Salomon Kalou (vorne) im Gehen. Hinter ihm ist Jürgen Klinsmann zu sehen. Bild: imago-images/Matthias Koch
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Rückblick auf eine wahnsinnige Saison - Es kommt immer Hertha

"Sala, bitte lösch' das!", flehte ein Hertha-Physio angesichts des törichten Livestreams von Salomon Kalou. So mancher Hertha-Fan wird sich das über die komplette bisherige Spielzeit gedacht haben. Dabei hat Hertha doch ordentlich abgeliefert. Von llja Behnisch

Vielleicht ist Hertha BSC auch einfach nur wie ein graues Tropfenflügeltyrann-Küken - anders als andere Vogelarten. Leuchtendes Fell, borstenartige Stacheln. Während die ordinäre Masse der Küken dieser Welt es eher gedeckt mag. Bloß nicht auffallen, bis es endlich an der Zeit ist, abzuheben und zu fliegen. Nicht so Hertha.

Und egal, wie die Bundesligasaison 2019/20 endet, die Alte Dame ist einer ihrer Gewinner. Denn wenn Fußball Unterhaltung ist, und darauf verweisen Politik und DFL ja derzeit mit viel Verve, dann macht den Berliner so schnell keiner etwas vor.

Die große Idee

Hertha, das war bis zum Sommer 2019 nicht gerade die lässige Seite Berlins. Kein Soho-House, kein Berghain, kein Mauerpark-Karaoke. Hertha, das war die Schultheiss-Eckkneipe. Die S25, Haltestelle Priesterweg. Frank Zander. Und das ist wunderbar, denn das ist Berlin oder war Berlin oder zumindest ein Teil davon.

Hertha, das war bis zum Sommer 2019 Pal Dardai. Viereinhalb Jahre lang, eine Ewigkeit im Fußball. Er hat hervorragende Arbeit geleistet, perfekt zu Hertha gepasst. Nur wollte Hertha nicht mehr Hertha sein. Also musste jemand anderes her, ein großer Name vielleicht. Aber die großen Namen, sie hörten den Ruf aus der deutschen Hauptstadt nicht. Dann wenigstens eine große Idee, dachten sie sich rund ums Olympiastadion, und siehe da, Ante Covic hatte eine. Der stand als Ex-Spieler zwar ebenso für das alte Hertha wie Vorgänger Dardai, hatte aber aufregenden Offensiv-Fußball im Kopf. Immerhin: Theoretisch sind auch Zeitreisen möglich. Es bräuchte halt andere Voraussetzungen.

Big City Club

Aha, dachte sich ein schnittiger Mann im besten Alter, der als junger Mann einst schaffte, was nicht einmal die CDU für möglich hielt: von Helmut Kohl geliebt zu werden. Der kurz zuvor fast noch Real gekauft hätte. Die Supermarkt-Kette freilich, nicht den Fußballklub aus Madrid. Und also öffnete Lars Windhorst das Scheckbuch seiner teils als dubios bewerteten Tennor Holding und sicherte sich für insgesamt 224 Millionen Euro 49,9 Prozent der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA.

Dass mit dem Geld auch Steuern bezahlt und alte Anteilseigner ausbezahlt werden mussten? Egal. Dass sich mit dem Restgeld kaum noch eine Mannschaft kaufen ließe, die dem Anspruch eines "Big City Club" auf Anhieb gerecht werden könne? Peanuts. 

Lars Windhorst sitzt vor der Pressewand von Hertha BSC. Bild: imago-images/Matthias KochEin Mann, ein Ziel: Hertha soll mit Windhorsts Millionen ne große Nummer werden.

Aber endlich war etwas los bei Hertha. Gut, nicht auf dem Rasen. Da war es eher ein Big Nothing. Maue Resultate. Mauer Fußball. Aber das war man ja gewohnt. Und es sollte sich ja ändern. Denn nach der großen Idee von Ante Covic kam der Mann, der die große Idee als solche erfunden hat: Jürgen Klinsmann. Das Comeback des Sommermärchens. Mitten im Winter. Wahnsinn. Ein Mann, der sich in dunkler Nacht wohl selbst den Weg leuchten könnte mit seinem Strahlen. Für dessen unbändigen Optimismus und Hands-on-Mentalität man eigentlich einen Beipackzettel beilegen müsste: Für Risiken und Nebenwirkungen fragen sie Pal Dardai.

"Tschüss ich bin dann mal weg"

Und er war ja auch schon immer Herthaner, der Klinsmann, der Jürgen. Weil: der Papa, der Sohn, der heilige Geist - alles Herthaner. Und wenn man genau hinschaute, seine Lippen las, meinte man ihn nun auf alten Aufnahmen von der WM 1990 "Nur nach Hause" summen sehen.

Es war toll. Unter Klinsmann erholte sich die Mannschaft, spielte eine Art "calcio storico", diese blutige Mischung aus Ball- und Kampfsport, die im Florentiner Mittelalter en vogue war. Ganz Berlin blühte auf, alle bekamen pünktlich ihre Bahnen und selbst Ex-Herthaner Arne Friedrich einen Job. Aber Klinsmann wollte mehr, immer mehr. Und dann wollte er gar nicht mehr. Das hat er der Vereinsführung auch genau so gesagt. Also eigentlich hat er nur gesagt: "Tschüss, ich bin dann mal weg." Aber wer eine Erklärung brauchte, konnte ja später das Facebook-Live-Video Klinsmanns schauen. Da sagte er zwar auch nichts wirklich Erhellendes, dafür aber immerhin viel. 

Rune Jarstein fasst sich ins vor Schmerz verzerrte Gesicht. Bild: imago-images/Bernd KönigAutsch! Torhüter Rune Jarstein und Herthas Abwehr muteten den Fans in dieser Saison schon einiges zu.

Klinsmann hinterlässt Hertha Nouri

Ob es nun um Kleinigkeiten wie Allmacht ging oder nicht, egal, Klinsmann war Geschichte. Noch ehe jemand klären konnte, ob er, der schwäbische Bäckerssohn, der schon immer Herthaner war, eigentlich Schrippen oder Semmeln bestellte in der Hauptstadt. Oder ob er einfach nur seine eigene Energie aß.

Immerhin: Während andere noch einen Koffer in der Stadt haben, hatte Klinsmann ihr einen Nouri hinterlassen. Und Klinsmanns ehemaliger Co-Trainer sollte es dann richten. Nach zuvor 21 sieglosen Spielen als Cheftrainer in erster (Werder Bremen) und zweiter Bundesliga (FC Ingolstadt) hintereinander musste es ja irgendwann klappen. Und siehe da, Auftaktsieg. 2:1 in Paderborn. Zum Runterkommen gab es ein 0:5 gegen Köln. Immer wichtig, die Ansprüche nicht sofort ins Unermessliche steigen zu lassen. Die folgenden Remis (3:3 in Düsseldorf, 2:2 gegen Bremen) brachten Hertha nicht wirklich vorwärts. Immerhin neutrale Zuschauer hatten ihr Vergnügen. Und die Hertha-Fans, die auf Kopfschütteln stehen.

Kalou geht live

Dann kam Corona. Dann kam Bruno Labbadia. Der schöne Bruno. Ein Jürgen Klinsmann für Menschen mit gesunden Maßstäben. Ein erfolgreicher Trainer, angenehmer Zeitgenosse und akribischer Arbeiter. Dann kam Salomon Kalou. Ein Weltbürger, angenehmer Zeitgenosse und herausragender Fußballer.

Und es sind die großen Fragen der Menschheit: Warum klebt Alleskleber an allem nur nicht an der Innenseite der Tube? Wenn Superman in allem super ist, warum hat er dann keinen super Humor? Und was zum Herrje hat Salomon Kalou geritten, dieses Video zu streamen und darin zu tun, was er darin tat?

Vielleicht ist der Wahnsinn inzwischen einfach Alltag und kann uns alle befallen. Einfach so. Oder wer hätte im vergangenen Jahr gedacht, dass der Satz "Kalou begrüßt Mitspieler mit Handschlag" einmal für derart viel Aufregung sorgen würde?  

Alles erscheint möglich

Aber, so steht es im Grundgesetz des deutschen Fußballs, es geht weiter. Immer weiter. Ohne Kalou. Mit Hertha. Mit der Bundesliga.

Wie genau? Stürmt Hertha unter Labbadia noch in den Europapokal? Weil Vedad Ibisevic 20 Treffer gelingen? Weil ihm im Traum Davie Selke erschien und zeigte, wie das geht, Tore schießen? Spielt Hertha bald auf dem Vorfeld des BER, weil da eh nix los ist? Stammen die Windhorst-Millionen aus den Schwarzgeld-Töpfen Helmut Kohls? Findet Michael Preetz beim Joggen einen Impfstoff gegen Corona? 

Wenn einen die vergangen Monate seit Saisonbeginn 19/20 am Beispiel von Hertha BSC eines gelehrt haben, dann, dass man sich den Aberwitz der Wirklichkeit nicht ausdenken kann. 

Im Fußball geht es nicht nur um Resultate. Es geht ums Erleben, um die Geschichten drum herum und dahinter. Und davon hat Hertha, dieses graue Tropfenflügeltyrann-Küken, reichlich. Und wer weiß, vielleicht geschieht ja irgendwann noch das Unvorstellbarste überhaupt und Hertha wird sportlich richtig erfolgreich. Bis dahin sollte man dankbar sein. Oder um es mit Wahl-Amerikaner Jürgen Klinsmann zu sagen: „That’s Showbiz“.

 

Sendung:  Inforadio, 09.05.2020, 16 Uhr

Beitrag von llja Behnisch

6 Kommentare

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  1. 6.

    Aber letztlich sind es beide Profivereine und funktionieren nach den Gesetzen des Marktes, wie man auch schön am Beispiel des Herrn Gikiewicz sieht.
    Da kann man in Köpenick noch so sehr wahlweise auf Fannähe, Hipster oder Ostalgie „machen“.
    Dieses „Arm gegen Reich“ Geplappere von Ihnen und Unions Präsidenten, dessen Vergangenheit viel zu wenig erleuchtet wurde, zieht im Profifußball einfach nicht.

    Hertha BSC kann man in dem von Ihnen genannten Beispiel ja noch zu Gute halten, dass sie die Berliner Wirtschaft unterstützen, nicht irgendein Städtchen in der niedersächsischen Provinz.

  2. 5.

    Das ist der Unterschied: Die Hertha in einem Berliner Nobelhotel am Ku`Damm und die Eisernen in der Sportschule Barsinghausen (natürlich auch keine Absteige). Der Tabellenplatz spricht allerdings derezit für die Eisernen.

  3. 4.

    Das Berliner Sorgenkind
    Hahohe!

  4. 3.


    Es ist eine Zustandsbeschreibung als Momentaufnahme eines bisher skandalösen Auftretens des Vereins. Nicht mehr und nicht weniger. Hat mit Hass gegen hertha nichts aber auch gar nichts zu tun. Kommentare muss man dazu nicht abgeben, auch egal in welche Richtung.

  5. 2.

    Nix neues geschrieben. Was soll der Artikel mir jetzt sagen? Außer das jetzt wieder die Hertha Hasser motiviert werden ihre Kommentare abzugeben. War ja auch zu ruhig in den letzten zwei Tagen. Also auf geht’s.

  6. 1.


    Herrliche Kolumne! Besser kann man die hertha nicht beschreiben. Mal sehen was sie als nächstes fabriziert. Immer für ne Überraschung gut, egal in welche Richtung.

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