Herthas Bernd Patzke im brisanten Spiel gegen Arminia Bielefeld 1971. Quelle: imago images/WEREK
Audio: Inforadio | 02.05.2020 | Arndt Brorsen | Bild: imago images/WEREK

Spiel gegen Bielefeld am 5. Juni 1971 - Hertha und der größte Skandal der Bundesliga-Geschichte

Es ist das Finale eines im deutschen Fußball beispiellosen Manipulationsskandals: Am 5. Juni 1971 gewinnt Arminia Bielefeld überraschend bei Hertha BSC. Den Berlinern wurde im Vorfeld der Partie gleich von mehreren Vereinen Geld angeboten. Von Jonas Bürgener

Es ist der größte Skandal der Bundesliga-Geschichte: In der Spielzeit 1970/1971 kommt es zu massiven Spielmanipulationen, an denen diverse Vereine in Deutschlands höchster Spielklasse beteiligt sind. Auch Hertha BSC ist in den Skandal verwickelt, der der Bundesliga kurz vor der Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland einen nachhaltigen Image-Schaden zufügen wird.

5. Juni 1971: Der Spieltag

Am 5. Juni 1971 treffen im Berliner Olympiastadion Hertha BSC und Arminia Bielefeld aufeinander. Es ist der letzte Spieltag der Saison 1970/71, anschließend verabschieden sich die Spieler in die Sommerpause. Hinter Hertha liegt eine gute Saison. Das von Helmut Kronsbein trainierte Team wird die Spielzeit auf dem dritten Tabellenplatz beenden - das ist bereits vor der Partie gegen die Ostwestfalen klar. Für die Arminia steht hingegen weitaus mehr auf dem Spiel. Bielefeld befindet sich in großer Abstiegsgefahr. Der Verein braucht gegen den großen Favoriten Hertha BSC einen Sieg, um die Klasse zu halten. Verliert Bielefeld, muss die Mannschaft von Egon Piechaczek den Gang in die zweite Liga antreten und die Offenbacher Kickers hätten stattdessen die Klasse gesichert.

Zur Überraschung aller Zuschauer im Olympiastadion gewinnt der Außenseiter das Spiel tatsächlich mit 1:0 - Gerd Roggensack erzielt in der 70. Minute den goldenen Treffer. Auf den Tribünen macht sich Verwunderung breit, einige Fans skandieren "Schiebung, Schiebung!".

06. Juni 1971: Offenbachs Präsident deckt auf

Tatsächlich meldet sich am nächsten Tag – ausgerechnet auf der Feier anlässlich seines 50. Geburtstags - Offenbachs Präsident Horst-Gregorio Canellas zu Wort. Der Obsthändler ist im Besitz mehrerer Tonbandmitschnitte von Telefonaten mit den beiden Hertha-Spielern Tasso Wild und Bernd Patzke. Die ersten Gespräche datieren auf den 1. Juni. Vier Tage vor dem Spiel bietet Canellas den Beiden 120.000 Mark – wenn Hertha gegen Bielefeld gewinnt.

Ebenfalls am 1. Juni trifft sich Tasso Wild am Abend in einer West-Berliner Kneipe mit dem Arminia-Spieler Jürgen Neumann und dem Bielefelder Gastronom Wilfried Schmedtmann. Auch die Delegation der Ostwestfalen bietet Wild vor dem letzten Spieltag der Saison eine große Summe Geld. 200.000 Mark – dieses Mal natürlich für eine Niederlage von Hertha. Horst-Gregorio Canellas weiß von dem nächtlichen Treffen zunächst nichts.

Herthas Spieler befinden sich hingegen in einer komfortablen Position. Sowohl bei einem Sieg als auch bei einer Niederlage ist ihnen eine saftige Prämie zum Saisonende sicher. Tatsächlich bringen sie Canellas sogar noch dazu, die Prämie bei einem Hertha-Sieg auf 140.000 Mark zu erhöhen, als sie von der Gegenofferte erzählen.  

Für Horst-Gregorio Canellas sind Spielmanipulationen nichts Neues. Er ist im Besitz eines ganzen Potpourris an Tonbandmitschnitten von Telefonaten. Für Manipulationen zugunsten der Kickers Offenbach ist bereits viel Geld geflossen. Doch auch Bielefeld hatte in der Spielzeit bereits versucht, das sportlich bescheidene Abschneiden mit finanziellen Mitteln auszugleichen. Am 17. April 1961 erkauft sich der Klub einen 1:0-Sieg gegen Schalke 04 mit einer großzügigen Zahlung von 40.000 Mark an den Ruhrgebietsklub.

Die Monate nach dem Spiel: Nachhaltiger Schaden für Hertha und die Bundesliga

Herthas "Prämie" für die Niederlage gegen Bielfeld holt Defensivspieler Jürgen Rumor – damals nur Reservist bei Hertha – schließlich in einem Berliner Hotel bei der Delegation der Ostwestfalen ab. Nach der Aufdeckung des Manipulationsskandals nimmt Rumor zunächst die Schuld allein auf seine Schultern.  

Herthas damaliger Vorstand Wolfgang Holst verpflichtet seine Spieler zum Schweigen, will das Ausmaß der Manipulation auch nach der Veröffentlichung der Telefonmitschnitte weiter verheimlichen. Ihm hängt viel am sportlichen Erfolg in der kommenden Saison. Im Falle einer Aufdeckung des gesamten Ausmaßes würde mehreren seiner Spieler eine empfindliche Sperre drohen.

Die Hertha-Fans sind von den schmutzigen Geschäften ihrer Spieler im bislang dunkelsten Kapitel der Fußball-Bundesliga enttäuscht. Die Zuschauerzahlen im Olympiastadion sinken merklich. Insgesamt verliert die Bundesliga durch den Skandal in den beiden Folgesaisons zunächst 800.000 und dann sogar 1,3 Millionen Zuschauer in den Stadien.  

Das Urteil

Die Ermittlungen dauern lange an und die Wahrheit kommt nur stückweise ans Licht. Schließlich steht fest, dass insgesamt Akteure aus neun Klubs in die Manipulationen verwickelt waren. Arminia Bielefeld, die Offenbacher Kickers, Schalke 04, MSV Duisburg, VfB Stuttgart, 1. FC Köln, Rot-Weiß Oberhausen, Eintracht Braunschweig und Hertha BSC. Bei den Charlottenburgern werden insgesamt 15 Spieler und Manager Wolfgang Holst gesperrt und mit Geldstrafen belegt. Zahlreiche Akteure werden allerdings nach nur wenigen Monaten begnadigt, oder erhalten zumindest eine Spielerlaubnis im Ausland. Der Image-Schaden hingegen bleibt und die Bundesliga erholt sich nur langsam.

Beitrag von Jonas Bürgener

18 Kommentare

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  1. 18.

    Was für ein Auftakt 20/21 ? Dieser Bericht ein Jubiläumsbericht!? Wirklich tolle Berichterstattung danke RBB. Muss natürlich alles zur Sprache gebracht werden wenn ein Investor bei Hertha einsteigt da braucht man Wasser auf die Mühlensteine zur negativen Betrachtung. Toller Jornalismus.

  2. 16.

    Spannendes Finale? Na, der FCB wird sich das nicht nehmen lassen. Die anderen müssen auf einen Patzer des FCB hoffen.

  3. 15.

    Egal. Ist halt Geschichte und der rbb hat es nun nochmal erzählt. Wenn einige ihren heutigen Hass ggü Hertha damit füttern können, dann ist es deren Sache. Mich interessieren diese alten Kamellen nicht wirklich. Nette Info, hab ich bestimmt schon mal gelesen und gleich wieder vergessen. So, wie auch den neuen Beitrag. Aber insoweit stimme ich Ihnen zu, es ist schon erschreckend, was hier so geschrieben wird. Mit sachlichen Meinungsäußerungen hat das nicht mehr viel zu tun. Wie ich sagte, manche haben echt einen Hass. Aber geschenkt. Bellende Hunde usw.; der rbb wusste schon, was hier für Kommentare zu erwarten sind.

  4. 14.

    Wie hätten Sie's denn gerne gehabt, Berndinho - generelles Verschweigen oder einen allgemein gehaltenen "Jubiläumsbericht" zum Auftakt der Saison 20/21? Ich tippe mal auf ersteres.

  5. 13.

    Insgesamt waren acht Spiele beginnend mit der Partie zwischen dem FC Schalke 04 und DSC Arminia Bielefeld am 28. Spieltag (17.04.1971) vom Bestechungsskandal in der Bundesliga betroffen. Der 1. FC Köln (Nachholspiel 24. & 32. & 34.) war wie der DSC Armnia Bielefeld (28. & 32. & 34.) an drei Partien beteiligt, Rot-Weiß Oberhausen (32. & 34.) an zwei Partien und die Vereine Hertha BSC (34.), Eintracht Braunschweig (34.), Rot-Weiss Essen (Nachholspiel 24.), MSV Duisburg (32.), Offenbacher Kickers (34.) und VfB Stuttgart (33.) an jeweils einer Partie. Kein Verein wurde nach der Saison 1970/1971 oder nach der darauffolgenden Saison 1971/1972 aus der Bundesliga augeschlossen. Alle Ergebnisse der betroffenen Partien blieben unverändert gewertet.

  6. 12.

    Vielen Dank an die Redaktion für diesen Beitrag.
    Da haben die Trolle wenigstens wieder ihr Futter bekommen.
    In diesen Sinne

  7. 11.

    Na ja, wenn man es genau nimmt hat damals nicht DER FCU betrogen. Das war wohl mehr oder weniger eine "Einzelleistung" von jemandem, der bis heute nicht verifiziert wurde. Anfang der Neunziger waren einige vom Profifussballgeschäft überfordert und haben so den Betrug auch mit ermöglicht. Der damalige Vizepräsident, Günter Mielis, hat die benötigte Summe für die Bankbürgschaft noch besorgen können, aber es war bereits zu spät. Der DFB hat sich darauf nicht mehr eingelassen.

    Die Sache wird unter Union Fans auch nicht totgeschwiegen, wie Sie vllt. vermuten, OE. Es ist ein trauriges Kapitel, das den FCU damals wmgl. um einige Jahre zurückgeworfen hat. Umso schöner ist die Entwicklung, die Union trotzdem seither genommen hat.

  8. 10.

    Also ich kann wir nicht vorstellen, dass es heutzutage komplett anders ist. Wie manche Spiele so laufen. Nur die Summen werden sicherlich etwas größer sein. Es gibt ja dieses Jahr ein sehr spannendes Finale. Es können im Prinzip noch 6 Mannschaften außer Paderborn absteigen. Ich hoffe nur Union hatte wirklich einen schlechten Tag gegen Hertha.

  9. 9.

    Putzig, wie diverse Ahnungslose und Neider hier ihre Meinung kundtun. Weil Hertha ja auch der einzige Verein war mit Skandalen. OK, der FC Gelsenkirchen 04 wurde dafür ja nicht belangt. Dafür hat man immerhin in den 90ern die Unioner für ihren Betrug bestraft. Hört man in manchen Gegenden Berlins nur nicht gern. Und beim RBB Kommentarbereich sicher auch nicht.

  10. 8.

    In der Skandal-Saison 70/71 hatte Hertha einen Zuschauerschnitt von 45.882 Besuchern; in der darauffolgenden Saison waren es aus verständlichen Gründen nur noch 24.901.

    https://www.transfermarkt.de/hertha-bsc/besucherzahlenentwicklung/verein/44

  11. 7.

    Das stimmt, heute fließen Hunderte Millionen. Man hat in Charlottenburg scheinbar RB als Vorbild.

  12. 6.

    Ja, dubiose Summen anzunehmen war dort scheinbar noch nie ein Problem. Aber was auch tun wenn die Zuschauereinnahmen so gering sind.

  13. 5.

    Und ich dachte die Charakterlosigkeit des heutigen Windhorst-Konstruktes wäre erst seit einigen Jahren vorhanden.

  14. 4.

    Für lächerliche 100.000 Mark würde heute kein Spieler mehr auch nur seine Fußballschuhe aus dem Schrank holen.

  15. 3.

    Es wäre interessant zu erfahren ob der Charlottenburger Verein zuvor mehr Zuschauer hatte als seitdem. Heutzutage liegt die Quote der ausverkauften Spiele ja bestenfalls im unteren einstelligen Bereich.

  16. 2.

    Schon damals ein durch und durch sympathischer Verein.... :-)

  17. 1.

    Damals also für Geld den sportlichen Wettbewerb verraten und heutzutage wird die Seele an einen windigen Mäzen verkauft. Und da wundert sich in Charlottenburg ernsthaft noch jemand, dass der ehemalige e.V. so unbeliebt in Berlin ist?

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