Hertha-Trainer Bruno Labbadia. / imago images/Poolfoto
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Klarer Sieg in Hoffenheim - Labbadia haucht Hertha Leben ein

Bruno Labbadias Einstand bei Hertha BSC wird zum Festtag. Beim 3:0 im leeren Hoffenheimer Stadion zeigt sein Team, dass die Ideen des neuen Trainers funktionieren. Pünktlich zum Derby gegen Union spielt Hertha endlich aggressiv und offensiv. Von Till Oppermann

Nach Abpfiff des überzeugenden Hertha-Auswärtssieges zu Bruno Labbadias Einstand stehen die Hauptstädter mal wieder im Mittelpunkt der Diskussionen. Diesmal ist der Torjubel das Reizthema. Früher brauchte es dafür Werbebotschaften auf dem Unterhemd oder in den Stutzen mitgeführte Batman-Masken. Während der Corona-Pandemie reicht eine Umarmung - und schon wird die stürmische Freude zum Politikum.

Dabei hatte die DFL den Vereinen doch einen klaren Auftrag erteilt: "Gemeinsames Jubeln, Abklatschen und Umarmungen sind zu unterlassen." Dass es gerade den Berlinern nach dem Skandalvideo Salomon Kalous nicht gelungen ist, den Spielern diese Empfehlung nahezubringen, ist - gelinde gesagt - peinlich. Auch wenn es sich dabei nicht um eine Regel, sondern lediglich um eine Empfehlung handelt, wie Manager Michael Preetz nach dem Spiel betont.

In fünf Wochen dreht Labbadia Hertha um

Glücklicherweise scheint die Truppe den Anweisungen ihres neuen Trainers aufmerksamer gelauscht zu haben. Dessen Handschrift ist in Sinsheim klar und deutlich zu erkennen. Von der ersten Minute an stören die Herthaner den Spielaufbau der Hoffenheimer Innenverteidiger an deren Strafraum.

Das ist sinnbildlich. Denn Bruno Labbadia steht für dominanten Fußball. Seine Teams sollen mit hoher Intensität spielen. Nach Ballverlusten aggressiv ins Gegenpressing gehen. Sich mit viel Ballbesitz über die Flügel zu Chancen kombinieren. Und eben tief in der gegnerischen Hälfte den Spielaufbau des Gegners stören. Am Samstag überrennt seine Mannschaft die Hoffenheimer förmlich. 222 Sprints - das sind knapp 60 mehr als ihr Gegner. Obendrein haben die Berliner mehr Ballbesitz und leiten alle drei Tore über den linken Flügel ein.

Lob für die Mannschaft

Ein perfekter Einstand für Sie, oder, Herr Labbadia? "Ich denke mehr an die Mannschaft." Die habe vor einer sehr komplizierten Situation gestanden. Immerhin sei er in dieser Saison bereits der vierte Trainer. Im Verein habe es viel Chaos gegeben. Sogar in der Corona-Zeit hätte man mit der Quarantäne und der Umstellung auf einen neuen Coach alles mitgenommen, was geht. Umso beeindruckender, dass es dem Hessen in seinen fünf Wochen in Berlin offensichtlich gelungen ist, Hertha von einem passiven Haufen voller Individualisten zu einem entschlossen auftretenden Team zu formen.

Dabei hilft Labbadias klare Ansprache. "Alle Jungs haben wirklich sehr gut mitgezogen, haben das umgesetzt, was der Trainer vorgegeben hat", lobt Kapitän Vedad Ibisevic. Er bekommt überraschend den Vorzug vor Winter-Neuzugang und Rekord-Einkauf Krzysztof Piatek. Und wenn man einen Spieler aus der guten Gesamtleistung der Berliner herausheben mag, dann ihn.

Ibisevic wird zum Matchwinner

Entsprechend gut ist seine Laune. Den Reportern auf der Tribüne, die ihn nach dem Spiel unter Zuhilfenahme eines Teleskopmikrofons interviewen, sagt er schmunzelnd: "In den letzten Wochen habe ich mich körperlich fitgemacht. Die Pause hat gutgetan." Mit Erfolg. Der 35-jährige ist der Aktivposten im Offensivspiel. Schon in der ersten Hälfte holt er clever Freistöße heraus, setzt seinen Körper perfekt ein, um zum Abschluss zu kommen.

Ob des gesetzten Alters überrascht insbesondere die körperliche Verfassung des graumelierten Bosniers. Vor der größten Berliner Chance in der ersten Hälfte sprintet er auf Benjamin Hübner zu und jagt ihm den Ball ab. Später dreht er sich filigran um die hüftsteifen Hoffenheimer und lässt den zehn Jahre jüngeren Akpoguma alt aussehen. Der sehenswerte Kopfballtreffer im zweiten Durchgang ist die gerechte Belohnung für den Vedator. Ibisevic ist jetzt der Einzige, der in den 14 Jahren seit 2006 jedes Jahr in der Bundesliga genetzt hat. "Vedad ist einfach gut, wenn er gefüttert wird", jubiliert Labbadia.

Hinten mit Sicherheit und Glück

Gefüttert wird er am Samstag von Maxi Mittelstädt. Das Eigengewächs spielt am Samstag auf der linken Mittelfeldseite vor Linksverteidiger Marvin Plattenhardt. Auf der rechten Abwehrseite bekommt der solide Peter Pekarik den Vorzug vor dem schnelleren Lukas Klünter und dem offensiveren Marius Wolf. Eine sehr defensive Personalauswahl. Diese wählt Coach Labbadia wohl auch wegen der Eindrücke aus der Spielvorbereitung.

In der Pressekonferenz vor der Reise nach Hoffenheim hatte er darauf hingewiesen, dass es im Training große Lücken gegeben habe. Am Samstag verteidigt seine Mannschaft sehr kompakt, macht die Mitte des Feldes eng. Dabei hilft das 4-2-3-1 mit den Sechsern Per Skjelbred und Marko Grujic. Gelingt es Hoffenheim, das Pressing auszuhebeln, hilft sich Hertha mit Fouls. "Wir wollten den Gegner unter Druck setzen", erklärt Labbadia - und dass man dabei auch ab und zu mal zu spät komme, sei der kurzen Vorbereitungszeit geschuldet. Die drei gelben Karten in der ersten Hälfte? Geschenkt, sie bleiben folgenlos. 

Obacht vor Union!

Am Ende steht die Null. Das ist allerdings auch Herthas Spielglück geschuldet. Teilweise attackiert Dedryck Boyata zu ungestüm. Bei Flanken tun sich hinter Pekarik teilweise Lücken auf - auch weil Dodi Lukebakio in dieser Partie der einzige Totalausfall ist. Hoffenheim muss auf seine besten Stürmer verzichten. Mehrmals rettet Jordan Torunarigha in der letzten Sekunde. Auch Rune Jarstein läuft nach seinen Patzern unter Alexander Nouri endlich wieder zu Normalform auf.

Am kommenden Freitag sollte man im Derby gegen Union allerdings weniger Gelegenheiten zulassen. Das Hinspiel muss Hertha eine Warnung sein. Da nutzten die Köpenicker die einzige wirkliche Chance im Spiel zum 1:0-Siegtreffer.

"Wir wollen den Schwung mitnehmen"

Im Hinblick auf das Rückspiel im Olympiastadion kommt die alte Dame genau zum richtigen Zeitpunkt in Form. "Der Sieg heute war nach den großen Schwierigkeiten in diesem Jahr ein ganz großer Brustlöser", sagt Bruno Labbadia. Nun wolle man das genießen. Bis Sonntag. Dann beginne allerdings die Vorbereitung auf Union. Nach dem deutlichen Sieg in Hoffenheim wird besonders interessant sein, ob Hertha BSC gegen den defensiven Stadtrivalen eine etwas offensivere Grundformation wählt.

Eigentlich bevorzugt Labbadia ein 4-3-3. Vor dem Spiel in Hoffenheim sagt er, dass ihm das noch zu riskant gewesen sei. Vielleicht sieht das am Freitag anders aus. Mit Vladimir Darida, der nach seiner Gelbsperre zurückkehrt, steht im Mittelfeld eine weitere Pressingmaschine zur Verfügung. Maxi Mittelstädt, weiß worum es geht, ganz egal wer spielt: "Wir wollen den Schwung mitnehmen und haben etwas wiedergutzumachen. Das Spiel ist sehr, sehr wichtig." Nach einem Derbysieg wären die Schlagzeilen dann zum ersten Mal in dieser Saison nur positiv.

Sendung: rbb24, 16.05.2020, 21:45 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

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12 Kommentare

  1. 12.

    Glückwunsch an das Team und Herrn Labbadia.

    Hatte meine Zweifel, muss aber vorerst den beiden Siegen meine Anerkennung aussprechen.

    Ich irre mich in dem Fall gern - also weiter so, die Herren.

  2. 11.

    Wenn Sie mich schon beleidigen wollen, bleiben Sie wenigstens beim "Sie". Wenigstens war ich in einem Kindergarten, in dem man mir Manieren beigebracht hat.

    @Kalle und Prenzlauer:
    Natürlich war mein Kommentar (absichtlich) überzogen. Dennoch ist es absurd, dass ausserhalb der Bundesliga kein Fussball gespielt werden darf. Ist die Aussage: "Alle oder keiner" tatsächlich so absurd?
    Warum dürfen Bundesligaspieler sich in den Armen legen, aber theoretisch ist es verboten seinen Bruder zu umarmen?
    Das ist das absurde daran. Fussballspieler sollten halt auch immer Vorbilder sein und das bekommen sie wie so oft nicht gebacken.
    Es ist mir auch komplett unverständlich, wieso Spieler (z.B. Haaland) nach einem Tor oder nach dem Sieg zu leeren Zuschauerrängen rennen und feiern. Vielleicht bin ich zu pragmatisch. Allgemein hat es mich auch gefreut, dass der Ball wieder rollt. Das Hygienekonzept ist dennoch absurd.

  3. 10.

    Geldgieriger Lobbyisten-Verein...? Bundesliga abbrechen...?? Sagt mal Leute, gehts eigentlich noch?!? Derlei Denunziantentum hat eine lange Geschichte. Eine deutsche Geschichte... Das ist für mich der Inbegriff des widerlichen Deutschen, der nichts und Niemandem etwas gönnt. Nicht das Schwarze unterm Fingernagel und erst recht keinen Spass!! Schließlich ist man selbigen zu empfinden offenbar nicht in der Lage... Pfui! Mit Schimpf und Schande! Schön, dass der Fußball wieder rollt! HaHoHe!

  4. 9.

    Heuchelnd um Entschuldigung bitten und sich permanent nicht an Regeln halten - Geldgieriger Lobbyistenverein......

  5. 7.

    Warum soll die BL abgebrochen werden?
    Weil 22 Personen für die Öffentlichkeit sichtbar Sport treiben?
    Auf dem Spielfeld ist mehr Platz als in jeder S-Bahn oder Gehweg in der Stadt.
    Ich finde, dieses ganze Corona-Theater wegen jeder Kleinigkeit, Umarmung oder dieser Zollstock-Wahnsinn gehen wirklich langsam zu weit.

  6. 6.

    Bundesliga Ausschluss? Lizenzentzug.? Aus welchen Kindergarten haben sie dich denn laufen lassen

  7. 5.

    Die dürfen das. Schließlich werden sie ja laufend getestet - Fußball ist systemrelevant. Brot und Spiele hielt die Bürger immer bei Laune.

  8. 4.

    Vor allem haucht er Hertha ein wie man sich nicht zu verhalten hat. Warum gibt es keine Sanktionen? Bundesliga Abbruch jetzt oder noch besser: sofortiger Bundesliga Ausschluss und Lizenzentzug von Hertha

  9. 3.

    Super Spiel. So macht es Spaß. Und e8n deutlicher Sieg gibt Auftrieb. Bitte weiter so.

  10. 2.

    Mr. Berlin kriegen Sie sich mal wieder ein !!

  11. 1.

    Wir küssen uns alle!! Geht gar nicht.

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