Interview | Matthias Große, neuer Verbandspräsident - "Man muss die Jagd auf Claudia Pechstein beginnen!"

Do 18.06.20 | 15:34 Uhr
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Matthias Große, neuer Präsident des Eisschnelllauf-Verbands (imago images)
Bild: imago images

Vor der Weltcup-Saison wurde Matthias Große noch aus dem Betreuerstab der DESG gestrichen. Jetzt ist der Lebensgefährte von Claudia Pechstein zum Verbandspräsidenten ernannt worden. Hier spricht er über seine Ziele, die größten Baustellen und seine Kritiker.

rbb|24: Herr Große, die ordentliche Mitgliederversammlung der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) ist für September angesetzt. Dort sollte auch der neue Präsident gewählt werden. Nun sind Sie es jetzt schon, quasi über Nacht. Was ist passiert?

Matthias Große: Der Vorstand der DESG hat mich gestern informiert, dass sie mich kommissarisch als Präsident eingesetzt haben. Ich stand ja seit Januar zur Verfügung. Jetzt hat sich die DSG dazu entschlossen, den Schritt zu tun.

Der Verband war lange Zeit ein Medaillen-Garant. Ein deutsches Aushängeschild, das aktuell am Boden liegt. Was muss passieren, damit er zurück in die Erfolgsspur kommt?

Auch wenn ich mir erstmal einen Überblick machen muss, weil ich sonst nicht entscheiden kann, was zuerst getan werden muss, ist klar: Wir müssen den Verband vereinen, miteinander arbeiten, nicht gegeneinander. Wir brauchen eine klare Struktur und neue Wege. Wir müssen uns um den Nachwuchs sorgen. Wir müssen all die Trainer vereinen, die sich an den Banden die Wochenenden um die Ohren schlagen und unter der Woche so viel Arbeit leisten. Sie müssen Spaß an der Arbeit haben. Und das geht nur mit finanzieller Sicherheit und das geht vor allem nur mit einer ganz klaren Linie, die seit Jahren nicht mehr gegeben war. Auch deshalb ist der Verband momentan wirklich am Boden.

Sie sind erfolgreicher Unternehmer und Investor. Das Verbandswesen ist etwas völlig anderes. Warum sind Sie dennoch der richtige für die Präsidentschaft?

Die Struktur muss klar sein. Es muss eine Hierarchie geben, es muss Ordnung geben, es muss Verantwortlichkeiten geben. Im Sinne des Sports, im Sinne der Sache. Und man muss die Leute wieder begeistern, etwas für den Eisschnelllauf zu tun, die Sponsoren, die sagen: Ja, wir wollen helfen, aber nicht bei dieser Führungslosigkeit, die bisher war. Wir müssen Ruhe reinbringen, das Gegeneinander muss aufhören. Und deshalb glaube ich, bin ich der Richtige. Weil ich eben auch zehn Jahre auf der anderen Seite war, also zehn Jahre lang gesehen habe, was die Leute gesagt haben, was alle gesagt haben, auch an den Stützpunkten: Das ist schlecht, das ist schlecht, das ist schlecht oder das müssen wir besser machen. Aber keiner hat es getan. Jetzt machen wir es.

Was sind die ersten Änderungen, die Sie verwirklichen wollen?

Zunächst mache ich mir einen Überblick über die vertragliche Situation der Führung des Verbandes. Die der sportlichen Führung, des Sportdirektors und des Bundestrainers. Das habe ich ja bereits im November angekündigt. Dann muss man sehen, wie man sich da auseinandersetzt. Und dann muss man einen Finanzplan aufstellen. Dazu muss ich mir einen Überblick über die Finanzen machen, das mache ich mit meinem Steuerteam. Wo steht der Verband, wo sind die größten Löcher, wie ist die Realität? Dann kann ich sagen, wo der Verband genau steht.

Es heißt, der Verband sei finanziell am Boden. Wie kann man ihn da wieder rausholen?

Ich weiß nicht, ob er so sehr am Boden ist. Ich glaube, jeder Verband in Deutschland hat im Moment finanzielle Schwierigkeiten. Man kann ihn nur rausholen mit den Sponsoren, die an meiner Seite stehen, die bereits im vergangenen Jahr ihre Zusagen gegeben haben und die auch trotz der Krise zu ihrer Zusage stehen. Das bringt erstmal Sicherheit. Und wenn man gut arbeitet, wird sich auch der Verband wieder rausarbeiten. Nach dem Weggang der DKB habe ich in den letzten zwei Jahren keinen anständigen Sponsor gesehen. Das kann nicht sein, dass man in zwei Jahren für diesen Verband nicht einen Sponsor findet. Oder zwei oder drei. Wir haben verbindliche Zusagen von Sponsoren, die sagen: Wir unterstützen die Arbeit, wenn sie professionell abläuft.

Sie haben auch einige Kritiker. Sie sind jemand, der aneckt und der größte Vorwurf, den man hört, lautet: Matthias Große, der Lebensgefährte von Claudia Pechstein, ist zu dicht dran. Was entgegnen Sie diesen Kritikern?

Das beste Beispiel ist das Rennrodeln, die Familie Loch, die machen das super. (Norbert Loch ist Bundestrainer, Sohn Felix Loch Athlet und Olympiasieger, Anm. d. Red.) Und gerade weil ich so nah dran bin, hat es mich ja interessiert, den Verband nicht gegen die Wand laufen zu lassen, sondern ihn zu retten. Und ich habe auch immer gesagt, dass ich das nicht nur wegen Claudia Pechstein mache, sondern wegen der Sportart an sich, die einmal die medaillenträchtigste Sportart war, die wir hatten im Wintersport. Und ich sage: Man muss die Jagd auf Claudia Pechstein beginnen! Du kannst doch nicht mit 48 Jahren die beste Eisschnellläuferin sein! Das ist für Claudia super, ohne Frage, aber es ist für den Sport doch ein Armutszeugnis. Man muss Claudia mit einbinden in den Prozess, wie alle anderen Guten, die wir hatten auch, wie Gunda (Niemann-Stirnemann, Anm. d. Red.) zum Beispiel und viele weitere guten Namen, die ich auf dem Zettel habe und mit denen ich auch schon gesprochen habe. Bisher ist der Verband so weit weg von den Eisschnellläufern, dass es eben zu genau den bekannten Problemen gekommen ist. Zudem hat Claudia verkündet, dass sie nach Olympia aufhört – wir müssen uns um den Nachwuchs kümmern, um die zweite, dritte, vierte Reihe. Dann hat der Sport eine Chance, zu überleben.

Der Verband war lange Zeit führungslos, es gab eine Reihe von Rücktritten. Das Präsidium ist aktuell mit zwei Mitgliedern besetzt. Was ist das für ein Zeichen nach außen?

Das ist indiskutabel. Seit November hätte der Verband handeln müssen. Aufgrund der Struktur des Vorstandes und der Auseinandersetzungen im Vorstand ist es nicht dazu gekommen. Das muss man aufarbeiten. Da muss man ganz klar analysieren und sagen: So geht es nicht. Es gibt klare Statuten, klare Satzungen, an die muss man sich halten. Und wenn man das gemacht hat, dann weiß man auch: Es muss einen Vorstand geben, der muss stark sein und der muss auch nah dran sein und der kann sich nicht wegducken oder nichts tun. Die Haftung hat immer der, der oben ist. Und dann muss man eben schauen, wer ist dafür wie verantwortlich. Aber eben gerade auch weil es immer Grabenkämpfe gibt, die es für mich als Unternehmer nicht so gibt, ist die Präsidentschaft auch für mich eine sehr spannende Aufgabe.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jonas Schützeberg.

Sendung: rbb UM6, 18.06.2020, 18:15 Uhr

1 Kommentar

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  1. 1.

    Wie wahr Herr Große,
    Sie treffen den Nagel auf den Kopf.
    Das was Sie einfordern, wünsche ich mir auch von vielen unserer politisch Verantwortlichen.

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