Die Potsdamerin Marie Höbinger am Ball im Liga-Duell gegen Essen. / imago images/foto2press
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Turbine Potsdam vor Pokal-Duell gegen Essen - "Es ist erstmal das wichtigste Spiel in unserer Saison"

In der Liga steht Turbine auf Platz sechs - und damit im Niemandsland der Tabelle. Auch deshalb liegt die volle Konzentration auf dem Pokal-Wettbewerb. Im Viertelfinale treffen die Potsdamerinnen am Mittwoch auf Essen - und träumen. Von Johannes Mohren

Es ist eine der letzten Einheiten, bevor es ernst wird - und die Sehnsucht ist überall spürbar. Am Mittwoch um 13:15 Uhr geht es für Turbine Potsdam gegen die SGS Essen um viel (live im rbb Fernsehen und rbb24.de-Stream) . Und ein Wort mit F zieht alle in seinen Bann.

Das ist bei Innenverteidigerin Johanna Elsig so: "Wir wollen auf jeden Fall gewinnen, ja: Wir wollen ins Finale nach Köln."

Klingt bei ihrer Teamkollegin und Kapitänin Sarah Zadrazil sehr ähnlich: "Der Pokal ist einer unserer ganz großen Ziele. Wir wollen unbedingt ins Finale."

Und auch Trainer Matthias Rudolph sagt: "Dieses Spiel ist jetzt erstmal das wichtigste in unserer Saison. Wir wollen so weit wie möglich kommen - am liebsten ins Finale."

Die Essenerinnen - als Tabellenfünfter direkter Nachbar der sechstplatzierten Brandenburgerinnen in der Bundesliga - kommen zum Pokal-Viertelfinale ins Karl-Liebknecht-Stadion. Und es ist klar: Wer dieses Duell gewinnt, ist dann nur noch einen Schritt vom Endspiel-Traum entfernt.

Letzter Titelgewinn vor 14 Jahren

Die Erinnerungen an das letzte Mal dürften bei Turbine schon langsam verblassen. Fünf Jahre ist es inzwischen her, dass die - einst so titelverwöhnten - Potsdamerinnen es ins Finale schafften. Das wiederum verloren sie dann deutlich mit 0:3 gegen den VfL Wolfsburg. Auf den Pott im Pokal-Wettbewerb warten sie in der brandenburgischen Landeshauptstadt schon seit weit mehr als einem Jahrzehnt. 2006 war es, als Turbine gegen den 1. FFC Frankfurt gewann. Damals war es der dritte Erfolg in Serie.

Es sind Triumphe aus einer Zeit, in der der Frauenfußball noch ein anderer war. Zwischen den Spielzeiten 2000/01 und 2011/12 kannte die Bundesliga genau zwei Meister. Sechs Mal gewann Turbine, sechs Mal Frankfurt. Seither machen der VfL Wolfsburg und der FC Bayern München den Titel unter sich aus. Geld regiert - auch im Frauenfußball - die Welt. Und das meiste haben nunmal die Vereine, die auch einen Männer-Bundesligisten beheimaten.

Niemandsland in der Liga

In der Liga ist Wolfsburg mal wieder enteilt. Acht Punkte dahinter folgt das Frauen-Team von Bayern München. Turbine findet sich auf Platz sechs wieder - mit einem Rückstand von 22 (!) Punkten. Keine Chancen nach oben, keine Sorgen nach unten. Absolutes Niemandsland. Es geht - um es sprichwörtlich zu sagen - nur noch um die goldene Ananas.

Im Pokal scheint nun aber die Lücke überbrückbar, die eigentlich zur Spitze klafft. So weit die Meisterschaft entfernt ist, so vermeintlich nah ist der Final-Einzug in diesem Wettbewerb. Gewinnt Turbine gegen Essen, wartet dann am 10. oder 11. Juni ein Auswärtsspiel bei der TSG Hoffenheim oder Bayer Leverkusen. Durchaus schwer - aber doch machbar. Die Frauenfußball-Macht Wolfsburg wäre frühestens im Finale Gegner. Bayern ist bereits raus.

Ligaspiel als Mutmacher

Zwar warnt Rudolph. Essen habe "eine wirklich gut besetzte Mannschaft mit einigen Nationalspielerinnen", sagt der 37-jährige Trainer. Er sagt aber auch: "Wir haben das Punktspiel im März gewonnen und das sollte uns natürlich Mut geben, dass wir sie am Mittwoch auch nochmal schlagen können." 1:0 hieß es damals am Ende. Abwehrspielerin Malgorzata Mesjasz erzielte in der zweiten Hälfte den entscheidenden Treffer.

Auf ihre Zuschauer müssen die Potsdamerinnen dabei - anders als noch vor drei Monaten - coronabedingt verzichten. Und das ausgerechnet jetzt, wo sie nach einer gefühlten Ewigkeit endlich mal wieder ein Heimspiel im Pokal zugelost bekommen haben. "Wir hätten uns sehr gefreut, vor unseren Fans zu spielen. Wir haben das erste Mal seit vier oder fünf Jahren ein Heimspiel", sagt Kapitänin Zadrazil, für die es die letzte Titel-Chance mit Potsdam ist - und: "Schade also, dass es jetzt ein Geisterspiel ist. Aber wir werden alles rausholen."

"Wird ein 50:50-Ding"

Knapp könnte es werden - so wie so oft gegen Essen, vermutet Innenverteidigerin Elsig. "Es wird ein 50:50-Ding. Die Mannschaft, die besser drauf ist, wird das Spiel gewinnen", sagt sie. Perfekt sind die Vorzeichen freilich nicht. Die Generalprobe am Samstag ging - wenn auch unglücklich - verloren. Trotz einer frühen 2:0-Führung mussten die Potsdamerinnen am Ende mit einer 2:3-Niederlage die weite Rückreise aus Freiburg antreten.

"Man merkt schon, dass man zwölf Wochen kein Spiel gemacht hat und es keine Tests gab - vor allem auch, wenn es um die Abstimmung geht. Aber man ist auch relativ schnell wieder drin", sagt Elsig. Und genau das könnte im Viertelfinale zum Vorteil werden. Denn während Turbine bereits wieder die Chance hatte, nach der Corona-Zwangspause ein wenig auf Touren zu kommen, war für Essen am vergangenen Wochenende spielfrei. Es sei durchaus hilfreich, "dass wir schon ein Spiel gemacht haben und ganz genau wissen, was auf uns zukommt und wo wir stehen und wie die konditionellen Fähigkeiten sind", sagt die 27-Jährige.

Rudolph sieht gute Ansätze

Und nicht nur das. Die Mannschaft zeigte in Freiburg - Niederlage hin oder her - für Rudolph auch starke Ansätze. "Wir haben wirklich gut nach vorne gespielt und einen sehr guten Spielaufbau gehabt. Wir haben uns viele Torchancen herausgespielt. Schade, dass wir einfach nicht mehr Tore gemacht haben", sagt der 37-Jährige. Verbesserungspotenzial gibt es hingegen in der Defensive. "Im Endeffekt müssen wir auf jeden Fall ein bisschen kompakter und sicherer stehen, sodass wir weniger zulassen." Drei Gegentore dürften auch gegen Essen zu viel sein.

Gegen die Gäste aus dem Ruhrpott hofft Rudolph, nach muskulären Problemen wieder auf Stammtorfrau Vanessa Fischer zurückgreifen zu können. Sie wäre - wenn auch selbst erst 22 Jahre alt - ein wichtiger Rückhalt.  "Wir haben viele ganz junge Spielerinnen. Wenn man gegen den Ball arbeitet, muss man immer richtig stehen und in den richtigen Momenten zupacken. Da fehlt teilweise noch die Erfahrung. Wenn man die Saison sieht, hat sich das aber schon stetig verbessert", sagt der Trainer. Das Pokal-Viertelfinale wäre nun der perfekte Moment, den nächsten Schritt zu machen. Damit das F-Wort auch danach noch alle in seinen Bann zieht.

Sendung: rbb UM6, 02.06.2020, 18:15 Uhr

Beitrag von Johannes Mohren

1 Kommentar

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  1. 1.

    Der Autor, scheint einen Aspekt außen vor zu lassen: obwohl Turbine Potsdam jahrelang eine fantastische Jugendausbildung hatte, haben sie den Anschluss verloren. Nicht das Geld regiert die (Flyeralarm)-Welt, sondern eine professionelle Vereinsinfrastruktur und ein sinnvoller Mix aus Jugendförderung und externen Transfers. Wer sich die erfolgreichen Vereine in der Frauenfußballiga ansieht, weiß das. Wolfsburg, Bayern und Hoffenheim haben sich den Erfolg nicht gekauft. Das ist eben nicht so wie im Männerfußball. Hier wurde es seitens der etablierten Vereine wie Frankfurt und Potsdam einfach verschlafen, die professionelle nächste Stufe zu erreichen. Ohne Wolfsburg und Bayern München hätte die deutsche Fußballliga ihr internationales Ansehen längst verloren. Frankfurt und Potsdam haben sich zu lange auf den fetten Jahren ausgeruht. Diesem Missstand läuft man nun eben hinterher. Selbst Schuld.

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