Hertha-Trainer Bruno Labbadia beim 4:0 Sieg gegen Union Berlin (Quelle: Getty Images/Stuart Franklin)
Bild: Getty Images/Stuart Franklin

Furioser Derbysieg - Labbadias Hertha bricht Union "das Genick"

Hertha BSC ist Stadtmeister. Bruno Labbadias Team hat den Rivalen Union Berlin mit 4:0 vom Platz gefegt. Der neue Trainer hat Hertha zur Mannschaft der Stunde geformt. Seinen Vorgängern muss das wie eine schallende Ohrfeige vorkommen. Von Till Oppermann

Vor dem Neustart der Bundesliga wurde viel über die erhöhte Belastung für die Spieler gesprochen. Neun Spiele in sechs Wochen sind ein heftiges Pensum. Hertha BSC scheint ein besonders wirksames Rezept zur Regeneration gefunden zu haben. Wie in der vergangenen Woche entscheidet Bruno Labbadias Mannschaft das Spiel weit vor dem Ende mit einem Doppelschlag. Danach ist kein Leben mehr im Geisterderby. Hertha kann siegesgewiss dem Abpfiff entgegen spielen. Zumindest, wenn man Union-Urgestein Michael Parensen glaubt: "Das war der Genickbruch". Eine Metapher, die auch sein sichtlich enttäuschter Trainer Urs Fischer auf der Pressekonferenz im Olympiastadion für die beiden Hertha-Tore innerhalb von 70 Sekunden in der 51. und 52. Spielminute wählt.

Der Heilsbringer heißt Labbadia

Was die Gefühlslage der Köpenicker angeht, mag das stimmen. Und tatsächlich kommt von Union nach dem 0:2 noch weniger als vorher. Doch folgt man dem Narrativ von Fischer und Parensen, unterschlägt man, dass eine Mannschaft alles andere als tot ist. Sie heißt Hertha BSC und ist das Team der Stunde in der Bundesliga. Zwei Spiele, Sechs Punkte, 7:0 Tore: Das ist kein Zufall. Die nächste Wendung in der filmreifen Spannungskurve dieser Saison trägt Bruno Labbadias Namen. Innerhalb weniger Wochen formte der Hesse ein ideenloses und blasses Ensemble zur Tormaschine um. Zur Erinnerung: Die Rede ist von der Mannschaft mit den wenigsten Abschlüssen in der Liga. Doch plötzlich spielen die gleichen Spieler, die von einem fußballerischen Offenbarungseid zum nächsten taumelten, ihre Gegner an die Wand.

Hertha hat sich neu erfunden

Das Fundament für den Zauber legt die Arbeit gegen den Ball. Labbadia selbst sieht das so: "Der Schlüssel lag nicht nur im Spielen, sondern auch darin, wie wir nachgepresst haben." Und wer möchte Herthas neuem Held da widersprechen? Unter ihm wurden die passiven Charlottenburger zur dominanten Pressingmaschine. Man sei davon selbst überrascht, sagt am Freitag auch der erneut überragende Kapitän Vedad Ibisevic. Und trotzdem kann man den Aufschwung der Herthaner begründen.

Denn auch gegen den Stadtrivalen ist das neue Spielsystem des Trainers klar und deutlich auf dem Platz zu sehen. Hertha läuft Unions Innenverteidiger aggressiv an. Hertha jagt Union den Ball ab. Hertha spielt sehenswerten Ballbesitzfußball. Zusammengefasst: Hertha dominiert den ungeliebten Gegner. Und der bescheidene Labbadia gibt seinen Spielern den Kredit dafür. Die Mannschaft mache es gut, habe intensiv gearbeitet und setze die Dinge um. Obwohl er von sich ablenken will, wird eines klar: Die Hauptursache des furiosen Derbysieges ist Labbadias Arbeit.

Darida ist der Schlüssel zum Sieg

"Wir arbeiten anders", gibt Ibisevic zu. Fitnessmäßig habe man zugelegt, aber auch taktisch, bei der Disziplin und der Organisation. "Das hat der Trainer mit sich gebracht." Eine schallende Ohrfeige für die Vorgänger Jürgen Klinsmann und Alexander Nouri, die ihre Spieler offensichtlich nie erreicht haben. Labbadia rekapituliert: "Die Mannschaft kam nicht über den Ballbesitz, wenn man die Vorrunde sieht." Er verlangt das und kann dabei heute endlich auf seine Lieblingsformation setzen. Für das 4-3-3 mit Dauerläufer Vladimir Darida im Mittelfeld muss sogar der in Hoffenheim so gute Maxi Mittelstädt auf die Bank. Ein taktischer Wechsel, wie Labbadia vor dem Spiel bei DAZN erklärt.

Im Spiel ist von Beginn an klar warum. Vladimir Darida ist der perfekte Spieler für den Labbadia-Fußball. Trotz seiner Auswechslung in der 80. Minute legt er die meisten Kilometer aller Blau-Weißen zurück. Überall auf dem Platz hilft er seiner Mannschaft. Beim Pressing im Angriffsdrittel, das dazu führt, dass Unions gefürchtete lange Bälle am Freitagabend in den seltensten Fällen den Weg zu Unions Toptorjäger Sebastian Andersson finden. Vor dem eigenen Strafraum, wo er mit einer klugen Bewegung früh im Spiel eine gelbe Karte für Michael Parensen provoziert. Rechts neben den Innenverteidigern, wo er und seine Kollegen Marko Grujic und Per Skjelbred abwechselnd den Spielaufbau unterstützen. Oder vor dem 1:0 als er nach einem starken linienbrechenden Pass von Jordan Torunarigha mit einem feinen Dribbling Marvin Plattenhardts Flanke vorbereitet.

Herthas Balance lässt Union keine Chance

Darida lässt aber er auch seine Mitspieler glänzen. Zum Beispiel Dodi Lukebakio, der von defensiven Aufgaben befreit, wie entfesselt aufdribbelt. Oder Grujic, der endlich wieder so präsent auftritt wie in der letzten Saison und mit 18 gewonnenen Duellen der zweikampfstärkste Spieler auf dem Platz ist. Ergänzt von Skjelbred, der absolut fehlerfrei agiert und Hertha nach seinem Abgang doch fehlen dürfte, balanciert das neue Mittelfeld unter Daridas Führung die Mannschaft aus.

So sehr, dass vorne alle Stürmer treffen – auch wie schon in Hoffenheim der längst abgeschriebene Ibisevic. So sehr, dass Dedryck Boyata am Freitagabend wohl seine beste Saisonleistung darbietet. Der belgische Nationalspieler gewinnt jeden seiner Zweikämpfe, fängt vier Pässe der Unioner ab, hat die meisten Ballkontakte aller Spieler und krönt seine Leistung schließlich mit dem 4:0. Spätestens jetzt sollte der Elfmeter, den er im Hinspiel verursachte, vergessen sein.

Hertha blickt nach oben, Union muss zittern

Vergessen wollen auch die Unioner. Allerdings nicht das Hinspiel in der ausverkauften Alten Försterei, sondern das Rückspiel im leeren Olympiastadion. Obwohl das 0:4 ein Brett sei, macht sich zumindest Routinier Parensen keine Sorgen um seine ersatzgeschwächte Mannschaft, die das Fehlen von Keven Schlotterbeck und Christopher Lenz nicht kompensieren kann. Man sei eine gute Truppe, habe auch in der Hinrunde eine miese Phase überwunden. "Über unsere Tugenden werden wir in den nächsten Wochen unsere Punkte holen." Damit der Abstiegskampf nicht mit dem nächsten Genickbruch endet.

Sorgen vor einem Absturz haben die Herthaner spätestens jetzt nicht mehr. Naturgemäß schielen die ersten Fans schon in Richtung Europa. Mit den beiden überzeugenden Siegen im Rücken fährt Hertha selbstbewusst in die englische Woche nach Leipzig. Zumindest eines haben die Berliner mit den Sachsen gemeinsam: Neben Borussia Dortmund sind Hertha und RB die einzigen Vereine, die Union in dieser Spielzeit Packung zufügen konnten. Vielleicht denkt Bruno Labbadia auch daran, als er sagt: "Die Art und Weise wie wir eine sehr gut organisierte Mannschaft bespielt haben, war toll."

Eine Derby-Weltreise

Sendung: Inforadio, 23.05.2020, 9 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

Kommentar

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Antwort auf [Holger] vom 23.05.2020 um 11:05
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21 Kommentare

  1. 21.

    der Spruch ist so alt, wie die deutsche Geschichte und immer noch wahr.
    Wenn man das so sieht, wie Ihr, ist "gute Besserung" auch ein Schimpfwort!

  2. 19.

    Zitat:" Union kann schon mal für den Abstieg planen und ist dann bald in der Regionalliga, bei den anderen Ostdeutschen Klubs mit Tradition, grins."

    Zitat: "Für Hertha geht es nach Europa, für Union und in die 2. Liga. Bald dann treffen der DDR Klubs in der Regionalliga und Union ist dabei."


    Aber sonst gehts Ihnen gut, Bohne?! Diese überhebliche Gehässigkeit einiger Herthaner, die Sie noch zusätzlich mit allgemeinem Ostclub Bashing anreichern, ist extrem unsympathisch.

  3. 18.

    Welche Großmäuligkeit meinen Sie? Und wenn es Leipzig "richten" sollte, geht´s Ihnen dann wieder besser?

  4. 17.

    Hertha zeigt was es kann! Union kann schon mal für den Abstieg planen und ist dann bald in der Regionalliga, bei den anderen Ostdeutschen Klubs mit Tradition, grins.

  5. 16.

    Nein, bedeutet es nicht zwangsläufig. Googlen Sie mal Bert Trautmann. Sie werden staunen. Und manche sind hier sowas von zartbesaitet. Da wird ein alte Redewendung, die ein Trainer benutzt, lächerlicheweise kritisiert.
    Suchmaschine sagt: "... wird - wie in vielen anderen Redensarten auch - bildlich für Vorgänge des Scheiterns und des Ruins genutzt. Entsprechende Beispiele hierfür sind bereits in Schriften des 17. Jahrhunderts zu finden."

  6. 15.

    Was ist das denn für eine Überschrift? Ich finde sie einfach abartig! Und nein! Ich bin kein Fußballfan.

  7. 14.

    Sie irren was das Verhältnis zu Labbadia angeht. Beim ersten Mal wäre es es fast gelungen, in die Europäischen Ligen zu kommen. Dann, 2015 rettete L. den Klub in der Relegation vor dem Abstieg. Daher ist Er seither im Volkspark immer willkommen. Und es hätte fast eine dritte Vertragszeit gegeben. Sind Sie ein Pauli-Troll? ;-)

  8. 13.

    Dann sagen Sie das Fischer, der hat es auf der PK auch nochmal gesagt. Der rbb berichtet nur, was gesagt wurde. Und solche Sprüche aufzugreifen gehört dazu. Oder wollen Sie nur saubere Zitate haben? Warum soll der rbb nicht darüber berichten, was für merkwürdige Floskeln benutzt wurden?

  9. 12.

    Freut euch nicht zu Früh. Bei Laberdiva (Hamburgisch)
    langt die Euforie immer für die ersten 5 Spiele. Dann geht's bergab. Musste der HSV zweimal mit ihm erleben.

  10. 11.

    Labbadias Hertha bricht Union "das Genick"
    Hat der Typ Hertha gekauft ?

  11. 10.

    Ein Genickbruch bedeutet Tod oder Querschnittlähmung, was das mit Sport zu tun hat erschliesst sich mir nicht.
    Ebenso die unüberlegte Wiedergabe eines solchen furchtbaren Spruchs durch den RBB. Insofern schliesse ich mich den vorhergehenden Äusserungen zur Verrohung der Sprache nur an.

  12. 9.

    Die jiddische Form "hatslokhe un brokhe" ist ein Glück- und Segenswunsch. Von deutschsprachigen Zuhörern wurden diese Worte als Hals- und Beinbruch verballhornt (wahrscheinlich). Quelle: Wikipedia
    Meiner Auffassung nach wird hier ein jüdischer Segensspruch verunglimpft. Es ist nicht alles so harmlos, wie es klingt.

  13. 8.

    Weil er sich auf einen Spruch eines Unioners bezieht. Lesen Sie doch bitte mehr als die Überschrift, bevor Sie meckern. Kommt auch ziemlich ziemlich früh im Text.

  14. 7.

    Hertha hat gewonnen, gegen wen ist egal, es geht darum, die Saison sicher zu Ende zu spielen. Hervorragende Leistung Hertha. Ihr schafft das und nächste Saison kann dann darauf aufgebaut werden.

  15. 6.

    Und hier wieder der RBB“ und die Fans schielen nach Europa „. Was soll das? Woher nehmt ihr diese Weisheiten?

  16. 5.

    Mehr Alu als Eisern!

  17. 4.

    Geht's nicht noch etwas Martialischer? Ich wünsche keinem einem "Genickbruch". Bild-Niveau lässt grüßen!

  18. 3.

    Ah, dann sind Hals-und Beinbruch (uralter Spruch) als Erfolgswunsch sicher auch total verroht. Man kann auch päpstlicher als der Papst sein.

  19. 2.

    Leipzig wird‘s richten... dann ist die Großmäuligkeit von heute wieder Schnee von gestern ;)

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