Der Autokorso nach dem Bundesliga-Aufstieg von Energie Cottbus im Jahr 2000. (Quelle: imago images/Robert Michael)
Audio: Radioeins | 26.05.2020 | Gespräch mit damaligem Trainer Eduard Geyer | Bild: imago images/Robert Michael

Bundesliga-Aufstieg von Energie Cottbus vor 20 Jahren - "Jetzt wird Bayern nie mehr Meister"

Heute vor 20 Jahren gelingt einer grauen Maus des Ostfußballs eine Sensation: Der FC Energie Cottbus steigt in die Bundesliga auf. Andreas Friebel über den 26. Mai 2000, der bei den Lausitzern als schönster Tag der Klubgeschichte geführt wird.

Mitte Mai 2000 braut sich in Cottbus etwas zusammen. In der der zweiten Bundesliga gewinnt der FC Energie auf der Zielgeraden drei Spiele am Stück. Mannheim, St. Pauli und Offenbach heißen die Gegner, die die Lausitzer besiegen. Damit ist klar: Noch ein Sieg und Cottbus steigt in die Bundesliga auf. Der letzte Gegner auf dem Weg in das Fußball-Oberhaus ist der 1. FC Köln.

Die Lausitz ist im fußballerischen Ausnahmezustand, denn über 100.000 Menschen wollen diesen historischen Moment live miterleben. Aber es gibt nur knapp 23.000 Karten für das Spiel im Stadion der Freundschaft. Als der Ticketverkauf beginnt, stehen die Fans stundenlang am Fanshop auf dem Altmarkt an. Jeder will dabei sein - an diesem Freitagabend, den 26. Mai 2000.

Riesenandrang herrscht am 23.05.2000 am Fan-Shop des FC Energie Cottbus auf dem Altmarkt der Lausitzstadt. (Quelle: dpa/Lausitzer Rundschau/Mario Behnke)
Riesenandrang am Fanshop | Bild: dpa/Lausitzer Rundschau/Mario Behnke

Eduard Geyer kommt und krempelt das Team um

Rückblende: Der steile Aufstieg der Cottbuser beginnt sechs Jahre zuvor. Der letzte Trainer der DDR-Fußballnationalmannschaft, Eduard Geyer, übernimmt den finanziell angeschlagenen Regionalligisten. "Wir hatten am Anfang eine große Mannschaft mit wenig Qualität", erinnert sich Geyer später. "Torschusstraining konnte ich mit den Spielern nicht machen, da hätten wir stundenlang die Bälle suchen müssen. Die haben ja nichts getroffen." Gemeinsam mit Präsident Dieter Krein und Manager Klaus Stabach baut er ein neues Team auf. Die Erfolge stellen sich schnell ein. Schon 1997 stehen die Lausitzer im Finale des DFB-Pokals und steigen in die zweite Bundesliga auf.

2:0-Erfolg gegen Köln besiegelt den Aufstieg

Diese zweite Bundesliga will Geyer mit seiner Mannschaft an diesem 26. Mai verlassen. Die Ausgangslage ist klar: Mit einem Sieg über Köln ist der Aufstieg perfekt, egal was die Konkurrenz macht. Da die Domstädter ihrerseits schon aufgestiegen sind, machen sie es Cottbus an diesem Abend nicht allzu schwer. Detlef Irrgang und Vasile Miruita sorgen einmal kurz vor und dann kurz nach der Pause für einen verdienten 2:0-Erfolg.

Schon vor dem Schlusspfiff stürmen die ersten Fans auf den Rasen. Um keinen Abbruch zu riskieren, jagt sie Eduard Geyer persönlich zurück in den Block. Mit Spielende füllt sich der Rasen dann aber binnen Sekunden und die größte Party, die die Stadt je erlebt hatte, nimmt ihren Anfang.

Die Fans liegen sich jubelnd in den Armen, die Spieler werden auf Händen getragen. Ganz Fußball-Deutschland gratuliert. Und in der ersten Euphorie ist sich mancher Fan gar sicher: "Jetzt wird Bayern nie mehr Meister!" Etwas realistischer reagiert da der damalige Energie-Kapitän Steffen Heidrich. "Wir brauchen sicher erst Mal eine Woche, um zu begreifen, was hier gerade passiert ist. Aber wenn die Zuschauer zu uns halten, könnten wir vielleicht den Klassenerhalt schaffen."

"Wir werden uns in den Waden der Bundesliga-Spieler festbeißen"

Der Aufstiegsparty im Stadion der Freundschaft folgen an dem Wochenende noch viele weitere. Manager Klaus Stabach handelt noch in der Nacht in einer Disco bierselig die ersten Spielerverträge für die Bundesliga aus. Am Samstag nach dem Aufstieg folgt ein stundenlanger Autokorso durch Cottbus. Geschätzt 100.000 Lausitzer stehen am Straßenrand und feiern den Aufsteiger. "Ich habe die Nacht nicht geschlafen und bin ein bisschen müde. Aber wenn ich das hier sehe, dann geht es mir wieder gut", murmelt Sebastian Helbig mit dicken Augenringen damals in ein ORB-Mikrofon. Das Team trägt sich in das goldene Buch der Stadt ein. Auf einer der vielen Partys kündigt Präsident Dieter Krein dann an: "Wir werden uns nun in den Waden der Bundesliga-Spieler festbeißen, wie der Krebs im Stadtwappen von Cottbus!"

Highlight der Saison: Sieg gegen die Bayern

Krein soll Recht behalten - auch wenn seine Mannschaft zunächst Lehrgeld bezahlt. Erst am vierten Spieltag holt Energie den ersten Sieg (2:0 gegen Eintracht Frankfurt). Der schönste Erfolg in der Premierensaison ist aber das 1:0 gegen Bayern München. "Wenn man nicht an den Sieg glaubt, braucht man auch nicht in so ein Spiel gehen", beschreibt Stürmer Sebastian Helbig nach dem Schlusspfiff das Geheimnis des unerwarteten Erfolgs. "Wir haben gesagt, wenn wir 140 Prozent auf dem Platz geben, ist auch was drin."

Die Spieler des Energie Cottbus (von links) Jörg Scherbe, Bruno Akrapovic und Ferenc Horvath jubeln am 14.10.2000 über ihren Sieg gegen Bayern München. (Quelle: dpa/Matthias Hiekel)Die Spieler Scherbe, Akrapovic und Horvath jubeln über ihren Sieg gegen Bayern München.

Drei Jahre hält sich Energie Cottbus in der ersten Liga. "An uns mussten sich die großen Klubs erstmal gewöhnen. Als die auf unseren Ortseingangsschild Chóśebuz (sorbisch für Cottbus, Anm. der Red.) gelesen haben, dachten sie, die sind schon in Polen", erinnert sich Eduard Geyer später schmunzelnd.

Geblieben ist nur noch das Stadion der Freundschaft

Nach dem Abstieg 2003 peilt Energie die schnelle Bundesliga-Rückkehr an. Doch Eduard Geyer verpasst sie mit seiner Mannschaft knapp. Punktgleich mit Mainz scheitert Cottbus 2004 nur durch eine um sieben Tore schlechtere Tordifferenz. Wenige Monate später muss Geyer gehen.

Sein Nachfolger Petrik Sander führt die Lausitzer im Mai 2006 zurück in die erste Liga. Dort hält man sich noch einmal drei Jahre. Das bislang letzte offizielle Bundesligaspiel bestreiten die Cottbuser am 23. Mai 2009 gegen Leverkusen (3:0). Die beiden dann folgenden Relegationsspiele gegen Zweitligist Nürnberg gehen verloren. Danach folgt ein heftiger Absturz. Durch interne Matchkämpfe und zunehmende finanzielle Probleme geht es von der zweiten in die dritte Liga - und schließlich sogar in die viertklassige Regionalliga.

Geblieben von den goldenen Zeiten ist nur noch das Stadion der Freundschaft, das in den Tagen der ersten Liga umgebaut wurde und in dem am 26. Mai 2000, die Fans von Energie Cottbus den unvergessenen Aufstieg in die Fußball-Bundesliga erlebten.

Lausitzer Legenden

Sendung: Inforadio, 26.05.2020, 08:15 Uhr 

Beitrag von Andreas Friebel

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

2 Kommentare

  1. 2.

    Der Spieler auf dem Rücken von Akrapovic dürfte Faruk Hujdurovic sein.

  2. 1.

    Hansa Rostock spielte bis 2005 in der 1.Liga und Rayk Schröder wechselte nicht zum 2 Ligisten Hansa Rostock ....

Das könnte Sie auch interessieren