DFB-Schiri-Chef Lutz Michael Fröhlich. / imago images/Kicker/Zink
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Interview | Schiri-Boss Lutz Michael Fröhlich - "Uns erwartet ein ganzes Paket von Besonderheiten"

Der Berliner Lutz Michael Fröhlich ist ehemaliger Top-Schiedsrichter und inzwischen Chef der Unparteiischen beim Deutschen Fußball-Bund. Vor dem Re-Start der Bundesliga spricht er mit rbb|24 über die Besonderheiten für die Referees, über Quarantäne - und Notfallpläne.

rbb|24: Lutz Michael Fröhlich, der nächste Spieltag in der Bundesliga wird für alle Beteiligten besonders - für die Spieler, die Fans, aber eben auch die Schiedsrichter. Wie  besonders wird es?

Lutz Michael Fröhlich: Das ist es von den gesamten Umständen und den Rahmenbedingungen her - der Corona-Krise, der Unterbrechung, der Diskussion in der Gesellschaft. Der Fußball startet als erster Sport wieder in den Wettbewerb hinein. Die Spiele finden ohne Zuschauer statt. Es gibt die ganzen Hygienebestimmungen, die berücksichtigt werden müssen - und die medizinischen Vorgaben, die bestehen. Also das ist ein ganzes Paket von Besonderheiten, das da auf uns zukommt.

Wie schwierig wird es für die Schiedsrichter in der 1. und 2. Bundesliga?

Das ist ganz individuell. Aber die Schwierigkeit generell besteht tatsächlich erstmal darin, dass das Hygienekonzept eingehalten werden muss - und auch die Schiedsrichter ihre ganzen Testungen machen müssen. Sie werden genauso getestet wie die Spieler. Zudem wird auch der Ablauf im Stadion schwierig sein. Die Situation ist für alle Beteiligten neu, es gibt keinen, der einen Erfahrungswert mitbringen kann. Auf dem Feld wird es eine Herausforderung sein, weil sich die Abläufe und auch die Hygienevorschriften auch auf dem Platz niederschlagen. Da gilt es ebenfalls, Distanz zu halten.

Und dann sind da noch die leeren Ränge.

Ja, die Situation ohne Zuschauer wird für eine atmosphärische Veränderung sorgen. Auch hier gibt es also ein ganzes Paket an Besonderheiten. Wir haben die Schiedsrichter aber gut darauf vorbereitet. Alle Unparteiischen haben Lust, die Herausforderung zu bewältigen. Wenn alle den Willen haben, gut mitzuarbeiten und lösungsorientiert zu bleiben, wird das auch funktionieren.

Schiedsrichter sind - ebenso wie die Spieler - die Reaktionen der Menschen im Publikum gewohnt. Gewohnheit gibt Sicherheit und Zuverlässigkeit. Nun wird es also auch für die Unparteiischen am Wochenende ein völlig anderes Spiel. Das alleine ist doch per se vom Gefühl so, als wäre es das erste Bundesliga-Spiel, oder?

Es ist zumindest das erste Bundesliga-Spiel nach dem Corona-Break. Aber bei allen Rahmenbedingungen, die zu beachten sind und sich auswirken werden - auch auf das Mentale -, bleibt am Ende doch, dass es ein Wettbewerb ist. Es geht am Ende um Bundesliga. Und um Meisterschaft. Um Ab- und in der zweiten Liga auch um Aufstieg. Das heißt, es ist der Wettbewerb - und für den Wettbewerb gelten die Regeln wie vorher auch. Abgesehen mal von der einen Besonderheit, dass bei den Auswechslungen der besonderen Situation Rechnung getragen wird - und für die restliche Zeit des Spielbetriebs fünf Auswechslungen möglich sind.

Die Teams sind in Quarantäne, die Schiedsrichter nicht. Sollen die sich in eine Art Selbst-Quarantäne begeben - oder wie können sie Sicherheit herstellen?

Die Schiedsrichter werden ja jetzt vor dem ersten Spiel zwei Mal getestet. Der erste Test war am Montag, Dienstag oder Mittwoch. Der zweite findet am Matchday minus eins statt - das heißt, am Freitag werden die Schiedsrichter für Sonnabend getestet, am Sonnabend für das Sonntags- und am Sonntag für das Montagsspiel. Ansonsten wird von den Schiedsrichtern eigentlich nur erwartet, dass sie sich an die Hygienevorschriften halten und dass sie sich - auch mit Blick auf die medizinischen Vorgaben - bewusst auf das Spiel vorbereiten. Eine Quarantäne ist momentan nicht vorgesehen. Die Testfrequenz bringt es ja auch an den Tag. Solange diese negativ sind, geht alles gut weiter - und wenn ein positives Ergebnis kommt, muss dieser Schiedsrichter tatsächlich sofort raus aus dem Spielbetrieb. Wie es dann weitergeht mit Quarantäne, entscheiden die Gesundheitsämter.

Wie kurzfristig kommt das Go für die Gespanne, wirklich pfeifen zu können? Nach dem letzten Test müssen sie ja erst einmal einen negativen Befund haben.

Der Abstrichtest findet - wie gesagt - am Matchday minus eins statt. Das Ergebnis liegt spätestens am Spieltag zwischen 9 und 10 Uhr vor. Erst dann wird letztendlich die Ansetzung für die Partie bestätigt.

Wie herausfordernd ist das, so kurzfristig erst eine Entscheidung treffen zu können?

Das ist nicht nur ein mentales Problem für die Schiedsrichter. Sie sind ja bis dahin letztendlich noch in dem Status, nur eine vorläufige Ansetzung zu haben. Es ist auch logistisch eine große Herausforderung. Aber wir sind eigentlich ganz gut aufgestellt. Erstens, weil wir zu jedem Spiel vier Leute haben. Die Ansetzungen sind so konzipiert, dass jeder aus dem Team immer auch in die Spielleitung eintreten kann. Das würde zur Folge haben, dass man im Sonderfall auf den vierten Offiziellen verzichten müsste. Wir haben aber auch dafür auch noch ein Backup. Wir werden zwei, drei Leute, die nicht in einem Spiel eingesetzt werden, trotzdem testen lassen. Wenn es die Entfernung zulässt, kann man auf sie zur Not zurückgreifen.

Ein Szenario: Wir erfahren am Sonnabend, dass es mehrere positive Tests gibt. Was dann?

Dann müssten sie sofort aus dem Verkehr gezogen werden, was die Spielleitung betrifft - und wir müssten Ersatzlösungen schaffen.

Wie kann das gelingen?

Zum einen über die Teams im Team, indem dann ein anderer einspringen kann. Und wenn ein ganzes Team gesprengt würde - das wäre der Worst Case -, müssten wir sehen, dass wir in der Kürze der Zeit ein anderes zur Verfügung stellen können. Das ist in der Regel an den meisten Spielorten in Deutschland nicht so ein großes Problem. Bei solchen, die in der Peripherie liegen, kommen wir dann sicherlich schon an die Grenzen. Aber ich will nicht den Worst Case denken. Wenn ein solcher Fall eintritt, wird aus dem Sonderfall noch ein besonderer Sonderfall. Dann müsste man auch tolerant sein und versuchen, die Sachen einfach zu lösen. Aber wir wollen nicht hoffen, dass das eintritt.

Haben Sie das Gefühl, dass sich in der Vorbereitung des Re-Starts früh genug um die Schiedsrichter Gedanken gemacht und gekümmert wurde?

Ja, ich sehe das schon so. Wir waren über unsere Abteilung Schiedsrichter bei der Taskforce der Sportmedizin, die sich mit diesem Konzept befasst hat, permanent eingebunden. Wir haben auch permanent gespiegelt bekommen, wie der aktuelle Stand ist und konnten unsere Ideen wieder platzieren. Und was die Vorbereitung und das mentale und physische Warmhalten betrifft, haben wir mit den Schiedsrichtern eigentlich von Anfang an - sprich: Ende März - sehr intensiv gearbeitet.

Wie sah das konkret aus?

Wir haben mit ihnen zwölf Online-Sessions zu den Schwerpunkten durchgeführt, die auf dem Spielfeld immer wieder passieren. Auch auf die besondere Situation der Spiele ohne Zuschauer haben wir sie noch einmal vorbereitet - und extra in sehr umfangreichen Briefing auf das Hygienekonzept. Zudem haben wir jetzt aktuell kurz vor den Spielen in den jeweiligen Teams noch einmal kommuniziert, um den Teamgeist wieder so ein bisschen hervorzukitzeln und auf die konkrete Situation vorzubreiten, dass es halt ein Wettbewerb ist - und um Auf-, Abstieg und Meisterschaft geht. Sodass es auf dem Spielfeld - trotz der ganzen Rahmenbedingungen - absolut ernstzunehmen ist und im Fokus stehen muss. In dem Moment, in dem man auf dem Platz steht, gilt: Konzentration aufs Spiel.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Philipp Büchner, rbb Sport. Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fassung.

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