Andreas Thom dirigiert auf dem Platz. (Quelle: imago images/Camera 4)
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Interview | Hertha-Nachwuchscoach Andreas Thom - "Unsere Jungs sind gut gewappnet"

Als Spieler, Co-Trainer der Profis und im Nachwuchs ist Andreas Thom seit 1998 mit kurzer Unterbrechung bei Hertha BSC. Im rbb-Interview spricht der Ex-Nationalspieler über Herthas neuen Coach Labbadia, über die Corona-Zeit und Erfahrungen im Jugendbereich.

Andreas Thoms aktive Laufbahn ist äußerst bemerkenswert: Als erster "legaler" - also nicht geflohener, sondern regulär verpflichteter DDR-Fußballspieler - heuerte der Fußballer aus Rüdersdorf nach dem Mauerfall in der Bundesliga bei Bayer Leverkusen an. Zuvor stürmte er für den DDR-Serienmeister BFC Dynamo, wurde 1988 Fußballer des Jahres in der DDR und erzielte für die DDR-Nationalmannschaft in 51 Partien 16 Tore.

Fünf Jahre ging der heute 54-Jährige in Leverkusen auf Torejagd, bevor es ihn nach Schottland zu Celtic Glasgow verschlug. Von dort aus ging es dann zurück in die Heimat - diesmal in den Westen der Hauptstadt zu Hertha BSC. Dort spielte er nicht nur Champions League, sondern blieb auch über die Karriere hinaus dem Verein treu. Im Nachwuchsbereich des Bundesligisten hat er seine große Leidenschaft gefunden.

rbb|24: Herr Thom, Sie sind Technik- und Individualtrainer im Nachwuchsbereich von Hertha BSC. Was bedeutet das genau?

Andreas Thom: Ich kümmere mich von der U13 aufwärts in den jeweiligen Mannschaften um Individual- oder Gruppentraining. Das heißt, ich arbeite mit den Spielern an ihrer Technik, Torabschlüssen aber auch explizit an ihren Schwächen. Ich arbeite an den Feinheiten und den Details. Das war, als ich vor drei Jahren den Job begonnnen habe, echt eine neue Aufgabe für mich, aber es macht mir riesigen Spaß. Ich glaube auch, dass es die Jungs individuell weiterbringt.

Andreas Thom
Andreas Thom, 1987, im Trikot der DDR-Auswahl | Bild: imago images / Sven Simon

Was können Sie als ehemaliger Topstürmer den Jungs besonders gut mit auf den Weg geben?

Ich habe ja gerade beim BFC Dynamo damals eine sehr gute Ausbildung genossen. Ich bin relativ zeitig bei Dynamo in die erste Mannschaft gekommen und hab dementsprechend viel Erfahrung sammeln können. Ich denke, dass man eben genau das jungen Spielern vermitteln kann. Ich bin mit den Mannschaftstrainern im ständigen Austausch. Wir haben da einen guten Weg gefunden, um den Jungs im Laufe ihrer Jugendkarriere zu helfen und sie weiterzubringen.

Bei den Jugendteams von Hertha BSC ruht der Ball ja momentan größtenteils. Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

Im Moment ist relativ wenig Training angesagt, weil unsere Nachwuchsspieler nicht in die Schule gehen können. Wir arbeiten mit der Sportschule Poelchau im Olympiapark zusammen. Da ist Training durch eine Ausnahmegenehmigung nur am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag erlaubt. Und generell findet bei uns auf dem Olympiagelände das Training, wie ja überall in der Republik, nicht so statt wie normal. Das ist für die Jungs und auch für uns Trainer natürlich sehr schwierig.

Andreas Thom
Andreas Thom, 1988, im Trikot des BFC-Dynamo | Quelle: imago images / Werner Schulze | Bild: imago images / Werner Schulze

Bruno Labbadia ist seit gut einem Monat neuer Cheftrainer bei Hertha BSC. Welchen Eindruck haben Sie von ihm?

Sein Einstieg war durch die Corona-Krise natürlich problematisch. Das hat Bruno auch selbst beschrieben: Er konnte die Spieler beispielsweise nicht einfach mal in den Arm nehmen - klar, er konnte sie loben, aber in einer Mannschaftssportart macht man das natürlich normalerweise anders. Und trotzdem: Ich hatte in den ersten Wochen die Möglichkeit, ein paar Trainingseinheiten zu beobachten: Das haben sie wirklich richtig Klasse gemacht. Sie müssen sich vorstellen, die Jungs haben in Gruppen trainiert, durften sich nicht berühren. Es gab keine Spielformen - und die sind ja abseits des Wettbewerbs eigentlich das Salz in der Suppe. Bei solchen Voraussetzungen die Konzentration und Motivation hochzuhalten, ist schwer. Das haben die mit ihren Inhalten sehr gut gemacht.

Labbadia hat sich nach Amtsantritt mit den Nachwuchscoaches zusammengesetzt - auch Sie waren dabei. Haben Sie das Gefühl, er setzt wieder mehr auf die eigene Jugend als beispielsweise Jürgen Klinsmann zuvor?

Das ist zum jetzigen Zeitpunkt noch schwer zu beantworten. Aber ich muss sagen, was Bruno und sein Team uns da gezeigt haben, das hat mich sehr überzeugt. Jeder, der sich für Hertha BSC interessiert, weiß, dass mehrere Nachwuchsspieler eine zusätzliche Trainingsgruppe eröffnet haben. Also falls, aber das wollen wir nicht hoffen, sich ein Profi mit Covid 19 infizieren würde, dann könnte auf diese Spieler zurückgegriffen werden. Und ich kann Ihnen eins sagen: Die Jungs wären bereit.

Andreas Thom
Andreas Thom im Jahr 1990 im Trikot der DFB-Auswahl | Bild: imago images / Sportfoto Rudel

Wie hat sich der Fußball im Vergleich zu Ihrer aktiven Zeit verändert?

Nach wie vor wird elf gegen elf gespielt (lacht). Sicherlich sind einige Parameter dazugekommen, die jetzt extremer sind. Fitness ist das A und O. Alles ist intensiver und schneller geworden. Man muss auf mehr Dinge achten. Die Möglichkeiten, die man hat, um die Fitness jedes Einzelnen optimal zu gestalten, sind viel besser geworden. Ich kann nur sagen: Die Jungs bei uns sind gut gewappnet.

Andreas Thom
Im Jahr 1993 gewann Andreas Thom den DFB-Pokal mit Bayer Leverkusen Bild: imago images / Sven Simon | Bild: imago images / Sven Simon

Woran erkennen Sie, ob ein Nachwuchsspieler zu Höherem berufen ist?

Ich beobachte wirklich viel. Das ist auch für mich ein Erfahrungsprozess. Dass alle Spieler, die zu uns kommen, Profi werden wollen, das ist schon mal eine wunderbare Grundvoraussetzung. Man braucht ein bisschen Glück. Wenige Verletzungen. Eine gute Mannschaft um sich herum. Klar hilft auch ein Titel in der Jugend. Aber grundsätzlich muss der Wille da sein, der Fleiß muss da sein. Die Bereitschaft muss da sein. Vor allem auch der Verzicht in der Freizeit. Jeder Spieler muss diesem Beruf alles unterordnen. Das den Kickern zu vermitteln, ist mir extrem wichtig. Das ist im Nachwuchsbereich gar nicht so einfach. Aber das kriegen die Jungs im Laufe der Zeit schon mit.

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Andreas Thom schreit 1998 im Trikot von Hertha BSC seinen ganzen Jubel heraus | Bild: imago images / Camera 4 | Bild: imago images / Camera 4

Lassen Sie uns gemeinsam einen Blick in ihre sehr bewegte Karriere werfen. Fünfmaliger Meister mit dem BFC Dynamo, dann über Leverkusen und Celtic Glasgow zu Hertha. DDR-Nationalspieler und Nationalspieler für das wiedervereinte Deutschland. Was war das prägendste Erlebnis Ihrer Karriere?

Puh, das ist schwer. Angefangen bei Dynamo, wo ich mit 18 Jahren in die erste Mannschaft berufen wurde und so gar nicht damit gerechnet hatte. Dann kam die bewegende Zeit des Mauerfalls und es haben sich neue Möglichkeiten ergeben, von denen man nur träumen konnte. Ich habe mich damals, durch intensive Bemühungen von Rainer Calmund, für Bayer Leverkusen entschieden. Ich hatte fünfeinhalb sehr gute Jahre als Fußballspieler.

1995 habe ich mich dann entschlossen ins Ausland zu Celtic Glasgow zu gehen. Ich habe da zweieinhalb Jahre bei einem Verein gespielt, bei dem ich niemals gedacht hätte, dass eine Fankultur solchen Ausmaßes möglich ist. Das war unfassbar. Die Menschen in Glasgow haben uns als Spieler honoriert.

Ich war dann im relativ hohen Fußballalter von 32, als ich mich nach einer fußballerisch schwierigen Phase entschieden habe, zu Hertha BSC zu gehen. Ich kannte den Westteil Berlins nach dem Mauerfall eigentlich überhaupt nicht. Ich habe bei Hertha BSC Jahre erlebt, die ich sehr genossen habe - und ich glaube nicht nur ich. Ich bin im Januar 1998, nach dem Aufstieg in die Bundesliga zur Hertha gekommen. Wir hatten richtig gute Typen in der Mannschaft und um sie herum, gekrönt im Jahr darauf mit der Teilnahme an der Champions League. Das war so intensiv und so schön. Man erinnert sich gerne daran. Und das Schöne ist, dass zu vielen Kollegen, die damals dabei waren, noch reger Kontakt besteht.

Zu wem denn?

Beispielsweise zu Michael Preetz, Michael Hartmann und Zecke Neuendorf. Aber das ist klar, wir arbeiten ja am gleichen Ort (lacht). Aber auch zu Jolly Sverisson auf Island. Zu dem sind wir vor zwei Jahren mal zum Geburstag geflogen. Michael Preetz, ein weiterer guter Freund und ich. Das hatten wir schon lange mal geplant. Ich finde es gut, in der heutigen Zeit solche Kontakte zu pflegen.

Haben Sie denn auch noch Kontakte zum BFC?

Ja klar, ich verfolge das Geschehen im Verein. Der BFC spielt ja in der Regionalliga, wie unsere U23. Ich habe natürlich sehr guten Kontakt zu meinem besten Kumpel Thomas Doll, der momentan in Budapest lebt. Aber auch zu vielen anderen. Die Verbundenheit ist defintiv noch da.

Die Bundesliga geht am Wochenende wieder los. Was trauen Sie Hertha BSC unter dem neuen Coach Labbadia in dieser Saion noch zu?

Das Wichtigste wird sein, in der Liga zu bleiben. Wir haben sechs Punkte Vorsprung auf einen Abstiegsplatz, das sollte natürlich normalerweise nicht der Anspruch sein. Es wird jetzt darauf ankommen, welche Mannschaft unter den erschwerten Bedingungen am besten klarkommt. Ich wünsche mir einfach nur, dass wir drin bleiben. Aber bei sechs Punkten Vorsprung und noch neun ausstehenden Spielen sollte das kein Problem sein. Ich drücke die Daumen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Uri Zahavi, rbb Sport. Bei diesem Interview handelt es sich um eine gekürzte und redigierte Fassung.  

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