Hertha-Fan Matthias und Union-Fan Andreas vor dem Derby im Berliner Olympiastadion (Quelle: rbb/Baczyk
Inforadio | 19.05.2020 | Stephanie Baczyk | Bild: rbb/Baczyk

Hertha- trifft Union-Fan vor dem Derby - Ein Gefühl zwischen Sehnsucht und Wut

Das Derby zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Union ist für viele Fans beider Vereine das Highlight der Saison. Die Rückrundenpartie findet aber corona-bedingt ohne Zuschauer statt. Für Unioner Andreas und Herthaner Matthias ein Unding. Von Stephanie Baczyk

Andreas Rohr ist ein leuchtend roter Punkt im weiten Rund des verwaisten Berliner Olympiastadions. Ein Farbtupfer in der Ostkurve, in der eigentlich die treuesten Fans von Hertha BSC stehen.

Er trägt ein Trikot des 1. FC Union, wir haben ihn als Fan der Eisernen für einen Fernsehdreh darum gebeten. "Ist ja eigentlich für mich fremdes Terrain", scherzt er - oben an der Treppe stehend - in Richtung seines Kumpels Matthias Bartzsch. "An einem normalen Spieltag würde ich mich hier nicht hin trauen." Der Freund im grauen Hertha-Dress mit der Sonnenbrille auf der Nase nickt gespielt verständnisvoll, beide lachen. Wiedersehensfreude.

Manchmal helfen Zufälle im Leben. Andreas und Matthias hatten zufällig Zeit für ein Interview, Anfang November 2019, vor dem ersten Bundesliga-Stadtderby zwischen dem Union und Hertha. Sie kannten sich lose aus den sozialen Netzwerken und verstanden sich dann im Studio so gut, dass sie nach der Aufzeichnung erst mal auf 'ne Currywurst loszogen. Rot-Weiß und Blau-Weiß, ein knackiger Austausch über Saisonziele, Trainer-Fails und Fußball-Helden.

Das aktuelle Gesprächsthema ist allerdings um einiges ernster.

Einfach statt Beleuchtung 'ne Kerze auf den Kopf

"Es ist komisch beklemmend, hier zu sitzen und zu wissen, am Freitag findet hier das Spiel der Spiele schlechthin in dieser Saison statt und es darf keiner zugucken", sagt Matthias. Er wäre da gewesen, wie immer. Block P4, rechts von der Ostkurve. Die grauen Sitze um ihn herum nehmen es schweigend zur Kenntnis, sie werden auch am Freitag schweigen. Das vom März in den Mai geschobene Duell zwischen Hertha und Union wird als Geisterspiel ausgetragen, wie die restlichen Bundesligapartien nach der Wiederaufnahme des Spielbetriebs. "Wir haben vorhin schon Scherze gemacht, dass die dann alle mit 'ner Kerze auf dem Kopf rumlaufen, weil man die große Beleuchtung ja nicht braucht", ulkt Andreas, "weil eh keiner da ist."

Er ist im Berliner Westen groß geworden, in Marienfelde - Matthias im östlichen Teil der Stadt, in Adlershof. Und wie das manchmal so ist mit dem Fußball und der Liebe, haben beide ihren Verein nicht nach der jeweiligen Himmelsrichtung ausgesucht, sie haben sich einfach verknallt. "Das war so, wie wenn das Kind zum ersten Mal die Mutter sieht", erinnert sich Matthias und lacht. Über seinen Vater bekommt er zu Mauerzeiten ein Paket mit Hertha-Devotionalien, darunter einen Ball, der heute nicht mehr blau und weiß, sondern eher gelb und grün aussieht. Ein Relikt. "Ich war hin und weg. Da hat's mich dann erwischt."

Wettbewerbsverzerrung und Gesundheitsrisiken

Umso mehr schmerzt das Herz beim Anblick der leeren Ränge. Und darüber hinaus. "Ich lehne diese Geisterspiele ab", sagt Matthias. "Der Fußball beweist letztendlich in dieser Krisensituation, dass er weder nachhaltig noch solidarisch arbeitet." Bestes Beispiel ist für ihn der abstiegsgefährdete Zweitligist Dynamo Dresden. Die komplette Mannschaft befand sich nach positiven Testergebnissen in Quarantäne, musste das Mannschaftstraining unterbrechen und am vergangenen Wochenende zusehen, wie die Konkurrenz punktete. Der Vorwurf: Wettbewerbsverzerrung.

Hertha-Fan Matthias und Union-Fan Andreas vor dem Derby im Berliner Olympiastadion (Quelle: rbb/Baczyk)
Andreas und Matthias im weiten Rund des Olympiastadions. | Bild: rbb/Baczyk

Nur einer von vielen diskutablen Punkten. "Die Gesundheit der Spieler und der gesamten Entourage drumherum zu riskieren, dass man das so klein redet trotz aller Gesundheitskonzepte - das wirkt wie: mit aller Gewalt", kritisiert Andreas. Matthias ist da bei ihm. "Es gibt Situationen, wie diese gerade, wo die Gesundheit wichtiger ist als alles andere", sagt er. "Es ist einfach zu gefährlich - für Staff, Familie und Fußballer. Von möglichen Bleibeschäden, die ganz offen diskutiert werden, mal gar nicht zu reden. Da gibt es eindeutige Studien mittlerweile, die sagen, dass Covid-19 nicht nur eine Lungenkrankheit ist, sondern dass es den Körper ganzheitlich angreift."

Hinrunden-Wut vs. Geisterspiel-Strafe

Die überbordenden Emotionen aus dem Hinrunden-Duell zwischen den Eisernen und der Alten Damen aus dem Berliner Westen wirken - ob der aktuellen Entwicklungen - wie aus der Zeit gefallen. Die Partie im ausverkauften, lauten Stadion An der Alten Försterei entschied Union mit 1:0 für sich - durch einen Foulelfmeter kurz vor Schluss von Sebastian Polter. Aber es gab auch hässliche Bilder: Pyrotechnik auf beiden Seiten, Raketen aus dem Hertha-Block - und Unioner, die als Reaktion darauf nach dem Schlusspfiff den Platz stürmten.

"Mir ist meine Wut am Ende in Erinnerung geblieben", resümiert Andreas. Sein Blick streift das Grün und die unbemannten Sitzschalen im Olympiastadion. "Und jetzt muss ich mal wirklich was gestehen: dass ich mir das hier als Strafe fürs Rückspiel gewünscht habe. Für diese Dummheit von beiden Seiten, vor allen Dingen aber auch von Hertha. Aber wenn ich so sehe, wie ein Geisterspiel aussieht, dann weiß ich, das ist die größtmögliche Strafe für jeden Verein, für jeden Fan. Deswegen werde ich mir sowas nie wieder wünschen."

"Wie in Österreich aufm Acker!"

Zwei Freunde, zwei Vereine - eine Meinung. Andreas und Matthias hätten sich gewünscht, dass die Saison abgebrochen wird. Beide schütteln den Kopf ob der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Klubs von den Fernsehgeldern. Haben am Wochenende mal reingezappt im TV und fanden reichlich skurril, was sie da sahen und hörten, "'ne Atmosphäre wie ein Trainingsspiel, wenn sich zwei Vereine irgendwo in Österreich aufm Acker zur Saisonvorbereitung treffen." Aber auch, wenn der Finger über der Mute-Taste schwebt, so ganz können sie das Berliner Derby nicht aus dem Kopf streichen.

"Wir gewinnen: 2:0", sagt Matthias, im Hinterkopf die Schmach aus dem Hinspiel. "Dann ist die kleine Scharte ausgewetzt." Hinter ihm ist ein demonstratives "Pscht!" zu hören, er dreht den Kopf. "Mein Herz wünscht sich, dass Union gewinnt", legt Andreas nach. "Hätte das Spiel zum regulären Zeitpunkt stattgefunden, wäre ich mir da auch hundertprozentig sicher gewesen." Aber jetzt ist halt alles etwas anders.

Sendung: rbb Inforadio, 19.05.2020, 10.15 Uhr

Beitrag von Stephanie Baczyk

Kommentar

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Antwort auf [borninc_burg] vom 20.05.2020 um 15:10
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3 Kommentare

  1. 3.

    Guter Bericht - Danke Frau Baczyk!

  2. 2.

    Dankeschön für den Bericht, endlich mal wieder etwas nettes über beide Vereine. So geht's auch

  3. 1.

    Schon eine traurige Kulisse!

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