Herthas Piatek und Darida jubeln nach dem Tor zum 2:0 (Quelle: dpa/Hannibal Hanschke)
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Labbadia rettet Hertha - Endlich ein echtes Team

Mit dem 2:0 gegen den FC Augsburg setzt Hertha BSC den überraschenden Aufschwung unter Bruno Labbadia fort. Erschöpfte Berliner wanken, aber brechen nicht zusammen. Weil der Trainer die Mannschaft in kurzer Zeit zu einer Einheit geformt hat. Von Till Oppermann

Von Herthas plötzlichem Erfolg in der Fußball-Bundesliga kann man nach dieser Saison durchaus so überwältigt sein wie Javairo Dilrosun. In seiner Freude über den nächsten Sieg unter dem neuen Trainer Bruno Labbadia verzählt er sich: "Wir haben jetzt zehn Punkte in drei Spielen geholt. Das ist exzellent." Natürlich brauchten er und seine Mitspieler eigentlich vier Partien, aber das schmälert kaum den Erfolg. Hertha BSC ist die Mannschaft der Stunde. Dabei war die zweite Hälfte der Partie gegen den FC Augsburg nicht immer so komfortabel, wie der 2:0 Endstand vermuten lässt.

Erschöpfte Berliner müssen zittern

Als seine Mannschaft in der 85. Minute immer mehr ins Wanken gerät, versucht Bruno Labbadia, in die Bresche zu springen. "Eng zusammenbleiben" brüllt er mit kehliger Stimme durchs leere Berliner Olympiastadion. Es gilt, eine knappe Führung zu halten. Denn die nach vier Spielen in vierzehn Tagen erschöpften Herthaner drohen angesichts der wütenden Angriffe der Augsburger Gäste, auseinanderzufallen. "Der Tank war komplett leer", entschuldigt der Trainer nach dem Spiel, "wir haben dann einfach nur verteidigt."

Anders als sein Augsburger Kollege Heiko Herrlich, verzichtete Labbadia am Samstag bis auf zwei verletzungsbedingte Ausnahmen darauf, seine Startaufstellung zu ändern. Der Gäste-Kapitän Daniel Baier sagt, er bedauere es, dass seine Mannschaft daraus keinen entscheidenden Vorteil gezogen habe. Man habe erst in der zweiten Halbzeit zeigen können, dass man frischer gewesen sei. Immerhin hätten die Berliner drei Spiele in Folge quasi gleich angefangen.

Hertha dominiert die erste Halbzeit

Vertraut man Baier, war das die richtige Entscheidung. "Wir können froh sein, dass wir nur mit 0:1 in die Pause gehen", sagt der Augsburger. Das statistische Modell der sogenannten "expected Goals (xG)" gibt ihm Recht. Es errechnet, wie viele Tore angesichts der Qualität der Chancen im Spiel wahrscheinlich wären. Demnach hätte Hertha vor dem Seitenwechsel 2,47 Mal treffen müssen. Zum Vergleich: Augsburgs Wert liegt im selben Zeitraum bei 0,09. "Wir haben in der ersten Hälfte sehr gut gespielt", sagt Dilrosun später.

Vor dem Anpfiff rückt er für den angeschlagenen Matheus Cunha in die Startaufstellung und fügt sich sofort ins Hertha-Ensemble ein. Bei Augsburg funktioniert wenig. Herrlichs Mannschaft versucht gerne, den Spielaufbau des Gegners mit hoher Intensität und vielen Sprints in Richtung des ballführenden Spielers zu stören. Das gelingt kaum. Sprints gibt es zwar, Druck erzeugen sie aber nicht. Oft hetzt der bemitleidenswerte Stürmer Sergio Cordova vergebens den Pässen der Berliner hinterher. Die bleiben unbeeindruckt und zeigen indes mehr und mehr, dass Labbadia die Identität der Mannschaft geändert hat. Hertha präsentiert sich jetzt als dominantes Ballbesitzteam, das offensiv über die Flügel zum Erfolg kommen möchte.

Durch Vertrauen bringt Labbadia das Selbstbewusstsein zurück

Die Schwaben scheinen das ganz genau zu wissen. Immerhin gelingt es ihnen in der Anfangsphase, die Flügelstürmer Dilrosun und Dodi Lukebakio zuzustellen. Trotzdem versuchen es die Berliner selbstbewusst immer wieder über die Außenbahn. Bis Dilrosun schließlich in der 23. Minute nach einem Angriff über den Linksverteidiger Maxi Mittelstädt die Führung erzielt. In einer Situation, in der die meisten Fußballer wohl blind raufgebolzt hätten, nimmt der Niederländer den Ball an, schlenzt das Leder über die Grätsche seines Gegenspielers und haut ihn mit dem zweiten Kontakt in die Maschen. "Wenn du Selbstvertrauen hast, kannst du gut spielen", sagt Dilrosun.

Ab da erzeugen er und seine Mitspieler mit jedem Angriff über die Außen große Gefahr. Seit Labbadias Amtsantritt hat Hertha auf diesem Weg fünf von acht Toren aus dem offenen Spiel eingeleitet. Hertha bleibt bei der Sache, auch wenn der Gegner Widerstand leistet. Das war in dieser Saison oft anders. "Er hat uns Energie und Selbstbewusstsein gegeben", schildert Dilrosun. "Er hat uns zu einem Team gemacht."

Die Mannschaft ist endlich ein echtes Team

Der Kader sei schon im Sommer gut gewesen, erklärt er weiter, aber es habe nicht geklickt. Vielleicht, weil nicht genug miteinander geredet wurde. Da hat zumindest Labbadia angesetzt, als er in Berlin angekommen ist. "Wir versuchen, viel über Kommunikation zu gehen", sagt der Trainer. So probiere man, einen Rahmen für die Mannschaft zu schaffen, in dem sie sich wohlfühlen könne. Es funktioniert, aktuell zieht der ganze Kader mit. Das erfordere viel Detailarbeit, sagt Labbadia, denn eigentlich sei jede Woche mehr als die Hälfte der Spieler vom Trainer enttäuscht. Es gehöre immer wieder viel Fingerspitzengefühl dazu, auch die Spieler mitzunehmen, die gerade nicht spielen könnten.

Hertha-Trainer Bruno Labbadia (Quelle: dpa/Hannibal Hanschke)
Hertha-Trainer Bruno Labbadia klatscht in die Hände | Bild: dpa/Hannibal Hanschke

Vielleicht war es genau dieses Fingerspitzengefühl, das aus Vedad Ibisevic nochmal den Topstürmer längst vergangen geglaubter Tage herausgekitzelt hat. Für den Rekordeinkauf Krzysztof Piatek bedeutet das allerdings auch am Samstag, dass er erstmal auf der Bank Platz nehmen muss. Solche Entscheidungen können die Stimmung in einem Kader durchaus beeinflussen. Der Pole jedoch opferte sich nach seiner Einwechslung in der zweiten Halbzeit bereitwillig im Spiel gegen den Ball auf. "Ich kam in einem schwierigen Moment", erzählt er, aber genau richtig, um den entkräfteten Kollegen zur Seite zu springen: "Ich war frisch und konnte in der Abwehr helfen."

Hertha ist in einer guten Ausgangslage

So ist es nur gerecht, dass Piatek sich selbst belohnt.  In der Nachspielzeit schießt der 24-Jährige den 2:0-Siegtreffer. "Das war wichtig für mich", kommentiert er. Vorbereitet hat das Tor ein Spieler, der das Wort Erschöpfung offensichtlich nur vom Hörensagen kennt. Herthas Laufwunder Vladimir Darida sprintet mit dem Ball über das halbe Feld und legt perfekt auf. Und das obwohl er mit den 14,34 Kilometern, die er heute insgesamt auf dem Rasen zurückgelegt hat, einen neuen Bundesligarekord aufgestellt hat.

Vor dem Spiel gegen Borussia Dortmund haben er und seine Kollegen jetzt bis kommenden Samstag Zeit, sich von den Strapazen der englischen Woche zu erholen. Ganz ohne Druck, denn mit dem Abstiegskampf hat Hertha BSC jetzt endgültig nichts mehr zu tun. Auch Labbadia zeigt sich nach dem Spiel gelassen. Man wisse, wie unglaublich wichtig die zehn Punkte gewesen seien, um durchzuatmen: "Wir genießen das heute Abend."

Sendung: rbb24, 30.05.2020, 21:45 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

6 Kommentare

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  1. 5.

    Respekt, Herr Meyer! Nur ganz wenige haben die Grösse eigenes “Vertun“ öffentlich zu berichtigen!! Chapeau! Auch für unsere Alte Dame unter Bruno Labbadia! Tröstlicher Balsam auf jede geschundene Herthaner-Seele... Weiter so!

  2. 4.

    Habe hier schon viel gemeckert, leider auch über Herrn Labbadia, bevor er überhaupt angefangen hat Jetzt ist es zunächst an der Zeit, sorry dafür zu sagen und: sehr gute Arbeit, Bruno, danke dafür.

  3. 3.

    Das sieht langsam nach Fußball aus. Die Tore fallen nicht zufällig, sondern sind schön herausgespielt. Irgendwann kommt dann immer das Quäntchen Glück dazu.
    Es ist schon erstaunlich, was unterschiedliche Trainer aus einem Team herausholen können - oder eben nicht (siehe an den Vorgängern).

  4. 2.

    Bravo! Endlich einer, der das richtige Händchen hat. Vergessen wir also Klinsi und Co. Weiter so. Berlin braucht zwei gute Vereine in der Bundesliga!!

  5. 1.

    Sehr schön, hoffe auf weitere gute Spiele und dass wir hoffentlich bald wieder ins Stadion können, sollte ja bei den niedrigen Fallzahlen nun mal endlich wieder möglich sein, da ja auch Outdoor.

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