Bruno Labbadia, Vedad Ibisevic, Neven Subotic, Urs Fischer (imago images)
Bild: Collage: imago images (M.Popow (2x)/M.Koch (2x))

Die Teams im Derby-Check - Wieso Hertha im Personal-Vergleich knapp die Nase vorne hat

Die Fans können dieses Mal kein Einfluss auf das Berliner Stadtderby nehmen. Deshalb gilt mehr denn je: Entscheidend ist auf dem Platz. Johannes Mohren und Ilja Behnisch haben beide Teams in ihre Einzelbestandteile zerlegt - und finden: knapper Vorteil für Hertha BSC.

Die Torhüter

Beide haben in dieser Saison sechs Mal zu null gespielt. Für den einen - nämlich Herthas Rune Jarstein - weist das Fußball-Fachmagazin "Kicker" ine Paradenquote von 67,8 Prozent aus, für den anderen - nämlich Unions Rafal Gikiewicz - eine von 67,4. Der Hertha- und der Union-Keeper wirken auf den ersten Blick wie statistische Zwillinge. Also: gleiche Qualität?

Nein. Zumindest nicht in dieser Saison. Denn so wie da bei Hertha vieles wackelte, wackelte auch Jarstein. Der 35-Jährige - jahrelang "Mr. Zuverlässig" - wurde zum Sorgen-Torwart und erlebte bittere Momente, in Augsburg gar ein Debakel. Zwischenzeitlich ersetzte ihn Labbadia-Vorgänger Alexander Nouri durch Thomas Kraft. Den Mann, dem wiederum Nouris Vorgänger - 76-Tage-Trainer Jürgen Klinsmann - bescheinigt hatte: keinen Mehrwert mehr.

Bei der Labbadia-Premiere sah nun Jarstein wieder aus wie der alte. Aber an Gikiewicz reicht er in dieser Saison nicht heran. Denn der machte nicht nur konstant einen guten - manchmal sogar sehr guten - Job in seiner Kernaufgabe als Torhüter. Der 32-Jährige, für den es (vorerst) das letzte Berliner Derby sein wird, ist Aufstiegsheld, Publikumsliebling und (emotionale) Führungsfigur in einer Person. Und auch im Derby-Hinspiel glänzte er nicht nur als Torwart, sondern auch als Türsteher, als er sich nach dem Spiel Chaoten aus der eigenen Kurve entgegenstellte.

Vorteil Union - 0:1

Die Innenverteidigung

Wer Hertha BSC in der Saison 2019/20 verstehen möchte, schaue auf diese Innenverteidigung: ein deutscher Nationalspieler (Niklas Stark, auch wenn es gedauert hat …), ein niederländischer (Karim Rekik), ein belgischer (Dedryck Boyata) und noch dazu ein deutscher U21-Auswahlspieler (Jordan Torunarigha). Das klingt nach internationaler Klasse, ergab in dieser Spielzeit aber allzu oft höchstens Mittelmaß. Dabei ließe sich aus den vier Kandidaten nach Belieben ein Duo finden, welches Zweikampfstärke, Übersicht, Tempo, Stärken im Spielaufbau und Willenskraft auf das Schönste vereint. Aber wie sagte es einst Maurizio Sarri, Taktikfuchs und heute Trainer von Juventus Turin: "Eine gute Abwehr kannst Du nicht kaufen, die musst Du Dir im Trai­ning erar­beiten." Den Trainerteams vor Bruno Labbadia ist das höchstens mittelmäßig gut gelungen.

Bei Union hingegen steht die Abwehrarbeit traditionell im Vordergrund. Und ist nicht Aufgabe der letzten Reihe, sondern gesamtheitliches Konzept. Da verwundert es auch nicht, dass keiner der eisernen Innenverteidiger sonderlich hervor sticht in dieser Spielzeit. Neven Subotic hat einen klangvollen Namen und ist ob seiner Persönlichkeit eine herausragende Figur. Doch der Ex-Dortmunder leistete sich auch immer wieder Aussetzer wie zuletzt jenen, der zum Elfmeter gegen die Bayern führte.

Und auch wenn bei Hertha mit Rekik und Stark gleich zwei Innenverteidiger verletzungsbedingt ausfallen (bei Union fehlt Schlotterbeck nach fünf gelben Karten):

Vorteil Hertha - 1:1

Die Außenverteidiger

Herthas defensive Außenpositionen sind wie jede Berliner Baustelle sonst auch: ziemlich groß und nie fertig. Auf rechts durfte mal Lukas Klünter, mal Marius Wolf und mal Peter Pekarik ran. Wirklich überzeugt hat keiner von ihnen. Auf links sucht WM-Fahrer Marvin Plattenhardt eigentlich seit der WM nach der Form, die ihn zur WM gebracht hat. Dem talentierten Konkurrenten Maxi Mittelstädt fehlt in jungen Jahren noch das Format, eine ansonsten verunsicherte Mannschaft von dieser Randposition auf dem Feld anzuleiten.

Dass Unions Mannschaftskapitän der Rechtsverteidiger Christopher Trimmel ist, passt ins Bild. Der Österreicher steht stellvertretend für den Fußball, den Urs Fischer spielen lassen will. Defensiv hart zu sich und zum Gegner. Offensiv lieber die einfachen Dinge machen, dafür aber gut. Dass Union die torgefährlichste Bundesliga-Mannschaft nach Standards ist (14 Treffer), liegt vor allem auch an den präzisen Hereingaben Trimmels (7 Vorlagen). Sein Gegenpart auf der linken Seite, Christopher Lenz, überzeugt vor allem durch Einsatz. In den Rubriken "gewonnene Zweikämpfe", "Laufdistanz" und "intensive Läufe" zählt er jeweils zu den Top Ten aller Bundesligaspieler.

Vorteil Union - 1:2

Die zentralen Mitteldfeldspieler

Ein Prunkstück der Hertha. Ob Alleskönner Marko Grujic, Wadenbeißer Santiago Ascacibar, Mega-Talent Arne Maier oder die Routiniers Vladimir Darida und Per Skjelbred: Das Zentrum von Bruno Labbadias Mannschaft ist für höhere Aufgaben bestimmt als Platz elf. Einziges Manko dieser Auswahl: Torgefahr wird in Herthas Zentrum eher vernachlässigt.

Unions Mittelfeldzentrale besteht im Wesentlichen aus Christian Gentner und Robert Andrich. Und während Andrich vermutlich noch in seinen Träumen läuft und grätscht, bemüht sich Ex-Nationalspieler Gentner um Struktur und offensive Akzente. Dass er mit seinen 34 Jahren nicht mehr die Spitzigkeit früherer Tage aufweist, liegt auf der Hand. Hätte er sie noch, würde er allerdings kaum bei Union spielen. Vielleicht auch deshalb setzte Urs Fischer gegen die Bayern auf den nach langer Verletzungszeit wieder genesenen Grischa Prömel, der unlängst seinen Vertrag verlängerte und auch gegen Hertha eine Startelf-Chance besitzt. Ein Hoffnungsschimmer auf mehr Spielkultur sollte Wolfsburgs Spielmacher-Leihgabe Yunus Malli sein. Doch der Mann, der an guten Tag ob seiner Eleganz allein das Eintrittsgeld wert ist, fremdelt in Berlin noch. Auch, weil er aus gesundheitlichen Gründen immer wieder passen muss. Und das mit dem Eintrittsgeld ist zur Zeit ohnehin kein Thema. 

Vorteil Hertha - 2:2

Die Flügelspieler

Geld regiert die Welt und schießt Tore. Oder bereitet welche vor. Sollte diese Weisheit stimmen, wäre der Fall klar. Allein die Marktwerte von Javairo Dilrosun, Dodi Lukebakio und Marius Wolf belaufen sich laut des Portals "Transfermarkt" auf 38 Millionen Euro und damit fast auf den Marktwert des Gesamtkaders von Union (40,5 Millionen Euro). Überzeugen konnte in dieser Saison bisher allerdings nur 20-Millionen-Neuzugang Lukebakio. Und das auch eher statistisch (je fünf Tore und Torvorlagen) denn tatsächlich.

Bei Union heißen die Außenspieler zumeist Marius Bülter und Marcus Ingvartsen. Der eine kam für 400.000 Euro Leihgebühr aus Magdeburg, der andere für 1,5 Millionen Euro aus Genk. Und doch bewegen sie sich zumindest für den Moment auf Augenhöhe mit den Kollegen der Hertha. Sie sind der wesentliche Grund, weshalb Unions Konter im Schnitt nur 5,1 Sekunden vom Ballgewinn bis zum Tor brauchen. Zudem arbeiten beide auch unermüdlich in der Defensive. Die sieben Saisontore Bülters sprechen für sich.

Unentschieden - 2,5:2,5

Die Stürmer

Es war vor allem der Sturm, in dem es Hertha im Winter so richtig krachen ließ. Rund 40 Millionen Euro legte der Klub auf den Tisch und bekam dafür Krzysztof Piatek und Mateus Cunha. Es sind finanzielle Größenordnungen, die in der Vor-Windhorst-Ära undenkbar gewesen wären. Bei Union gehören sie weiterhin ins Reich der Märchen.

Während der eine - nämlich Cunha - bereits so richtig angekommen ist, muss der andere - nämlich Piatek - etwas mehr Anlauf nehmen. Für diese Zeit gibt es aber ja noch: Vedad Ibisevic. Mal wieder schien der Oldie abgeschrieben, mal wieder bewies er, dass man das nie tun sollte.

Bei dieser offensiven Qualität ist Union klar in der Defensive. Im Namen Sebastian Andersson - zuletzt angeschlagen - schwingt noch am ehesten ein gewisses Torversprechen mit. Vor der Corona-Pause traf er in drei Spielen am Stück je ein Mal. Hinter dem wuchtigen Schweden wird es aber dünn, beziehungsweise leichtgewichtig. Anthony Ujah darf kaum ran. Wenn er mal spielt, überzeugt er nur selten. Und die Unzufriedenheit von Gelegenheits-Joker Sebastian Polter ist allseits bekannt - Heldenrolle im Hinspiel hin oder her.

Vorteil Hertha - 3,5:2,5

Die Trainer

Traumdebüt, das [Substantiv, Neutrum]: gelang Bruno Labbadia gegen Hoffenheim. Der erste Auftritt unter der Regie des 54-Jährigen könnte tatsächlich als Duden-Definition für den perfekten Start herhalten. Nach einer denkbar schweren Vorbereitung mit einer denkbar verunsicherten Mannschaft war beim 3:0-Erfolg schon erstaunlich viel von dem zu sehen, was man gemeinhin die Handschrift eines Trainers nennt. Wenn es in dem Lerntempo weiterginge (Achtung, Konjunktiv!), könnten die Trümmer der Vor-Labbadia-Zeit tatsächlich sehr schnell weggeräumt sein. Ob es gelingt? Abwarten. Dass er die Qualität dazu hat, hat der gebürtige Hesse schon bei vielen Stationen seiner Karriere unter Beweis gestellt.

Mit Urs Fischer bekommt er es aber mit einem starken Gegenüber zu tun. Der Schweizer - in seiner Heimat Meistertrainer - sitzt nach einem privaten Trauerfall und zwei negativen Corona-Tests wieder auf der Bank. In seinem ersten Jahr in Köpenick hat er den Verein in die erste Liga geführt. Und es müsste bei der aktuellen Ausgangslage schon mit dem Teufel zugehen, wenn er ihn im zweiten Jahr nicht zum Klassenerhalt steuern würde. Er selbst würde das natürlich zum jetzigen Zeitpunkt nie (!) so sagen. Ruhe, Nüchternheit, Pragmatismus - diese ihm eigenen Tugenden hat er auf die Mannschaft übertragen. Und zudem auch in dieser Saison gezeigt, dass er das Team spielerisch immer weiterentwickeln kann. Chapeau.

Unentschieden - 4:3

Sendung: rbb24, 21.05.2020, 21:45 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

8 Kommentare

  1. 8.

    Nur weil es Ihr Verstand nicht erfassen kann, dass ein Derby immer einen Reiz ausübt. Schade für Sie, Ihnen entgeht da etwas.

  2. 7.

    Irgendwie hat er doch recht, der Jens. Union ist mit viel Glück in der 1. Bundesliga gelandet. Ist im Moment eine Bereicherung, hat da aber nichts zu suchen. Und Hertha? Die sind in Liga 2 besser aufgehoben. Peinliches rumgekicke auf dem Platz, Management und Umgang mit dem Trainer das Allerletzte seit Jahren. Berlin kann es nicht. Fußball schon gar nicht. War auch noch nie anders.

  3. 5.

    Ihrer fachkenntnisreichen Meinung nach dürfte die Bundesliga wohl nur aus den fünf vorne platzierten Mannschaften bestehen? Denn ab da klafft eine Punktelücke, welche die folgenden Clubs für die 1. BL disqualifiziert, ne Jens?!

  4. 4.

    Welche Kriterien muss man denn erfüllen um Ihrer Meinung nach tauglich zu sein...
    Ich sehe Mannschaften, welche auf Platz 11 bzw. 12 stehen nicht als nicht tauglich an...

  5. 2.

    Völlig unverständlich was für ein Hype um diese beiden nicht 1. Bundesligatauglichen Vereine gemacht wird.

  6. 1.

    Die wahrheit liegt auf dem Platz!
    Eisern Union!

Das könnte Sie auch interessieren