Bernd Schultz, Präsident des Berliner Fußballverbands (Quelle:imago/Matthias Koch)
Audio: Inforadio | 26.06.2020 | Jakob Rüger | Bild: imago/Matthias Koch

Berliner Fußball-Verband - BFV-Präsident Schultz gerät zunehmend in die Kritik

Seit 16 Jahren führt Bernd Schultz den Berliner Fußball-Verband. Nun gibt es massive Kritik, erstmals auch aus dem eigenen Präsidium. Die Zweifel am BFV-Chef wachsen, auch wegen zahlreicher Rücktritte und fragwürdiger Personalien. Von Jakob Rüger

Es rumort im Berliner Amateur-Fußball. Das hat Jörg Wehling, Präsidialmitglied Schiedsrichter im Berliner Fußball-Verband (BFV), auf einer Regionalkonferenz der Vereine im Südwesten der Hauptstadt zuletzt deutlich zu spüren bekommen. "Es gab wenig Glauben daran, dass es mit dem bestehenden Präsidium in eine gute Zukunft gehen kann", schildert Wehling dem rbb.

Zahlreiche Vereine fühlen sich vom Verband im Stich gelassen. "Die Kommunikation seitens des Verbandes wurde gerügt", gibt Wehling die Kritik am BFV wieder. "Man ist nicht präsent, man redet nicht mit den Vereinen und auch auf der Regionalkonferenz war das Präsidium des BFV nur mit zwei Vertretern anwesend."

Erstmals gibt es eine Opposition

Drastische Kritik an der Führung des Verbandes kommt vor allem von Bernd Fiedler, Vorsitzender von Stern 1900 in Steglitz: "Zögerlichkeit, keine klaren Ziele, moralische Verwerflichkeit – ich halte Bernd Schultz für führungsschwach." Deutliche Vorwürfe, die auch verbandsintern geäußert werden.

Seit gut einem Jahr gibt es ein Zerwürfnis im elfköpfigen Präsidium. Die Gruppe um Jörg Wehling und dessen Kollegen Lyés Bouziane, Jendrik Gundlach und Jörg Wirtgen geraten immer wieder mit dem Präsidenten aneinander. Erstmals gibt es öffentliche Kritik an Schultz aus den eigenen Reihen, die Wirtgen, Vizepräsident Marketing & Öffentlichkeitsarbeit, im "Tagesspiegel" formuliert: "Die Zeit der Dinosaurier ist längst vorbei.“

Rücktrittswelle erschüttert Schultz

"Kritik ist etwas völlig Normales", ordnet Präsident Bernd Schultz die Worte von Wirtgen dem rbb gegenüber ein. "Es sollte keine Stimmungsmache in den Medien stattfinden, das sollten wir intern klären." Schultz hat viel für den Berliner Fußball geleistet. Jahrelang war er Schatzmeister des Verbandes. 2004 wurde er zum Präsidenten gewählt. Seitdem führt er den BFV streng hierarchisch. Über viele Jahre herrschte Kontinuität im Präsidium.

Bis im Februar völlig überraschend drei Vizepräsidenten und enge Ratgeber von Schultz geschlossen zurücktraten. Darunter auch der besonders für sein großes Engagement ausgezeichnete Gerd Liesegang. Die offizielle Begründung: persönliche Gründe.

Der Fall Sascha K.

Bis heute hat sich keiner der drei ehemaligen Präsidiumsmitglieder zu den Hintergründen geäußert. Doch nach der Rücktrittswelle begannen die Probleme des Präsidenten erst richtig. Am 29. April ernannte der Verband Sascha K. zum neuen Vizepräsidenten für Soziales. Wenig später wurde öffentlich bekannt, dass Sascha K. im vergangenen Jahr per Strafbefehl wegen Körperverletzung an einem Kind zu einer geringen Geldstrafe von 600 Euro verurteilt worden war.

Innerhalb des Gremiums gab es bereits vor der Berufung von einzelnen Präsidiumsmitgliedern erhebliche Vorbehalte. "Das war dem Präsidium bekannt", bestätigt Jörg Wehling. "Im Protokoll des Präsidiums steht zwar, dass es juristisch ok wäre, wenn er sich als Trainer engagiert, aber moralisch gab es große Bedenken." Sascha K. wurde auch mit Zustimmung und deutlicher Empfehlung von Bernd Schultz mit sieben zu vier Stimmen gewählt.

Kritik am Präsidenten wächst

"Er war wählbar", verteidigt Schultz die Entscheidung, für die er eine Mehrheit im Präsidium organisiert hat. "Die Verurteilung durch unser Verbandsgericht hat eine Bewährungsstrafe ausgesprochen, damit war seine Berufung rechtlich möglich. Moralisch kann man das anders bewerten, aber ich glaube weiterhin, dass er ein geeigneter Kandidat war." Nach nur drei Wochen und erheblichem öffentlichen Druck trat Sascha K. von seinem Amt als Vizepräsident wieder zurück.

Für die vierköpfige Opposition im Präsidium war das der letzte und entscheidende Anlass, um öffentlich Veränderungen einzufordern. Erstmals bekommt Schultz Druck aus den eigenen Reihen. Hinter den Kulissen wird um die Zukunftsausrichtung des BFV gerungen. "Veränderung ist nicht im Sitzen zu bekommen", sagt Jörg Wirtgen. "Sie müssen rausgehen und zugehen auf die Menschen. Der Verband besteht nicht aus dem Methusalem, sondern aus der Perspektive der jungen Leute."

Der Vorwurf: zu alt, zu männlich

Selbst aus dem Präsidium gibt es den Vorwurf, der Verband sei zu alt und zu männlich. Doch genau das sei vom Präsidenten offenbar so gewollt. Obwohl der BFV weiblicher werden will und sich Frauen beworben hatten, wurden die Posten der Vizepräsidenten ausschließlich mit Männern besetzt. Für die Kritiker von Bernd Schultz zeigt sich am Fall Sascha K., wie er den Verband führt. Es gebe keine Selbstkritik, keine Aufarbeitung und Probleme werden eher ausgesessen statt aufgearbeitet. Von Schultz selbst heißt es dazu nur: "Wir werden das intern klären."

Auch in der Corona-Krise hatten sich die Berliner Vereine eine bessere Kommunikation und Positionierung vom Verband und seinem Präsidenten gewünscht. Lange Zeit war unklar, wie der Spielbetrieb weitergeht und wie die Spielzeit gewertet wird. Viele der über 380 Vereine fühlten sich im Stich gelassen.

2021 stehen Präsidentenwahlen an

"Nimmt das Präsidium wirklich noch das wahr, was der Alltag auf den Plätzen ist?", fragt Jörg Wehling. "Deshalb sind wir vielleicht in eine so krisenhafte Situation hineingekommen, weil es unterschiedliche Wahrnehmungen und auch unterschiedliche Reaktionen darauf gibt." 2021 steht die Präsidentenwahl im Berliner Fußball-Verband mit seinen rund 170.000 Mitgliedern an.

Bernd Schultz kämpft um seinen Posten. Auch wenn es noch keinen Gegenkandidaten gibt. Doch bei all den Problemen der letzten Monate, in denen der Verband deutlich an Ansehen verloren hat, bleibt die Frage, ob Schultz der richtige ist, um den BFV in eine moderne Zukunft zu führen.

Sendung: Inforadio, 26.06.2020, 11.00 Uhr

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Eine wirklich objektive Berichterstattung sieht tatsächlich anders aus. Liest sich eher wie ein Abgesang auf ein Auslaufmodell. Etwas mehr Neutralität wäre hier schon von Nöten. Bernd Schultz war und ist immer ein authentischer, ehrlicher und zuverlässiger Arbeiter für den Berliner Fußball, der modernen Veränderungen nicht verhinderte, sondern immer auch forderte. Kritik mag im Einzelnen vielleicht berechtigt sein, sollte dann aber miteinander und nicht gegeneinander geklärt werden. Moderne Zeiten mögen blühende Landschaften versprechen, aber nicht jedes Versprechen ist wirklich modern und reift zur Blüte ...
    Mehr ehrliche Sachlichkeit hilft ... auch dem Tagesspiegel und dem rbb!

  2. 2.

    Ihr Kommentar ist auch inhaltlich nicht gerade wertvoll.
    Es brodelt im Verband und in der Vereinslandschaft - zurecht.
    Der Präsident vertritt einen Verband, zu dessen Handlungsmaximen u.A. eine Null-Toleranz-Politik gegen Gewalt-, Rassismus- und Sexualstraftätern gehört. Wo man den Fall Sascha K. nun genau einordnen kann, oder soll, das ist erst einmal unwichtig.
    Auf dem am 20.06. erfolgten a.o. Verbandstag zum Abbruch der Saison 19/20 hat der Präsident durch seine ausbleibende eindeutige Position zum Thema erneut massiv an Vertrauen gegenüber den Vereinen verloren.
    Wie lange soll das noch gut gehen...

  3. 1.

    Das ist aber jetzt eine mächtige Stimmungsmache und nicht gerade neutral berichtet.

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