Die Mannschaft von Turbine Potsdam (imago images/Oliver Baumgart)
Bild: imago images/Oliver Baumgart

Turbine Potsdam vor der Wiederaufnahme der Liga - Neustart als Routine

Die Fußballerinnen von Turbine Potsdam stehen nicht nur wegen Corona vor einem Neustart. Auch sonst ist beim sechsfachen Meister alles auf Anfang gestellt. Und obwohl sie das dort gewohnt sind, ist dieses Jahr doch alles anders. Von Ilja Behnisch

Dass es nicht nach Wunsch geht, daran sind sie bei Turbine Potsdam gewöhnt. Seit Jahren verliert der zweimalige Champions-League-Sieger die besten Spielerinnen an die finanzstärkere Konkurrenz aus dem In- und Ausland.

Drei Topspielerinnen gehen

So auch in diesem Jahr, zehn Jahre nach dem letzten Triumph in der Königsklasse. Gleich drei Leistungsträgerinnen werden den Klub nach Ablauf der Saison verlassen: Kapitänin Sarah Zadrazil, Toptorjägerin Lara Prasnikar und das Talent Caroline Siems. Abgänge, über die Turbine-Trainer Matthias Rudolph im Gespräch mit dem rbb sagt: "Wir haben uns als Verein viel Mühe gegeben und uns auch weit aus dem Fenster gelehnt, um sie hier zu behalten, und wir sind sehr traurig, dass es nicht geklappt hat, dass uns alle drei verlassen. Aber so ist der Lauf der Dinge. Wir sind aber überzeugt, wieder eine schlagkräftige Truppe für die nächste Saison zusammen zu bekommen."

Der erste Neuzugang steht fest

Dass das keine Phrase ist, beweist der Wechsel von Selina Cerci nach Potsdam. Die 19-Jährige kommt von Werder Bremen und ist immerhin eine der drei Toptorschützinnen in der laufenden Zweitliga-Saison. Über die Gründe ihres Wechsels wird sie auf der Homepage von Turbine so zitiert: "Die Gespräche mit Trainer Matthias Rudolph haben mir ein so gutes Gefühl gegeben, dass ich nicht lange gezögert habe. Ich freue mich auf die Zeit bei Turbine."

Die alte Methode funktioniert nicht mehr

Doch auch wenn sie bei Turbine daran gewöhnt sind, immer wieder von vorn zu beginnen, ist in diesem Sommer doch etwas Entscheidendes anders. So wie alles anders ist, seit Corona die Welt im Griff hat.

Oder um es mit Matthias Rudolph zu sagen: "Wenn man den Vergleich zur letzten Saison zieht, da hatten wir die Möglichkeit, viele Spielerinnen zum Probetraining einzuladen, sie zu testen. Dann konnte man sich ein genaues Urteil bilden. Stattdessen schauen wir uns jetzt viele Videos an, sprechen mit Beraten und Leuten, die vom Frauenfußball Ahnung haben, um dann die richtigen Leute hierher zu holen. Der persönliche Kontakt fehlt, aber alle andere Mannschaften müssen damit auch leben."

Nur dass es eben bisher oft der Vorteil von Turbine war, Spielerinnen sichten zu können, die noch nirgends auf dem Zettel standen. Angesichts von Corona ist das nun utopisch.

Zwischen Freude und Moral

Zwar darf die Mannschaft wieder trainieren, schließlich startet am 29. Mai die Wiederaufnahme der Bundesliga, doch nicht zuletzt weil der DFB für die Liga das Hygienekonzept der DFL und damit der Herren-Bundesliga übernommen hat, ist es undenkbar, dem Trainingsbetrieb der jetzigen Mannschaft Probespielerinnen zuzuführen.

Sie freuen sich offenbar trotzdem. So sagt Trainer Rudolph: "Fakt ist, dass wir natürlich weiterspielen wollen. Wir haben das Glück, dass es nur sechs Spiele sind. Es geht also nicht um einen riesigen Zeitraum."

Nationalspielerin Johanna Elsig hingegen erkennt in der Saisonfortsetzung ein zweischneidiges Schwert: "Man sollte ethisch darüber nachdenken, wie es mit den ganzen Testungen ist, weil die zuvor all den Menschen, die sie wirklich brauchten, nicht zur Verfügung gestellt worden sind. Auf der anderen Seite darf man auch nicht vergessen, dass das unser Beruf ist und dass wir damit unseren Lebensunterhalt verdienen."

Die Ziele vor Augen

Der immerhin scheint gesichert. Auch wenn die ausbleibenden Zuschauereinnahmen schwer ins Gewicht fallen: Die Sponsoren des Klubs haben angekündigt, zu ihren finanziellen Zusagen zu stehen.

Bleibt also die Frage, was sportlich zu erwarten ist vom Neubeginn. Die Kondition, da ist sich der Trainer sicher, sollte kein Problem darstellen. Vielmehr ginge es um gruppentaktische Dinge, um die speziellen Anforderungen des eigentlichen Wettkampfs. "Die Abläufe, das Verständnis für die Mitspielerinnen, die Spielformbelastung", sagt  Johanna Elsig. "Die kann man nicht allein trainieren, da kann man so viele Läufe machen, wie man will."

Zum Glück kann Turbine befreit aufspielen. In der Liga liegen die Potsdamerinnen derzeit auf Rang fünf. Vom Ziel, der erfolgreichste, reine Frauenverein der Liga zu sein, ist man nur einen Platz und einen Punkt entfernt.

Bricht alles zusammen?

Nur die SGS Essen steht dem Frieden mit dieser Saison noch im Weg. So auch im Pokal, in dem Turbine die SGS Anfang Juni zum Viertelfinale empfängt.

Es ist also alles angerichtet. Nur ein Stolperstein droht noch, alles zum Einsturz zu bringen. So sagte auch Turbine-Kapitänin unlängst der "taz": "Ich finde das DFL-Konzept gut durchdacht. Aber man muss sich schon fragen, ob alles zusammenbricht, wenn eine Mannschaft in Quarantäne muss."

Aber dass es nicht Wunsch geht, daran sind sie in Potsdam ja gewöhnt.

Beitrag von Ilja Behnisch

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