Herthas neuer Trainer Bruno Labbadia (imago images/nordphoto)
Bild: imago images/nordphoto

Bruno Labbadia über Start als Hertha-Trainer - "Bei mir wird keiner zur Seite getan"

Seit 17 Jahren ist Bruno Labbadia nun schon Trainer. Doch einen Trainingsbetrieb wie derzeit hat Herthas neuer Chefcoach auch noch nicht erlebt. Wie er mit den Corona-Auflagen umgeht, in welchem Zustand sich die Mannschaft zeigt und wer ihm richtig Freude macht.

Als sich Bruno Labbadia an diesem Donnerstagmittag im Presseraum von Hertha BSC vor den Rechner setzt, um mit einer Journalisten-Runde über die ersten Tage als Trainer des Hauptstadtklubs zu skypen, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. So kompliziert die Lage angesichts der Corona-Krise auch sein mag, Labbadia hat spürbar Lust auf die Aufgabe. Und nimmt sich anschließend viel Zeit, zu sprechen ...

… über das derzeitige Training:

"Im Moment dürfen wir mit maximal acht Spielern pro Gruppe trainieren. Dass heißt, dass dann in mannschaftstaktischen Übungsformen irgendwo auf dem Feld zwei Spieler fehlen. Die Jungs müssen sich also permanent Dinge vorstellen. Und wenn wir mit dem Ball arbeiten, dann muss ich ihnen sagen: "Ja, da steht eigentlich ein Achter. Und da steht eigentlich ein Innenverteidiger." Aber die Jungs stellen sich gut drauf ein. Man merkt natürlich, dass wir keine Zweikämpfe haben, wo es auch mal zur Sache geht."

… über kreative Übungsformen:

"Wir haben diese drei Achtergruppen plus die Vierergruppe mit den Torhüter, die auch gesondert trainieren müssen. Aber wir lassen uns immer wieder etwas einfallen, auch wenn das kein klassisches Torschuss-Training ist. Also stellen wir in das große Tor zwei kleine Tore, rechts und links, und dann heißt: "Passt auf Jungs, schneller Abschluss, Ecken treffen." Es ist alles anders. Aber sollen wir es deswegen komplett lassen? Nein! Also müssen wir kreativ sein."

… über die ersten Eindrücke von der Mannschaft:

"Das ist sicherlich im Moment keine, die total vor Selbstvertrauen und Energie strotzt. Und normalerweise hätte ich in dieser Woche mit zehn Spielern längere Gespräche geführt. Das kann ich aber nicht machen momentan. Weil die Spieler so knapp wie möglich zum und vom Trainingsgelände kommen sollen."

… über das Potential der Mannschaft

"Das Potential ist da. Die Frage ist aber eher: Passen die Puzzle-Teile zusammen? Das kann ich derzeit noch nicht sagen. Vor allem weil man erst im Wettkampf sieht, wie sich jemand wirklich verhält."

… über Vedad Ibisevic und Salomon Kalou:

"Bei mir wird keiner zur Seite getan. Ich erwarte Respekt von meinem Spielern, aber dann muss ich erstmal bei mir anfangen. Das bedeutet aber nicht, dass ich jeden aufstellen kann. Vedad und Salomon sind zwei sehr verdiente Spieler mit großen Karrieren, bei denen ich aber immer noch glaube, dass sie helfen können. Es spielt auch keine Rolle, ob ein Vertrag ausläuft oder nicht."

… über Matheus Cunha:

"An ihm war ich schon so früh dran, da haben viele noch gar nicht über ihn nachgedacht. Nur konnte ich ihn mir leider nicht leisten. Deswegen kenne ich ihn gut und deswegen habe ich mir schon, bevor hier hergekommen bin, gedacht: Es ist gut, dass Hertha ihn verpflichtet hat. Das ist ein Typ, der Energie versprüht und das ist für unser Spiel wichtig. Ich möchte gern Spieler haben, die aktiv sind. Und er ist jemand, der auf dem Platz diese Lust am Fußball versprüht, er kann Leute anstecken. Das ist gerade für die Art und Weise, wie wir agieren wollen, wichtig. Dafür brauchst Du solche "Anstecker". Ich habe aber auch schon ein paar Sachen gesehen, an denen wir arbeiten müssen."

… über einen möglichen Neustart:

"Ich weiß, dass wir alle Kompromisse schließen müssen. Weil es darum geht, die Liga zu erhalten. Aber aus Trainersicht sage ich, was nicht geht: Dass wir erst zehn Tage, bevor das erste Spiel stattfinden soll, wieder ins komplette Mannschaftstraining einsteigen. Meine Mannschaft ist jetzt in der fünften Woche ohne eine einzige Spielform im Training. Wir müssen schauen, dass die Spieler sich nicht verletzten, wenn sie dann das erste Mal nach so einer langen Zeit wieder in die Zweikämpfe gehen. Und wenn es nachher so ist, dass der 30.6. als Saison-Enddatum nicht reicht, dann ist es halt so. Und wenn es machbar ist, dass man die kommende Saison ab 1. September mit Zuschauern starten lassen könnte, dann verzichte ich persönlich auf den Winterurlaub, spiele den Winter durch und dafür aber vor Zuschauern."

… über seine Assistenztrainer:

"Günter Kern ist in Sachen Athletik das Beste, was ich bisher erlebt habe. Er hat ein Reha-Zentrum aufgebaut, eine Ski-Nationalmannschaft trainiert, ist mit dem VfB Stuttgart Deutscher Meister geworden und hat das Münchner Schnelligkeitsinstitut "World of Speed" ins Leben gerufen. Das hat mich besonderes interessiert, weil der Fußball immer schneller geworden ist. Aber das Entscheidende ist: Er weiß, dass Fußballspielen das Wichtigste ist. Das machen wenige Athletik-Trainer. Eddy Sözer ist schon lange bei mir, wir kennen uns in- und auswendig. Olaf Janßen ist seit Wolfsburg dabei, macht extrem viel über Videoanalyse und ist aber auch auf dem Platz ein richtig guter Trainer. Er hat Erfahrung als Zweitliga-Trainer in Dresden und auf St. Pauli."

Sendung: Inforadio, 16.04.2020

Beitrag von Ilja Behnisch

3 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 3.

    Vernünftiger Mann, hoffe dass er bald Hertha nach oben führen kann, und hoffe auch bald wieder Fußball mit Zuschauern zu erleben.

  2. 2.

    Man kann ihm nur Glück wünschen....

  3. 1.

    Ich sag erstmal: Willkommen! Alles andere wird sich zeigen. Nach dem feigen Klinsmann kann es ja nur besser werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Hoffenheims Andrej Kramaric mit dem 3:0 gegen Hertha BSC (imago images/Uwe Koch)
imago images/Uwe Koch

Hertha BSC nach dem Hoffenheim-Spiel - Es ist kompliziert

Auch gegen die bis dato drittschlechteste Abwehr der Liga kommt Hertha BSC nicht zum Tor-Erfolg, verliert gegen die TSG Hoffenheim mit 0:3. Ein noch viel größeres Problem als das nackte Ergebnis sind allerdings die Gründe dafür. Von Ilja Behnisch