher energisch widersprechen, Wolfgang.

  3. 9.

    Maßnahmen zu vollziehen. (Vgl. Artikel in Bezug auf das Spiel in Dortmund) hier wurden obszön viele Beamte dazu verdonnert 2 Busse so lange zu kontrollieren bis das Spiel gelaufen war. Nach Abpfiff wurde der dritte Bus unbescholten ziehen gelassen. Stichwort Schikane bzw. Sinnloser Einsatz von Polizisten. LG Harry

  4. 8.

    Na ja, es ging den Frankfurter Ultras ja nicht nur um dieses eine Spiel, sondern überhaupt um die zunehmende Kommerzialisierung des Fussballs. gegen die man ein Statement setzen wollte. Ohne die aktive Fanszene ist der Fussball nichts bzw. nur noch ein Event, bei dem der Finanzkrätigste das Sagen hat und die Fans sich in ein vorgeformtes Angebot einzugliedern haben - siehe z. B. RB Leipzig. Dort haben die Fans keinerlei Mitbestimmungsrecht und dürfen nur zum Konsumieren ins Stadion kommen.

    Wobei man anmerken muss, dass die Bundesliga im Vergleich zu den anderen großen europäischen Ligen immer noch sehr fanfreundlich ist, was auch erhalten bleiben sollte. Und dafür kämpfen z. B. auch die Frankfürter Ultras mit solchen Aktionen.

  5. 6.

    Die Montagsspiele wurde aus rein kommerziellen Zwecken installiert, um einen weiteren Termin an die TV Sender verkaufen zu können und sind auch vor allem wegen der späten Ansetzung für von etwas weiter anreisende Heimfans, die bspw. in "Schicht arbeiten" oder gerne die Kinder mit ins Stadion nehmen wollen sehr unattraktiv. Und Auswärtsfans müssen u. U. sogar zwei Tage Urlaub nehmen, um ihren Club unterstützen zu können.

    Dass die weitere Zerstückelung des Spieltages ein Fehler war, hat die DFL ja zum Glück eingesehen und die Montagsspiele ab der nächsten Saison wieder abgeschafft.

  6. 5.

    Meiner Meinung nach braucht dieser Unterhaltungszweig gar keine Zuschauer in den Stadien. Eintrittsgelder machen nur einen minimalen Beitrag am Gesamtumsatz aus.Spiele im TV zu sehen, ist angenehmer und vor allen Dingen sicherer. Man braucht sich nicht vor besoffenen und zu gekifften, sogenannten Fans zu fürchten. Die Polizei kann sich wieder ihren wirklichen Aufgaben widmen.

  7. 2.

    An dieser Mannschaft sollte sich Hertha BSC mal ein Beispiel nehmen.

  8. 1.

    Also: Dienstag und Mittwoch ist Champions League. Oder englische Woche. Oder DFB-Pokal. Donnerstags Europa League. Freitag das Freitagsspiel. Und am Wochenende sowieso Fußball. Was genau ist jetzt am Montag "fanunfreundlicher" als am Dienstag oder Mittwoch?

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