Herthas U23-Trainer Andreas "Zecke" Neuendorf (imago images/Steffen Beyer)
Bild: imago images/Steffen Beyer

Porträt | Andreas "Zecke" Neuendorf - Biss zum Künstler

Bei Hertha BSC war Andreas Neuendorf einst Spieler, Grätscher und vor allem Publikumsliebling. Bekannt wurde er bundesweit aber vor allem mit seinem Künstlernamen: Zecke. Heute trainiert die 45-jährige Hertha-Legende die U23 des Vereins.

Bei rbb|24 ist "Zecke" am Mittwoch ab 18.30 Uhr im "Lass doch mal skypen"-Interview.

Bernd Schuster, Marcelinho, Zé Roberto, Michael Ballack, Yildiray Bastürk, Bernd Schneider - oder um es mit den Worten von Andreas "Zecke" Neuendorf zu sagen: "Es gibt ja etliche, die das Glück hatten, mit mir zusammenzuspielen."

Mit ihm, dem heute 45-jährigen Berliner Jungen, der Zeit seiner Karriere als hoch talentiert galt, der für Bayer Leverkusen und Hertha BSC 198 Bundesligaspiele absolvierte und 16 -Tore erzielte - und der es trotz allem nie zum unumstrittenen Stammspieler, Leistungsträger oder gar Nationalspieler brachte.

Kein Fan der Champions League

Bei seiner Zeit bei Hertha (1998-2000 und 2001-2007), dem Verein, für den er heute als Trainer der U23 tätig ist, verehrten ihn die Fans dennoch. Weil er in der Offensive stark und technisch begabt, aber immer auch für eine Grätsche gut war. Und wenn es nur eine verbale war.

Berliner Schnauze nennt man das gemeinhin und: Type. Eine, die tatsächlich anders ist als die meisten Fußballer. Eine, die gegenüber dem Fußballmagazin "11Freunde" sagte: "Die Champions League habe ich nie so sehr gemocht, da war mir sogar der Ligapokal lieber." Also keine Sehnsucht nach mythischen Fußballtempeln wie dem Camp Nou in Barcelona oder dem San Siro in Mailand? Nein, wenn Neuendorf an seine Lieblingsspiele denkt, dann an seine Heimat: "Als ich in den Katakomben vom Olympiastadion stand, die Leute gehört habe, wie sie 'Nur nach Hause' singen, die letzten zehn Meter ging, dann Klack-Klack-Klack, die Treppe hoch: Das ist absolute Gänsehaut."

Blutvergiftung und Kunst

Neuendorf war Zeit seiner Karriere ein bunter Hund. Feiern mit Marcelinho, Selbstrasur kurz vor Spielbeginn, Gastauftritt im Musikvideo zu Bushidos "Sonnenbank Flavour". Und dann noch dieser Spitzname: Zecke. Verliehen vom ehemaligen Mitspieler Ulf Kirsten - nach einem Zeckenbiss mitsamt Blutvergiftung und Krankenhausaufenthalt. Die Zecke ging, der Spitzname blieb und landete 2002 zunächst in Neuendorfs Personalausweis und schließlich auf dem Rücken seines Trikots. Aus dem Spitz- wurde ein Künstlername, offiziell anerkannt und nicht umsonst. Zwei Bilder musste Neuendorf dafür anfertigen und anschließend versteigern. Die Titel der Meisterwerke? "Gesicht 2001" (Verkaufspreis: 151 Euro) und "Krikelkrakel 2001".

Für seine Mitspieler sei der Name "Zecke" auf dem Trikot besser, befand er damals gegenüber der rbb Abendschau: "Die haben mich ja schon immer so genannt. Jetzt müssen sie nicht mehr auf meinem Trikot 'Neuendorf' lesen und sich fragen: Wer ist er denn?"

Fair-Play und Torfabrik

Dass so einer, der über sich selbst sagt, als Spieler faul gewesen zu sein, später einmal Trainer werden würde, darauf muss man erstmal kommen. Auf der anderen Seite sagte Neuendorf kurz nach dem Ende seiner Karriere gegenüber dem Magazin "11Freunde" auch: "Ich kann allen jungen Spielern nur raten, immer ein bisschen mehr zu machen als das Gros der Mannschaft. Wenn einer über ausreichend Talent verfügt, hat jeder das Zeug, ein Großer zu werden. Es lohnt sich. Profi zu sein, ist ein großes Privileg und vielleicht die schönste Zeit im Leben."

Dass er zum Vorbild taugt, bewies dann nicht nur die DFB-Fair-Play-Medaille für soziales Engagement, die Neuendorf 2017 erhielt. Er sagt auch Sätze wie: "Mir ist wichtig, dass wir für etwas stehen. Wir wollen gewinnen – aber ehrlich." Und offensiv, könnte man hinzufügen. Die von ihm trainierte U23 ist die Torfabrik der Regionalliga Nordost. 59 Tore nach 23 Spielen stehen zu Buche, nur Tabellenführer VSG Altglienicke kommt auf ebenso viele Treffer.

Ziel: Cheftrainer

Noch besitzt Neuendorf "nur" eine Trainer-A-Lizenz. Bald will er den Schein zum Fußballlehrer machen. "Ich kann mir vorstellen, dass ich irgendwann bei einem Bundesligisten im Trainerteam bin", sagte er "11Freunde", nur um anzufügen: "Aber ich bin ja biologisch gesehen erst 22, auch wenn ich ausseh' wie 25. Ich hab' noch genug Zeit." Im Alter von 45 Jahren.

Dank Corona hat er die nun auch zum Skype-Gespräch mit dem rbb. Am Mittwoch (18.30 Uhr bei rbb|24 und auf Facebook beim rbbsport) ist Neuendorf zu Gast bei "Lass doch mal skypen" und spricht über seine aktuelle Situation, Hertha BSC und Fußball in Zeiten von Geisterspielen. Unterhaltsam wird es sicherlich so oder so. Der Mann ist schließlich ganz offiziell ein Künstler.

Sendung: "Lass doch mal skypen", 20.05.20, 18:30 Uhr

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