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Vor dem Hauptstadtderby

Das Problem mit den Geister-Fans

74.667 Tickets hatte Hertha BSC für das Hauptstadtderby gegen den 1. FC Union verkauft. Nun muss das emotional aufgeladene Spiel ohne Zuschauer stattfinden. Das bringt eine völlig neue Sicherheitslage. Von Jakob Rüger

Wenn Hertha BSC auf den 1. FC Union trifft, dann geht es mittlerweile um mehr als nur drei Punkte. Im Hinspiel wurde das im Stadion an der Alten Försterei beim ersten Berliner Derby in der Fußball-Bundesliga seit 42 Jahren spürbar. Schon wenige Minuten nach dem Anpfiff zündeten Hertha-Anhänger Leuchtraketen. Sie beschossen im Verlauf der Partie das Spielfeld, die Bank der Union-Spieler, die gegnerische Tribüne. Union-Anhänger präsentierten gestohlene Fanutensilien und versuchten nach dem Spiel, den Rasen zu stürmen. Es gab drei Verletzte. Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort und hatte jede Menge zu tun.

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"Es hat keinen Sinn, da hinzufahren"

Leuchtraketen, brennende Schals, vermummte Anhänger auf dem Rasen - diese Bilder wird es am Freitag beim Rückspiel nicht geben. Nur 300 Personen dürfen sich laut Sicherheits- und Hygienekonzept der DFL im Stadion aufhalten. "Es wird keinen Sinn haben, sich in die Nähe des Olympiastadions zu bewegen", sagt Christian Arbeit, Geschäftsführer Kommunikation des 1. FC Union.

Der Verein steht nach eigenen Angaben in ständigem Austausch mit der aktiven Union-Fanszene. "Wir sind in Kontakt und haben bislang keine Signale vernommen, dass sich Gruppen darüber hinwegsetzen wollen." Doch es dürfte verlockend sein, Präsenz gegenüber dem Stadtrivalen zu zeigen, so wie das auch schon vor dem Hinspiel der Fall war.

Was passiert außerhalb des Stadions?

Nach Informationen des rbb gab es damals vereinzelt Überfälle auf gegnerische Fans, großflächige Graffiti-Aktionen und verabredete Schlägereien. Die Stimmung in beiden Fanszenen war sehr angespannt vor dem Duell im ausverkauften Stadion an der Alten Försterei.

Die Harlekins Berlin sind die führende Ultra-Gruppierung bei Hertha BSC und haben eine Stellungnahme zum Thema Geisterspiele herausgegeben. "Wir rufen alle Herthaner auf, es uns gleichzutun und die Geisterspiele nicht mittels Zaunfahnen, Spruchbändern oder anderen Stilmitteln von Fankultur aufzuwerten. Wir Stadiongänger werden diese falsche Entwicklung nicht durch eine Aufwertung der Geisterspiele unterstützen." Doch gilt das auch außerhalb des Stadions?

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Berliner Polizei bereitet sich auf alles vor

Auch Hertha BSC steht in intensivem Austausch mit der eigenen Fanszene. Ingo Schiller, Finanzgeschäftsführer bei Hertha BSC, rechnet nicht mit Fanansammlungen vor dem Stadion. "Ich erwarte einen absolut identischen Spieltagsverlauf, wie schon am vergangenen Wochenende. Auch wenn das bei uns eine besondere Brisanz und Situation darstellt."

Das Derby erhitzt die Gemüter. Die Berliner Polizei bereitet sich mit mehreren hundert Beamten auf das Freitagsspiel vor. "Da ja derzeit keine Zuschauer dabei sein dürfen, ist es für uns auch etwas Neues", sagt Polizeihauptkommissarin Valeska Jakubowski. "In erster Linie geht es darum die Abstandsregelungen an diversen szenekundigen Fantreffpunkten zu überwachen." Die Polizei hat dafür wie vor jedem Bundesligaspiel mit Vereinsvertretern und Fanbeauftragten an einem Tisch gesessen.

Rekordstrafen im Hinspiel

Da das Olympiastadion weiträumig abgesperrt ist, lassen sich Aufeinandertreffen von Hertha- und Unionfans in der Stadt nicht gänzlich ausschließen. "Wir sind in Gesamtberlin unterwegs und werden überwachen, ob es zu Zusammentreffen von Fangruppen kommt, darauf sind wir auch vorbereitet", kündigt Valeska Jakubowski an.

Zumal Restaurants und Imbisse laut der derzeit gültigen Verordnungen eigentlich bereits um 22 Uhr schließen müssen, mithin 15 Minuten vor Abpfiff. Das allerdings dürfe an diesem Abend lockerer gehandhabt werden. Die Kontrolleure würden mit Augenmaß vorgehen, sagte ein Sprecher der Senatsverwaltung für Inneres und Sport am Freitag. Der Hauptgeschäftsführer des Berliner Gastroverbandes Dehoga, Thomas Lengfelder, war sich sogar sicher: "Es wird heute Abend keine Kontrollen geben." Allerdings empfahl er, die persönliche Analyse unmittelbar nach Spielende auf den Heimweg zu verschieben.

Das Hauptstadtderby ohne Fans im Stadion - wenn man dem etwas Gutes abgewinnen will, dann dass es wohl keine Geldstrafen geben wird. Der 1. FC Union musste nach dem Hinspiel wegen "unsportlichen Verhaltens seiner Anhänger" sowie "nicht ausreichenden Ordnungsdienst" 158.000 Euro zahlen. Hertha BSC bekam für Verfehlungen seiner Anhänger sogar die Rekordstrafe von 190.000 Euro vom Deutschen Fußball Bund aufgebrummt.

Sendung: Inforadio, 21.05.2020, 8:15 Uhr

Beitrag von Jakob Rüger

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