Herthas Spieler jubeln über ein Tor im Spiel bei der TSG Hoffenheim. Quelle: imago images/Poolfoto
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Vor dem Rückspiel - Fünf Gründe, warum Hertha das Stadtderby gewinnt

Das Hinspiel gegen den 1. FC Union hat Hertha BSC verloren. Seitdem hat sich bei den Blau-Weißen einiges geändert. Bruno Labbadia ist bereits der vierte Trainer in dieser Saison. Jonas Bürgener nennt fünf Gründe, warum Hertha das Derby dieses Mal gewinnt.

1. Die Mannschaft hat Labbadias Spielweise schon jetzt verinnerlicht

Vor dem Spiel bei der TSG Hoffenheim hatte Bruno Labbadia von einem "Blindflug" gesprochen. Merklich unsicher war sich der neue Coach, auf welchem Stand sich seine Mannschaft unter den derzeit besonderen Umständen befindet. Deswegen wird auch der 54-Jährige positiv davon überrascht gewesen sein, wie gut seine Spielidee von der Mannschaft bereits aufgenommen wurde. Die Handschrift Labbadias war in Sinsheim über weite Strecken bereits deutlich zu erkennen.

Hertha soll unter dem Hessen dominant und aggressiv auftreten. Und tatsächlich störte seine Elf die Hoffenheimer immer wieder schon früh in der gegnerischen Hälfte. Das Team hatte weitaus mehr Ballbesitz als zuletzt unter Alexander Nouri und Jürgen Klinsmann, setzte deutlich häufiger als der Gegner zum Sprint an und gewann daher am Ende auch in der Höhe verdient mit 3:0. Für Labbadia hätte der Einstand nicht besser laufen können, die Spielidee soll in den nächsten Tagen und Wochen noch verfeinert werden - am besten schon im Derby gegen den 1. FC Union.

2. Trotz Geisterspiel - Hertha hat den Heimvorteil

Ja, die Bundesliga ohne ihre Fans ist nicht die gleiche. Das war bereits am vergangenen Spieltag in allen Stadien der Republik zu spüren. Nun werden Hertha ausgerechnet im so wichtigen Stadtderby im heimischen Olympiastadion die Fans fehlen. Das Stadion wäre ausverkauft gewesen. Bei jedem Fußballfan in der Hauptstadt hätte das volle, dröhnende Olympiastadion besondere Gefühle hervorgerufen. Das wird nun fehlen. Sehr sogar. Und trotzdem darf Hertha auf den Heimvorteil bauen.

Auch ohne Fans kann die riesige "Schüssel" Olympiastadion für Gästeteams erdrückend wirken. Die Mannschaft von Bruno Labbadia kennt hingegen jeden Zentimeter ganz genau, ist jeden der weiten Wege in den Katakomben bereits hunterte Male gegangen. Union ist mit dem Stadion an der Alten Försterei etwas komplett anderes gewöhnt. Klein und eng ist das Köpenicker Stadion - auch ohne Fans. Groß und weitläufig kommt dagegen das Olympiastadion daher. Hertha sollte selbstbewusst und wie die Heimmannschaft auftreten. Dann kann auch ein leeres Olympiastadion für einen Heimvorteil sorgen.

3. Die Pause scheint gut getan zu haben

Wer dachte, nach dem turbulenten Abgang von Jürgen Klinsmann würde Ruhe einkehren bei Hertha BSC, irrte gewaltig. Auch in der Corona-Krise sorgte der Klub fleißig für Schlagzeilen: Nachdem im April mit Labbadia bereits der vierte Trainer in der laufenden Saison vorgestellt wurde, sorgte anschließend die Posse um Salomon Kalou und dessen brisantes Kabinen-Video für Aufregung. Wenig später berief Lars Windhorst mit Jens Lehmann den nächsten prominenten Namen in den Hertha-Aufsichtsrat - wieder schaffte es Hertha deutschlandweit auf die Seite eins.

Dem Trubel um den Klub zum Trotz scheint den Spielern die Pause Aufwind gegeben zu haben. "In den letzten Wochen habe ich mich körperlich fitgemacht. Die Pause hat gutgetan", sagte beispielsweise Vedad Ibisevic, der in Sinsheim überraschend den Vorzug von Winterneuzugang Krzysztof Piatek bekam - und sich für das Vertrauen mit einem Treffer bedankte.

Nicht nur der 35-jährige Stürmer-Senior wirkte frisch und war ein Aktivposten in Herthas Offensivspiel. Insgesamt trat Hertha in Sinsheim aufgeräumt und gut sortiert auf. Müde Knochen nach der langen ungeplanten Pause waren im Spiel bei der TSG Hoffenheim nicht zu erkennen. Im Vergleich zu den Spielen vor der Zwangspause zeigte fast jeder Spieler eine deutliche Leistungssteigerung.

4. Hertha hat Wut im Bauch

"Stadtmeister, Stadtmeister, Berlins Nummer 1!"

So verabschiedeten die euphorisierten Union-Fans im November die Spieler, Betreuer und Fans des Erzrivalen nach dem ersten Stadtderby und dem knappen 1:0-Sieg ihrer Mannschaft aus dem Stadion an der Alten Försterei. Allen, die es mit Hertha BSC halten, müssen die Gesänge wie ein unangenehmer Tinnitus vorgekommen sein. Auch im Nachgang des Spiels genoss Union den Derbysieg in vollen Zügen. Nicht wenige Hertha-Fans müssen sich wahrscheinlich noch heute regelmäßig mit gehässigen Kommentaren von Arbeitskollegen necken lassen, die es mit dem Rivalen aus Köpenick halten.

All das sorgt bei Hertha für mächtig Wut im Bauch. Die Mannschaft möchte ihre Fans, die in dieser Saison beileibe nicht verwöhnt wurden, mit dem Derbysieg im Rückspiel entschädigen. "Wir wollen den Schwung mitnehmen und haben etwas wiedergutzumachen. Das Spiel ist sehr, sehr wichtig", sagte Maxi Mittelstädt nach dem Hoffenheim-Spiel. Mit einem geglückten Re-Start und einem Derbysieg im Rücken könnte Hertha weitaus entspannter in den Saisonendspurt gehen. Vielleicht würde dann zum ersten Mal in dieser für den Verein wilden Saison etwas Ruhe einkehren.

5. Die individuelle Qualität ist größer, der Kader breiter

Auch die individuelle Qualität im Kader spricht klar für Hertha. Nicht erst seit den namhaften Winter-Einkäufen von Matheus Cunha und Krzysztof Piatek hat Hertha starke Akteure in seinen Reihen. Das bisherige Problem: Keiner der drei mittlerweile verabschiedeten Trainer in dieser Spielzeit schaffte es, die starken Individualisten zu einer funktionierenden Mannschaft zu formen.

Von Bruno Labbadia kann das zu diesem frühen Zeitpunkt auch noch nicht erwartet werden. Trotzdem war das Spiel in Sinsheim ein Schritt in die richtige Richtung. Sowohl in der Offensive als auch in der Defensive trat Hertha als Kollektiv auf. Ibisevic - auf regelmäßige Zuspiele seiner Mitspieler angewiesen - wurde immer wieder über die linke Seite vom starken Maximilian Mittelstädt bedient. Im Gegenzug begann der Bosnier bereits früh mit der Defensivarbeit und startete das von Labbadia angeordnete Pressing. Auch in der Viererkette, die in Sinsheim auch von der defensiven Grundausrichtung mit den beiden Sechsern Per Skjelbred und Marko Grujic profitierte, stand Hertha weitestgehend sicher und gewann am Ende zu null.

Hinzu kommt, dass Labbadia auch bei Auswechslungen deutlich mehr Auswahl hat als sein Gegenüber Urs Fischer. Auch weil derzeit fünf Wechsel - statt der sonst üblichen drei - zugelassen sind, kann die Breite in Herthas Kader im Spiel gegen Union zu einem wichtigen Faktor werden.

Sendung: rbb24, 21.05.2020, 21:45 Uhr

Beitrag von Jonas Bürgener

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