Hertha-Investor Lars Windhorst bei einer Pressekonferenz. Quelle: imago images/Matthias Koch
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Interview | Hertha-Investor Lars Windhorst - "Hertha kann als Gewinner aus der Corona-Krise hervorgehen"

Lars Windhorst hat große Ziele mit Hertha BSC: Zuletzt berief der Investor Ex-Nationaltorhüter Jens Lehmann in den Aufsichtsrat und stellte dem Verein weitere Millionen in Aussicht. Im rbb-Interview sagt Windhorst, warum genau er positiv in die Zukunft schaut.

rbb|24: Lars Windhorst, wir treffen uns für dieses Gespräch in Ihrem Büro hoch über den Dächern Berlins mit Blick auf Reichstag und Museumsinsel. Wenn Sie auf Ihre Investition bei Hertha BSC schauen: Wo sehen Sie den Verein perspektivisch?

Lars Windhorst: Ich sehe den Verein in der Zukunft als einen der führenden Fußballvereine in Deutschland und als einen Klub, der sich in Europa nachhaltig etabliert. Dafür haben wir vor einem Jahr eine Partnerschaft mit der Vereinsführung begonnen. In der kurzen Zeit sind wir bereits einige Schritte in diese Richtung gegangen. Es ist aber noch ein weiter Weg, der vor uns liegt - und den wir gemeinsam mit dem Verein gehen wollen.

Sie halten mit der Tennor-Holding 49,9 Prozent an der Profiabteilung von Hertha. Insgesamt sind es 224 Millionen Euro, die auf Konten von Hertha BSC geflossen sind. Warum haben Sie sich vor einem Jahr für den Hauptstadt-Verein in Deutschland entschieden?

Das war eine leichte Entscheidung. Zum einen wollten wir gerne in den Fußball investieren, weil es ein wachsendes Geschäft ist - und prognostiziert wird, dass es weiter wachsen wird. Zum anderen ist die Hauptstadt für mich etwas Besonderes. Ich liebe Berlin. Ich bin sehr gerne hier und habe große Erwartungen an die Stadt, was die Zukunft angeht. Bereits in den letzten zehn bis zwanzig Jahren hat sich Berlin toll entwickelt. Deswegen gab es einen großen Reiz, dass wir uns bei Hertha BSC engagieren. Wir glauben fest daran, dass die Hauptstadt Deutschlands - ein Land, das eine Fußballnation ist - einen führende Fußballverein haben sollte. Das ist eine tolle Perspektive und ein spannendes Projekt für uns.

Sie sprechen von Wachstum. Im Moment wächst aufgrund der Corona-Pandemie leider wenig. Kam Ihr Engagement für Hertha zur rechten Zeit, weil man jetzt einfach weniger finanzielle Sorgen hat als die Konkurrenz?

Wir können uns glücklich schätzen, dass Hertha BSC im letzten Jahr das Investment von uns erhalten hat. Ich freue mich auch persönlich, dass ich einen Beitrag dazu leisten konnte, dass sich Hertha BSC als einer der wenigen Vereine in der Corona-Krise keine Sorgen machen muss. Es ist so, dass Hertha aufgrund des Investments im letzten Jahr als Gewinner oder zumindest als gestärkter Verein aus der Corona-Krise hervorgehen kann.   

Die Einnahmen werden sinken. Wahrscheinlich auch die Ablösen für Spieler. Kann man dadurch vielleicht sogar schon früher zu einem europäischen Player - zum "Big City Club" - werden?

Ich kann nicht beurteilen, ob es dadurch schneller gehen wird. Es gibt aber sicherlich speziell für Hertha BSC aufgrund der Krise auch Chancen. Ich bin mir sicher, dass die Vereinsführung bereit und in der Lage ist, diese auch zu nutzen. Daher schauen wir positiv in die Zukunft.

Ihre Investments sind auf Rendite ausgelegt. Sie gehen keinen Träumereien nach. Was erhoffen Sie sich langfristig von Ihrem Engagement - und was bedeutet es für Hertha BSC?

In der Tat ist unser Engagement in den Verein langfristig angelegt. Wir wollen uns hier nicht nur für ein paar Jahre, sondern für Jahrzehnte engagieren. Deswegen ist auch die Rendite-Erwartung langfristig angelegt. Wir erhoffen uns also, dass es in den nächsten fünf bis 15 Jahren zu einer Wertsteigerung kommen wird.

Sie haben bereits angekündigt, dass Sie sich vorstellen können, weiter Geld bei Hertha zu investieren. Gibt es in dem Zusammenhang schon einen Zeitplan, wann eine weitere Investition getätigt werden könnte?

Wir haben uns lediglich dahingehend geäußert, dass wir fest an der Seite des Vereins stehen und bereit sind, den Verein weiter zu unterstützen. Grundsätzlich sind wir dazu bereit, bis zu 150 Millionen Euro weiteres Eigenkapital in den Verein zu investieren. Wann und ob das passieren soll, hängt vom Bedarf des Vereins ab. Wir sind mit der Geschäftsführung in laufenden konstruktiven Gesprächen und warten auf Signale von Hertha BSC. Wir haben uns geäußert, um klar zu machen, dass wir bereit sind, gerade in dieser speziellen Phase den Verein weiter zu unterstützen.

An welche Bedingungen könnte so etwas geknüpft sein?

Es wird da keine besonderen Bedingungen geben. Unser Investment in den Verein bisher war ja auch Eigenkapital. Wir haben dem Verein also keine Kredite gegeben, sondern Eigenkapital zur Verfügung gestellt. Das ist grundsätzlich nicht rückzahlbar, sondern diese Mittel stehen dem Verein auf Dauer zur Verfügung. Das wäre bei einem neuen Investment genau so der Fall.  

Ein mögliches weiteres Feld, wo Sie sich engagieren könnten, wäre der Stadion-Neubau. Dieses Vorhaben treibt der Klub seit einigen Jahren voran. Wäre es eine Möglichkeit für Sie, auch hier dem Verein zu helfen?

Ich persönlich finde, dass der Stadion-Neubau extrem wichtig ist. Ich hoffe sehr, dass es bis zum Ende des Jahres dort eine Entscheidung gibt, auf welchem Grundstück in Berlin die Hertha ein eigenes Fußballstadion bauen kann. Wenn es eine Entscheidung gibt, sind wir bereit, den Verein auch dabei zu unterstützen. Wir hoffen sehr, dass Hertha BSC in spätestens fünf Jahren ein einem eigenen reinen Fußballstadion spielen wird.

Ihr Engagement bei Hertha beinhaltet, dass Sie vier Personen in den Aufsichtsrat entsenden dürfen. Zwei haben sie vor Kurzem benannt: Marc Kosicke und Jens Lehmann. Wie ist die Entscheidung für diese beiden Personen gefallen?

Wir haben uns in den letzten Monaten stark dafür interessiert, einen Nachfolger für Jürgen Klinsmann zu finden. Außerdem wollten wir einen weiteren Posten besetzen. Wir haben dabei Wert darauf gelegt, Sportkompetenz mit Finanzkompetenz zu kombinieren. Mit Jens Lehmann, der eine herausragende Sportpersönlichkeit ist und eine große Karriere hinter sich hat, haben wir jemanden an Bord geholt, der uns dabei helfen kann, wenn es darum geht, die Geschäftsführung und ihre Arbeit einzuschätzen. Zum Beispiel bei Transfer-Fragen. Wir selbst sind finanzielle Investoren und nicht operativ in das Geschäft eingebunden - das wollen wir auch gar nicht. Wir vertrauen der Geschäftsführung des Vereins. Umso wichtiger ist es aber, dass wir auch auf unserer Seite im Aufsichtsrat Leute haben, denen wir vertrauen können, was sportliche Kompetenz angeht.  

Und Marc Kosicke?

Er ist in der Fußball-Landschaft in Deutschland ziemlich einzigartig aufgestellt. Er berät viele herausragende Trainerpersönlichkeiten von Jürgen Klopp über Thomas Tuchel bis Julian Nagelsmann. Er hat einen ganz anderen Blickwinkel auf das Thema Fußball. Er soll uns speziell dabei beraten, wenn es um Merchandising, Sponsoring und eine Marketingstrategie geht. Das ist ein Feld, wo wir glauben, auch etwas beitragen zu können.

Jens Lehmann hat nicht nur eine Schalker Vergangenheit, was den einen oder anderen Hertha-Fan vielleicht nicht ganz so freut, sondern gilt zudem als streitbarer Geist. Warum ist er für Hertha mit seinem meinungsstarken Naturell trotzdem der richtige Mann?

Ich sehe da gar kein Problem. Obwohl er ein streitbarer Kopf sein kann, ist er bei Hertha an Bord gekommen, um mit der Geschäftsführung, den anderen Kollegen im Aufsichtsrat und uns als Gesellschaftern konstruktiv zu arbeiten und den Verein zu unterstützen. Wir wollen den Weg gemeinsam mit Hertha gehen und nicht gegeneinander. Sowohl Herrn Lehmann als auch Herrn Kosicke ist klar, dass für uns als Gesellschafter wichtig ist, dass wir hier harmonisch und konstruktiv zusammenarbeiten. Damit wollen wir den bestmöglichen Weg in die Zukunft gehen.  

In der Corona-Krise hat Jens Lehmann Meinungen geäußert, die in Medizinerkreisen keine große Zustimmung fanden. Ist das etwas, was Ihnen im Anschluss an die Entscheidung, ihn im Aufsichtsrat aufzustellen, Sorgen bereitet hat?

Nein, das bereitet mir keine Sorge. Wir wissen beide, dass gerade beim Thema Corona alle, die andere Meinungen als der Mainstream äußern, grundsätzlich kritisiert werden. Das ruft auch bei mir manchmal Fragezeichen hervor. Trotz allem leben wir in einem Land der freien Meinungsäußerung. Die Fragen - es waren ja keine Feststellungen -, die Herr Lehmann aufgeworfen hat, kann man sich durchaus stellen. Er ist auch nicht eingestellt worden, um sich zu Corona oder anderen Themen zu äußern, sondern eben um uns fußballerisch zu beraten. Da freuen wir uns sehr auf eine interessante und konstruktive Zusammenarbeit.

Sie verschweigen nicht, dass Sie kein Freund der 50+1 Regelung im Fußball sind, die besagt, dass kein Investor im deutschen Profifußball mehr als die Hälfte eines Vereins halten darf. Was stört Sie an der Regelung?

Erstmal stört mich an der Regelung gar nichts. Wir haben uns trotz der 50+1-Regel und im Wissen, dass es sie gibt, bei Hertha BSC engagiert. Aber: Als jemand, der aus der Wirtschaft kommt, kann ich diese Regel gar nicht als etwas rein Positives sehen.

Warum?

Selbstverständlich ist es für einen Unternehmer etwas Problematisches, wenn es Beschränkungen gibt. Man investiert Geld und hat letztendlich - zumindest rechtlich - nur sehr wenig zu sagen. Hinzu kommt, dass es in Deutschland durch die Regel eine Sonderstellung gibt. In keinem anderen europäischen Land gibt es sonst diese Regelung. Deswegen gibt es in vielen Ländern gewisse Wettbewerbsunterschiede bei Vereinen, die ohne diese Regel operieren. Ob die 50+1-Regelung für den deutschen Fußball bis heute gut oder schlecht war, vermag ich gar nicht zu beurteilen. Ich habe lediglich in Frage gestellt, ob wir damit langfristig auf dem richtigen Weg sind. Es ist aber nicht etwas, das uns stört oder dabei behindern würde, gemeinsam mit Hertha BSC den erfolgreichen Weg in die Zukunft zu gehen. 

Was macht für Sie die deutsche Sonderrolle aus?

In Deutschland wird leider die sehr starke und positive Fankultur auf der einen Seite und der Kommerz und das Finanzielle der Fußballwelt auf der anderen Seite sehr ideologisch gesehen.  Ich finde, dass die Fans und alle, die sich finanziell im Fußball engagieren, eigentlich die gleichen Ziele haben. Die Fans wollen tolle Spiele sehen, Spaß haben und dass ihr Verein erfolgreich weit oben mitspielt. Genau das gleiche wollen auch alle, die sich finanziell im Fußball engagieren. Da gibt es eine Interessensgleichheit. Es ist falsch, zwei Konfliktparteien dazustellen und aufzubauschen. Ich hoffe, dass auch ich einen Beitrag dazu leisten kann, dass dieser heraufbeschworene ideologische Konflikt abnimmt und hoffentlich in Zukunft gar nicht mehr da ist.

Entscheidungsgewalt des Vereins im Wind(horst) verweht: Hertha-Fans äußern ihren Unmut über den Einstieg von Lars Windhorst. imago images/Bernd König
Entscheidungsgewalt des Vereins im Wind(horst) verweht: Hertha-Fans äußern ihren Unmut über den Einstieg von Lars Windhorst. | Bild: imago images/Bernd König

Gibt es einen Austausch mit den Fans und Ideen, wie man zusammenkommt?

Ich habe bisher keinerlei Probleme mit Fans gehabt. Ich bin bei Hertha BSC gut willkommen geheißen worden. Ich habe kein Problem damit, mich einem Dialog zu stellen und bin interessiert daran, einen Dialog mit Mitgliedern und Fans zu haben. Ich bin nicht Mitglied im Aufsichtsrat, aber im Beirat des Vereins und habe dort mehrmals an Sitzungen mit anderen Vereinsmitgliedern teilgenommen. Das, was ich bislang dort erlebt habe, war sehr positiv und konstruktiv.

Zum Abschluss: Was ist Ihre Einschätzung - wie wird der Fußball durch die Corona-Krise kommen?

Es ist eine große Herausforderung für jeden Verein. Man darf nicht vergessen, dass es trotz der finanziell guten Situation bei Hertha BSC und auch bei anderen Vereinen, wirtschaftliche Einbußen gibt. Viele Millionen Euro Einnahmen fallen auf einmal weg. Keiner weiß, wann es wieder echte Spiele mit Zuschauern geben wird. Langfristig wird sich in den nächsten Jahren wieder alles stabilisieren und normalisieren. Die Frage wird sein, wie groß war der finanzielle Aderlass, wie groß der nachhaltige Schaden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Sebastian Meyer, rbb-Sportredaktion

Sendung: rbbUM6, 15.05.20, 18:00 Uhr

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15 Kommentare

  1. 15.

    Als Auswärtige erfreut es mich, dass Herrn Windhorst Gelegenheit gegeben wird, sich klar und deutlich als auch optimistisch zu äußern.
    Mit Wehmut erfüllt es mich, das irgendwann nicht mehr im Olympiastadion gespielt werden soll. Es ist für mich schönste und beste Stadion in der Bundesliga und in puncto Service, Barrierefreiheit und Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln unschlagbar.

  2. 12.

    Die böse, böse Hertha ist ja auch die einzige Mannschaft die eventuell von der Krise profitiert. Und natürlich ist sie auch Schuld am Leid der Menschheit und vielleicht noch an der Klimakrise. Vielleicht habt ihr noch mehr Gründe euren Frust an der Hertha auszulassen. Oder geht doch besser heut noch auf ne Demo, da könnt ihr gegen alles und jeden und gegen Hertha demonstrieren. Ich jedenfalls ,werde mir das Spiel ansehen.

  3. 11.

    Der Satz "Hertha kann als Gewinner aus der Corona-Krise hervorgehen" widert Sie garnicht an?
    Armes Berlin!

  4. 9.

    Hertha gewinnt an Corona und am Leid der Menschen?
    Na herzlichen Glückwunsch.
    Nun weiß man ja entgültig was von Hr. Windhorst zu halten ist.

  5. 8.

    Recht hat er, auch wenn du es nicht einsiehst, ich sehe Hertha demnächst ganz weit vorne, natürlich nichts für die ganzen Pessimisten hier.
    Anstatt man sich mal über einen Club in Berlin freut, der ein bisschen mehr an Geld hat, wird natürlich immer drauf eingedroschen, typisch Berlin.
    Ich denke nach dem Sieg morgen in hoffenheim geht's richtig nach vorne.
    Pessimisten waren gestern, Angst Bürger waren gestern, wir brauchen jetzt Optimisten.
    HaHoHe

  6. 7.

    Zitat Windhorst: "Zum einen wollten wir gerne in den Fußball investieren, weil es ein wachsendes Geschäft ist - und prognostiziert wird, dass es weiter wachsen wird."

    Mit solchen, und weiteren marktradikalen 'Gewinner' Aussagen, wo doch spätestens angesichts der aktuellen Lage eigentlich ein Umdenken bzgl. des "Fussballzirkus'" angesagt ist, beweist dieser "Fussballfreund" mal wieder, dass sein Invest weniger auf attraktiven Fussball für die Fans, als vielmehr auf die Dividende abzielt. Hochsympathisch der Mann!


    . . . und Windhorst Spezi Jens Lehmann so: „Solange die Symptome nicht so schlimm sind, denke ich, müssen die Spieler damit zurechtkommen“


    Hertha, wohin läufst du?

  7. 5.

    Wenn man sich für den Weg entscheidet einen Investor in den Verein zu lassen, muss man dessen finanziellen Absichten akzeptieren. Mal sehen, ob die Geduld, jahrelang (5-10 Jahre) nicht nur Sprüche für die Galerie sind. Das beim Profifussball Geld das wichtigste ist, weiß man doch schon lange. Wenn du als Verein so eine Chance auf viel Geld bekommst, musst du sie nutzen. Ich finde, Hertha macht das richtig. Nur: Was passiert, wenn mittelfristig der Erfolg ausbleibt? Wir dürfen gespannt sein.

  8. 3.

    Wenn man das liest, rollen sich einem die Zehennägel hoch. Mit Sport hat das nichts mehr zu tun. Ich wende mich von diesem Verein ab.

  9. 2.

    Morgen gibt´s erst mal nee Klatsche in Sinsheim.

  10. 1.

    Wie kann man eigentlich in einer solchen Situation von Gewinnern reden? Es ist unglaublich!

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