Hertha-Trainer Bruno Labbadia beim Training (Quelle: imago images/Poolfoto S)
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Wie Labbadias Taktik Hertha helfen kann - Die Zukunft gehört Bruno

In seiner Antrittspressekonferenz sprach der neue Hertha-Trainer Bruno Labbadia viel von seiner Spielidee. Offensiv sei sie, konkret wollte er aber nicht werden. Anhand seiner letzten Station in Wolfsburg kann man trotzdem einige Vorhersagen treffen. Von Till Oppermann

Michael Preetz kann sich endlich wieder freuen. Nachdem die Sorgenfalten auf der Stirn des "Langen" seit dem letzten August immer tiefer wurden, hatte er am Montag bei Bruno Labbadias Antrittspressekonferenz endlich mal wieder etwas Positives zu verkünden. "Wir freuen uns einen Trainer zu bekommen, der Mannschaften weiterentwickeln kann", sagte Preetz und all der Verdruss über die Peinlichkeiten dieser miesen Saison schien vergessen. Gleichwohl erbt Labbadia aber die Altlasten seiner Vorgänger. Deshalb sei es dessen Aufgabe, die Mannschaft erstmal zu stabilisieren, forderte Preetz, "aber dann auch in den nächsten Wochen und Monaten die offensive Spielidee Stück für Stück durchzusetzen."

Auf die Frage, wie diese Idee genau aussehen soll, antwortete der neue Trainer eher ausweichend. Er sei kein Freund davon, große Ankündigungen zu machen. Erstmal müsse man arbeiten. "Das heißt aber nicht, dass ich keine Vision habe." Besonders nach den großmäuligen Ankündigungen seines Vorvorgängers Jürgen Klinsmann ist diese Bescheidenheit wohltuend. Schaut man zurück zu Labbadias letzter Station nach Wolfsburg, kann man dem Hessen trotzdem in die Karten gucken - und versteht, warum er in Herthas Kader Potential für seinen Fußball sieht.

Labbadia ist ein fußballerischer Neuanfang

Herthas eher reaktiver, defensiv ausgerichteter Stil unter Klinsmann und Interimstrainer Alexander Nouri wird mit Labbadia ein Ende haben. In Wolfsburg formte er eine Mannschaft, die aus dem Abstiegskampf in die Europa League stürmte. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn der Kern von Labbadias "Spielart", wie er es nennt, ist ein sehr hohes und aggressives Pressing in der gegnerischen Hälfte. Häufig üben dort bis zu fünf Akteure Druck aus. Nach eigenen Ballverlusten soll das Spielgerät so möglichst nah am gegnerischen Tor zurückerobert werden. Labbadia verlangt von seinen Mannschaften, das Spiel an sich zu reißen. Die Berliner haben zuletzt eher abgewartet und den Gegner machen lassen. Zum Vergleich: In der Saison 2018/19 hatte Wolfsburg durchschnittlich 52 Prozent Ballbesitz, Hertha steht in der bisherigen Spielzeit bei etwa 46 Prozent.

Meistens schickte Labbadia die Wölfe in einem 4-3-3-System aufs Feld. Im Mittelfeld spielte der defensive Joshua Guilavogui als Absicherung vor der Abwehr. Gegen den Ball bedeutete das, dass jeder seiner Vorderleute hoch anlaufen musste, um den nötigen Druck zu erzeugen. Angefangen bei Mittelstürmer Wout Weghorst setzten auch die Flügelstürmer und zwei zentrale Mittelfeldspieler den Gegner unter Druck. Damit hinter dieser ersten Linie keine zu großen Lücken entstehen, rückte die Viererkette teilweise bis zur Mittellinie auf.

Ballbesitzfußball mit langen Bällen

Trotz der hohen Spielanteile waren Labbadias Wolfsburger kein typisches Kurzpassteam. So spielten sie pro Spiel 76 lange Bälle [Quelle: Datenbank von whoscored.com]. Das war Ligahöchstwert und übertrifft sogar den Schnitt der einfallslosen Hertha-Mannschaft aus dieser Saison. Der Unterschied: Wolfsburgs lange Bälle verfolgten einen klaren Plan. Im Spielaufbau ließen die Niedersachsen den Ball durch die Viererkette zirkulieren. Über die Flügel wollte man den Gegner knacken. Deshalb orientierten sich die beiden Mittelfeldspieler vor Guilavogui auf die Außenbahn, um den Außenverteidigern der Linie entlang Anspielstationen zu bieten. Verstellte der Gegner diesen Weg, war die nächste Option der lange gezielte Pass in Richtung der Stürmer. Besonders Weghorst gelang es mit seiner guten Technik und Präsenz immer wieder, Bälle festzumachen und abzulegen.

So konnten die Wolfsburger das Spiel häufig ins Angriffsdrittel verlagern. Unter Labbadia befand sich der Ball ungefähr 30 Prozent der Zeit in dieser potenziell torgefährlichen Position. Bei Hertha ist das nur in 24 Prozent der Spielzeit der Fall. Keine Bundesligamannschaft ist in dieser Kategorie schlechter - und keine hat weniger Torabschlüsse als Hertha.

Labbadias Fußball passt zu Herthas Kader

Um das zu ändern, lohnt ein Blick darauf, wie sich Labbadias Wolfsburger die meisten ihrer Chancen erspielten. War der Ball erstmal bei Stürmer Weghorst, rückten dessen Mitspieler blitzschnell nach. Durch schnelle Kombinationen der eingerückten Flügelstürmer mit den hinterlaufenden Außenverteidigern gelang es häufig, über die Seite hinter die Abwehr zu kommen und so Chancen vorzubereiten. Fast 80 Prozent der Wolfsburger Torabschlüsse entstanden 2018/19 über diesen Weg. Das könnte auch Hertha helfen, häufiger vors Tor zu kommen.

Seit Ondrej Dudas Abgang fehlt im offensiven Mittelfeld ein kreativer Spieler, der durch die Mitte Gefahr erzeugt. Kombinationsstarke Flügelspieler wie Javairo Dilrosun und Dodi Lukebakio befinden sich dafür schon im Kader. Auch Matheus Cunha kann man sich mit seiner Kreativität und Dribbelstärke in einer solchen Rolle gut vorstellen. Auf ihn freute sich Labbadia in einer Presserunde via Skype am Donnerstag besonders. "Das ist ein Typ, der Energie versprüht und das ist für unser Spiel wichtig." Der Trainer habe allerdings auch schon Sachen gesehen, an denen man arbeiten müsse.

Ascacibar und Piatek könnten Schlüsselrollen einnehmen

Cunha ist nicht der einzige Spieler, der Labbadia gefällt: "Ich sehe bei der Mannschaft ein Potenzial." Für zwei seiner Schlüsselpositionen gilt das ganz besonders. Mit Krzysztof Piatek und Santiago Ascacibar hat Hertha bereits im Winter Spieler verpflichtet, die alles für Labbadias Fußball mitbringen. Piatek könnte bei Hertha den Weghorst geben. Mit seiner starken Technik wäre er in der Lage, auch lange Pässe zu kontrollieren und auf seine Mitspieler abzulegen. In seinen ersten Spielen hat er zudem angedeutet, dass er eine Abwehr beschäftigt, indem er Gegenspieler bindet. Und je mehr Spieler das Zentrum schützen, desto mehr Platz ist auf den Flügeln, um sich Chancen zu erspielen. Die könnte der eiskalte Pole dann wiederum in der Mitte verwerten.

Ascacibar ist indes durch seinen großen Aktionsradius die perfekte Absicherung für das hohe Pressing. Der lauf- und zweikampfstarke Argentinier kann die Zone zwischen der vorderen und der hinteren Abwehrlinie schützen. Mit der Freiheit hinter der ersten Linie selbst zu entscheiden, wo genau er sich positioniert, würde er Löcher stopfen. Aus einer lauernden Position könnte er abwarten, ob und wo der Gegner das Pressing überspielt und dann an dieser Stelle entweder in den Zweikampf gehen oder versuchen, einen abzufangen. Seine größte Stärke ist sowieso die Arbeit gegen den Ball.

Fragezeichen bleiben - etwa bei den Außenverteidigern

Bis Herthas verunsicherte Mannschaft das neue System verinnerlicht, wird hartes Training nötig sein. Ob man jetzt eher im fußballerischen oder physischen Bereich arbeitet? "Das kann man nicht trennen", findet Labbadia. Denn ohne die körperlichen Voraussetzungen könne man nicht Fußball spielen. "Wir brauchen für unsere Art von Fußball Power." Der abwartende Fußball der Vorgänger Labbadias führte dazu, dass sich Hertha bei der Laufdistanz, den Sprints und den intensiven Läufen im unteren Drittel der Bundesliga befindet. Im Training müssen die Spieler sich also an eine neue Belastung gewöhnen.

Michael Preetz attestierte seinem Trainer, er sei dazu in der Lage "Potenziale zu heben". Das formuliert eine Erwartung an Labbadia. Er soll vor allem mit den vorhandenen Spielern arbeiten und nicht sofort neue Millionentransfers fordern. Besonders bei den Außenverteidigern wird das spannend. Ihre Diagonalbälle im Spielaufbau, ihr Nachrücken in den Angriff und die schnelle Rückkehr in die Abwehr, um abzusichern, sind wichtige Komponenten des Labbadia-Fußballs. Die schwankenden Leistungen von Maximilian Mittelstädt, Marvin Plattenhardt, Marius Wolf und Lukas Klünter spülten zeitweise sogar den fast vergessenen Peter Pekarik zurück in die Startelf. Man darf gespannt sein, ob es ihnen gelingt, Labbadias anspruchsvolle Aufgaben zu erfüllen. Insgesamt könnten die Spielidee des bodenständigen Trainers und seine Ansprache aber genau das Richtige sein, um die Alte Dame nun auch sportlich mal wieder interessant zu machen.

Beitrag von Till Oppermann

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9 Kommentare

  1. 8.

    Na klar, typisch Hertha-Fans.
    Est mal maulen und Preetz ist immer Schuld.

    Lasst Bruno Labbadia doch erst mal machen, schlechter als mit Klinsmann kann es ja nicht werden.
    Urteit doch erst wenn es wieder richtig los geht und nicht früher.

  2. 7.

    Paul, ich habe geschrieben....immer mehr... was eigentlich klar aussagt das Hertha schon immer Mittelmaß war.

  3. 6.

    Nicht Charlottenburg sondern Gesundbrunnen.
    Und das alte verhökerte Stadion da hieß Plumpsklo, oder so ähnlich.
    Sehen wir Tedihertha einfach als das was sie ist: Die graue Maus der 2. Liga.

  4. 5.

    Ich finde, man sollte das alles nicht so hochsterilisieren.

  5. 4.

    „ ... im Mittelmaß verschwinden“?
    Klingt als wäre der Charlottenburger Verein schon mal ein Spitzenteam gewesen :P

  6. 3.

    Ein sehr fundierter Artikel. Übertrifft vieles, was man sonst, selbst auf ausgewiesenen Sportportalen, lesen kann. Zu Bruno Labbadia: Glücksfall für die Hertha.

  7. 2.

    Labbadia wird genau so ein Reinfall wie all seine Vorgänger, er war ein guter Spieler aber noch Nie ein guter Trainer !!!

    Solange Preetz rumwurschteln darf wie er will, da ja sein Schwiegerpapa Gegenbauer die schützende Hand über ihn hält, wird Hertha immer mehr im Mittelmaß verschwinden. :o)))

  8. 1.

    Irgendwie habe ich ein gutes Gefühl bei dem Jung und hoffe dass er Hertha endlich in neue Sphären führen kann.
    Hoffe das auch bald wieder die Bundesliga anfängt.

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