Jonas Müller im intensiven Zweikampf mit Kölns Zachery Sill. Quelle: imago images/osnapix
Audio: Inforadio | 06.03.2020 | Lynn Kraemer | Bild: imago images/osnapix

Kopfverletzungen im Eishockey - Crash mit fatalen Folgen

Jede sechste Verletzung im Profi-Eishockey betrifft den Kopf. Doch Gehirnerschütterungen werden nicht immer erkannt - Spieler können schwere, dauerhafte Schäden davontragen. Die Deutsche Eishockey Liga versucht deshalb, gegenzusteuern. Von Lynn Kraemer

Ein Ellenbogencheck gegen den Kopf: In der Saison 2013 erleidet André Rankel, Kapitän der Eisbären Berlin, eine Gehirnerschütterung. Doch die bleibt erst unentdeckt. Als er in den Tagen nach dem Spiel schwächelt, gehen die Ärzte von einem Virus oder Pfeifferschem Drüsenfieber aus. Dann wird Rankel schwindelig. Die Diagnose: Kopfverletzung.

Wenn 1.000 Eishockeyspieler für eine Stunde aufs Eis gehen, haben zwei von ihnen am Ende eine Gehirnerschütterung. Das zeigen Studien mehrerer nordamerikanischer Universitäten. Aber nicht jeder Spieler geht nach einem Hit zu Boden oder zeigt klare Symptome wie Schwindel oder Übelkeit. Viele Gehirnerschütterungen bleiben unentdeckt.

Die Spieler vor sich selbst schützen

Der Mannschaftsarzt der Grizzlys Wolfsburg, Axel Gänsslen, sagt, dass die unsichtbare Verletzung schwer einzuschätzen ist: "Bei einer Gehirnerschütterung kommt es letztendlich zu einem Hin- und Herbewegen des Gehirns im Schädelknochen. Da das jedes Mal ein bisschen anders ist, ist keine Gehirnerschütterung wie die andere." Selbst bei einem überprüfenden CT oder MRT könnten viele Kopfverletzungen nicht erkannt werden. Und doch handelt es sich bereits bei einer "normalen" Gehirnerschütterung um ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma.

Eishockeyspieler, die Anzeichen einer Gehirnerschütterung zeigen, werden sofort aus dem Spiel genommen und befragt, sagt Gänsslen: "Wie fühlt sich der Patient? Fühlt der sich anders? Hat der ein Nebelgefühl? Sieht er Sterne? Hat er Gleichgewichtsstörungen?". Aber weil sie nicht wissen, wie schwer die Folgen der Gehirnerschütterung sein können, lügen viele Spieler, um schneller wieder aufs Eis zu gehen.

"Als Sportler bist du der Unsicherste von allen, wenn du diese Symptome hast", sagt André Rankel, der Kapitän der Eisbären. "Du willst immer spielen und irgendwie würdest du es auch hinkriegen mit einer Gehirnerschütterung. Aber wichtig ist, dass du Leute da hast, die sich wirklich um dich kümmern und dir sagen: 'Du, mach‘ mal zwei Schritte weniger'". Bei einem Erwachsenen dauert es etwa zehn Tage, bis er sich von der Verletzung erholt hat, Kinder und Jugendliche brauchen länger [bisp.de]. Steht ein Sportler zu früh wieder auf dem Eis, kann das schwerwiegende Folgen haben.

Karriereende und dauerhafte Schäden

So wie bei Stefan Ustorf. Der langjährige Eisbärenkapitän und NHL-Profi erlitt während seiner Karriere fünf diagnostizierte Gehirnerschütterungen. Im Nachhinein gehen die Ärzte eher von 25 aus. Oft spielte er einfach weiter. 2011 beendete ein Schädel-Hirn-Trauma seine Karriere.

Ustorf spürt die Folgen noch heute: "Ich habe bei einer Siebentagewoche im Schnitt an vier bis fünf Tagen Kopfschmerzen. Ich habe weiter Konzentrationsprobleme. Ich bin licht- und lärmempfindlich. Und ich habe, was mein größtes Problem ist und wofür ich auch mit Medikamenten behandelt werde, Temperamentschwankungen", beschreibt Ustorf sein Leiden.

Die Gefahr von Gehirnerschütterungen wurde in der Liga lange unterschätzt, dieser Meinung ist auch Sven Felski, der mit den Eisbären sechs Mal Meister wurde: "Da hieß es dann mehr oder weniger: 'Mach‘ mal drei Tage Pause, dann noch eine Tablette und dann geht’s schon wieder und das ist leider Gottes auch so gewesen", erzählt Felski.

Wichtig ist, dass du Leute da hast, die sich wirklich um dich kümmern und dir sagen: 'Du, mach‘ mal zwei Schritte weniger'."

André Rankel, Kapitän der Eisbären Berlin

Schrittweiser Verlust von Gehirnzellen

Doch Langzeitstudien über die Gefahren von Kopfverletzungen aus dem Football und Eishockey in den USA haben das Bewusstsein inzwischen geschärft. Kommt es zu einer zweiten Gehirnerschütterung, obwohl die erste noch nicht verheilt ist, steigt das Risiko für eine längere Erholungsphase und Komplikationen, wie zum Beispiel erhebliche Hirnschwellungen. Beim Zweittrauma besteht die Gefahr eines schrittweisen Verlusts von Gehirnzellen und langfristiger neurologisch-psychiatrischer Folgen, wie Parkinson. 

2017 untersuchten Wissenschaftler aus Boston in den USA die Gehirne von verstorbenen Footballprofis auf die Krankheit CTE (chronisch-traumatische Enzephalopathie). Sie kann zu Gedächtnisverlust, Depressionen und Demenz führen. Der Verdacht: CTE wird durch Zusammenstöße auf dem Spielfeld verursacht. Bei 110 von 111 untersuchten Gehirnen fanden die Forscher Anzeichen von CTE [jamanetwork.com]. Sicher ist das CTE-Syndrom erst nach dem Tod nachweisbar [dw.com].

Die Studie ist zwar nicht repräsentativ für alle Footballer und die NFL streitet einen Zusammenhang ab. Aber die Liga-Leitung stützt andere Studien, die zu ähnlichen Ergebnissen kamen. 2013 hatte die NFL Entschädigungen in Millionenhöhe an ehemalige Profis gezahlt, die wegen ihrer Gehirnschäden vor Gericht geklagt hatten. Innerhalb weniger Jahre hatten mehrere Ex-NFL-Spieler Suizid begangen [derwesten.de].

Schnellüberprüfung in drei Minuten

Um Gehirnerschütterungen früh zu erkennen und Folgeschäden vorzubeugen, arbeitet die Deutsche Eishockey Liga (DEL) seit 2012 mit der "ZNS – Hannelore Kohl Stiftung" zusammen. Diese hat eine Test-App entwickelt, kurz "GET"-App. Mit der App kann man in weniger als drei Minuten ermitteln, ob eine Gehirnerschütterung vorliegen könnte. Das ist deutlich schneller als der offizielle Test "SCAT5", für den man eine Viertelstunde benötigt.

Doch auch die "GET"-App gibt keine absolute Sicherheit, erklärt der Arzt Axel Gänsslen, der sie mitentwickelt hat: "Die App ist keine Diagnose-App. Wir haben kein Testinstrument, wo wir sagen können: Der hat was, der hat nichts. Es bleibt eine Graustufe. Ziel der App ist letztendlich, dass wir auch einen Nichtmediziner in eine Situation bringen zu sagen: Da könnte etwas sein". Kommt es beim Training zu einem Zusammenstoß und ist der Mannschaftsarzt nicht in direkter Nähe, können auch der Trainer oder Mitspieler mit der App eine erste Einschätzung geben. Dadurch ist sie auch im Breitensport einsetzbar.

Konsequenzen der Liga

Seit kurzem bietet die "GET"-App die Möglichkeit Baseline-, also Durchschnittswerte, fürs ganze Team zu speichern. Vor der aktuellen Saison machen die Sportler den Reaktionstest in einer normalen Umgebung. Wenn im Training oder bei Spielen der Verdacht auf eine Gehirnerschütterung aufkommt, kann die Reaktionszeit der Spieler besser verglichen werden. So soll die Verletzung schneller erkannt werden.

Außerdem bestraft die DEL inzwischen Angriffe gegen den Kopf stärker. Neurologische Tests zum Saisonbeginn sind verpflichtend. Ab der Saison 2020/21 muss es in allen Eishallen belastungsreduzierende Banden geben. Laut der Sportlerversicherung VBG kann das Verletzungsrisiko so um bis zu 29 Prozent gesenkt werden. Aber der Spielbetriebsleiter Jörg von Ameln sagt auch: "Angriffe gegen den Kopf wird es immer geben. Man wird es nicht wegbekommen, aber man kann versuchen, die Zahl zu minimieren und den Umgang hinterher zu optimieren".

In den USA sitzen zusätzliche Ärzte als neutrale Beobachter im Eishockey-Publikum und können jederzeit Spieler mit dem Verdacht auf Kopfverletzungen aus der Partie nehmen. In Deutschland fehle dafür das Geld, sagt von Ameln. Und auch feste Sperrzeiten nach Gehirnerschütterungen von mehreren Wochen will die Liga nicht einführen. Die Frage, wie schnell sich ein Spieler erhole, bleibe eine Grauzone.

Beitrag von Lynn Kraemer

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1 Kommentar

  1. 1.

    in Rennsportarten (Formel 1 & Co.) klappt es ja auch - nach schweren Crashs Zwangsuntersuchung durch Rennarzt!
    Warum nicht auch bei anderen Risikosportarten wie Eishockey? Ärzte rennen da ja auch ausreichend herum.

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