Bruno Labbadia im Training von Hertha BSC. Quelle: imago images/Matthias Koch
Audio: Inforadio | 06.06.2020 | Dennis Wiese | Bild: imago images/Matthias Koch

Hertha vor dem Spiel in Dortmund - Mit Mut gegen außergewöhnliche Einzelkönner

Hertha BSC reist mit viel Rückenwind in den Ruhrpott. Nach zehn Punkten aus den vergangenen vier Spielen wollen sie auch aus Dortmund etwas mitnehmen. Die Bilanz des Trainers macht dabei wenig Hoffnung - eine andere dafür umso mehr. Von Johannes Mohren

Bruno Labbadia grinst. "Das gibt es nicht. Das kann doch nicht wahr sein", sagt der Hertha-Trainer und schiebt - als wolle er seine völlige Ungläubigkeit nochmals betonen - in Richtung des Pressesprechers Max Jung fragend hinterher: "Ehrlich?" Retten kann ihn der Mann links neben ihm auf dem Podium aber nicht. Die Statistik sei wohl einwandfrei, mit der einer der Journalisten Labbadia bei der virtuellen Pressekonferenz vor dem Spiel in Dortmund (Samstag, 18:30 Uhr) konfrontiert. Der 54-Jährige hat demnach in seiner langen Trainerlaufbahn zwar mit den unterschiedlichsten Klubs beim BVB gespielt. Gewonnen hat er noch nie.

Lob für Trainer-Kollegen

Und nun? Wird es wohl wieder sehr schwierig. Labbadia hat vor gut einer Woche mit der gesamten Mannschaft das Spitzenspiel der Dortmunder gegen Bayern München gesehen und war - trotz der 0:1-Niederlage - durchaus angetan von der Leistung des Liga-Zweiten. "Lucien Favre macht einen überragenden Job. Wenn man den Punkteschnitt sieht - aber auch, wie sie Fußball spielen. So ein enger Kampf mit Bayern. Da sieht man, was für eine Qualität sie haben."

Es ist ein Lob, das - sollte es ihm zu Ohren kommen - gerade seinem Trainer-Kollegen gut tun dürfte. Denn Favre muss im durchaus ausgeprägten Dortmunder Anspruchsdenken immer mal wieder heftigen Gegenwind aushalten. Und doch ist bei allem Respekt vor dem Gegner die Hertha-Brust nach den vergangenen Spielen breit. Die Labbadia-Bilanz liest sich eindrucksvoll: vier Spiele, zehn Punkte. Diese Ausbeute kann auch eine stark lahmende Alte Dame im Eiltempo beflügeln. Es ist ein wahrer Boost für das Selbstvertrauen.

Herz und Leidenschaft

Und so sagt auch der Trainer: "Wir wollen natürlich gerne unseren Lauf fortführen." Bis auf vier Punkte hat er die vor nicht allzu langer Zeit noch akut abstiegsbedrohten Berliner an den VfL Wolfsburg herangeführt - und damit an die internationalen Plätze. Eine Saison, in der der Klub gefühlt keine Katastrophe ausließ, könnte also am Ende sogar noch in Europa enden. Eine Vorstellung, die nach all dem Erlebten fast ein wenig surreal anmutet.

Für Labbadia selbst liegt der Fokus aber weniger auf der Tabelle. Ihn interessiert die Leistung auf dem Platz. "Wir wollen ein sehr, sehr gutes Spiel machen. Ich wünsche mir einfach, dass die Mannschaft auf diese Art weitermacht - auch unabhängig vom Ergebnis.", Natürlich sei das nicht außer Acht zu lassen, "aber in der Phase, in der wir jetzt sind, finde ich es auch wichtig, dass die Mannschaft einfach diesen Fußball weiter zeigt." Was ihn auszeichnet? Die Liste ist lang. Das Positionsspiel nennt Labbadia, aber auch Bereitschaft, Miteinander, Herz und Leidenschaft.

Cunha muss weiter passen

Wichtig für dieses Vorhaben: Die Kraft - in der zweiten Halbzeit gegen Augsburg sichtbar am Ende - ist zurück. "Die Mannschaft macht einen guten Eindruck", sagt Labbadia. Es ist die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Reise in den Ruhrpott. Worauf es gegen Dortmund ankommen wird? "Definitiv eine Top-Organisation." Der Respekt ist groß vor dem Gegner, der "mit Einzelkönnern bestückt ist, die etwas Außergewöhnliches haben. Es sind verschiedene Spieler, die Duelle einfach über eine einzige Aktion entscheiden können."

Es ist eine Partie, in dem der erfahrene Trainer weiß, dass es gilt, "sich manchmal auch den Gegebenheiten anzupassen". Der BVB wird das Spiel phasenweise diktieren - für diese Vorhersage braucht es keine prophetische Gabe. Dennoch wollen die Herthaner nicht nur reagieren. "Wenn wir können, wollen wir versuchen, dem Gegner auch immer unser Spiel aufzuzwängen", sagt Labbadia. Fehlen wird dabei erneut der Glanz von Matheus Cunha. Für den brasilianischen Offensivspieler kommt ein Einsatz nach seiner Gehirnerschütterung ebenso zu früh wie für den anderen Kopf-Patienten Marvin Plattenhardt. In den Kader zurückkehren könnten die Verteidiger Niklas Stark und Karim Rekik.

Der Vorteil des Auswärtsteams?

Ein Mutmacher für Hertha ist - neben der eigenen Serie - die Statistik. Ohne Fans werden nur noch 22 Prozent aller Spiele vom Heimteam gewonnen. Mit Fans waren es in der laufenden Saison noch 43 Prozent. 50 Prozente aller Spiele ohne Fans gewinnen die Gäste. Ein gutes Omen? "Das ist schon auffällig. Aus meiner Sicht liegt die Vermutung nah, dass es sicherlich auch an dem fehlenden Support für die Heimmannschaft liegen kann", sagt Hertha-Geschäftsführer Michael Preetz. Und so könnte ja vielleicht - ohne die Wucht der Gelben Wand - Labbadia tatsächlich der erste Sieg als Trainer im Westfalenstadion gelingen.

Sendung: rbb UM6, 04.06.2020, 18:15 Uhr

Beitrag von Johannes Mohren

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