Jens Lehmann zupft sich den Kragen zurecht. Bild: imago-images/Jan Hübner
Bild: imago-images/Jan Hübner

Herthas neues Aufsichtsratsmitglied - Das sechste Gesicht des Jens Lehmann

Mit Jens Lehmann nimmt der nächste große Name des deutschen Fußballs einen Platz in Herthas Aufsichtsrat ein. Wie Klinsmann verbinden ihn viele mit dem "Sommermärchen" - und genau wie sein Vorgänger ist Lehmann nicht für leise Worte bekannt. Von Simon Wenzel

Wer Jens Lehmanns Homepage besucht, wird mit einem Startbild konfrontiert, das jeden Headhunter in Begeisterung versetzt. "The five faces of Jens Lehmann" steht dort - die fünf Gesichter des Jens Lehmann. Mit professionellen Fotos präsentiert Lehmann seine Kompetenzen: Trainer, Kommentator, Torhüter, Botschafter und Redner. Der 50-jährige hat einiges vorzuweisen im Fußballbusiness. Er sorgte allerdings auch schon für einiges Kopfschütteln.

Der Spieler: Torwarttor und Held des Sommermärchens

Begeistern konnte er vor allem als Aktiver: Zwei Mal wurde der gebürtige Essener zu Europas Torhüter des Jahres (1997 und 2006) gewählt, mit Schalke 04 gewann er 1997 den UEFA-Pokal, im gleichen Jahr gelang es ihm, als erster Torhüter in der Bundesliga, ein Tor aus dem Spiel heraus zu schießen - im Derby gegen Borussia Dortmund. Ausgerechnet zum Revierrivalen wechselte er kurz darauf, nach einem wenig erfolgreichen Intermezzo beim AC Mailand, und gewann mit den Schwarz-Gelben 2002 die deutsche Meisterschaft. 

In England verschaffte sich Lehmann große Bekanntheit als Teil der "Invincibles", jenes Teams des FC Arsenal, das 2004 ungeschlagen die englische Meisterschaft gewann. Zwei Jahre später  verdrängte er in der deutschen Nationalmannschaft Oliver Kahn aus dem Tor. Beim "Sommermärchen" - der WM 2006 in Deutschland - stand Lehmann zwischen den Pfosten und wurde zum Helden, als er im Viertelfinale beim 5:3-Sieg gegen Argentinien zwei Strafstöße im Elfmeterschießen hielt. Dieses Erlebnis verbindet ihn auch mit seinem Vorgänger bei Hertha BSC: Jürgen Klinsmann hatte Lehmann als Nationaltrainer in die Startelf gestellt. 

Der Trainer: Glücklos in Augsburg

Und genau wie Klinsmann besitzt auch Lehmann inzwischen eine Trainerlizenz. Seit 2013 genaugenommen schon. Das war es dann aber mit den Parallelen: Denn im Gegensatz zu Klinsmann hat Lehmann seine Trainerlizenz bisher kaum genutzt. In der Saison 2017/18 saß er an der Seite der Trainerlegende Arsène Wenger auf der Trainerbank der "Gunners". Mit Wengers Abgang im Juni 2018 endete aber auch Lehmanns Engagement in London.

Seither kann der Trainer Lehmann, der auf seiner Homepage engagiert mit Trillerpfeife dargestellt wird, nur noch auf eine kurze Anstellung beim FC Augsburg verweisen. Keine drei Monate durfte er als Co-Trainer von Manuel Baum in der Bundesliga arbeiten, dann mussten beide den FCA verlassen.  

Der Umtriebige: Lehmann hat Medienpräsenz

Stattdessen setzt der Abiturient Lehmann auf mehrere Pferde. Bei den TV-Sendern RTL und Sky tauchte er regelmäßig als Experte auf - Gesicht Nummer drei: der Kommentator. Auch in einem Kinofilm spielte Jens Lehmann bereits mit, seine Rolle als Talentsichter in "Themba - das Spiel seines Lebens" - verschaffte ihm aber keine zusätzlichen Leinwandauftritte. Stattdessen gewann er 2019 in der Unterhaltungssendung "Schlag den Star" gegen Tatort-Kommissar Wotan Wilke Möhring (sein bisher letzter Titel).

Für Kopfschütteln sorgte Jens Lehmann zuletzt mit einer Aussage im Sport1-Doppelpass, als er anregte, dass man statt Geisterspiele zu veranstalten einfach weniger Zuschauer in die Stadien lassen könnte: "Diese Frage hat mir auch noch keiner beantworten können, warum in einem Stadion wie der Allianz Arena, wo 70.000 Leute reinkommen, warum man da nicht 20.000 reinstecken kann", hatte Lehmann in der Fernseh-Diskussionsrunde gesagt. Später relativierte er auf seinem Twitter-Account und schrieb, er habe lediglich die Frage aufwerfen wollen, ob Zuschauer im Stadion möglich seien.

Vom Nationaltorwart zum Startup-Investor

Es war nicht das erste Mal, dass Lehmann mit kontroversen Aussagen auffiel. Zu einem möglichen Coming-Out von homosexuellen Fußballprofis hatte er sich einst mit den Worten "Wenn ein Spieler das machen würde, wäre er blöd" geäußert. Als Botschafter engagiert sich Lehmann allerdings auch in mehreren Stiftungen, unter anderem in der englischen Anti-Rassismus-Initiative "Kick it out" und im Kuratorium der Deutschen Kinderkrebsnachsorge. Es ist sein viertes Gesicht: Lehmann, der Botschafter.

In seiner fünften Rolle als Redner hält Lehmann unter anderem Vorträge mit der Überschrift: "Fußball, Engagement und Equity - Vom Nationaltorwart zum Startup-Investor" (Lehmann investierte unter anderem in Software-Startups).

Vielleicht war es ja diese Rolle, die ihm einen Platz im "Big City Club"-Projekt von Lars Windhorst einbrachte. Jedenfalls äußerte sich Lehmann in der Pressemitteilung der Tennor-Group am Sonntag ähnlich wie Vorgänger Klinsmann: "Ich sehe dies aktuell als eines der interessantesten Projekte im Fußball." Jetzt kann Lehmann seiner Homepage ein sechstes Gesicht hinzufügen: Das als Aufsichtsratsmitglied bei Hertha BSC. Die Zeit wird zeigen, wie gut es ihm steht.

Sendung: Abendschau, 10.05.2020, 19.30 Uhr

 

Beitrag von Simon Wenzel

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Wann kommt endlich Lothar Matthäus?

  2. 1.

    Auf Ihrer Seite gibt es 5 Beträge über Fußball und 4 über andere Sportarten.
    Das erinnert mich an die DDR. Da gab es Demonstrationen gegen die SED, aber in den Medien hauptsächlich Sport.
    Das ist ja schön, dass sie die Menschen etwas ablenken wollen, aber vielleicht gab es eine Ansage von ganz oben.

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