Hajo Seppelt bei einem Fotoshooting im Rahmen der Frankfurter Buchmesse 2019. Bild: imago-images/Teutopress
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Interview | Hajo Seppelt zu Schmerzmittelmissbrauch - "Kein verantwortungsvoller Akteur im Sport kann das gutheißen"

Der Berliner Investigativjournalist Hajo Seppelt deckt seit Jahren Doping im Sport auf. Bei seiner aktuellen Recherche beschäftigte sich Seppelt mit dem Schmerzmittelmissbrauch im Amateur- und Profifußball. Im Interview erklärt er, wieso das Thema so wichtig ist.

Zahlreiche Fußballprofis und Amateure nehmen regelmäßig Schmerzmittel - das zeigt eine Recherche der ARD-Dopingredaktion und von "Correctiv". "#Pillenkick" heißt das Projekt, in dem das Team um den Investigativjournalisten Hajo Seppelt aufdeckt, wie alltäglich Schmerzmittelkonsum, auch präventiver, im deutschen Fußball ist. Der Film "Hau rein die Pille" wird am Dienstagabend in der ARD ausgestrahlt. In dem Film äußern sich unter anderem Union-Profi Neven Subotic und DFB-Präsident Fritz Keller zum Thema. Im Interview  mit rbb|24 erklärt Hajo Seppelt, wie schwer es war mit aktiven Profis ins Gespräch zu kommen und wieso ein Umdenken im Profifußball in Bezug auf Schmerzmittel stattfinden sollte.

rbb|24: Am Dienstagabend wird in der ARD ihr Film "Hau rein die Pille" ausgestrahlt. Es geht um Schmerzmittelmissbrauch im Amateur- und Profifußball. Wieso war Ihnen dieses Thema wichtig?

Hajo Seppelt: Mit dem Thema Medikamentenmissbrauch im Fußball beschäftigen wir uns schon länger. Im Zuge der Recherchen sind wir darauf aufmerksam geworden, dass vor allem Schmerzmittel auf allen Ebenen des Fußballs eine massive Rolle spielen. Wir wissen das auch von anderen Sportarten, aber uns hat interessiert: Welche Rolle spielen Medikamente, die der Schmerzbekämpfung dienen, in der Lieblingssportart der Deutschen? Deswegen haben wir uns entschieden, diese Recherche intensiver anzugehen.

Schmerzmittel an sich sind ja erstmal erlaubt und frei verkäuflich. Können Sie deshalb nochmal kurz erklären, was das Problem am präventiven Konsum ist?

Schmerzmittel sollten ja eigentlich primär einem Ziel dienen - nämlich Schmerzen zu bekämpfen. Die Frage, die sich für mich aber stellt ist: Ist es wirklich vernünftig, Schmerzmittel quasi präventiv zu nehmen - also wenn man etwa vor einem Spiel gar keine Schmerzen hat? Oder sollte man spielen, wenn man Schmerzen hat, die man dann aber betäubt? Schmerzmittel verschieben die Wahrnehmungsgrenzen des Schmerzes. Dann macht man Dinge, die man normalerweise, wenn die Signale des Körpers eindeutig funktionieren, im Sport nicht machen würde - weil sie schlicht zu Schmerzen führen. Damit ist etwa die Gefahr von erheblichen Verletzungen oder der Verschlimmerung von Verletzungen gegeben. Zudem haben Untersuchungen von Wissenschaftlern gezeigt, dass mit dem Missbrauch potentielle Risiken für Herz, Niere und Leber einhergehen, im Worst Case kann dies lebensbedrohlich sein. Es geht ja nicht nur um ab und zu mal 'ne Pille, sondern um einen regelmäßigen und häufigen Einsatz solcher Medikamente, Und dann hat das Verschieben der Schmerzgrenze ja auch noch einen anderen Effekt: nämlich in die Lage versetzt zu werden, Leistungen zu erbringen, die man sonst nicht erbringen könnte. Damit stellt sich die Frage der künstlichen Leistungssteigerung und damit des Dopings.

Wie schwer war es denn Akteure aus dem Fußball zu finden, die bereit waren, sich zu diesem Thema zu äußern, vor allem auf Profiebene?

Obwohl es sich ja hier nicht um das klassische verbotene Doping gemäß der WADA-Verbotsliste handelt, war auch hier schon die Zurückhaltung, sich dazu zu äußern, deutlich spürbar. Deswegen sind wir diese Recherche auch mit einem größeren Team angegangen, da hat sich die Kooperation mit dem Recherchezentrum "Correctiv" besonders positiv ausgewirkt. "Correctiv" ist an diesen Themen ja auch schon lange dran. Wir haben mit etwa 100 bis 150 Leuten allein aus dem Profifußball in Deutschland und seinem Umfeld gesprochen, darunter etliche Spieler aus der ersten und zweiten Liga, Trainer, Ärzte und so weiter. Die allermeisten wollten mit uns aber nur vertraulich reden. Einige wenige haben aber gesagt: Wir reden darüber öffentlich, weil es ein gravierendes Problem des Sports ist, das man benennen und angehen muss. Deswegen haben sie mit uns gesprochen - wie beispielsweise Neven Subotic oder Danny Schahin.

Neven Subotic vom 1. FC Union ist als ehemaliger Deutscher Meister und Champions-League-Finalteilnehmer der größte Name, der sich in diesem Film öffentlich äußert. Wie wichtig war es, dass so ein bekannter Spieler dabei ist?

Das Thema in diesem Film ist: Es geht von der Kreisliga bis zur Bundesliga und auch in DFB-Auswahlmannschaften herein. Damit sagen wir nicht, dass der Deutsche Fußballbund und die Vereine aktiv Schmerzmittelmissbrauch fordern - überhaupt nicht. Wir zeigen aber, dass es offensichtlich in der Branche weit verbreitet ist und man sagt: Es geht nicht ohne, weil der Druck so groß ist. Natürlich ist es leichter mit Amateurspielern darüber ins Gespräch zu kommen als mit Profis, weil da noch ganz andere Drucksituationen eine Rolle spielen. Aber es ist immer hilfreich, wenn sich auch Leute, die aus dem Fernsehen bekannt sind oder die man jede Woche im Stadion sieht, sich zu wichtigen Themen äußern. Uns ist bei den Dreharbeiten besonders aufgefallen, dass die Profispieler, die wir vor der Kamera hatten, sehr analytisch und differenziert und nach meinem Eindruck auch sehr ehrlich über dieses Phänomen Schmerzmittelmissbrauch und den Druck, der im Profifußball eine Rolle spielt, geredet haben. Das hat man nicht alle Tage, und insofern ist das dann natürlich ein Gewinn.

Sie haben auch den Präsidenten des DFB, Fritz Keller mit ihrer Recherche konfrontiert. Waren Sie von seiner Reaktion überrascht?

Weder überrascht - noch dass ich sie so erwartet hätte. Er hat sich das angeguckt und nach meinem Eindruck kannte er so eine umfassende Recherche zu dem Thema auch noch nicht davor. In seiner Zeit als Funktionär beim SC Freiburg ist ihm das Problem aber natürlich schon mal zu Ohren gekommen, wie er sagte. Er hat sich uns gegenüber als klarer Kritiker des überbordenden Schmerzmittelkonsums gezeigt und meinte, dass das ein Thema sei, was der DFB auf jeden Fall angehen muss. Ich denke, dass diese Aussage auch glaubhaft war.

Ist präventiver Schmerzmittelkonsum für Sie Doping?

Meine Haltung zu allem was Pharmaka im Sport betrifft, die nicht medizinisch begründet eingesetzt werden, ist eine sehr kritische, was kaum überraschen dürfte. Denn die medizinisch nicht indizierte Einnahme oder Verabreichung von Arzneimitteln ist potenziell gesundheitsgefährdend, kann schwere Folgen nach sich ziehen. Und durch das Verschieben von Schmerzgrenzen kann man seinen Körper quasi manipulieren, potenziell die Leistungsfähigkeit verbessern. Also dürfte klar sein: Kein verantwortungsvoll agierender Akteur im Sport kann das gutheißen. Eine andere Frage ist, ob man Schmerzmittel einfach so auf die Dopingliste setzen kann. Denn man kann ja nicht Athleten, die Schmerzen haben, sagen: Ihr dürft keine Schmerzmittel nehmen. Man wird im Einzelfall nicht nachweisen können, ob einer nun Schmerzen hat oder nicht - da wird es schwer, eine rote Linie zu ziehen. Insofern ist die Frage, ob Schmerzmittel auf die Liste gehören, eher zweitrangig. Die Frage, die man sich stellen muss ist die, ob nicht anders dem überbordenden Konsum im Sport entgegenwirkt werden kann. Zum Beispiel, in dem über Grenzwerte nachgedacht wird. Wir sind in einem Bereich, in dem ein Regelungsdefizit besteht. Ob man dieses Problem letztlich befriedigend lösen kann, lässt sich für mich schwer prognostizieren. Aber Fakt ist: Es ist ein Problem. Unsere Aufgabe als Journalisten ist es, darauf aufmerksam zu machen. Die Diskussion bei den Verantwortlichen wird dann vermutlich intensiver als bisher geführt werden.

Nun haben Sie sich lange mit dem Thema beschäftigt und mit vielen Beteiligten gesprochen. Was denken Sie: Wie lange wird es dauern, bis da ein Umdenken stattfindet?

In den letzten Jahren hat sich immer gezeigt, dass erstmal öffentliche Debatten kommen müssen, die dann zu Diskussionen und zum Nachdenken anregen, und dann verändert sich was. Viele Recherchen, die wir in der Vergangenheit zum Thema Doping gemacht haben, führten zu Veränderungen. Denken Sie da zum Beispiel an das Staatsdoping in Russland oder an die Gewichtheber-Recherche, die wir vor kurzem gemacht haben und die jetzt in dem McLaren-Report mündete. Es ist oft so, dass erst eine öffentliche Diskussion einen Änderungsdruck erzeugt. Gibt es die nicht, dann gehen Dinge oft einfach so unter dem Radar weiter.

Sendung: Das Erste, 09.06.2020, 22.45 Uhr

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2 Kommentare

  1. 2.

    Profibullballer ist kein Beruf, den man sich nach dem Schulabschluss auswählen kann, Bauml. Man wird schon als Kid in das System der Ausbildung eingegliedert - und schafft mit Talent, Leistung und auch Glück dann vllt. den Sprung in den Profifussball. Die Jungprofis werden also in ein bestehendes System eingebunden, das auf maximale Leistung ausgerichtet ist.

    Warum können denn Profifussballer ihren Beruf in der Regel nur ca. 15 Jahre ausüben? Doch sicher vorrangig, weil dieser Sport höchste Anforderungen an den Körper stellt, was nicht selten nur mit Hilsmittelchen zur Schmerzbekämpfung erfüllt werden kann. Profisport ist nunmal in den meisten Fällen nicht gesund - und dient der Unterhaltung der Massen.

  2. 1.

    Augen auf bei der Berufswahl, liebe Fußballspieler. Ach so, ihr macht es freiwillig.
    Nun ja, es muss auch kein weibliches Top-Model hungern oder ungesund ernähren. Die machen es auch freiwillig.
    Oder andere Arbeitnehmer, die unzählige Überstunden machen oder mehrere Jobs haben und wenig Schlaf haben.
    Herr Seppelt macht es auch nur um Geld zu verdienen.

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