Landry Nnoko, Center von Alba Berlin, springt beim Viertelfinal-Rückspiel gegen die BG Göttingen am 20.06.20 in München nach dem Ball und spielt ihn zurück ins Feld (Quelle: imago images /BBL-Foto ).
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Alba vor dem Halbfinale - Was soll da schon schiefgehen?

Die Bayern sind raus, jetzt ist Alba Berlin tatsächlich der Favorit auf die deutsche Meisterschaft. Aber ab Montag müssen die Berliner erstmal im Halbfinale Oldenburg besiegen - und hier mit ihrer ungewohnten Rolle klarkommen. Von Sebastian Schneider

Die Phrase "Geheimfavorit" können sie an der Hunte wohl nicht mehr hören. Vor jedem Match gegen Alba ist bei den Oldenburgern die Rede von irgendwelchen offenen Rechnungen, aber dann gewinnt doch wieder der Klub aus der Hauptstadt. Das muss, um mal die erwartete Fallhöhe vor zwei Entscheidungsspielen herzustellen, natürlich nicht heißen, dass es wieder so kommt.

Daher folgt jetzt das handelsübliche Dürfen-den-Gegner-nicht-unterschätzen-Zitat: "Oldenburg ist ein tolles Team, das uns im Pokal voll gefordert hat und das auch hier zeigt, dass sie immer noch was drauflegen können." Gesagt hat das Berlins Manager Marco Baldi. Und: "Es wird ein sehr hartes, ein sehr offenes Halbfinale." Er hat ja recht. Am Montag läuft das Hinspiel, am Mittwoch das Rückspiel, jeweils ab 20:30 Uhr.

Keine Geheimnisse mehr

Nur noch vier von zehn Mannschaften sind übrig in diesem Finalturnier der Bundesliga, das coronafreie Vier-Sterne-Hotel in München-Milbertshofen leert sich allmählich. Der größte Favorit hatte die kürzeste Heimreise: Die seltsam konfusen, mit sich selbst beschäftigten und genervt wirkenden Bayern sind aus dem Turnier geflogen, auch wenn sie ihr Trainer gar nicht so schlecht sah. Diese Ansicht hatte er exklusiv. Uli Hoeneß war ganz schön sauer. Die Bamberger sind ebenfalls raus, aber von denen hatte man fairerweise auch nicht viel mehr erwartet als das Viertelfinale.

Das heißt: Zum ersten Mal seit 2009 kommt der deutsche Meister weder aus Bayern, noch aus Franken (ja, diese Unterscheidung ist zulässig). Alba wird in den Agenturtexten jetzt plötzlich wieder als "Altmeister" bezeichnet, der das Ding gewinnen kann, die Nemesis München ist aus dem Weg. Aber wenn sie sich ganz sehr strecken, können die Oldenburger das auch. In den Playoffs der beiden vergangenen Saisons und dem Pokalfinale dieser Spielzeit trafen die beiden Klubs bereits aufeinander. Jedes Mal setzte sich Alba durch. Die Teams kennen sich auswendig, so viele Namensschilder sind in den Mannschaftskabinen ja nicht ausgetauscht worden die letzten Jahre.

Rasid Mahalbasic (rechts), Center der Baskets Oldenburg im Viertelfinal-Rückspiel gegen Bamberg am 20.06.20 (Quelle:imago images/BBL-Foto).
Rasid Mahalbasic ist buchstäblich das Zentrum des Oldenburger Spiels. Berlin wird versuchen, ihn müde zu machen. | Bild: imago images/BBL-Foto

Alba gewann das Pokalfinale gegen Oldenburg deutlich

Die Oldenburger wirken im bisherigen Turnier präsent und selbstbewusst. Im Viertelfinale hatten sie wenige Probleme mit den taktisch recht beschränkten Bambergern, im Rückspiel mussten sie nicht mal bis zum Ende an ihre Grenzen gehen. Berlin hatte am Samstag im zweiten Viertelfinale gegen die von jedem Druck befreite BG Göttingen größere Schwierigkeiten, aber daraus lässt sich exakt nichts für das weitere Turnier ableiten.

Befragt nach den Chancen seiner Mannschaft erinnerte Oldenburgs Trainer Mladen Drijencic rhetorisch geschickt an den vergangenen Februar: "Wir haben in der ersten Halbzeit im Pokalfinale gezeigt, dass wir wissen, wie man spielen muss, um Alba zu schlagen."

Dabei unterschlug er freilich, was in der zweiten Halbzeit geschah: Die Berliner zeigten, dass sie wussten, wie man spielen muss, um Oldenburg zu schlagen. Das taten sie dann deutlich, mit 89:67, in ihrer eigenen Halle. Die Unterstützung ihrer schreienden Fans aber müssen sie am Montag kompensieren, die größtenteils verwaiste Münchner Halle ist immer noch ein akustisches Trauerspiel.

Oldenburg hat sich verstärkt

Und noch etwas hat sich im Vergleich zum Pokalfinale geändert: Die Oldenburger haben nachgelegt. Sie leisteten sich den bleichen Princeton-Absolventen Ian Hummer, der sein Team im Viertelfinal-Rückspiel mit 21 Punkten versorgte. Auch der bärtige Nathan Newman Boothe aus Gurnee, Illinois darf nach einer langen Verletzungspause wieder Sport treiben. Boothe ist relativ schwer und nicht überragend wendig, aber er trifft von außen wie ein Weltmeister. Der Power Forward stellt in diesem Turnier mit durchschnittlich 16,5 Zählern Oldenburgs zweitbesten Scorer.

Das bringt uns zum besten, der ist noch schwerer und größer: Der Kärntner Rasid Mahalbasic, Center und geheimer Spielmacher vereint in einem mit offiziell 120 Kilo gelisteten Körper. Menschen lieben Mahalbasic für seinen sehr österreichischen Humor, seine Schlagfertigkeit und die Tatsache, dass er zwar auf keine drei Zeitungen springen kann, aber das auch gar nicht muss, weil er trotzdem oft der beste Spieler auf dem Feld ist.

Wird er gedoppelt, passt Mahalbasic den Ball erfolgreicher zum freien Kollegen als jeder andere Center der Liga. Wird er nicht gedoppelt, schiebt er seinen Verteidiger davon, lässt ihn mit ein paar gemeinen Finten ins Nichts hüpfen und legt das Gerät dann rein. Berlin hat den Vorteil: Mahalbasic ist schlau, aber kein begnadeter Läufer. Er hat in diesem Finalturnier bislang Luft für gut 23 Minuten pro Partie. Weniger als vor der Corona-Pause, obwohl er das Zentrum des Oldenburger Systems ist. Albas Trainer Aito wird wie immer versuchen, Mahalbasic zu ermüden, indem er ihm wechselnde Verteidiger auf den Hals hetzt. Hier hat Berlin mit Landry Nnoko, Johannes Thiemann und wenn nötig auch Luke Sikma mehrere Optionen am Brett.

18.06.2020 Basketball easyCredit Final-Turnier Basketball München 18.06.2020 Saison 2019 / 2020 easyCredit BBL Final-Turnier 2020 Viertelfinale Spiel 1 Göttingen gegen Berlin (Quelle: imago images/BBL-Foto ).
Berlin spielt mit der höchsten "Pace", wie man im Basketball sagt - Oldenburg kann dieses Tempo nicht mithalten und wird deshalb wie die meisten anderen Gegner versuchen, die gefürchteten Fast-Breaks der Berliner zu bremsen. | Bild: www.imago-images.de

Schnellstes Tempo, beste Dreierquote

Überhaupt ist der Berliner Kader deutlich vielseitiger und umfassender besetzt. Albas Trainer Aito konnte es sich leisten, bei jedem Spiel Leute aussetzen zu lassen, die bei vielen anderen Teams in der ersten Fünf gestanden hätten. Gegen Göttingen pausierte Peyton Siva, bislang Berlins bester Scorer dieses Turniers.

Er ist einer der Gründe, warum Alba in München von der Dreierlinie bislang besser trifft als jede andere Mannschaft: Die Treffer von weit draußen hielten Berlin in Phasen im Spiel, in denen sonst nichts zu gehen schien. Knapp 43 Prozent der Versuche gingen rein, deutlich mehr als bei Oldenburg.

Die Niedersachen besitzen die Fähigkeit, auch nach Rückständen jederzeit aufzuschließen, wenn man sie lässt. Aber die große Erfahrung haben sie Alba nicht mehr voraus. Sie sind älter, aber der Kern des Berliner Teams spielt seit Jahren zusammen und ist durch den deutschen Pokalsieg und bestandene Mutproben in der Euroleague gewachsen. Beispiel Nnoko: Der früher oft zerstreute und hektische Center hat sich unter den Körben drastisch verbessert, er verdaddelt den Ball viel seltener und tut in den richtigen Momenten die richtigen Dinge.

Aito wird versuchen, gegen die vergleichsweise langsamen Oldenburger konstant auf die Tube zu drücken: Niemand im Turnier spielt einen schnelleren Stil als sein Team. Ist der Ball gestohlen oder am Brett gefangen, geht es sofort ab nach vorne.

"Darüber zu sprechen, bringt nichts"

Den reiferen Beinen der Oldenburger könnte der ungewohnt kurze Prozess im Turniermodus entgegenkommen, so sieht es zumindest Berlins Manager Baldi. In den gewohnten Playoffs des Prä-Corona-Pleistozäns hätten sich beide Teams nun bis zu fünf Partien lang beharkt - bis eines dreimal gewonnen hat. Jetzt reichen Hin- und Rückspiel und ein einziger Punkt kann den Unterschied machen. "Das spielt doch eher Oldenburg in die Karten, weil sie ein bisschen älter sind", sagte Baldi. Aber wahr ist auch: Die Konzentration der Profis zu schärfen, indem man den Gegner stark redet, ist Teil des Geschäfts. Baldi beherrscht diesen Part seit Jahrzehnten.

Am Ende wird entscheidend sein, was in den Oberstübchen der Berliner geschieht: Seit die Bayern gescheitert sind, erwarten die meisten Fans und Experten, dass der weise Aito und seine Gesellen sich nach jahrelanger Kärrnerarbeit endlich mit der deutschen Meisterschaft belohnen. Mit fehlendem Respekt gegenüber den anderen hat das nichts zu tun. Alba hat in diesem Turnier noch kein Spiel verloren.

Scouts aus der ganzen Basketballwelt gucken der einzigen aktiven Profiliga auf dem Kontinent gerade ganz genau zu und geheim ist am Erfolg der Berliner schon lange nix mehr. Wer weiß, wieviele Leistungsträger nach dem Sommer an die Spree zurückkehren. Der Druck steigt also, man braucht ihn nicht kleinzureden. Die Rolle als Topfavorit auf den Titel nehme er "gerne" an, sagte Albas verschwitzter Kapitän Niels Giffey am Samstag nach dem Sieg gegen Göttingen und es sah so nach mittelgerne aus. "Ich weiche dem aber auch gerne aus, weil darüber zu sprechen bringt nichts", fügte Giffey hinzu. "Du musst es machen."

Sendung: Inforadio, 22.06.20, 6 Uhr

Beitrag von Sebastian Schneider, rbb|24

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