Eine transgeschlechtliche Frau spielt Fußball im Park. (Quelle: Büchner/Sport)
Audio: Inforadio | 25.05.2020 | Philipp Büchner | Bild: Büchner/Sport

Diversity Day | Vielfalt im Sport - Nur in Berlin darf das dritte Geschlecht mitspielen

Es gibt Männer- und Frauenfußball. Und da fängt das Problem schon an. Denn trans- und intergeschlechtliche Personen werden mitunter ausgeschlossen. In Berlin spielen alle mit. Doch auch hier funktioniert das nicht immer reibungslos. Von Philipp Büchner

Endlich geht das gemeinsame Training beim DFC Kreuzberg wieder los. Jessica Tschitschke hat dieses Zusammensein im Team gefehlt. "Das ist mir sehr wichtig. Wir achten in unserer Mannschaft sehr stark darauf, dass sich alle willkommen fühlen. Das habe ich im Sport schon anders erlebt." Jessica hieß früher Michael und hat Herrenhockey gespielt. Dabei fühlte sie sich bereits in ihrer Kindheit nicht als Junge. Als Erwachsene glich sie 2007 ihr Geschlecht an, wurde unter anderem durch eine Hormontherapie auch körperlich zur Frau.

Geschlechtsangleichungen sind in Deutschland bereits seit den 1980er Jahren rechtlich klar geregelt und Tschitschkes Geschlecht stand bereits im Personalausweis. Doch der Sport war damals noch nicht so weit. Im Hockey durfte sie nicht bei den Frauen mitspielen, musste sogar ganz mit dem Sport aufhören. "Mir wurden bereits Spiellizenzen verweigert, ich wurde sogar aus Vereinen geworfen, teilweise richtiggehend rausgemobbt wegen meiner Transidentität."

Für Christian Rudolph vom Lesben- und Schwulenverband Deutschlands ist das nicht verwunderlich. "Ich kenne viele, die mit dem Sport ganz aufgehört haben. Wenn in der Kabine Sprüche kommen oder unsensibel damit umgegangen wird und ich mich im Sport für etwas rechtfertigen soll, für das ich mich bereits mein ganzes Leben rechtfertigen muss, dann fühle ich mich nicht willkommen." Viele Fehler werden aus seiner Sicht aus Unwissenheit und Unsicherheit begangen, Signale der Ablehnung an transidente Menschen gesendet.

Prozesse dauern lange und sind belastend

Rudolph berichtet von Sportgerichtsverfahren, in denen Vereine Einspruch eingelegt haben, weil angeblich ein Junge bei den Mädchen mitgespielt hat. Das Scheinargument der Wettbewerbsverzerrung werde immer wieder hervorgeholt, so auch bei einem Sportgerichtsprozess gegen eine Berliner Torhüterin vor zwei Jahren. "Da wurde wegen der Hormone mit Doping argumentiert, da wurden Details aus dem Privatleben der Torhüterin vorgelegt, das war nicht schön. Wir müssen auch klar sagen, dass wir hier über Amateursport reden." Das Sportgericht des Berliner Fußballverbands (BFV) wies den Einspruch damals ab. Für die Torhüterin war das laut Rudolph dennoch eine große Belastung, "solche Prozesse können schon mal drei Monate dauern".

Für niemanden eine Bedrohung

Im BFV darf pro Mannschaft auch eine Person des dritten Geschlechts spielen - was eine Selbstverständlichkeit sein müsste. Denn seit 2018 wird auch intergeschlechtlichen Personen gesetzlich volle Teilhabe garantiert. Dennoch: In allen anderen 20 Landesverbänden in Deutschland sind Personen des dritten Geschlechts und Menschen, die sich im Prozess der Geschlechtsanpassung befinden, von Pflichtspielen ausgeschlossen.

Die Diversity Managerin (frei übersetzt: Vielfaltsbeauftragte) des Deutschen Fußballbunds, Claudia Krobitzsch, sieht den BFV als Vorbild: "In manchen Landesverbänden läuft der Prozess, da stehen alle bis in die Spitze voll dahinter. In anderen müssen wir noch viel Überzeugungsarbeit leisten und vor allem die Bereicherung verdeutlichen, die Menschen, die eben nicht ins normative Raster fallen, dem Fußball bringen." Der DFB, so Krobitzsch, arbeite intensiv daran, dass flächendeckend auch intergeschlechtliche Menschen mitspielen dürfen.

Das andere große Thema im Verband seien die Stadionbesuche, "auch hier sind wir auf dem Weg, haben bereits bei Länderspielen genderneutrale Toiletten eingerichtet." Insgesamt zeichnet sie ein positives Bild der Willkommenskultur für alle geschlechtlichen Identitäten, "diese Menschen sind für niemanden eine Bedrohung, sie wollen niemandem etwas wegnehmen und unser Anspruch ist, dass im Fußball alle dazugehören."

Fünf Spielerinnen des DFC Kreuzberg schauen bei einem Fußballspiel zu. (Quelle: imago/Wells)
Gegen alle Diskriminierungsformen: der DFC Kreuzberg | Bild: imago/Sebastian Wells

Das Ideal: Alle spielen zusammen

Christian Rudolph hofft, dass in wenigen Jahren etwa zehn bis 20 trans- oder intergeschlechtliche Fußballer_innen in Berliner Vereinen mitspielen. "Manche glauben gar nicht, dass sie Fußball spielen können mit ihrer Identität. Andere finden keinen Verein. Dabei ist das doch eigentlich das Ideal: Egal, wo ich herkomme, welchen Beruf ich habe, welches Geschlecht und so weiter - alle treten gemeinsam gegen den Ball." Für Jessica Tschitschke macht dieses gemeinsame Erlebnis den Fußball aus. Es war ein langer und manchmal schwieriger Weg, der sich aber letztlich gelohnt hat. Denn sie hat im DFC Kreuzberg ihre sportliche Heimat gefunden.

Sendung: Inforadio, 25.05.2020, 11:15 Uhr

Beitrag von Philipp Büchner

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