Hertha-Coach Bruno Labbadia. / imago images/hannibal Hanschke
Audio: Inforadio | 31.05.2020 | Dennis Wiese | Bild: imago images/hannibal Hanschke

Hertha-Coach Labbadia über Darida - "Rein vom Willen her ist das sensationell"

Bruno Labbadia hat bei Hertha BSC einen perfekten Start hingelegt. Der Abstiegskampf ist Vergangenheit. Sogar Europa scheint plötzlich möglich. Nach dem Sieg gegen Ausgburg spricht er über sein Spielsystem, Laufwunder Darida - und den Blick nach Europa.

Vier Spiele, zehn Punkte. Es läuft für Hertha BSC und seinen neuen Trainer Bruno Labbadia. Nach dem jüngsten Erfolg am Samstag gegen Augsburg stellte sich der 54-Jährige wie gewohnt den Fragen der Journalisten - und äußerte sich unter anderem über...

... seine Wahrnehmung der - fast schon dramatisch langen - Verletztenliste, die es ihm schwer machte, in der Schlussphase zu wechseln.

Dramatisch ist es nicht. Das gehört dazu. Klar ist es immer schade, wenn es so viele sind. Aber wir sind froh, dass wir nicht eine einzige Muskelverletzung haben. Das ist wichtig in dieser Phase. Wir wussten ja, dass es durch die Intensität eine ganz schwierige Situation werden kann. Aber wir haben gegen Augsburg den höchsten Wert an Laufkilometern gehabt - auch was intensive Läufe betrifft. Und das im dritten Spiel in neun Tagen. Das ist super. Die Mannschaft ist wirklich an die Grenze gegangen. Ab der Halbzeit war dann der Tank ein stückweit leer. Natürlich ist es immer schöner, wenn du dann anders handeln kannst. Auf der anderen Seite ist es auch eine Chance für junge Spieler, immer wieder eine Möglichkeit zu haben, ins Spiel reinzukommen.

... Laufwunder Vladimir Darida.

Das ist natürlich außergewöhnlich. Ich glaube, er hat den höchsten Laufwert abgeliefert, seit es gemessen wird - und das im dritten Spiel in neun Tagen und nach der Corona-Pause. Rein vom Willen her ist das sensationell. Da brauchen wir gar nicht drüber zu reden. Das ist der Hammer. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich auch gar nicht wusste, ob er das überhaupt noch schafft. Und was noch viel mehr überwiegt: Dass er 14,34 Kilometer läuft und dann in der 93. Minute noch so einen Lauf macht und diesen Pass spielt (Anm. d. Red.: Darida bereitete das Joker-Tor von Piatek vor). Das ist noch viel wichtiger - und eigentlich das Überragende an der ganzen Sache.

... die Bedeutung der Kilometerzahl.

Ich bin kein Freund davon zu gucken, wie viel wir laufen, sondern zu schauen, was wir machen. Natürlich ist es perfekt, wenn du viel läufst und ganz viele Sprints und intensive Läufe hast. Auf diese Sachen achte ich mehr. Das ist für mich ausschlaggebend. Das ist für unser Spiel elementar wichtig. Die reinen Kilometer hängen ja auch von der Netto-Spielzeit ab oder davon, wie viel Ballbesitz wir haben. Wenn wir es gut machen mit dem Ball müssen wir - ehrlich gesagt - weniger laufen. Das ist das Ziel, was wir haben. Gegen Augsburg ist es ein Kraftakt gewesen. Ich bin mir sicher, auch bei Vladi war der Tank schon sehr, sehr früh total leer. Ich habe ihn beobachtet und er hat manchmal gerudert. Da habe ich gedacht: 'Boah, ich muss ihn vielleicht rausnehmen. Aber eigentlich kann ich ihn gar nicht rausnehmen.' Er ist oft jemand, der so ein bisschen übersehen wird, aber wirklich eine ganz wichtige Person ist.

... Javairo Dilrosun und die Frage, ob der Stürmer noch gar nicht so genau weiß, wie gut er eigentlich ist - und sich auch deshalb phasenweise beinahe versteckt.

Das ist super erkannt. Das war zum Beispiel auch eines der Themen, die ich mit ihm im Gespräch vor dem Spiel hatte. Das eine sind die Videoanalysen. Da geht es darum, ihn auf die kommende Partie vorzubereiten. Aber auf der anderen Seite ist es vor allem auch das Ziel, ihn immer wieder zu stärken. So arbeite ich gerne mit Spielern. Wir haben ein sehr langes Gespräch geführt, in dem es natürlich nicht immer nur um das Sportliche ging, sondern auch um Privates. Ich muss meine Spieler ja jetzt erst richtig kennenlernen. Jav hat für mich ein Potenzial. Das sehe ich. Er hat zum Beispiel einen super, super Abschluss mit seinem linken Fuß. Wenn er das Tor trifft - und das tut er sehr oft - ist er fast immer drin. Aber er muss mehr dorthin kommen.

Er ist vom Naturell einfach ein sehr ruhiger Mensch. Ich habe nach dem Spiel ein Interview von ihm auf Englisch gesehen. Am Tag danach habe ich aus Spaß gesagt: 'Hast du einen Vogel? Du sprichst doch Deutsch und verstehst alles.' (grinst) Er hat dann das Interview, das er noch hatte, eben gerade auf Deutsch geführt. Das heißt, wir müssen den Jungen einfach ein Stück rausbringen. Ich will ihn nicht als Mensch verändern, aber ich will ihm behilflich sein, dass er nicht übersehen wird. Das ist ganz wichtig, weil er ein Potenzial hat - aber sich mehr einbringen muss.

... die Leistung des jungen Niederländers gegen Augsburg.

Er hat eine sehr gute erste Halbzeit abgeliefert. In der zweiten hat er sich zu wenig gezeigt. Da möchte ich ihn natürlich hinbringen. Er ist ein junger Spieler, der einfach noch Dinge umsetzen muss. Aber auf alle Fälle hat er das Potenzial. Ich freue mich, dass er das Tor auch auf diese Art und Weise gemacht hat. Viele ballern drauf und schießen die Leute an, die dann alle im Tor liegen. Das hat er wirklich hervorragend gemacht.

... die Tatsache, dass er ein anderes Spielsystem präferiert, als er aktuell spielen lässt.

Ich bin mit keinem System verheiratet. Ich habe gewisse Systeme, die ich gerne spiele - aber das macht nur Sinn, wenn du auch die richtigen Leute dafür hast. Bei uns war es so, dass wir im Kopf hatten, eventuell ein 4-3-3 oder auch ein 4-3-1-2 zu spielen. Aber uns fehlte dieser alleinige Sechser. Das ist eine spezielle Art. Als wir ins Mannschaftstraining eingestiegen sind, haben wir richtig gemerkt, dass das nicht hundertprozentig passt. Schon nach der ersten Einheit bin ich zu meinem Trainerteam gegangen und habe gesagt: 'Passt auf, das wird nicht funktionieren, was wir wollen.' Das ist wichtig, weil wir keine Zeit haben.

... die schwierige Konstellation bei der Übernahme des Jobs.

Man muss sich reinversetzen, wie es für uns war. Wir haben das ganze Gebilde von außen gesehen - und diese Mannschaft extrem analysiert. Ich habe mich lange schon mit Hertha beschäftigt. Einer der Punkte war, dass die Mannschaft keine stabile Achse hat, weil permanent gewechselt wurde. Innenverteidiger ständig raus, Sechser raus - und sogar der Torwart. Das ist natürlich für eine Mannschaft immer eine Katastrophe. Die Schwierigkeit für uns war aber, dass wir vier Wochen trainiert haben, aber kein Mannschaftstraining möglich war. Eigentlich mussten wir dem Team aber mitgeben, wie wir spielen wollen und welche Mannschaft es sein wird.

... gute Anpassungen auf den letzten Drücker.

Ich bin froh, dass wir die richtigen Entscheidungen getroffen haben. Einige haben sich wirklich erst im letzten Moment herauskristallisiert. Dazu gehörte halt auch das System. Dass wir das angepasst haben, war sehr, sehr wichtig - ohne dabei von unserer Spielart abzugehen. Das wäre nämlich fatal gewesen, weil wir vier Wochen lang - auch ohne Mannschaftstraining - darauf hingearbeitet haben, wie wir das angehen wollen. Sonst hätten wir jetzt auch nicht so einen Start hinlegen können. Das hätte nicht funktioniert. Die Mannschaft hat sich dann sicherer gefühlt. Das ist das entscheidende.

... einen möglichen Blick in Richtung europäischer Startplätze.

Prinzipiell haben wir überhaupt keine Probleme, nach vorne zu schauen, wenn die Möglichkeit da ist. Da würden wir uns nie verschließen, weil das ist ja unser Ziel. Man muss Ziele haben. Fakt ist aber - da bin ich wirklich sehr offen: Ich war bis zum Augsburg-Spiel komplett nur darauf fixiert, wie wir die Punkte schaffen. Wir haben eine Zielsetzung gehabt und das wir so viele Punkte schon so schnell holen, war nicht zu erwarten. Dafür war zu viel Durcheinander da. Wenn man sich unser Restprogramm anschaut, wissen wir umso mehr, wie wichtig diese Punkte waren. Wir spielen noch gegen Leverkusen und Gladbach - und als nächsten Gegner Dortmund. Dann haben wir noch Freiburg und Frankfurt.

... die Spitzenmannschaften der Liga.

Ich schaue momentan eigentlich nur, was wir tun müssen, um den nächsten Gegner gut zu bespielen. Für uns war das zum Beispiel am vergangenen Mittwoch in Leipzig eine Herausforderung, weil wir nicht wussten: Wie können wir gegen eine Top-Mannschaft mithalten. Das haben wir an dem Tag geschafft. Aber wir wissen natürlich, dass es noch ein langer Weg ist, da komplett mitzuhalten. Leipzig, aber auch Gladbach, Leverkusen, Dortmund und Bayern sowieso sind ja so weit von uns entfernt, weil sie auch über Jahre gute Arbeit geleistet haben und eine Mannschaft zusammengehalten haben. Wir müssen gucken, wie wir peu à peu ein Stück näher rankommen können.

Sendung: rbb24, 31.05.2020, 21:45 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    Darida, absolutes Laufwunder und einer der besten Spieler die Berlin je hatte.

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