Basketball Berlin 27.02.2020 EuroLeague Euro League Euroleague Regular Season Saison 2019 / 2020 Alba Berlin - Efes Istanbul Luke Sikma Alba Berlin, No.43 (Quelle: imago images / Tilo Wiedensohler).
Audio: Inforadio | 06.06.2020 | Jan Wiecken | Bild: www.imago-images.de

Alba Berlin startet in "Corona-Cup" - Basketball-Finalturnier: Das Experiment

Die Corona-Krise hat die Basketball-Bundesliga schwer getroffen, als Notlösung spielt man nun ein Finalturnier in München: Alba Berlin baldowert mit neun anderen Teams den deutschen Meister aus. Ist es mehr als nur ein "Corona-Cup?" Von Sebastian Schneider

An der Moosacher Straße, am Rande eines Gewerbegebiets, steht ein hellgrauer Klotz mit schmalen Fenstern. Er sieht ein bisschen aus wie ein riesiger Mikrochip, aber es handelt sich um das Leonardo Vier-Sterne-Superior-Hotel mit dem Namenszusatz Royal, was ja an für sich nie verkehrt ist. Stil: Gehobener Roland-Berger-Chic.

Möchte man in den nächsten Tagen im schönen München-Milbertshofen ein Zimmer buchen, sagen wir Kategorie "Comfort", wird einem leider mitgeteilt: "Bitte beachten Sie, dass das Hotel an dem von Ihnen gewählten Reisezeitraum für den Verkauf geschlossen ist." Der Zirkus ist in der Stadt.

Alle unter einem Dach

Die Basketball-Bundesliga sucht ihren Quarantäne-Meister und dafür veranstaltet sie vom 6. bis zum 28. Juni ein Finalturnier in der bayerischen Kapitale. Zehn von 17 Teams machen mit, auch Alba Berlin mit seinem Cheftrainer Aito Garcia Reneses. Am Freitag haben sich die Berliner in ihren Bus gehockt, maskiert, mit Abstand und soweit gesund. Dann sind sie die exakt 587 Kilometer gen Süden getuckert. Es zog sich, wie immer auf der A9.

Gastgeber des Turniers sind die Bayern, aber die streiten ab, einen Vorteil in ihrer Arena in Downtown Obersendling zu haben. Schließlich seien ja keine Fans erlaubt. Nun ja. Viel interessanter ist: Sämtliche Spieler, Trainer, Betreuer, Physios und Schiris werden im Leonardo Royal abgeliefert – knapp 260 Personen, abgeschirmt zum Schutz vor dem Virus. Man sieht sich auf dem Gang, beim Essen nicht. Auch geduscht wird im Hotel, nicht in der Rudi-Sedlmayer-Halle, von der der FC Bayern gerne hätte, dass man sie nur nach dem örtlichen Autosponsor nennt.

Bis zu drei Wochen lang sind die Berufsathleten und ihr Gefolge getrennt von ihren Familien. So ein Experiment hat es im deutschen Sport noch nicht gegeben. "Corona-Cup" nennen die Spieler das Turnier. Angeblich guckt auch die NBA sich das an, bevor sie Ende Juli in Disney World ähnliches vor hat [sportschau.de].

02.06.2020, Bayern, München: Der Haupteingang am Audi Dome. Als zweiter großer Team-Sport nach dem Fußball nimmt der Basketball ab dem 06.06.2020 trotz der Corona-Pandemie den Spielbetrieb wieder auf (Quelle: dpa / Sven Hoppe).
Der Spielort: Die Sedlmayer-Sporthalle in München, auch "Audi Dome" genannt. | Bild: dpa

Favorit der Wettanbieter: Bayern München

"Das ist eine völlig neue Erfahrung für uns", sagte Berlins Anführer Luke Sikma. Am Sonntag (15 Uhr) bekommt es sein Team als erstes mit den Skyliners Frankfurt zu tun, unangenehm verteidigende Spießgesellen. Sikma verfügt momentan über ein blaues Auge, ein Trainingsunfall, aber die giftigen Frankfurter könnten ihm ein zweites spendieren. Trotzdem: Alba muss gewinnen. Schafft es die Mannschaft ins Finale, gibt es zehn Spiele in nur 21 Tagen - und das ist das Ziel. "Ganz klar, wir wollen natürlich den Titel", erklärte Sikma. Er könnte recht behalten.

Die Berliner haben als eines der wenigen Teams fast ihre komplette Truppe beisammen, nur Makai Mason ist in den USA geblieben. Tim Schneider fehlte schon vor der Corona-Pause verletzt. Die Ausgangslage ist eindeutig, da muss man nicht herumfloskeln: Bayern ist die erste Wahl, so sehen es auch die Buchmacher, ganz knapp dahinter kommt Alba, dahinter der ewige Geheimfavorit Oldenburg.

Glück ist im Basketball weniger ein Faktor als im Fußball, sogenannte unverdiente Niederlagen gibt es sehr selten. Der Tüchtigere, Abgebrühtere, Mutigere, ja: Bessere wird belohnt. Was am Ende auf der Anzeigetafel leuchtet, lässt sich nicht missdeuten. Bayerns Profis verdienen das meiste Geld und das nicht ohne Grund, dafür müssen sie auch den größten Druck aushalten. Man spiele sicher nicht, um Zweiter zu werden, gab der Münchner Oberchef Marko Pesic seinen Leuten mit auf den Weg [abendzeitung-muenchen.de].

Akpinar spielt jetzt für München

Berlins Vorteil aber ist diesmal: In einer kompletten Serie über bis zu fünf Spiele, wie sie in einem normalen Playoff-Finale üblich wäre, würde sich Bayerns abgrundtiefer Kader wohl am Ende als unüberwindbar erweisen. Im nun anstehenden Hin- und Rückspiel aber stehen die Chancen besser. Die Berliner sind erfahren und sie kennen ihre Sportskameraden und die Wünsche ihres Trainers Aito inzwischen auswendig. Durch ihren Pokalsieg haben sie auch ihren Ruf als zaudernder Zweiter beerdigt. "Wir sind selbstbewusst, weil wir zweieinhalb, drei Jahre zusammenspielen. Das werden wir zu unserem Vorteil nutzen", informierte Luke Sikma.

Bei München fehlen zwei Wichtige: Monroe und Djedovic. Ersteren nennen sie nicht ohne Grund "Moose", also "Elch". Der Koloss machte die Berliner im letzten Aufeinandertreffen in Friedrichshain unter dem Korb fertig. Nun bleibt er bei seiner Familie. Und den Pick’n’Roll-Künstler Nihad Djedovic muss man in Berlin keinem mehr vorstellen. In entscheidenden Aufeinandertreffen wären die Berliner mehr als einmal glücklich gewesen, wenn ihr Ex-Profi Djedovic verletzt gefehlt hätte. Gegen Alba konnte er immer einen Extra-Gang einlegen. Als Ersatz bedienten sich die Münchner einmal mehr an der Berliner Vergangenheit. Sie nahmen den in Istanbul gereiften Guard Ismet Akpinar unter Vertrag.

Die stärkste Liga Europas - weil nirgendwo sonst gespielt wird

Das Geld, solche Kaliber nachzuverpflichten, haben andere nicht. Viele Konkurrenten mussten die Arbeitsverhältnisse mit ihren teuersten Angestellten wegen der Corona-Krise beenden. Andere Wettbewerber meldeten sich für das Turnier gar nicht erst an, es kommt sie günstiger.

Die Basketballer hoffen nun, dass in der sportarmen Coronazeit ein bisschen mehr Scheinwerferlicht auf ihre Hünenkörper strahlt. Dieses federnde, schnelle, raffinierte Spiel, kraftvoll aber trotzdem fair, in dem sich 2,10 Meter große Menschen bewegen können wie Turniertänzer – das muss doch mehr Leute für sich einnehmen können, denken die Fans in Deutschland. Aber das denken sie schon lange und so viel hat sich in Wahrheit nicht geändert.

Der Fußball ist in Deutschland Sport Nummer eins, zwei und drei, aber wahrscheinlich muss man noch ein paar Zahlen dranhängen. Zwischen der Bundesliga und dem Spartensport Basketball liegen immer noch mehr als 1,50 Meter Abstand: Dessen Klubs sind viel mehr von Ticketeinnahmen abhängig, als Fußball-AGs mit ihren Merchandisingmillionen. Bleibt die Halle ein paar Monate leer, bringt das viele Vereine an den Abgrund. Dieses Turnier ist deshalb die erträglichere unter mickrigen Optionen. Die stärkste Liga Europas 2020, wie ein BBL-Chef vor einigen Jahren als - höflich ausgedrückt - ambitionierte Vision ausgab, ist die Bundesliga nun tatsächlich – weil sie halt als einzige überhaupt aufdribbelt.

Motiviert, sich ins Schaufenster zu spielen - für einen neuen Vertrag

35 Spiele, jeden Tag zwei – man muss sich das vorstellen wie eine kleine Klub-EM, nur das auch Städte wie Crailsheim und Göttingen vertreten sind. Aber nicht jeder Akteur war elektrisiert von der Vorstellung, im Juni zwischen Milbertshofen und Obersendling zu pendeln. "Ich sehe das sehr kritisch", sagte Berlins Kapitän Niels Giffey der "Süddeutschen Zeitung", sein Kollege Martin Hermannsson nannte es ein "Gefühl wie in der Achterbahn."

Die Kritik der Spieler: Sie seien nicht in die Planung einbezogen worden. Niemand könne ihm erzählen, dass die Münchner ihre Familien das ganze Turnier über nicht sehen würden, ätzte Giffey noch. Man konnte die Profis so verstehen: Entweder du machst mit oder du darfst gehen, das waren die Optionen. Eine Gewerkschaft haben sie nicht. Dass der BBL-Geschäftsführer Stefan Holz den Sportlern angesichts der Proteste gegen Rassismus in den USA "politische Äußerungen" verbieten wollte, hat auch nicht gerade zum Betriebsklima beigetragen. Inzwischen hat er sich ausdrücklich entschuldigt. Niemand wird Strafe zahlen müssen, wenn er Stellung bezieht.

Sobald aber der Ball am Samstag zum ersten Tip-Off in die Luft fliegt, wird man Männer über das Parkett wetzen sehen, die vielleicht eingerostet sind, aber motiviert, sich zu zeigen – vor allem für einen neuen Vertrag in diesen ungewissen Zeiten. Im Moment traut sich kaum ein Sportdirektor, irgendeinen Profi zu verpflichten oder einen anderen länger zu behalten. Niemand weiß, mit welchem Budget er nach diesem Krisensommer haushalten muss. Nur weil das Turnier stattfinden kann, kriegt jeder Klub nun seine letzte Fernsehrate für diese Saison überwiesen. Es sind 70.000 Euro, nicht wenigen Vereinen sichert diese Summe ihre Lizenz.

Wenn du hochguckst und keiner ist da, das wird wohl am gewöhnungsbedürftigsten sein."

Alba Berlins Point und Shooting Guard Jonas Mattisseck

Purer Basketball

Doch trotz aller Widrigkeiten, der zu kurzen Vorbereitungszeit, der Verletzungsgefahr, dem Verbot, zum 15 Minuten entfernten Burger King auszubüxen: Zu Gejammer besteht kein Anlass. Es werden drei Wochen purer Basketball. Keiner kann sich verstecken. Weil die Fans fehlen, wird man das Quietschen der Sohlen auf dem Parkett hören können, die Flüche der Trainer, den Trash Talk der Spieler, wenn sie ihre Gegner einschüchtern wollen. Das wird besonders interessant.

Jeder spielt gegen jeden, Erstrundenserien, die eh kein Mensch braucht, weil das eine Team fernsehturmhoch überlegen ist, fallen weg. Am Ende wäre es sowieso auf Bayern, Alba und Oldenburg hinausgelaufen, jetzt geht es halt schneller - und durch das spannende Format  sind trotzdem Überraschungen möglich. Ein Tip-In kann reichen und du bist raus. In der Vereinschronik wird später nur die Zeile "Deutscher Meister 2020" stehen und dazu die Fotos der glücksbesoffenen Sieger mit dem Pokal. Auf alles Weitere wird sich Staub legen.

Ein Turnier ums "goldene Toilettenpapier" wie Ulms Nationalspieler Andi Obst das Ganze nannte [mz-web.de], ist das Spektakel in München also ganz sicher nicht. Dass das Leonardo Royal Superior Riesenhotel über goldenes Klopapier verfügt, ist allerdings eine interessante Vorstellung, wenngleich unbestätigt.

02.06.2020, Bayern, München: Das Leonardo Royal Hotel. Als zweiter großer Team-Sport nach dem Fußball nimmt der Basketball ab dem 06.06.2020 trotz der Corona-Pandemie den Spielbetrieb wieder auf. Unter strengen Hygienemaßnahmen schotten sich zehn Teams im Leonardo Royal Hotel ab und spielen bis zum 28.06.2020 im Audi Dome um den Titel (Quelle: dpa / Sven Hoppe).
Das Domizil steht bereit.Bild: dpa

Jede Woche Corona-Tests

Laut des Hotelmanagements sind die Sportler während der Erholung besser abgeschottet als Staatsgäste. Sie sollen Mikrochips tragen, die ihre Bewegungsdaten aufzeichnen. Damit man ihre Kontakte nachverfolgen kann, falls sie sich infizieren, begründet die Ligaspitze ihre Empfehlung [espn.com]. Höchstens zu dritt dürfen die Insassen raus, aber nur zum Spazieren und Joggen. Mit anderen Menschen sprechen ist da draußen verboten, der Hygiene wegen. Der nächste Laden ist ein Beate-Uhse-Shop. Sonst gibt es in dieser DIN-genormten Ödnis nahe des Olympiaparks nicht viel.

Bleibt der Blick nach innen: Es gibt stabiles Wlan auf den Einzelzimmern, das ist wichtig. Es gibt aber auch den Royal-Ballsaal. Dort werden eine Tischtennisplatte, ein Kicker, eine Dartscheibe, ein Golf-Simulator hergerichtet. Da die Profis aber zwischen Training, Spielen, Taktikbesprechungen, Corona-Tests und Massagen eh nicht viel Freizeit haben werden, hat man im Ballsaal auch an das Wesentliche gedacht: Eine Basketball-Wurfmaschine und die Möglichkeit, Basketball auf der Playstation zu zocken. Nicht dass noch jemand vergisst, wofür er hier ist.

Beitrag von Sebastian Schneider, rbb|24

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