Union-Keeper Gikiewicz streckt sich vergeblich nach dem Ball (Quelle: dpa/Hannibal Hanschke)
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Audio: Inforadio | 17.05.2020 | Christopher Trimmel im Interview | Bild: dpa/Hannibal Hanschke

0:2-Niederlage gegen Bayern - Fünf Lehren aus Unions erstem Geister-Heimspiel

Es war ein großer Kampf, den der 1. FC Union gegen Bayern München lieferte. Am Ende stand jedoch eine 0:2-Niederlage. Johannes Mohren mit fünf Lehren aus dem Re-Start vor Geisterkulisse. Über leere Fan-Herzen, Baumkletterer und den fehlenden letzten Push.

1. Das Besondere fehlt!

S-Bahnhof Köpenick. Zwei Stunden vor dem Spiel. Eigentlich schieben sich zu dieser Zeit die Fan-Massen die Treppen herunter, eingehüllt in eine schwere Bratwurst-Bier-Wolke - nicht zwingend ein angenehmer Geruch, doch an Spieltagen wird er zum besonderen Duft. Vorbei an der legendären Fankneipe "Abseitsfalle" schlägelt sich das rot-weiße Band Richtung Stadion. Zeit zum Trinken - und Fachsimpeln. Beseelt von dieser ganz besonderen Vorfreude, die es ein bisschen flau im Magen werden und das Herz immer schneller schlagen lässt. Spätestens, wenn aus dem Stadion an der Alten Försterei die ersten Gesänge schwappen.

An diesem Sonntag um 16 Uhr wäre das wieder so gewesen, ja: Vielleicht hätte es noch ein bisschen mehr geprickelt als es das ohnehin bei Heimspielen tut. Die Bayern zu Gast beim 1. FC Union - und das nicht als Retter eines Vereins, der um die Regionalliga-Lizenz zittern muss, sondern erstmals in einem Pflichtspiel. Doch es herrscht die große Leere, auf den Treppen - und in den Fan-Herzen. Es ist Erik, der das merkwürdige Gefühl, im Gespräch mit der rbb-Reporterin Stephanie Baczyk, in Worte fasst. "Es ist kein besonderer Tag. Ein besonderer Tag wäre es, wenn man ins Stadion dürfte", sagt der Mann, der mit Kumpel Andreas auf dem Weg zum privaten Fußball-Schauen ist. Und er klingt traurig dabei. Wie auch sonst. 

2. Klettern verboten!

Für Erik und Andreas geht es weiter nach Mahlsdorf. Die meisten halten sich an die Bitte, vom Stadion fernzubleiben. Doch nicht alle. Sehnsucht kann unvernünftig, ja: waghalsig machen. Das gilt auch in der Fußball-Liebe. Und so beweisen hinter der Waldseite - der Tribüne, auf der die Treuesten der Treuen unter den Union-Fans stehen - zwei junge Männer ihr Kletter-Talent. Hoch oben steigen sie in einen der vielen grünen Baumwipfel, um doch irgendwie über den Wall der Stehgeraden hinweg einen Live-Einblick auf das Spielfeld zu bekommen.

Die Stürmer der Kronen werden von der Polizei kurz vor der Halbzeitpause aus ihrem Ausguck gebeten - freundlich, aber doch bestimmt. Auf die durchaus kreative, aber eben doch gefährliche Kletterei folgen die Aufnahme der Personalien und zwei Platzverweise. Für sie ist die Hoffnung passé, das bayrische Star-Ensemble - wenn auch aus großer Distanz im Mini-Format - weiter bei seinem Auftritt in Köpenick zu sehen. Insgesamt suchen rund 20 Menschen nach einer Sichtlücke.

Schon vor dem Spiel sammeln sich Fans beider Teams und Schaulustige vor dem Stadion. Ihr Ziel: Busse begrüßen. Knapp 50 sind es, die auf die Einfahrt der Profis warten. In diesen Zeiten 50 zu viel an dem Ort, an dem sonst die Zuschauer über den Parkplatz zur Haupttribüne strömen. Und - bei ganz besonderen Anlässen - auch die Pyros brennen. "Wir haben die Personen, die sich angesammelt haben, angesprochen - und gebeten, den Bereich zu verlassen und die Abstände zueinander einzuhalten", sagt Polizeisprecherin Valeska Jakubowski. Lautsprecher hallen - für den Fall, dass Liebe nicht nur blind, sondern auch taub macht. Mit Erfolg. "Die Personen sind dem im Großen und Ganzen auch nachgekommen. Der eine oder andere war vielleicht nicht ganz so begeistert."

3. Mit Fan-Push wäre etwas drin gewesen!

Was wäre gewesen ...? Achtung, wir bewegen uns nun in das Reich des Konjunktivs - und doch gibt es durchaus Gründe für die These: Mit Zuschauern hätte Union gepunktet! "Ich glaube, wir haben es speziell in den ersten 30 Minuten sehr gut gemacht. Da hatte Bayern dann doch ein bisschen Probleme", sagt Christopher Trimmel. Und es gibt wohl niemanden - auch nicht aus dem Lager der Münchener - der dem Köpenicker Kapitän ernsthaft widersprochen hätte.

Klar ist: Nach diesem starken Start sind es die Bayern, die spielen. Aber klar ist auch: Für die Tore brauchen sie Standards. Lange steht es - nur (!) - 0:1. Die Gäste arbeiten viel, aber glänzen wenig. Übermacht sieht anders aus. Und so braucht es nicht viel Phantasie, um zu erahnen, wie der Großteil der 22.012 Fans Union angefeuert, beflügelt und selbst erfahrene Münchener beeindruckt hätte. Nicht ausgeschlossen, lässt sich Bayerns Thomas Müller entlocken, "weil die Stimmung hier schon das Zünglein an der Waage sein kann."

So hätte es statt des entscheidenden Pavard-Punchs zehn Minuten vor Schluss vielleicht doch noch den Ausgleich und eiserne Ekstase gegeben. "Gegen Ende merkt man dann schon, dass einem die Fans speziell in unserem Stadion fehlen", sagt Trimmel. Die - wenn sie das Dach gesanglich förmlich zum Abheben bringen - nicht nur der zwölfte, sondern gleichzeitig auch der 13., 14. und 15. Mann sein können.

FC Union, unsre Liebe, unsre Mannschaft - unser Stolz. Unser Verein: Union Berlin, Union Berlin! 

Ihr Fehlen tut weh. Das war allen klar. "Das ist schade, aber wir gehen damit professionell um", sagt Trimmel. 90 Minuten gegen Bayern stellen sie das unter Beweis. Mit großer Energie - auch vor leeren Rängen. Der Extra-Push in der heißen Phase, er fehlt dennoch.

4. Auch die Spieler hören Radio!

Es ist ebenfalls Thomas Müller, der - wie so oft nicht um einen Spruch verlegen - die Geisterspiel-Situation kommentiert. "Natürlich hat das ein bisschen was von 'alte Herren, 19 Uhr, Flutlicht-Atmosphäre'", sagt der 30-Jährige. Und wie auf einer Bezirkssportanlage eben so üblich, ist alles zu hören. Wirkt der das Geschreie und Gefuchtel der Trainer an der Seitenlinie sonst mehr wie ein - im Tosen der Tausenden - verzweifelt verpuffender Versuch der Einflussnahme, dringt nun jede Anweisung durch. Wie die Rufe der Spieler. Oder das Klatschen des Balles.

Es ist eine ungewohnte Ruhe, die auch während des Spiels zu skurrilen Situationen führt. Wenn sie etwa die Profis zu Live-Hörern der Radio- und Fernsehkommentatoren macht, deren Stimmen nun phasenweise - völlig ungeschluckt - vom Balkon hoch unter dem Dach des Stadions an der Alten Försterei aus zwischen den leeren Betontribünen hin- und herwabern. 

So in der 18. Minute, als Thomas Müller in Thomas-Müller-Manier den Ball gerade im Netz versenkt hat, sich dann aber der Kölner Keller einschaltet. "Als wir da still auf diesen Video-Entscheid gewartet haben, da hat man hier oben die Kommentatoren klar gehört", sagt der Stürmer.

Und was sie ihm - zeitgleich mit den Menschen, die auf den Sofas der Republik der ARD-Bundesligakonferenz lauschen oder beim TV-Sender Sky zuschauen - erzählen, weckt kurzzeitig Hoffnungen beim 30-Jährigen. "Da hatte ich den Kommentar gehört, es wäre bei dem Abseitstor gleiche Höhe gewesen. Da habe ich mich gefreut", sagt er, "aber das hat dann leider nicht lange gehalten." Es ist eben doch Abseits. Der Treffer wird aberkannt.

5. Das Derby kann kommen!

Das Fazit ist eindeutig: Verloren haben die Köpenicker - und das auch nicht unverdient. Zufrieden können sie trotzdem sein, ja: Sie sind gut aus der Corona-Pause gekommen. "Definitiv. Es ist immer positiv, wenn man gegen die Bayern aus dem Spiel kein Tor bekommt. Das waren leider zwei Standards, das passiert", sagt Trimmel - und er sagt auch: "Insgesamt kann ich nur meiner Gruppe gratulieren und wir gehen sicher positiv in die nächsten Spiele." 

Das nächste Spiel ist freilich nicht irgendeines. Freitagabend. 22. Mai. 20:30 Uhr. Es ist Zeit für das Berliner Stadtderby, das Union im Hinspiel durch ein spätes Elfmetertor von Sebastian Polter mit 1:0 gewann - und in dem Hertha BSC nun im Olympiastadion die Revanche will. "Aus den Fehlern, die wir heute gemacht haben, müssen wir unsere Lehren ziehen. Aber es gab auch viele gute Sachen, die wir genauso der Mannschaft zeigen können und die uns Hoffnung geben sollten für die nächsten acht Runden", sagt Markus Hoffmann, der - nach seiner Chefrolle für einen Spieltag - wieder als Co neben Urs Fischer auf der Bank sitzen wird.

Es wird - nach dem Platztausch an diesem Spieltag - dann der Tabellenzwölfte Union sein, der die knapp 30 Kilometer aus Köpenick zum Tabellenelften Hertha in den Westen reist. Enger geht's nicht. Die einen haben gerade 0:2 verloren, und die anderen mit 3:0 gewonnen. Entsprechend breit ist die blau-weiße Brust. "Wir wollen den Schwung mitnehmen und haben etwas wiedergutzumachen. Das Spiel ist sehr, sehr wichtig", hat Maximilian Mittelstädt schon angekündigt. Wer am Ende jubelt? Abwarten. Fest steht: Auch am S-Bahnhof Olympiastadion wird er fehlen, der spezielle Duft des Spieltags - und an diesem Abend wird das wohl besonders schmerzen. Aber fest steht auch: Beide Teams haben bewiesen, dass sie damit umgehen können. 

Sendung: rbb24, 17.05.2020, 21:45 Uhr

Beitrag von Johannes Mohren

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3 Kommentare

  1. 3.

    Was soll der Quatsch, Icke?! Die Stimmung dort steht zwar in keinem Verhältnis zu der bei uns in der AF, aber zumindest die Stehplatztribüne bringt schon einiges an lautstarkem Support. Lasst uns "das alles" im Hinblick auf das Geister-Derby mal ein wenig runtersimmerm. ;-)

    @ ein Exberliner

    Feiner Beitrag!

  2. 2.

    Schlimm dieses erste Geisterspiel bei Union.
    Eine Stimmung wie einem normalen Herthaspiel im Oly.

  3. 1.

    Ich drücke Union fest die Daumen dass sie am Freitag das Spiel gegen Hertha gewinnen, obwohl ich kein Union-Fan bin.
    Doch diese Mannschaft ist etwas besonderes und die Fans auch.
    Was Union bisher geleistet hat und ihre Fans ist sagenhaft.
    Union braucht keinen "Windhorst" um sich zu behaupten.

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